Nachfolge im Familienunternehmen
Weit über 90% der Unternehmen in Deutschland sind im Besitz einer oder
mehrerer Familien, die oft auch das Unternehmen operativ führen. In den
kommenden fünf Jahren müssen sechzig- bis achtzigtausend Unternehmen pro
Jahr die Nachfolge regeln. Leider werden viele Unternehmen nach einer kurzen
Phase der Suche einer Nachfolge letztlich doch an einen Wettbewerber
verkauft oder gänzlich liquidiert.
Das ließe sich teilweise sicher vermeiden, wenn der Generationswechsel
von der Unternehmensführung rechtzeitig angegangen und als Chance der
Zukunftssicherung statt als existenzielle Bedrohung, die es hinauszuzögern
gilt, gesehen würde. Dies ist auch Tenor aller Verbände, der Kammern und
der Länder bis hin zum Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie,
deren Informationsangebote zum Thema Unternehmensnachfolge die Brisanz der
Thematik verdeutlichen.
Ein ausreichender zeitlicher Vorlauf ist eine Grundvoraussetzung für
eine gelingende Unternehmensübergabe. Auch sind die Hausbank, der
Steuerberater und der Rechtsanwalt wichtige und notwendige Partner. Steuer-
und Finanzmodelle sowie vertragliche Regelungen sind jedoch selten
Hinderungsgründe für einen reibungslosen Führungswechsel.
Erfolgsfaktor Unternehmenskultur
Ob die Nachfolge in der eigenen Familie liegt oder ob ein
"fremder" Manager
zukünftig
die Geschicke des Unternehmens leiten soll – ein vielfach anzutreffendes
Szenario ist, dass die Nachfolgethematik durch jahrelanges Hinauszögern
einer Entscheidung bereits eine negative Grundstimmung hervorgerufen hat.
Ein "endlich" stattfindender Versuch der Umsetzung führt dann oft
vollends in eine Krisensituation, anstatt die Nachfolgeproblematik zu
lösen. In den Augen der Belegschaft nimmt das Szenario Ausmaße einer
Existenzbedrohung an, wenn Sohn/Tochter oder "fremder" Manager
das Unternehmen im Unfrieden wieder verlassen und der Senior die Geschäfte
wieder übernimmt – insbesondere dann, wenn dadurch ein Verkauf des
Unternehmens wieder wahrscheinlich oder letztendlich beschlossen wird.
Denkbar ist auch, dass ein "Aufatmen" durch die Belegschaft geht.
Der "innere Frieden" ist dann zwar wieder hergestellt, aber das
Nachfolgeproblem ist weiterhin ungelöst und durch einen Fehlschlag
belastet.
Was in solchen Situationen oft nicht passt, lässt sich meistens auf
Ursachen im Bereich der "soft facts" zurückführen. Werden diese
nicht in die Betrachtung des "Gesamtbildes" einbezogen, können
die Auswirkungen "hart" sein.
Streitigkeiten
bei mehreren Eigentümerfamilien, mit Partnern und Anteilseignern oder
mehreren familiären Anwärtern auf die Nachfolge sind meistens im Vorfeld
Ursache für nicht getroffene Entscheidungen und sich daraus ergebende
Handlungsunfähigkeit. Nachfolgend stehen die Person des
"Übergebenden" , dessen Unternehmen sowie der
"Übernehmende" im Fokus der Betrachtung.
Eine wesentliche Ursache des Scheiterns liegt in der Nichtbeachtung der
zum Zeitpunkt der Nachfolge bestehenden Unternehmenskultur. Als eine
Gesamtheit aller im Unternehmen wirksamen Basisannahmen, Normen, Werte,
Denkhaltungen und Umgangsformen ist sie vom Senior-Chef geprägt – oft ein
ganzes Arbeitsleben lang.
Es bedarf keiner allzu weit hergeholten Vorstellungskraft, um sich das
Szenario auszumalen, wenn der Sohn, der endlich zeigen will was er kann oder
der externe Manager mit dem Koffer voller neuer Managementtools beginnen,
ihre Pläne ohne Kultursensibilität umzusetzen. Die "alte Kultur"
hat ihren Repräsentanten im Senior, so dass jeder Wandel als gegen ihn
gerichtet wahrgenommen werden kann – das Widerstandspotenzial kann dadurch
ein überdurchschnittlich hohes Niveau haben.
Und
selbst wenn der Nachfolger vorsichtig zu Werke geht, wird er dann scheitern,
wenn der Senior sich seiner Symbolwirkung nicht bewusst ist und im
Unternehmen Signale sendet, die besagen, dass er noch gar nicht gehe, weil
"ohne ihn ja doch nichts geht". Er bestätigt damit die bestehende
Kultur und ist unbewusst Hindernis des notwendigen Kulturwandels. Nur wenn
die neue Führungskraft prägend auf die Unternehmenskultur wirken kann, hat
die Nachfolge eine Chance zu gelingen.
Es sind die Rollen des Seniors als Inhaber – als Familienvater –
und als Top-Manager, die bei ihm möglicherweise ein "Wollen" bzw.
"Doch-Nicht-Wollen" verursachen. Dies ist gut nachvollziehbar und
menschlich verständlich, handelt es sich doch um den komplexen
persönlichen Verarbeitungsprozess, einerseits sein "Lebenswerk"
aus der Hand zu geben und andererseits noch nicht zum sogenannten
"alten Eisen" gehören zu wollen. Der Eigentümer in ihm könnte
eher den emotionalen Blickwinkel darstellen, der den Führungswechsel am
liebsten hinauszögern möchte. Der Top-Manager in ihm könnte eher der
vernunftgesteuerte sein, der den Führungswechsel aus vielerlei Gründen der
Zukunftssicherung empfiehlt und eigentlich sofort "anpacken" will.
Oberhand hat mal der Eigentümer – der Vater auch – und mal der
Top-Manager.
Vielfach spielen auch nicht abgeschlossene Eltern-Kind-Konflikte eine
Rolle, wenn geplant ist, dass Sohn oder Tochter die Nachfolge übernehmen
sollen. Familiäre Konflikte werden dann unweigerlich in die Firma
hineingetragen – dies verhindern zu wollen, ist menschlich normalerweise
kaum schaffbar – und jede Verweigerung, diese Konflikte zur Kenntnis zu
nehmen, zu verschleiern oder geheim halten zu wollen, verschlimmern die
Situation für die Betroffenen. Außenstehende Beobachter vermögen den
Konflikt vielleicht nicht zu durchschauen, jedoch sind immer merkwürdige
Deformationen im Sozialverhalten bei den Konfliktparteien zu bemerken, die
letztlich in das schon beschriebene Krisenszenario münden können.
Die Problematik in Unternehmen mit charismatischen Chefs ist die
immanente Hierarchie. Auf diese Weise entstehen Betriebe, in denen sich das
Überleben im Laufe der Zeit auf eine Person, eben die Person "mit der
richtigen Nase" reduziert hat. Die Chancen- und Risikoverteilung für
das Geschäft ist dabei ein Thema für sich – ein Führungswechsel jedoch,
bei dem solch eine Persönlichkeit zurücktritt, kann nur ein Prozess der
Umgestaltung der gesamten Unternehmenskultur sein.
Die beschriebenen Faktoren bestimmen zwar die Unternehmensrealität, sind
den Akteuren jedoch größtenteils nicht bewusst. Es bedarf großer
Erfahrung und einem Set erprobter Methoden, um die verschiedenen
Wirkungsdimensionen einer Unternehmenskultur und der Akteure darin zu
erfassen, darzustellen und sodann zielführend gestalten zu können. Hierbei
geht es sowohl um die zwischenmenschlichen Bereiche, bei denen die Berater
eine hochnotwendige katalytische Funktion einnehmen, als auch um die
kulturkompatible Einführung neuer Methoden.
Chance: Generationswechsel
Um ein Ziel sicher zu erreichen und eine Entwicklung in Richtung Ziel
nachweisen zu können, muss die Ausgangslage festgestellt werden. Nicht
allein Finanzdaten und Gesellschaftsform bringen das Wesen eines
Unternehmens zum Ausdruck, viel besser wird dies durch die Beschreibung der
Unternehmenskultur erfüllt. Das "gesamte Bild" gilt es zu
betrachten.
Auf der Basis einer Unternehmenskulturanalyse als Feststellung der
Ausgangslage lässt sich die Nachfolge als Prozess aktiv und zielführend
gestalten. Komplexe Wirkungszusammenhänge im Unternehmen als soziales
System werden deutlicher. Mit Kenntnis der sich in der Kultur darstellenden
Wertmaßstäbe und Denkhaltungen lassen sich beispielsweise Konflikte, die
nachweislich emotionale Ursprünge haben – oft auf Grund unterschiedlicher
Wertmaßstäbe der beteiligten Konfliktpartner – von vornherein vermeiden
oder zumindest schnell beilegen. Auf dieser Basis wird ein Prozess der
"Einarbeitung" des Übernehmenden und allmählichen
"Rückzuges" des Übergebenden entwickelt.
Risiken
bei der Auswahl geeigneter externer oder auch interner Nachfolger werden
minimiert, da ein unternehmenskulturell spezifisches Anforderungsprofil,
insbesondere bezüglich notwendiger sozialer Kompetenzen der neuen
"Nummer 1", erstellt werden kann.
Der Nachfolger soll in der Öffentlichkeit – intern im Unternehmen
sowie auch extern beispielsweise am Ort des Firmensitzes, bei Verbänden,
Kammern und natürlich bei Kunden und Partnern – fest "im Sattel
sitzen". Dies wird durch geeignete PR-Arbeit und "symbolic events"
sehr nachhaltig erreicht.
Statt Risiko wird die Nachfolge somit zur Entwicklungschance für das
Unternehmen, da sie an die vorhandene Unternehmenskultur anschließt und
unter Wertschätzung der Vergangenheit als ein facettenreiches Element der
Kulturgestaltung bewusst inszeniert wird.
Die Bickmann & Collegen Unternehmensberatung ist im Schwerpunkt seit
15 Jahren in Projekten der Unternehmenskulturentwicklung tätig. Die
speziellen Erfahrungen in den Bereichen der Unternehmenskultur und
Unternehmensidentität führten uns zu der Einschätzung, dass ein
Generationswechsel in einem Unternehmen ein durch dieses Ereignis
ausgelöstes Kulturgestaltungsprojekt ist. Unter dem Blickwinkel dieser
Prämisse gesehen ist das Gelingen eines Generationswechsels mit einer
höheren Erfolgsrate belegt. Dies haben eigene Projekterfahrungen
bestätigt.
Für weitere Fragen steht Ihnen Dr. Annette Kleinfeld unter Tel. 040 /
897 125 23 oder unter
annette.kleinfeld@bickmann.de gern zur Verfügung.
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