Die wirkliche Herausforderung der New Economy:Corporate EthicsDer Übergang von der nationalen Industrie- zur globalen Informations- und Dienstleitungsgesellschaft hat dramatische Folgen. Das ehemals Selbstverständliche ist nicht mehr selbstverständlich. Allgemein verbindliche moralische Verhaltens- und Wertestandards können weder auf nationaler Ebene und erst recht nicht in internationalen Kontexten vorausgesetzt werden. Wie begegnen Unternehmen den neuen Herausforderungen? Makrotrends wie Parallelisierung und
Virtualisierung führen zu einer «New Economy», deren Auswirkungen für
die marktwirtschaftliche Ordnung noch nicht vollständig erkennbar sind:
Abbau von Hierarchien, die Krise von Institutionen schlechthin, Arbeiten
in multinational zusammengesetzten Teams, entterritorialisierte, temporäre
Arbeitsgemeinschaften in vernetzten Strukturen, wachsende Bedeutung
informeller Beziehungen und Kommunikation, Mobilität, Flexibilität und
Geschwindigkeit als den entscheidenden Wettbewerbsfaktoren etc. «Soft»
wird «Hard» In und um Unternehmen lösen sich traditionelle
Organisationsformen auf. Mit ihnen verschwinden zugleich auch
institutionell geregelte Interaktions- und Verhaltensweisen. Dadurch
erhalten die sogenannten «Soft Factors» (Klima, Kultur, Umgangs- und Führungsstil)
einen neuen Stellenwert. Allerdings sollte es dabei nicht um eine
isolierte Neubewertung gehen. Traditionell sind Soft und Hard Factors in den
Unternehmen differenziert organisiert. Heute dagegen ermöglicht nur ihre
integrative Sicht eine angemessene Einschätzung und damit eine
Entscheidung über Unternehmensanliegen. Nicht nur die «soft skills»
werden bei allen Mitgliedern der Organisation immer wichtiger, sondern
eine ethisch reflektierte, werteorientierte Unternehmensführung und –politik
insgesamt. Warum? Kooperation
setzt Vertrauen voraus Die neuen Organisationsformen sind an entsprechend
neue Rahmenbedingungen gebunden: Führung und Zusammenarbeit in offenen,
hierarchiearmen, global vernetzten Strukturen setzen auf seiten der
Organisationsmitglieder eine grundsätzliche Fähigkeit zu Kooperation
und offener Kommunikation voraus, auf seiten der Organisation selbst die Fähigkeit,
Integration, Orientierung und Sinnerleben zu stiften. Die Schlüsselqualifikation
der «New Economy» heißt Kooperation und alles, was dafür die Basis
schafft. An erster Stelle gehört dazu die Entwicklung einer Vertrauenskultur.
Vertrauen bringt ökonomisch gesehen eine Reihe von
Vorteilen: Senkung von Transaktionskosten durch Abbau von
Reibungsverlusten in der Zusammenarbeit, höhere Motivation, Steigerung
der Bereitschaft zu Offenheit und Transparenz
usw. – frei nach Stalin: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist
billiger. Im Zeitalter der «New Economy» wird Vertrauen jedoch darüber
hinaus zur unverzichtbaren Bedingung ökonomischer Prozesse überhaupt. Neuer
Konsens: «Corporate Ethics» Oberste Voraussetzung für Vertrauen ist eine Verlässlichkeit
der gegenseitigen Handlungs- und Verhaltenserwartungen von Akteuren. Auf
gesellschaftlicher Ebene sorgen für diese Stabilität und Verlässlichkeit
traditionellerweise Institutionen wie Recht, Gesetze und die politische
Rahmenordnung. Die Basis dieser Institutionen bildet jedoch wiederum ein
moralischer Konsens zwischen allen Gesellschaftsmitgliedern: gemeinsame
Werte und ethische Normen, denen sich alle gleichermaßen verpflichtet fühlen. Gerade dieser moralische Konsens kann heute immer
weniger vorausgesetzt werden. Die Unternehmen können dieses Dilemma nur lösen,
indem sie es thematisieren, reflektieren und für die erforderliche
Stabilität, Verlässlichkeit und Orientierung und damit für den Aufbau
von Vertrauen in der spezifischen Sub-Kultur ihrer Organisation sorgen. Unter «Corporate Ethics» versteht man Initiativen
von Unternehmen, die dieser Herausforderung vorausschauend begegnen. Dazu
gehören Maßnahmen die ethische Wertorientierungen und
Verhaltensstandards durch entsprechende Selbstverpflichtungen
(Unternehmensleitbild, Aufstellung eines Ethik-Kodex und
bereichsspezifischer Leitlinien) für alle Unternehmensmitglieder, aber
auch für alle externen Vertrags- und Netzwerkpartner verbindlich machen,
implementieren und zum Bestandteil ihrer Corporate Identity werden lassen. Bedarf
an Ethik im Unternehmen Ethisch relevante Fragen entstehen überall da, wo
Menschen handeln und interagieren und wo andere Menschen (oder soziale
Systeme) von diesem Verhalten mittelbar oder unmittelbar betroffen sind. Gelebte Ethik im Unternehmen beginnt daher beim
alltäglichen zwischenmenschlichen Umgang miteinander, bei der Einhaltung
elementarer Höflichkeitsregeln oder der Fähigkeit, Fehlverhalten anderen
gegenüber einzugestehen und sich dafür zu entschuldigen. Sie setzt
sich fort in der Sensibilität für moralisch relevante Situationen, vor
allem aber in der Zivilcourage, gegen identifizierte Missstände wie
Mobbing oder sexuelle Belästigung konsequent vorzugehen. Unternehmensethische Fragen kommen darüber hinaus
bei der Umsetzung zentraler moralischer Prinzipien und Werte wie
Gerechtigkeit, Respekt vor der Freiheit und Würde anderer oder sozialer
und ökologischer Verantwortung in den verschiedenen Managementbereichen
und Branchen zum Tragen. So zum Beispiel im ·
Personalmanagement ·
Wissensmanagement ·
Bereich
F&E ·
PR-Bereich Internationaler
Kontext Darüber hinaus sind vor allem transnational tätige
Unternehmen (etwa bei der Einbindung eigener Tochtergesellschaften im
Ausland) in wachsendem Masse mit explizit moralischen Fragen konfrontiert,
die sich in multikulturellen Kontexten begünstigt durch abweichende
Rechtslagen (Arbeitsrecht) oder fehlende Umwelt- und Sozialstandards
ergeben (Kinderarbeit, die kulturell unterschiedlich verankerte
Frauenrolle, der Umgang mit Bestechung). Ein Bedarf an moralischer Integrität ergibt sich
heute außerdem vor dem Hintergrund einer stetig wachsenden
Wirtschaftskriminalitätsrate auch auf nationaler Ebene. Durch Initiativen
der EU zur Corporate Social Responsibility oder Regelungen Im
Wettbewerbsrecht («Schwarze Liste» für Vergabe von öffentlichen Aufträgen),
wird die Notwendigkeit für Unternehmen, sich um geeignete Präventionsmaßnahmen
zu bemühen, sicherlich größer. In den USA hat sich dieser Trend schon Anfang der
neunziger Jahre etabliert, nachdem Präventivmaßnahmen in Form von
Ethik-Programmen bei Organisationsverschulden als strafmildernd anerkannt
wurden. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass ein solcher
Implementierungsprozess nur langfristig Wirkung zeigt. Unternehmen, die
sich heute aktiv um «Corporate Ethics»-Maßnahmen bemühen, sichern sich
somit wertvolle Wettbewerbsvorteile. Modernes
Managementverständnis Notwendigkeit und Nutzen unternehmensethischer
Initiativen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: 1.
Als adäquate Antwort auf moralisch zunehmend sensibel reagierende
Konsumenten und eine kritische Öffentlichkeit, die Unternehmen unter
massiven Druck setzen können. 2.
Um durch eine Vertrauenskultur die Basis für eine funktionierende
«New Economy» zu schaffen: ·
durch ein firmenspezifisches
Commitment zu moralischen Werte- und Verhaltensstandards, die für alle
Organisationsmitglieder und Vertragspartner verbindlich gemacht werden; ·
durch eine konsequente
Umsetzung dieser Werte und Prinzipien im alltäglichen Handeln, im
Umgangs- und Führungsstil. 3.
Um der wachsenden Bedeutung des Menschen als «ganzer Persönlichkeit»
zur Sicherung der unternehmerischen Wettbewerbsfähigkeit und des
Unternehmenserfolgs Rechnung zu tragen. 4.
Zur Kompensation einer im Weltmaßstab erodierenden
Wirtschaftsordnung durch freiwillige Selbstverpflichtung und die
Durchsetzung von Mindeststandards; 5.
Als Prävention von Wirtschaftskriminalität und
Organisationsverschulden durch eine Stärkung der moralischen Integrität
und Gesetzestreue auf individueller wie institutioneller Ebene. Umsetzung
- der entscheidende Schritt Die Allgemeinverbindlichkeit von ethischen
Wertestandards in Unternehmen lässt sich nicht allein durch die
Aufstellung von Ethik-Leitlinien erreichen. Gleichwohl bilden diese Maßnahmen
einen ersten unverzichtbaren Schritt in Richtung einer moralisch sensiblen
und integeren Unternehmensorganisation. Ein Beitrag zur Stärkung der Unternehmensintegrität
wird damit jedoch nur dann geleistet, wenn das Handeln aller
Organisationsmitglieder auch tatsächlich daran gemessen wird, zum
Beispiel indem ethische Aspekte Eingang in die Leistungsbewertung und in
Recruiting-Programme finden und in firmeneigene Personalentwicklungsprogramme
integriert werden. Die Haltung der Geschäftsleitung im Falle etwaiger
Verstöße muss klar und unmissverständlich kommuniziert werden, vor
allem aber müssen Führungskräfte und Top-Management die darin
formulierten Selbstverpflichtungen täglich vorleben. Um dies zu
erreichen, braucht eine Organisation konkrete Handlungsrichtlinien und Maßnahmenkataloge
für die verschiedenen Managementbereiche des Unternehmens. In der EFQM-Terminologie setzt ein Ethik-Management
also bei den Enablern an. Es geht um ein klares Commitment der Führung
und die Berücksichtigung von ethischen Gesichtspunkten bei der
Formulierung von Geschäftspolitik und –strategie, in der Mitarbeiterführung
sowie bei der Gestaltung von Partnerschaften. Dies gilt es, in Prozessen
abzubilden und klare Maßstäbe zur Bewertung der ethischen Performance
einer Organisation zu entwickeln. Die Umsetzungs-«Tools», die dafür zur Verfügung
stehen, unterscheiden sich der Form nach nicht wesentlich von bekannten
Instrumenten der Organisations- und Personalentwicklung oder auch des
Qualitätsmanagements wie zum Beispiel Workshops, Assessment-Programme,
Mitarbeiterbefragungen, usw.. Auch für den Bereich des Controlling gibt
es unterschiedliche Möglichkeiten, wie Ombudsmänner, anonyme
Meldesysteme (Hotlines) oder firmeneigene Ethik-Komitees. Das Besondere an
der Entwicklung und Einführung unternehmensspezifischer Ethik-Programme
ergibt sich aus ihrem inhaltlichen Focus und dessen Verbindung mit der
jeweiligen Kultur, Branche und Corporate Identity eines Unternehmens. URL dieser Seite: |
|||||||||||