Rezensionen: Die multimediale Gesellschaft Willkommen bei Bickmann & Collegen!

Bickmann / Brauner: Die multimediale Gesellschaft Aus: Blick durch die Wirtschaft, 31.05.1994, S.7

"Hoffnung auf die multimediale Gesellschaft?

Tüten kleben, Papier sortieren, einfache Schreibarbeiten erledigen. Beim Stichwort Heimarbeit werden Assoziationen wach, die allenfalls mit dem Verrichten simpler Tätigkeiten zu tun haben. Ganz anders ist es Hans D. ergangen. Er verbringt 60 Prozent seiner Arbeitszeit an der "Medienstation" im häuslichen Arbeitszimmer. Freie Zeiteinteilung, problemlose Versorgung der beiden Kinder, Koordination der Arbeitszeiten mit denen seiner Frau. Hans D. ist zufrieden - so wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen, die in Marketing, Werbung, Design, für Beratungsunternehmen, Systementwickler und Wartungsbetriebe arbeiten.

Die Figur des Hans D. ist frei erfunden. Im Jahr 2000 aber könnte er einer von 12 Millionen Menschen in Amerika und Europa sein, die flexibel arbeiten werden, außerhalb der Räumlichkeiten eines Unternehmens. Die qualifizierte Arbeit in den eigenen vier Wänden ist nur eines von vielen Szenarien, die Josef Brauner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Sony Deutschland GmbH, und Unternehmensberater Roland Bickmann in ihrem Buch "Die multimediale Gesellschaft" entwickeln. Die strikte Trennung von Freizeit und Arbeitszeit, Wohnung und Arbeitsplatz ist aufgehoben. Die Menschen können nach ihren persönlichen Bedürfnissen tagsüber oder nachts arbeiten, auch am Wochenende. Der Mensch erhielte somit seine "natürliche" oder "ursprüngliche" Lebens- und Arbeitsform zurück. Macht über die (eigene) Zeit als neues Symbol des Erfolges.

Die Autoren sind weit davon entfernt, das Zusammenwachsen von persönlichem Computer, Fernsehen, Video, Bildtelefon und Fax zu idealisieren. Für unvertretbar halten sie die Vorstellung, dass sich das menschliche Miteinander auf das Miteinander von Medienstationen reduzieren würde. Aber sie sind auch fasziniert: von der Vorstellung, weltweit via Bildschirm mit Geschäftspartnern, Freunden oder wildfremden Menschen kommunizieren zu können. Von der Vorstellung, Lernprogramme aller Art und für jeden Zweck unabhängig von Zeit und Raum zur Verfügung zu stellen. Von der Idee, dass die Bürgerinnen und Buerger ihre Meinungen, Wünsche und Beschwerden unmittelbar, per Knopfdruck, gegenüber den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft zur Kenntnis geben: politische Partizipation on line. Und sie schildern voller Vorfreude, wie sich Architekten, Landschafts- und Verkehrsplaner in virtuellen Welten bewegen, um dort auf Basis sinnlicher Erfahrungen ihre Planungen für die Realität vorzubereiten.

Wer sich mit den möglichen Auswirkungen der multimedialen Zukunft bereits beschäftigt hat, findet in dem leicht konsumierbaren Buch allenfalls Auffrischungen des ohnehin vorhandenen Wissens. Auch das Kapitel "Branchen der Vergangenheit - Branchen der Zukunft" reicht kaum über das hinaus, was aus einschlägigen Branchenanalysen bekannt ist. Die Stärke des Buches liegt in dem Bemühen, ein Menschenbild ernst nehmen zu wollen, das von der Autonomie der Person und vom Ideal der Selbstbestimmung ausgeht. Auf dieser Basis diskutieren die Autoren die Überwindung von Raum- und Zeitgrenzen. Ihre Skizze einer neuen Medienlandschaft verweist auf intelligente Anwendung und Umsetzung der Technik, zum Beispiel in der Medizin.

Brauner und Bickmann proklamieren den Mut zur Utopie, lehnen kulturpessimistisch geprägtes Abwehrdenken ab. Sie sind auf der Suche nach neuen Regeln für das Zusammenleben. Nicht dem, was technisch machbar ist, gilt ihre Zustimmung, sondern dem, was gesellschaftlich wünschenswert ist - wer auch immer darüber befinden mag. Die multimediale Zukunft beschert uns ihrer Meinung nach zwar viele Probleme, zum Beispiel muss das gesamte Rechtssystem den neuen Bedingungen angepasst werden. Arbeitsrecht, Vertragsrecht, Urheber- und Lizenzrecht von heute sind morgen nicht mehr relevant.

Die Autoren verkennen nicht die Gefahr einer Zweiteilung der Gesellschaft: die Aufteilung in einen Teil, der die Informationen konsumiert und nutzen kann, die neuen Chancen und Möglichkeiten einsetzt. Und in einen anderen Teil, der sich verweigert - oder nicht mithalten kann - und von daher auf einer geringeren Informationsbasis agiert. Nicht ausreichend diskutiert ist die Frage, wer in einer künftigen multimedialen Gesellschaft die Macht hat. Und damit auch die Verantwortung für die Forschung übernimmt.

Doch die Chancen für eine spannende und menschenwürdige Zukunft scheinen aus Sicht der Autoren zu überwiegen. Die Aufforderung an die Leserinnen und Leser ist eindeutig: "Aktiv mitgestalten, heißt die Devise." Denn: "Forschung und Entwicklung werden weitergehen - egal, ob einige sich dagegenstemmen und protestieren. Die Entwicklung kann nicht aufgehalten werden, und das ist gut so. Der Mensch ist eine Forschernatur." ssd.

Aus: Organisationsentwicklung, 2/94

"Wissen ist "omnipräsent" und der Eindruck von "Gegenwart von allem ist überall". Das Schlagwort "Als die Bilder laufen lernten" ist in seine semantische Bedeutung umgesetzt. Die "Branchen und Begriffe der Zukunft" - Filmproduzenten, Lizenzagenturen, Lieferservices, Netzbetreiber, Software- und Spieleproduzenten, Netzwerk, Subsidiarität, Kooperation und Kommunikation dominieren in Wirtschaft und Öffentlichkeit. Vor diesem Szenario der multimedialen Gesellschaft diskutieren die Autoren die "Megatrends Arbeitsplatz" (Naisbitt, Aburdene) neu, und beschreiben mögliche Folgen für Organisationen und Unternehmen. Die Absage vom Herrschaftswissen, Kooperation statt Konzentration, Tele-Arbeit, -Kommunikation, -Consulting, etc. lösen feste Strukturen in global verteilte und zeitlich begrenzte Strukturen auf. Die Autoren zollen der Komplexität des Themas Tribut und stellen sich dem Vorwurf, viele Bereiche nur angerissen zu haben. Dennoch zeichnet das Buch ein plausibles (naturgemäß streitbares) Bild der multimedialen Zukunft.(HP)"

Aus: Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik, 11/94

"Die Autoren entwickeln eine Vision davon, wie sich die integrierten Anwendungen von Audio/Video, Computertechnik und Telekommunikation auf unsere berufliche und private Zukunft auswirken werden. Mit Hilfe der Medienstation, die PC, Fernsehen, Video, Bildtelefon und Fax miteinander kombiniert, kann man Dienstleistungen aller Art von zu Hause aus buchen und jederzeit weltweit via Bildschirm mit Freunden, Geschäftspartnern oder auch wildfremden Menschen mit ähnlichen Freizeitinteressen kommunizieren. Lernprogramme zu Wissensgebieten aller Art werden unabhängig von Zeit und Raum zur Verfügung stehen. Bürger werden Meinungen, Wünsche, Beschwerden sofort und unmittelbar - per Knopfdruck - gegenüber den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft äußern. Architekten, Landschafts- und Verkehrsplaner und Städtebauer werden sich in virtuellen Welten bewegen und die Atmosphäre, die Einbindung in den Stadtraum und die optischen und akustischen Merkmale von bisher nur in ihrer Phantasie existierenden Bauwerken sinnlich erfahren können. Das Buch informiert und sensibilisiert, sowohl für die Chancen der multimedialen Zukunft als auch für die damit verbundenen Risiken."

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