Aus:
Die Zeit, 14.3.1997"Zum Tageslohn im Datennetz
Prophezeiungen über schier unbegrenzte Flexibilität bei der Arbeit und in der
Bildung / Von Dietrich Creutzburg
Für eingefleischte Liberale wird, so scheint es, eine Vision Wirklichkeit: das Ende
der kollektiven Organisationsform. Starre Verwaltungen und schwerfällige
Unternehmenskolosse - vom Wettbewerb aller gegen alle zersetzt; Dienstanweisungen und
dauerhafte Arbeitsverträge - Vergangenheit. Unser Brot verdienen wir künftig durch
Verkauf der Arbeitsleistung gegen Höchstgebot. Im Extremfall tagtäglich an einen anderen
Arbeitgeber. Der Trend steht für Auguren der digitalen Revolution außer Zweifel. Die
neue Kommunikationstechnologie, die Telephon, Fernseher und Computer zu neuen Anwendungen
vereint, soll uns unaufhaltsam dem näher bringen, was selbst Margaret Thatchers radikaler
Wirtschaftspolitik versagt geblieben ist: der schier unbegrenzten Flexibilität auf allen
Märkten.
Nolens volens scheint die Weltgesellschaft hineinzustolpern in die "molekulare
Wirtschaft", wie der amerikanische Technologieforscher Don Tapscott sie nennt. War im
Industriezeitalter die Akkumulation von Sachkapital das Fundament erfolgreichen
Unternehmertums, so kommt es künftig viel mehr auf eine effiziente Nutzung von Wissen an.
Und wo die wissenden Menschen sich gerade aufhalten, wird bedeutungslos. Erwerbstätige in
den verschiedensten Ecken der Welt arbeiten projektbezogen und befristet zusammen. Das
klassische Unternehmen als dauerhaft angelegte Institution mit großem Bürogebäude für
Hunderte von festangestellten Kopfarbeitern wird von der ,,digitalen Revolution"
überrollt. Pure Theorie? ...
Josef Brauner und Roland Bickmann ... beleuchten den bevorstehenden Übergang in die
digitale Welt vor dem Hintergrund der hiesigen Standort- und Zukunftsdebatte. Beide treibt
dabei die Sorge um, dass die Deutschen mit ihren hergebrachten Konsensmustern den Zug in
die vernetzte Zukunft verpassen könnten. Das zeigt gerade ihr Plädoyer für eine neue
Bildungspolitik: Das klassische einheitliche Fachstudium sei durch ein Graduierungssystem
zu ersetzen, in dem Qualifikation "abgekoppelt (ist) von einem bestimmten
Bildungsweg, einem bestimmten Zeit- und Ortsbezug". Denn wenn Vorlesungen und
Seminare sich von jedem Computer der Welt aus verfolgen lassen, sei nicht nur die
Notwendigkeit physischer Anwesenheit aufgehoben. Mit der Möglichkeit, Veranstaltungen an
beliebigen Orten der Welt zu verfolgen, werde auch der Nutzen festgeschriebener
Studienabläufe fragwürdig.
Die Perspektive der Autoren ist das Jahr 2010: ein freier, von privaten Anbietern
dominierter Bildungsmarkt, auf dem der Staat nur noch die Prüfungsinhalte vorschreibt und
Bildungskredite verbürgt, während die Lernenden am Terminal selbst entscheiden, wo sie
ihre Bildung einkaufen - falls nötig mit staatlich verbürgtem Kredit. Die Einsicht
hinter diesem Szenario, dass Lernen für immer mehr Arbeitnehmer zur lebenslangen Aufgabe
wird, entspringt nicht allein der Vision einer digitalen Wirtschaft. Sofern sich der
allfällige Strukturwandel nicht unvermutet verlangsamen sollte, können künftig immer
weniger Menschen über ein ganzes Arbeitsleben hinweg weitgehend unveränderte
Tätigkeiten ausüben - ganz gleich, ob dabei Digitalisierung oder Standortwettbewerb'
Privatisierung oder Subventionsabbau als treibende Kräfte wirken.
Dass Multimedia mit seiner Unmittelbarkeit nahezu alle Lebensbereiche erfassen wird, steht
für die Verfasser beider Bücher außer Frage. Brauner und Bickmann haben ihren Text klar
gegliedert, so dass Leser, die sich nicht für betriebswirtschaftliche Details
interessieren, einzelne Abschnitte überblättern und einen ersten Überblick gewinnen
können."
Aus: ARD/ZDF-Videotext, 03.01.-10.01.1997
"Skeptiker werden gleich im Vorwort eines Besseren belehrt: Es geht weder um das
inzwischen in Mode gekommene "Hochjubeln" des famosen Internets noch darum, die
eingesetzte Entwicklung in ihren Ausmaßen einfach zu negieren.
Auch die Angst vor einen "übertechnisierten" Text ist unbegründet (im Anhang
werden zahlreiche Begriffe gut erklärt). Die Lektüre kann uneingeschränkt empfohlen
werden. Den Autoren ist es gelungen, die Thematik auf sehr anschauliche und interessante,
aber ebenso fundierte Weise aufzubereiten."
Aus: pro Zukunft (Salzburg), 1/1997
"Ein universelles Fenster zum virtuellen Raum, dem Cyber-Kosmos, wird künftig das
alltägliche Leben bestimmen. Der digitale Anschluss ("port") an
Kommunikationsnetze wird in jedem Haus so selbstverständlich sein wie die Heizung. Er
wird über ein In-House-System im ganzen Haus erreichbar sein, und so wie Steckdosen im
ganzen Haus das Betreiben unterschiedlicher Endgeräte - vom Staubsauger bis zum
Rasierapparat - erlauben, so wird in jedem Raum eine Schnittstelle für digitale
Anwendungen zu finden sein. Für die Küche gibt es einen kleinen Einkaufs-Bildschirm, die
Steuerung von Licht und Heizung erfolgt online, im Arbeitsbereich befinden sich
Bildtelefon und Rechneranschluss, im Medienraum die Großbild-Projektionsanlage.
Das alles klingt phantastischer als es ist. Einmal im wörtlichen Sinn, weil im Grunde die
genannten Möglichkeiten in Einzelmodulen verfügbar sind und die Kombination technisch
machbar ist. Für viele mögen diese Aussichten auch im übertragenen Sinne wenig
phantastisch sein, ist der Einstieg in die Nutzung von Kommunikations- und
lnformationstechnologien doch zumindest gewöhnungsbedürftig. Die sozialen Beziehungen
werden massiv verändert, das Leben wird "virtualisiert": Wird auf Dauer die
"reale" Welt von der technologisch konstruierten noch zu unterscheiden sein?
Wird man auf Unterscheidbarkeit gar (gerne) verzichten?
Von diesem Szenario ausgehend, untersuchen die Autoren Zukunftsperspektiven von Arbeit und
Kultur. An die komplexe Aufgabenstellung gehen sie mit einer gehörigen Portion Optimismus
heran, ohne jedoch Gefahr zu laufen, platt oder aufdringlich zu wirken. Die im Epilog
formulierte Zielsetzung, die Leserinnen etwas nachdenklich zu stimmen, wurde beim
Rezensenten jedenfalls erreicht.
Aus: Ruhr Nachrichten (Dortmund), 12. April 1997
"Technologischer Wandel und gesellschaftliche Veränderung
(br) Zur Sichtung der Post genügt ein Blick in die Mailbox, ein Schwätzchen wird vom
Schreibtisch aus im Internet geführt und auch das Im-Stau-Stehen auf dem Weg zur Arbeit
entfällt, da dank neuer technologischer Infrastruktur der Arbeitsplatz in den eigenen
vier Wänden angesiedelt ist. Soweit ist es allerdings noch nicht, doch denkbar ist es
schon - zumindest in naher Zukunft. In "Cyber Society" entwerfen die Autoren
Josef Brauner und Roland Bickmann "Das Realszenario der Informationsgesellschaft: Die
Kommunikationsgesellschaft" - so der Untertitel des Werks
Zunächst liefern die beiden dem Leser eine Bestandsaufnahme der technischen Entwicklung.
Sie zeigen auf, was Netzwerke, Online-Dienste, Internet. Software und digitales Fernsehen
zu bieten haben und wie viele diese Angebote bereits nutzen. Nach der Beschreibung des
Ist-Zustands folgt ein Ausblick auf die Cyber Society. Unter den Themenschwerpunkten
Wirtschaft, Kultur und Bildung entwerfen sie ihr Szenario einer sich verändernden
Gesellschaft.
Die Autoren gehen davon aus, dass die technologischen Veränderungen gravierende
Auswirkungen auf die zwischenmenschliche Kommunikation haben werden und damit auch eine
gesellschaftliche Veränderung nach sich ziehen. Sie untersuchen, welche Konsequenzen sich
daraus für die Welt der Arbeit, die Möglichkeiten der Kultur und die Anforderungen an
das Bildungswesen ergeben. Unter dem Stichwort Wirtschaft werden verschiedene
Telearbeitsformen sowie die Vorteile eines virtuellen Unternehmens, Anbieter schließen
sich für Projekte zusammen, und neue Distributionswege vorgestellt. Sie zeigen auf, wo
Arbeitsplätze verloren gehen, stellen aber auch neue vor, die sich durch die
Kommunikationsgesellschaft ergeben werden.
Das Phänomen der Vereinsamung ist den Autoren nicht fremd, doch meinen sie nicht,
dass es
in der Cyber Society zu größeren Auswüchsen führen müsse. Denn das Argument,
dass man
vor dem Bildschirm allein sitze, treffe ebenso auf die Buch- oder Zeitungslektüre zu.
Sie halten es sogar für möglich, dass sich der Weg der Urbanisierung wieder umkehren
könne. Während die Menschen einst in die Städte zogen, weil es dort Arbeit gab, könnte
in der Kommunikationsgesellschaft wieder eine Flucht auf das Land stattfinden, da der Ort,
von dem aus die Arbeit erledigt werde, gleichgültig sei. Und ob es abseits von den
Metropolen für den Nachwuchs Schulen und Universitäten gebe, sei auch nicht mehr von
Bedeutung für die Standortwahl, denn in Zukunft könne "virtuell" gelernt
werden. Nach Brauner und Bickmann sollte sich der Pädagoge vom Wissensvermittler zum
Lern-Moderator wandeln; auch für das gesamte Bildungssystem entwickeln sie Vorschläge.
Ein Glossar, das die neuen technologischen Begriffe erläutert, rundet das Werk ab."
Aus: Süddeutsche Zeitung, 05.05.1997
"Auf in die Cyber-Society
Zwei Info-Piloten befürchten, wir könnten den Zug verpassen
Im Kino-Thriller ,,Das Netz" spielt Sandra Bullock einen Computer-Freak. Ihr
ganzer Alltag, Kontobewegungen, Flugbuchungen bis hin zum Pizza-Call, wird beobachtet. Der
Film wirkte wie ein Orwellsches ,,Big Brother is watching you"-Szenario. Aber heute
schon sind die "Bewegungsspuren in digitalen Räumen" ohne weiteres
nachvollziehbar, so Brauner und Bickmann. Daher raten sie dem Gesetzgeber, rechtzeitig
nach Möglichkeiten zu suchen, um den Menschen nicht gänzlich transparent werden zu
lassen. Welcher Datenschützer wird internationale Konzerne überwachen und wer wird
Sicherheitsstandards gegen Datenhacker setzen? Was passiert, wenn ein Unternehmen verkauft
wird oder gar "unter den Einfluss eines terroristischen Regimes gerät"? Das ist
schwer vorstellbar. Dennoch: "Es muss die Frage gestellt werden, ob das Strafrecht,
auch unter dem Blickwinkel der Prävention, heute für das herannahende
Kommunikationszeitalter adäquat gewappnet ist."
Die Autoren fordern auch Stadtplaner auf, umzudenken. Banken würden aus den Innenstädten
verschwinden; virtuelle Klassenzimmer könnten Schulen, Universitäten und Bibliotheken
durch den Heimcomputer ersetzen; Industriegebiete verwaisen "denn der Sitz eines
Unternehmens, das sich virtuell organisiert hat, muss nicht im klassischen Sinne ein
Bürogebäude sein". Brauner und Bickmann rechnen mit Stadtflucht: "Grundlage
der Urbanisierung war die Trennung der Wohnung von der Arbeitsstätte. Wenn der Weg zur
Kommunikationsgesellschaft diese Trennung wieder umkehren sollte, dann besteht die
Möglichkeit, dass der Urbanisierung eine Deurbanisierung folgt."
Für die Autoren sind das keine düsteren Visionen. Die "kreative Zerstörung
traditioneller (Groß-)Strukturen" werten sie positiv. Und sie warnen: "Kippt
die öffentliche Diskussion vor dem Hintergrund der hohen Arbeitslosigkeit in einer Weise,
dass der Weg in die Kommunikationsgesellschaft hierbei behindert oder gar verhindert wird,
denn dann entstehen irreparable Schäden bei der Entwicklung dieses Landes in die
Zukunft." Ähnlich wie Gen-Techniker oder Atom-Wissenschaftler befürchten Brauner und
Bickmann für ihre Zunft, dass Deutschland den fahrenden Zug verpassen könnte. Sie
argumentieren deshalb, der Umbau des Arbeitsmarktes sei "revolutionär" und
böte durch die Vernetzung aller Haushalte neue Arbeitschancen. "Telearbeit" ist
für Brauner und Bickel das Zauberwort in der nahenden "Cyber-Society", der
Informationsgesellschaft. Weniger Arbeitslose versprechen sie allerdings auch nicht."