Kommunikation, Ethik und Corporate IdentityEthik ist als praktische Philosophie die kritische
Betrachtung menschlichen Handelns. Dabei fragt sie aus normativer
Perspektive, was geboten und wünschenswert ist. Aus dieser Frage
entwickelt und begründet sie Prinzipien und Werte, die menschliches
Handeln leiten sollen. Da Kommunikation einen Spezialfall menschlichen
Handelns darstellt und die Ökonomie ein Handlungsbereich des Menschen
ist, kann auch der Wirtschaftskommunikation die Berücksichtigung
ethischer Gesichtspunkte nicht gleichgültig sein. Das klingt zunächst
weit entfernt von ökonomischer Praxis und noch weiter von dem Interesse
der Verantwortlichen in der Wirtschaft. Ein Blick auf die aktuelle ökonomische Situation zeigt
jedoch anderes: Umwelt- und Finanzskandale, Wirtschaftskriminalität und
Bestechung sind Beispiele für Handlungsweisen, die einer ethischen
Betrachtung gegenüber nicht wertneutral sind und auf die Unternehmen –
über finanzielle Schäden sowie den Vertrauensverlust der Stakeholder –
zurückwirken. Stakeholder existieren nicht nur als abstrakte
Interessengruppen wie „die NGOs“, „die Aktionäre“, „die
Medien“ oder „die öffentliche Meinung“. Diese Kollektive bestehen
aus Personen, die als solche nicht nur Gegenstand, sondern selbst Subjekt
ethischer Reflektion sind. So stehen hinter einer empörten „öffentlichen
Meinung“ oder einer „schwierigen Marktlage“ ganz konkrete Menschen
als „wertbezogene“ Wesen mit ihren eigenen Werthaltungen und als Träger
von Kommunikation. Sofern Unternehmen aus Menschen bestehen, sind sie offene
soziale Systeme. Menschen sind moralische Subjekte, die ihre privaten
Werte in soziale Systeme wie „Gesellschaft“ und „Unternehmen“
hineintragen. Diese wiederum gewinnen ihre gemeinsame Ausrichtung durch
die Orientierung an geteilten Werten. So erweisen sie sich nicht nur als
Zweckverbände, sondern als Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, die eine
eigene kulturelle Identität entwickeln. Die Anerkennung des Menschen als moralisches Subjekt und Teil
von sozialen Systemen ist nicht nur notwendiger Akt der individuellen
Identitätsfindung und –entwicklung, sondern auch ein notwendiger
Schritt für die bewusste Herausbildung einer CI. Wie lässt sich eine
Corporate Identity in der Praxis gestalten? CI „geschieht“ nicht. Zwar hat jedes Unternehmen aufgrund
seiner Entwicklungsgeschichte irgendeine Identität, CI jedoch bedarf
eines bewussten Aktes – nicht zuletzt konkreter ökonomischer
Organisation. CI meint die Konsistenz zwischen der Corporate Culture und
der Art und Weise, wie sich das Unternehmen nach innen und außen verhält.
Die Unternehmenskultur besteht aus der Gesamtheit von Normen,
Wertvorstellungen, Denkhaltungen, Riten, Symbolen und Umgangsformen,
welche die Verhaltensweisen der Mitarbeiter und somit das Erscheinungsbild
einer Unternehmung prägen. Um dieses komplexe Gefüge zu strukturieren,
zu gestalten und ins Bewusstsein der Mitarbeiter zu heben, bedarf es eines
entsprechenden Managements, eines CI Managements, das die oben genannte
Konsistenz herzustellen vermag. Gemeinsamkeit setzt Kommunikation voraus. Daher kann CI nicht
von oben verordnet werden, sondern ist nur in einem umfassenden
Kommunikationsprozess zwischen den Menschen als moralischen Subjekten im
Unternehmen zu gewinnen. Dabei ist dieser Kommunikationsprozess selbst
schon von der vorhandenen Kultur des Unternehmens geprägt. Corporate
Communications und CI stehen daher in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis. Corporate Communications ist als strategisches
Unternehmenshandeln zu verstehen, das Kommunikationsziele, Dialoggruppen,
Kommunikationsinhalte, Mitteleinsatz und Umsetzung als wesentliche
Elemente erfordert. Innerhalb eines Unternehmens existiert eine Vielzahl
unterschiedlicher Kommunikationskulturen. So bildet sich in
unterschiedlichen Abteilungen häufig eine eigene Sprache mit
unterschiedlichem Vokabular und unterschiedlichen Schlüsselbegriffen
heraus. Dadurch entstehen auch Sprachbarrieren. Jeder, der schon einmal an
einer Besprechung teilgenommen hat, in der sich Juristen, Controller,
Ingenieure und Marketing-Leute über dasselbe Thema unterhalten wollten,
wird wissen, was gemeint ist. Probleme durch unterschiedliche
Kommunikationskulturen treten zum Beispiel auch im Dialog zwischen
unterschiedlichen Hierarchieebenen im Unternehmen auf. Der Prozess der Corporate Communications zur Bildung einer CI
wird diese Gruppierungen nicht auflösen – doch darum geht es nicht. Sie
muss sich sogar davor hüten, die Mitarbeiter in verordnete
Kommunikationsstrukturen pressen zu wollen, weil das die
Kommunikationsgrenzen nur intensivieren würde. Daher macht Corporate
Communications nur Sinn, wenn sie den Einzelnen als moralisches und
urteilsfähiges Subjekt ernst nimmt. Gelingt es, das einem Mitarbeiter zu
vermitteln, wird er nicht in vorgegebene Kommunikationsstrukturen genötigt.
Gleichzeitig sinkt dadurch die empfundene Notwendigkeit, sich durch eine
eigene Subsprache in „seiner“ Abteilung von anderen abzugrenzen. Die
Corporate Communications sollte so angelegt sein, dass sie den Einzelnen
ernst nimmt und als Gefragten in den CI-Prozess einbindet. Ziel der Corporate Communications ist dabei, alle
Kommunikationsprozesse eines Unternehmens zu koordinieren und die Inhalte
aufeinander abzustimmen, um aus den vielen vorhandenen
Kommunikationskulturen eine einzige, authentische zu schaffen, die den
Mitarbeitern gerecht wird und zu einer einheitlichen Kommunikation nach außen
führt. Die konkreten Inhalte der Corporate Communications richten
sich nach der Vision, dem Leitbild und den Corporate Values aus, die
wiederum von den Mitarbeitern mitentwickelt wurden. Erst so können die
Ressourcen und Verhaltensweisen innerhalb eines Unternehmens auf zukünftige
Entwicklungen hin gebündelt werden. Ethisch begründete Corporate
Communications mit den Menschen im Mittelpunkt ist insofern als
grundlegende Verhaltensform eines Unternehmens integraler Bestandteil der
Corporate Identity. URL dieser Seite: |
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