Geiz als Innovationstreiber In
einer modernen Gesellschaft übernimmt die Wirtschaft neben der
Befriedigung von Grundbedürfnissen natürlich auch die Rolle der sozialen
Differenzierung. Sogenannte Statussymbole zeigen wer arm oder reich,
modern oder altbacken, technisch orientiert oder eher alternativ
eingestellt ist. Diese Funktion von Waren und Marken bleibt durch
den „Geiz ist geil – Mechanismus“ weitgehend unberührt. Allenfalls
die „neue Flexibilität“ lässt uns verwundern, wenn man auch
Pelzmantelträger im ALDI trifft. Aber wer die Anzahl der geplatzten
Ratenverträge bei PORSCHE Produkten erahnt, wundert sich nur in einer
ersten Näherung über die neuen Kunden im Billigsegment. Premium bleibt Premium und nur die unstolze Marke
wird (und sollte) sich so weit beugen, dass ihre Substanz in Gefahr gerät.
Diese Substanz ist weniger der Preis, es ist die Identitätsstiftung der
Marke – eben entlang der genannten Schemata. Diese Identitätsbildung
entsteht „am Mann“ und nicht im Laden. Viele Produkte dürfen ein
gewisses preisliches Verhalten gar nicht verlassen, sie würden sich damit
selbst vernichten. Marketingstrategien, die gleichwohl dem Druck der Einkäufer
nicht widerstehen können, werden nach einer kurzen quantitativen Hausse,
einen qualitativen Niedergang verkraften müssen. Was viel interessanter an der „Geiz ist
geil-Kamapagne“ ist, ist die Tatsache, dass doch sehr, sehr viele
Produkte von diesem Preisphänomen berührt werden. Zuletzt wurde sogar
der GOLF mit den Methoden der Rabattierung der Geilkampagne ausgesetzt.
Was jetzt entsteht ist eine Trivialisierung des Käuferverhaltens, denn
die Anbieter scheinen nicht zu realisieren, dass dieses Angebotsverhalten
Gefahr läuft, den Kunden umzuerziehen. Das neue Verhalten ist das
Verhalten des Schnäppchenjägers, des Beutetiers, des Preisverhandlers. Dieses Verhalten differenziert
Konsumentenverhalten neu, neben die Funktion der sozialen Differenzierung
tritt jetzt das Bedürfnis nach einer Differenzierung zum günstigen
Preis. Diese Umerziehung könnte zu einer höchst unerwünschten
Entwicklung führen, nämlich der Eindampfung von Handelsmargen, die
sowohl für den Handel, aber gleichermaßen für die Hersteller essentiell
sind. Das Internet mit seiner e-business Gemeinde ist ein weiterer Treiber
der „Low Price“-Mentalität. Was aber zugleich auffällt ist die Tatsache, dass
die Hersteller offenbar nicht in eine Produktdifferenzierungsstrategie
eintreten, also versuchen, durch neue Begehrlichkeiten ent-lang des
Produktes, ihre Käufer zu halten, sondern - gleich den Lemmingen -
steigen allzu viele Hersteller in die Preisschlacht ein. Fast kein Produkt
scheint widerstandsfähig zu sein, um sich der Kombination
„Handelsmacht/Mentalitätsveränderung“ entgegen zu stellen. Die Fabriken liefern Volumen und die
Scheinkonjunktur des verbilligten Absatzes schafft das Trugbild eines
Absatzes, der vor allem durch den Preis erkauft wurde. Wenn jetzt die Vertriebsmannschaften nicht
ausreichend widerstandsfähig sind, dann werden massenweise interessante
Marken zu Grabe getragen werden, denn mit den geringeren Margen lassen
sich weder Handelskonditionen lange darstellen, noch die Kosten für den
Aufbau und den Unterhalt der Marken. Nicht erst seit Kanzler Schröder die Innovation
entdeckte, muss klar gefordert werden, dass sogenannte „Commodities“,
also austauschbare Produkte, nicht durch den Preis Volumen schaffen,
sondern dass echte Innovationen die Verbraucher davor schützen müssen,
dass die Stimmung aufkommt, dass alles im Grunde am Markt verfügbar sei
und innovative Produkte im Grunde gar nicht mehr wünschenswert wären.
Die Geschichte von UMTS liefert ein erstes Verdachtsmoment, dass
Verbraucher eine eigenartige Sattheit verspüren, die Aufteilung der
Forschung in einen hochspezialisierten „High End“ -Bereich und in
einen weniger interessanten Massenbereich lassen aufhorchen. Wer seinen Heimatmarkt nicht „im Griff“ hat, wird sich beim Export schwer tun. So muss daran erinnert werden, dass nur der intelligente Konsum, also jener Konsum, der – auch – bereit ist zu Experimenten, der „früh“ einsteigt, derjenige Konsum sein wird, der auch Innovationen und Investitionen in Massenmärkten belohnt. Diese Mentalität aber setzt ein anderes Konsumverständnis voraus, als jene Massenhysterie, die ausschließlich nach dem Preisschild schielt. Die Industrie sollte die aktuelle „Geiz ist
geil“ -Welle durch eine Innovations- und Neugierwelle inspirieren, damit
die Konsumenten spüren, dass wir am Beginn des interessanten Konsums
stehen und nicht am Ende. Konzepte wie das intelligente Haus, integrierte
persönliche Assistenten, konvergente Systeme oder auch nur die Forschung
nach einem Straßenbelag der auch alle vier Jahreszeiten übersteht, öffnen
die Tür für einen Forschungs- und Entwicklungsaufwand, der den Menschen
erlaubt, deutlich interessantere Konzepte zu konsumieren als ausgeforschte
Commodities an denen nur noch der Preis interessant ist. Diese Commodities
werden oftmals in abgeschriebenen Fabriken hergestellt, die nur noch für
den Shareholder Value eine Perspektive liefern, nicht aber für
qualitative Momente, wie Markenaufbau, intelligenten Konsum und eine
attraktive Innovationstätigkeit. Eine Gesellschaft, die Innovationstätigkeit als
Zukunftsperspektive für sich erschließen möchte, muss auch in ihrem
Konsumverhalten in der breiten Masse bereit sein, sich experimentell und
innovativ zu verhalten.
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