Ein
Generationswechsel ist für viele Unternehmen ein "Kulturschock".
Um den Schock zur Chance werden zu lassen, sollte die Nachfolgefrage als
langfristiger Prozess geplant werden. Ein Unternehmer mit Weitblick, der
sich frühzeitig mit der Nachfolgefrage auseinander setzte, ist Helmuth K.
Unger.
Die Geschichte als Familienunternehmer begann, als Helmuth K. Unger 1983 den
Leuchtenhersteller Wila aus dem Konkurs kaufte. 1998 und 2001 erwarb er mit
Hartmann & Unger und Bruck zwei weitere Firmen der Branche. Die drei
Unternehmen, deren 530 Mitarbeiter im Jahr 2001 knapp 82 Millionen Euro
erwirtschafteten, sind seit Anfang dieses Jahres in der Holding Unger AG
zusammengefasst.
Mit der Umwandlung in die Holding übergab der 63-jährige auch endgültig
das Ruder: Sohn Thomas (35) ist seit 2002 Vorstandsvorsitzender der Unger
AG. Er und seine beiden Brüder Andreas (37) und Christian (24) wurden
bereits vor einigen Jahren durch Schenkung an den Unternehmen beteiligt. Der
Senior bleibt aber auch nach der Stabübergabe Hauptgesellschafter und erhält
nach seinem Ausscheiden neben der üblichen Geschäftsführer-Pension Ausschüttungen
aus den Unternehmen. So sind nicht nur Fragen der Altersvorsorge geklärt,
sondern den Unternehmen bleibt zudem das Know-How von Helmuth K. Unger
erhalten: In der Funktion des Aufsichtsratvorsitzenden wird er das
Unternehmen mit seinen Erfahrungen beratend begleiten.
Junior
muss sich erst beweisen
Thomas Unger stellte mit der Wahl seines Studiums (Lichttechnik,
Feinwerktechnik, Elektronik) die Weichen zur Nachfolge. Zunächst sammelte
er aber drei Jahre lang bei der Firma HL Technik-Lichtplanung in München
Erfahrung. Grundlage für seine bewusste Entscheidung, die Firma zu übernehmen,
waren die folgenden "Lehrjahre" bei Wila unter der Regie seines
Vaters. Er durchlief die folgenden Stationen:
· sechs Monate Produktmanager
· ein Jahr Leiter des Technischen Labors
· zwei Jahre Leiter des Produktmanagement für Bürobeleuchtung und des
Lichtmanagement
· kurzzeitig kommissarische Leitung des Marketing
· 1,5 Jahre gemeinsame Geschäftsführung mit dem Vater bei Wila
Als
Thomas Unger im Sommer 2000 Mitgeschäftsführer von Wila wurde, schaltete
die Familie die Bickmann & Collegen Unternehmensberatung ein, um die
Nachfolge zu gestalten. Der Zeitpunkt des endgültigen Ausscheidens der
Eltern wurde für Ende 2001 festgelegt und für die Zeit des Übergangs ein
genauer Zeitplan aufgestellt:
-
Sommer 2000: Grundsatzgespräche mit der Familie Unger, inklusive den Söhnen
Christian und Andreas, um Erwartungen und Zukunftspläne abzuklären;
- Weihnachtsfeier 2000: Verkündigung der neuen Wila-Vision durch das
Ehepaar Unger und Sohn Thomas Unger, inszeniert als gemeinsame
"Grundsteinlegung" der alten und neuen Generation für die
Neuausrichtung von Wila; Ankündigung des geplanten Ausscheidens der Eltern
im Laufe des Jahres 2001;
- Frühjahr 2001: Planung der neuen Unternehmensstruktur nach der Übernahme
von Bruck; Planung einer Holding-Gründung mit Aufsichtsrat, der Unger
Senior vorsitzen soll; Nachfolgesuche für Frau Unger (Personalleitung);
- Juni 2001: Kommunikation der neuen Struktur und der Zukunftspläne an die
Mitarbeiter aller Unternehmen der Gruppe;
- ab Juli 2001: Einarbeitung des neuen Personalleiters durch Frau Unger
(dreimonatige Phase, mit dem Ziel, auch informelles Wissen weiterzugeben);
Übergabe ihrer sonstigen Aufgabengebiete (Allgemeine Dienste, Einkauf) an
Mitarbeiter des Unternehmens;
- ab August 2001: sukzessive Übergabe aller Unternehmensbereiche von Mutter
und Vater Unger auf Sohn (in Verbindung mit strukturierter Ist-Aufnahme als
Grundlage für die Implementierung der neuen Unternehmensziele und Ableitung
von Bereichszielen);
- Dezember 2001: Verabschiedung / Würdigung der Leistung der Eltern durch
Sonderausgabe der neuen Mitarbeiterzeitschrift im Rahmen der Weihnachtsfeier
2001.
Führungsstil
umkrempeln
Auf den Junior kam nun ein Berg von Aufgaben zu: Er wollte den
Generationswechsel mit einer strategischen Neuausrichtung verbinden und eine
neue Unternehmensidentität und -kultur gezielt gestalten. Angesichts des
Wachstums waren sich Vater und Sohn einig, dass der herrschende Management-
und Führungsstil an seine Grenzen gestoßen war. Im Zuge der
Umstrukturierung wurde die alte Familiengeschäftsführung des
Stammunternehmens Wila abgelöst. Die beiden Posten in der Geschäftsführung
wurden mit Nachfolgern aus dem Unternehmen, aber auch durch einen externen
Bewerber besetzt. Diesen Prozess nutzte der Sohn zur grundsätzlichen
Neuorientierung zu einem kooperativen Führungsstil:
· Delegation von Entscheidungskompetenzen
· Förderung von Eigenverantwortlichkeit der Mitarbeiter.
In
Konflikten zusammenreißen
In der Praxis gestaltete sich die Veränderung der Führungsstils allerdings
nicht so einfach. Durch die Überschneidung der Geschäftsführertätigkeiten
von Vater und Sohn existierten zeitweilig der "alte" und der
"neue" Führungsstil nebeneinander. Unterschiede traten offen
zutage und Konflikte kamen zwangsläufig auf.
Welche Hürden mussten überwunden werden? Für den Senior war zunächst
schwer nachvollziehbar, warum Mitarbeiter auf allen Ebenen in Entscheidungen
mit einzubeziehen sind oder wenigstens um ihr Verständnis geworben werden
sollte. Er sorgte sich, dass der Umsatz auf der Strecke bleiben könnte,
wenn die Mitarbeiter sich zu sehr mit diesen "anderen Dingen"
beschäftigen würden.
Senior begeistert sich für neue Managementmethoden
Trotzdem überließ er seinem Sohn in diesen Fragen das Steuer und fügte
sich, anfangs ein wenig "zähneknirschend", weil das alles viel
"zu umständlich und langsam" voranging. Später aber - unterstützt
durch vermittelnde Gespräche - wuchs sein Vertrauen in die
"modernen" Management-Instrumentarien. Er brachte sich zunehmend
aktiv in die arbeitsintensiven Prozesse ein, in denen die neuen
Unternehmensvisionen, Leitbilder und Verhaltensgrundsätze entwickelt
wurden. Und sogar noch mehr: Er setzte die Instrumentarien in Gesprächen
mit seinen Führungskräften ein und empfand sie als hilfreich.
Zu Tage traten die Konflikte meist in Geschäftsleiter-Sitzungen -
ausgetragen wurden sie in Gesprächen zwischen Vater und Sohn, entweder in
Einzelgesprächen oder direkt begleitet und moderiert von den Beratern.
Nicht immer gab es eine Lösung im Sinne einer Einigung, aber oft einen
Kompromissvorschlag oder die Zurücknahme von einem der beiden zu Gunsten
der Position des anderen - letzteres kam meist von Unger Senior, um den
Ablauf des Prozesses und damit die "Neuausrichtung" nicht zu
beeinträchtigen.
Die Nachfolgelösung der Familie Unger ist gut gelungen. Doch sie erforderte
auf beiden Seiten viel Verständnis und Toleranz. Das Erfolgsrezept lautete:
Respekt gegenüber den langjährigen Erfahrungen und Leistungen der älteren
Generation. Für die Eltern Unger hieß es, Geduld aufbringen, manchmal auch
"auf die Zunge beißen" und versuchen, Verantwortlichkeiten klar
abzugrenzen.