Knowledge Base Unternehmensberatung Bickmann & Collegen
Dokument-Info:
Autor: Roland Bickmann
Quelle: GDI-Impuls, Nr. 03/03, S. 64
Themenverwandtes:
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Brecht die Macht der Zahlendreher
CI und Unternehmensethik
Persona Oeconomica
Emotionale und soziale Intelligenz
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Die Elite ist (bleibt) das Problem...

Wer kennt sie nicht, die Inszenierungen der etablierten Elite: der Fahrzeugkonvoi, der herrschaftliche Auftritt, das Halten einer «Entourage», die Inszenierung der eigenen Person. Sie sind stets bestens frisiert, bis ins Detail durchgestylt, gemaßschneidert angezogen, immer wohl-feil und politisch korrekt. Sie verdienen ein Heidengeld und tragen kein persönliches Risiko. Sie wirken im Dialog immer irgendwie abwesend, erscheinen zwischenmenschlich unadressierbar. Sehen so die Protagonisten des Wandels aus? Ist das die Atmosphäre von Menschen, die andere mitreissen und für einen neuen Weg gewinnen?

Der Habitus der Elite erinnert an Pfaue, allenfalls an Komiker im falschen Stück, immer aber an Menschen, die aus der sozialen Differenz ihre eigene Position ableiten. Diese Menschen verlangen Demutsgesten, den Kotau, und scharen Vasallen unter sich, die allenfalls Sänftenträger sind, keine kritischen Weggefährten. Selektiv-hierarchische Wahrnehmung ist ihre Methode, sie reagieren auf «Hard Facts» oder auf «schlechte Öffentlichkeit».

Auf diese Weise sind keine Reformen voranzubringen, denn diese Verlangen Unbequemlichkeit, das Ringen um die Sache, Kompetenz und Persönlichkeiten, die in einer angstfreien Atmosphäre versuchen, aus den Möglichkeiten den begründbaren richtigen Weg zu finden. Das Ringen um Alternativen ist kein Beauty Contest, sondern das Wahrnehmen von Verantwortung, so man als Person verantwortbar ist. Die etablierte Elite erinnert oft an den traditionellen Bänker, der mit jovialem Gesichtsausdruck die Kündigung der Kreditlinie mitteilt, oder den Chefarzt, der den Patienten lediglich als medizinische Fragestellung begreift. Wie kam diese Elite nach oben, wie konnte sie sich halten?

Morbide Einigelung

In einer Zeit der rationalen, ökonomistisch getriebenen Wirklichkeitsüberprüfung an allen Stellen, wendet sich der Blick nach innen. Es ist die Zeit der Systembestätigung, der Einigelung, nicht der Infragestellung; und wenn, dann allenfalls von außen. Aber wie sieht der Kritiker einer Burg aus, wenn er vor ihren Toren steht? Jene, die «dabei» sind,  versuchen die Realität auszublenden, indem sie die eigene Organisationsweise pointiert ausprägen. Vor ihrem Niedergang entfalten solche Organismen eine morbide Blüte. Es sind die Parasiten, die Edelparasiten, die nach oben kommen, tauglich allenfalls als Schmuck, nie aber als Gestalter.

Die Zukunft wird weniger hierarchisch sein, daher halten sich die Hierarchen an ihren Stühlen fest, weil sie angstvoll spüren, dass sie anders nicht können. Die Zukunft wird menschlicher sein, darum halten all jene Distanz, die zu einer Unmittelbarkeit zwischen Menschen auf Grundlage einer selbstkritisch entwickelten persönlichen Identität nicht fähig sind. Die Zukunft wird unsicherer sein, darum vermitteln Hierarchen jene zwielichtige Sicherheit, weil sie selbst wissen, dass sie allenfalls mit einem «golden handshake» in die Unsicherheit entlassen werden. Sie erzeugen potemkinsche Dörfer, in denen aber niemand überlebt.

Die Werte der Zukunft sind soziale Kompetenz, auch wieder klassische Demut, auf jeden Fall die Zurückhaltung, wenn es um die eigene Person geht. Perlen sind noch immer gefunden worden. Es geht weiter um Zuhörenkönnen, um Neugier, experimentelle Vorsicht, die Lust auf das «Andere» und damit um einen Führungsanspruch, der auf Akzeptanz beruht. Es geht also um Authentizität von Führung – das wären Beschreibungen der «Skills of the Future».

Die Meisten fallen durch

Nimmt man diese nur scheinbar neuen inhaltlich-persönlichen Messlatten, fügt noch Sach- und Fachkompetenz hinzu, dann fallen eine Menge heutiger Führer durch das Raster. Es wird Zeit, dass Aufsichtsräte, Headhunter und andere Verantwortliche sich die Frage vorlegen, wie lange sie mit ihrer Persönlichkeitsauswahl traditioneller Provenienz verhindern, dass sich marktfähige Kulturen und Unternehmen entwickeln, die das leisten, wozu Unternehmen da sind: Innovationen erspüren und gestalten, Wachstum anstreben, unternehmerisches Risiko übernehmen und mutig über den Tellerrand schauen.

Jene Bilanzakrobaten, die keine Fehler machen, unantastbar sind und allenfalls als Narzissten gebrandmarkt werden, machen die Unternehmen und Organisationen zu Bütteln ihrer problematischen Persönlichkeit. Sie erzeugen scheinrationale Kulturen, in denen Angst und Schrecken herrscht. Führung muss ein «Frontrunner» sein, wenn es um die Fähigkeiten der Zukunft geht – und authentisch Beispiel geben. Wer Zukunft gestaltet, ist nie im Besitz von Wahrheit; was er zu bieten hat, ist die Zuversicht, gesetzte Ziele zu erreichen.

Glaubwürdigkeit für notwendige Veränderungen schafft man nicht durch archaische Persönlichkeitsmuster. Diese müssen aussortiert werden, sie sind nichts anderes als ein soziales Bilanzrisiko, denn die Kulturen, in denen sie wirken, werden weder strategie- noch zukunftsfähig. Sie werden vielmehr zu Torsos ohne Selbstwert und Kraft. Als Treiber für Visionäres sind Persönlichkeiten gesucht, die im Mut zum Wandel authentisch sind und sich in ihrer Symbolik von der Besitzstandwahrung verabschieden.

Dieses Vorgehen erscheint paradox, wenn man nach dem Heilmittel zur Gesundung der Volkswirtschaft fragt. Die Verordnung lautet: Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum. Kann die Wirtschaft diese Forderung angesichts von Innovationsmüdigkeit und der Scheu vor dem Risiko überhaupt erfüllen? Die Controlling getriebene interne Atmosphäre in den Unternehmen setzt das Signal auf "Erhalten und Sichern" und eben nicht auf "Wachsen und Riskieren". Unternehmerische Aktivitäten, risikogeneigtes Handeln oder Innovationsorientierung? Fehlanzeige! Die Investitionen der Unternehmen in Forschung und Entwicklung gehen laut Ifo-Institut sogar zurück. Gesichtspunkte der Kostensenkung sind in Strategiediskussionen zu Totschlagsargumenten geworden.

Das Hauptproblem der Controlling-Ära ist die Veränderung der Mentalität der Investoren und jener, die Entscheidungen auf den Brücken der Unternehmensschiffe zu fällen haben. Sichere Investments sind gefragt, keine zukunftsträchtigen, aber risikobehafteten Kurswechsel. Sicherheitsstrategien in turbulenter See - das ist ein Widerspruch. Verliert das Schiff an Fahrt, wirkt der Wellenschlag umso gefährlicher!

Investments mit geringem Risiko sind in ihrem Charakter eher Variationen des Vorhandenen als wirkliche Innovationen. Das "neue" Kinderhandy mit nur sechs programmierbaren Nummern weist in eine solche Richtung. Ein mutiges Mobilitätskonzept, wie es der "Smart" einmal war, ist zu einem "normalen Auto" zurechtgestutzt beziehungsweise verlängert worden. Man richtet sich nach eher konservativen Markterfordernissen. Wagnisse sehen anders aus!

Nur: Es sind eben nicht die bloßen Variationen des bereits Bekannten, sondern die wirklichen Innovationen, die eine andere Stimmung hervorrufen können. Nicht jede Innovation lässt sich schnell Gewinn bringend umsetzen, manche brauchen eine schier unerträgliche Anlaufzeit. Zurzeit aber entsteht der Eindruck, als werden Ideen erst gar nicht zugelassen oder im Keim erstickt. Hauptsache, im Unternehmen ist alles unter Kontrolle - vor allem die Kosten.

Dabei fehlt es nicht an Know-how für Produkt- oder Systeminnovationen. Man denke an die Idee der intelligenten Steuerung des Verkehrs, die technischen Möglichkeiten der Leitsysteme per GPS und die damit gekoppelte Steuerung der individuellen Fahrzeuge. Eine ähnliche Technologie zur Verkehrssteuerung in der Luft könnte revolutionäre Innovationen erlauben. Ein anderer Bereich, der näher liegt, ist das eigene Zuhause: Die Technologie zur sinnvollen Vernetzung der technischen Geräte im Haushalt ist vorhanden, marktreife, integrative Lösungen gibt es nur wenige. Darüber hinaus fehlt der Mut, diese offensiv am Markt zu präsentieren.

Welche Möglichkeiten ließen sich in einer anderen Atmosphäre nutzen, wenn wir uns nur klar machen würden, wie wenige Innovationen umgesetzt werden und wie viele Chancen für einen intelligenteren Konsum wir verschenken. Eine Atmosphäre, in der eben nicht "Geiz geil ist". Der Philips-Vorstandschef Gerard Kleisterlee hat kürzlich eingeräumt, dass sein Konzern bei der Umsetzung von Patenten, sprich Innovationen, in interessante Angebote für den Konsumenten Probleme hat und Besserung gelobt. Immerhin ein Lichtblick.

Denn dahinter steht die Erkenntnis: Unternehmen könnten ihr Umfeld und damit ihre Märkte gestalten, wenn sie sich für den richtigen Fokus entscheiden und intelligente, individualisierte Produkte und Lösungen bieten. Unternehmen sind mitverantwortlich für die innovationsfeindliche Atmosphäre, in der sie agieren: Konsumverzicht ist auch Konsumunlust. Effizienz- und Kostensenkungsstrategien sind nach innen gerichtet. Bei so viel Selbstbetrachtung scheint man in vielen Chefetagen zu vergessen, dass da draußen eine Welt ist, die sich verändert und voller Chancen ist.

Gegenwärtig bietet diese Chancen zum Beispiel - immer noch und allen Pleiten zum Trotz - das Internet. Wer diesen Vertriebskanal intelligent und konsequent nutzt, kann damit Erfolg haben. Ein Beispiel ist die gemeinsame Plattform Obi@Otto, die jetzt vom schweizerischen Gottlieb-Duttweiler-Institut für die erfolgreiche Integration von Verkaufskanälen mit einem Innovationspreis ausgezeichnet wurde. Man kann sich also auch in Krisenzeiten mit Ideen behaupten.

Trotz solcher Beispiele ist die Grundstimmung eher düster. Über den Köpfen der verzagten Unternehmensführer schallt zu allem Überfluss das immer gleiche Gezeter der Protagonisten aus Wirtschaft und Politik, die sich in der Diskussion über ökonomische Probleme in den bekannten Schuldzuweisungen ergehen, obwohl die Grundlinien für die Lösungen seit langem bekannt sind. Das liefert die bequeme Ausrede dafür, den Kopf noch etwas mehr einzuziehen und in die nächste Kostensenkungsrunde zu gehen. Man fragt sich: Können wir uns die Zukunft sparen?


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