Globalisierung: Bedrohung oder Chance?1.
Einleitung Es
zeugt von der Weisheit östlichen Denkens, dass im Chinesischen ein und
dasselbe Schriftzeichen für „Chance" und zugleich für
„Gefahr" steht. Unser Begriff
„Risiko" birgt die gleiche Ambiguität in sich. Von Risiko
sprechen wir jedoch in der Regel nur dann, wenn es um eine Entscheidung
unter Unsicherheit geht, um
die Einführung eines neuen Produkts oder einer neuen Technologie
etwa, deren Folgen in ihrer ganzen und langfristigen Tragweite aus
Mangel an Erfahrungswerten nicht klar abschätzbar sind. Was derzeit unter diesem doppelten Vorzeichen diskutiert
wird - der ökonomische
Globalisierungsprozess, - zeichnet sich allerdings über die Unvorhersehbarkeit seiner mittel- und langfristigen Auswirkungen
hinaus durch etwas aus, das die Debatte darüber von Diskussionen
wie der über die Einführung der Transrapid-Schwebebahn
deutlich unterscheidet. Die gegenwärtige
Erörterung von Chancen und Gefahren der Globalisierung dient nicht der
Entscheidungsfindung, ob das fragliche Projekt verwirklicht werden
soll oder nicht. Diese Wahl ist längst gefallen mit der Entscheidung für
das marktwirtschaftliche System als das beste aller möglichen
Wirtschaftssysteme. Der freie
Weltmarkt oder zumindest Marktwirtschaft im Weltmaßstab - so
fordert es die Logik dieses Systems - ist und bleibt das erklärte
Endziel seiner Theoretiker - solange wenigstens, bis man doch noch
irgendwann konsumtaugliches
Leben im All ausfindig gemacht haben wird. Wir sind nun die Zeugen, wie diese Vision eines globalen
Marktes Wirklichkeit wird. Wir sind auch
diejenigen, die angesichts der zunehmend spürbaren Auswirkungen
dieser Entwicklung für die nationalen Volkswirtschaften Überlegungen
über die Chancen und die möglichen Gefahren anstellen können, spekulativ,
prospektiv, - stoppen allerdings, vielleicht weil uns die optimistischen
Prognosen derer, die diesen Prozess begrüßen, nicht überzeugen,
- stoppen können wir das Ganze
zumindest unter den gegenwärtig gegebenen Bedingungen
wohl nicht mehr. Empfiehlt
es sich da nicht, die skeptisch-pessimistische Perspektive lieber gleich
aufzugeben, sich auf die Seite der Optimisten zu schlagen
und angesichts des unaufhaltsamen Globalisierungsgeschehens einfach in
Gelassenheit zu üben? Die Tugend der Gelassenheit erschöpft
sich jedoch gerade nicht in der Einnahme einer fatalistischen Position
dieser Art, sondern besteht - aristotelisch ausgedrückt - in einer Art
und Weise des Wirklichkeitsbezugs, der die Mitte bildet
zwischen Fanatismus und Fatalismus. Als solche verhilft diese Haltung dazu,
in die Wirklichkeit einzugreifen, wo es möglich und gefordert ist, und
den Dingen ihren Lauf zu lassen, wo nichts mehr zu tun bleibt, ohne
jedoch daran zu verzweifeln und alles „hinzuwerfen". Ersteres
setzt eine bewusste, analytisch-kritische
Haltung gegenüber der Wirklichkeit voraus, die dazu befähigt,
die Möglichkeiten ebenso wie die Grenzen des eigenen Handelns zu erkennen.
Voraussetzung für das zweite, für das Loslassen-Können als nicht-resignative
Akzeptanz der eigenen Begrenztheit, ist das Vertrauen-Können auf eine
übergeordnete Macht, die den Weltlauf auch ohne das Zutun des Menschen
zum Besten fügt. Ich selbst denke dabei eigentlich an etwas anderes als
an die „unsichtbare
Hand" des Marktes; bezogen auf die Globalisierung scheint es jedoch
eben dieser Glaube an den Marktmechanismus zu sein, aus dem sich der
gelassene Optimismus seiner Befürworter speist. Was bleibt, neben
diesem wie auch immer begründeten Ur-Vertrauen, ist der erste Aspekt: zu prüfen,
ob und inwiefern der Mensch
selbst dazu beitragen kann, aus dem bislang noch fraglichen Guten das Beste zu machen, ob und wie sich in den Vollzug des
Globalisierungsprozesses eingreifen lässt, um etwaige externe Effekte
von vornherein zu vermeiden, anstatt sie hinterher mühsam
internalisieren zu müssen. Besagte kritische
Haltung scheint mir dafür eine wesentliche Bedingung zu sein. Und
aus eben einer solchen Perspektive heraus möchte ich im Folgenden zunächst die unmittelbaren Konsequenzen und
begleitenden Phänomene der Globalisierung kurz skizzieren, die sich auf
nationaler wie internationaler Ebene
heute abzeichnen. In einem zweiten
Schritt versuche ich die Fragen herauszuarbeiten, die mir dabei
unter philosophischen, ethischen und wirtschaftsethischen
Gesichtspunkten als relevant erscheinen. 2.
Die Ermöglichungsbedingungen der Globalisierung Es sind vor allem drei Faktoren, die der „neuen
industriellen Revolution", wie die Globalisierung von
einigen Ökonomen und Politologen genannt wird, Bahn gebrochen haben: (a)
der zunehmende Abbau von internationalen Handelsschranken während der
letzten Jahre, initiiert bzw. verstärkt durch den Fall des eisernen
Vorhangs und dessen, was sich
dahinter verschanzte - des Kommunismus, der - wie es nun scheint
- das letzte und einzige Bollwerk gegen die Macht entfesselter Marktkräfte
im Weltmaßstab gebildet hat; (b) die technologischen Entwicklungen der letzten
Jahrzehnte im Bereich der Mikroelektronik und Telekommunikation. Durch
PCs, Telefax, Glasfaserkabel, Satelliten, hochauflösende Monitore und
Modems zur Datenfernübertragung können Firmengeflechte weltweit
gesteuert werden, kann das Know-how
von Spezialisten eines Landes mit dem Wissen und den Talenten von
Spezialisten anderer Länder zu intellektuellen Synergien verbunden und
optimal genutzt werden. Dies ermöglicht es nicht nur multinationalen
Konzernen, ihr expandierendes Imperium mit einer Handvoll Mitarbeiter
vom Ursprungsland aus zu regieren.
Gleichzeitig verstärkt es den Entwicklungstrend,
große Massenproduktionsunternehmen mit einem bürokratischen Aufbau und
Arbeitsstil durch Out-Sourcing, Dezentralisierung
und Lizenzvergabe in Firmennetze aus zahlreichen eigenständigen
Untereinheiten (kreative Teams, unabhängige
„Profit-Centers", Ableger-Partnerschaften)
umzuwandeln, d. h. schwerfällige,
verkrustete „Kernunternehmen" durch flexible, problemlösungs-
und innovationsorientierte „Qualitätsunternehmen" zu ersetzen1. Am stärksten tobt der „Rausch der Globalisierung"
aber auf den internationalen Finanz- und
Kapitalmärkten. Zu den technologischen Voraussetzungen kommt als
Ursache dafür, dass das Kapital der „mobilste" Faktor
ist, der zugleich am sensibelsten auf veränderte Standortbedingungen aller
Art reagiert, sofern diese das Risiko- und Ertragskalkül der Anleger beeinflussen.
Verschlechtern sich diese Bedingungen in einem Land in signifikanter
Weise, kommt es zur „Kapitalflucht". Das Gleiche gilt für den umgekehrten
Fall. Die Folge ist ein enormer „Disziplinierungseffekt" für
alle Betroffenen, der sich auf die Güter und Dienstleistungen
erbringende Realwirtschaft der einzelnen Länder spürbar niederschlägt.
Die zunehmende Orientierung der großen Konzerne am berühmt-berüchtigten
„Shareholder-Value"
ist in erster Linie eine - angeblich oder tatsächlich - gebotene Reaktion
auf diese Entwicklung2. Dank der weltweiten Vernetzung gibt es darüber hinaus im
globalen Spekulationskasino keinen Feierabend mehr. Las Vegas lässt
grüßen: Morgens öffnet die Börse in Tokio, dann in Hongkong, am
Nachmittag bestimmt Europa das Geschehen, und wenn Frankfurt und London
schließen, übernimmt New York. Multimedia-Ticker sorgen dafür, dass
jeder Broker weltweit über alle
Kurse, alle Firmennachrichten und Charts
zur gleichen Zeit, d. h. in "real
Time" verfügt. Wer eine Sekunde eher reagiert, kann Millionen
verdienen oder verlieren. Der Unterschied zu Las Vegas? Die Summen, die
in diesem Kreislauf der vermeintlich ewigen Wiederkehr des Gleichen täglich
bewegt werden, sind fast doppelt so hoch wie die Währungsreserven aller
Zentralbanken. Hinter den Billionen Mark, die weltweit transferiert
werden, stehen unmittelbar keine Firmen und Waren, sondern Wetten auf
die Zukunft. Würden alle Spieler auf einmal das Kasino verlassen und
ihre Chips eintauschen wollen, wäre das Erwachen aus der virtuellen zur
eigentlichen Wirklichkeit ein böses. Der dritte Ermöglichungsfaktor der
Globalisierung steht in engem Zusammenhang
mit der beschriebenen technologischen Entwicklung: (c) ein grundlegender Wandel des Produktionsfaktors Arbeit
von der körperlichen zur
Kopfarbeit, die an keinen Standort mehr gebunden ist. Dass Wissen Macht bedeutet, ist uns
seit längerem geläufig; dass Wissen zum entscheidenden
Produktionsfaktor geworden ist, wichtiger als Arbeit und Kapital,
verleiht dieser Weisheit eine neue - eine ökonomische Dimension. Gemeint ist folgerichtig auch nur ökonomisch relevantes Wissen, d. h.
technisches Spezialwissen und
jenes Wissen, das in der postmodernen Informations- und
Dienstleistungsgesellschaft immer stärker an Bedeutung gewinnt und zu
dem befähigt, was der amerikanische Arbeitsminister Robert B. Reich
in seinem einschlägigen Werk „Die neue Weltwirtschaft" symbolanalytische
Dienstleistungen nennt3, d. h. die Problemidentifizierung, Problemlösung
und strategische Vermittlung von Lösungen. Die Wissensarbeiter
und Symbolanalytiker sind die Katalysatoren der neuen industriellen
Revolution, wie es der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin formuliert4. Sie halten die Hightech-Wirtschaft
am Laufen. Wissen und technische
Fertigkeiten werden in Zukunft die einzigen Quellen etwaiger Wettbewerbsvorteile
sein, schließt daraus sein Kollege Lester Thurow 5. Dieses
Wissen aber, so etwa Siemens-Chef Heinrich von Pierer in einem Interview
mit dem „SPIEGEL"6, ist weltweit vorhanden und durch
die internationale Vernetzung auch jederzeit verfügbar. Man kann es
dort „einkaufen", wo es am
billigsten ist. Und genau das passiert. Zum echten Wettbewerbfaktor wird die
Herausbildung einer geistigen Elite von
Forschern, Bioethikern, Ingenieuren, Unternehmensberatern und
Programmierern also nur dann, wenn ihre Leistung unterhalb des Preisniveaus bleibt, auf dem vergleichbare Leistungen aus Schwellenländern
wie Indonesien
oder Malaysia angeboten werden, die inzwischen auch auf diesem Sektor
massiv aufholen. Was sind nun die Folgen dieser Veränderungen
und inwiefern beeinflussen und gestalten sie den Globalisierungsprozess?
Produktion auf der Basis des neuen, alles entscheidenden Produktionsfaktors
„Wissen" hat zwei neue Komponenten: 1. eine Vergrößerung der sogenannten
Skalenerträge („economies
ofscales**). Das bedeutet: der produktive Beitrag
des Produktionsfaktors Wissen wächst schneller, als er im Produktionsprozess verbraucht wird.
Denn Wissen kann für mehrere verschiedene Produktionsprozesse
gleichzeitig eingesetzt, ohne dabei
aufgebraucht zu werden7. 2. der Produktionsprozess ist nicht
mehr an Standorte gebunden. Die heute marktführenden Branchen,
die zugleich die Branchen der Zukunft sind,
nämlich Mikroelektronik, Biotechnologie, Telekommunikation und
Computerindustrie, können sich so gut wie überall in der Welt
ansiedeln. Die Wahl des Standorts richtet sich nicht mehr nach
geologischen oder geographischen Gegebenheiten, weil die Produktion
nicht mehr von Rohstoffquellen oder Bodenschätzen abhängig ist.
Kapital kann - dank des beschriebenen Netzes innerhalb der Finanzwelt
- bei Banken und Börsen in aller Welt aufgenommen werden. Die Folge ist, dass im Zentrum des
heutigen Globalisierungsprozesses - anders als Ende des 19.
Jahrhunderts, als die Weltwirtschaft
im Zuge des Imperialismus schon einmal zusammengewachsen
war - nicht der Handel oder die Gewinnung von Rohstoffen für die Produktion
im Heimatland steht, sondern die Verlagerung der Produktion und
ganzer Fertigungsstätten in andere Länder und Kontinente. Der internationale
Wettbewerb ist somit primär ein Wettbewerb um Standorte geworden. Wonach
richtet sich aber nun diese freie Wahl des Standorts? Danach, wo es
neue, kaufkräftige Absatzmärkte gibt, deren Bedarf durch bloßen
Export im Heimatland hergestellter Produkte gar nicht mehr gedeckt
werden kann wie zum Beispiel China. Durch die Herstellung vor Ort können
die Produkte darüber hinaus stärker
auf die spezifischen Bedürfnisse des jeweiligen Marktes
zugeschnitten, die ungesättigten Märkte somit in optimaler Weise
erschlossen werden. So sagen zumindest die Einen wie etwa von Pierer.
Die Anderen sagen: Neben den willigen Konsumenten sind es vor allem die
billigsten Arbeitskräfte, die besten Techniker, die schnellsten
Lieferanten oder aber die geringere Höhe der Steuersätze und bürokratischen
Hürden, die die großen Unternehmen dazu veranlassen, als Standort
ihrer Fertigung dem einen Land gegenüber einem anderen, immer häufiger
gegenüber dem eigenen, den Vorzug zu geben. Damit kommen wir zu den
Auswirkungen der Globalisierung für die nationalen Volkswirtschaften. 3.
Die Auswirkungen auf nationaler Ebene Die
nationalen Regierungen stehen den oben dargestellten Entwicklungen
machtlos gegenüber. Und was noch schwerer wiegt, es scheint, als wären
sie dabei, ein zusätzlicher Spielball der „Global
Players" im freien Spiel der Marktkräfte zu werden. Denn mit
dem Wettbewerb um Standorte und damit um Arbeitsplätze sind die
Nationalstaaten erpressbar geworden, zumindest für die großen
Konzerne: Wird ihren Forderungen nach Subventionen oder Steuervergünstigungen
kein Gehör geschenkt, drohen sie damit, ins Ausland abzuwandern.
Angesichts der bereits bestehenden, alarmierend hohen
Arbeitslosigkeit, für die demographische Verschiebungen, ein Lebensformenwandel
und der wirtschaftliche Produktivitätsanstieg durch die Rationalisierung
und Automatisierung der letzten Jahre entscheidend mitverantwortlich
sind, fügen sich die Regierungen. Doch der neue Exportschlager
Deutschlands, so formuliert es bissig der „SPIEGEL"8,
heißt trotzdem „Arbeitsplätze". Unter diesen Bedingungen Maßnahmen
wie die lange diskutierte Öko-Steuer durchsetzen
zu wollen, um damit eine zusätzliche Hürde für Investitionen vor
allem auch ausländischer Firmen in Deutschland zu schaffen, scheint
utopisch. Aber nicht nur das Attribut „ökologisch", das dadurch
für unsere Marktwirtschaft konkretisiert werden soll, steht derzeit auf
dem Prüfstand. Mit den sinkenden Beschäftigungschancen ist der aus den
50-er und 60-er Jahren stammenden
Konzeption unseres bisherigen Sozialstaates ihre normative
Grundlage genommen: die Ausrichtung auf Vollbeschäftigung. Sofern diese
Grundvoraussetzung jeder komfortablen Sozialpolitik angesichts der
genannten Entwicklungen auch in absehbarer Zukunft nicht mehr zu gewährleisten
sein wird, kommt man um eine Reform der staatlichen wie der
betrieblichen Sicherungssysteme nicht herum, und so scheint ein Abbau
insbesondere von übertariflichen und firmenspezifischen
Sonderleistungen, die unsere Marktwirtschaft bislang als
„soziale" ausgewiesen haben, unvermeidlich. Für eine solche Reform lässt sich durchaus auch unter
wirtschaftsethischen Gesichtspunkten plädieren, sofern die konkreten
Reformschritte auf der Grundlage ethischer Gerechtigkeitskriterien
vollzogen werden und dazu führen, dass die wirklich Bedürftigen künftig
stärker berücksichtigt werden. Es
ist eines der wichtigsten Ergebnisse der,: wirtschafts- und
unternehmensethischen Debatte der letzten Jahre, das£ sich
Ethik und Effizienz keineswegs ausschließen und dass es häufig gerade
ineffiziente Strukturen und Regelungen sind, die zugleich unmoralische
und sozial unverträgliche Auswirkungen haben. Dass dies nicht nur für
unsere staatlich geregelten, sondern auch für verteilungsorientierte
sozialpolitische Maßnahmen in Betrieben gilt, wurde u. a. auf der
Jahrestagung 1997 des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik - European
Business Ethics Network (EBEN Deutschland
e.V.) - in Seeheim-Jugenheim (Hessen), überzeugend dargestellt9. Schenkt man allerdings den Prognosen einiger der bereits oben
zitierten amerikanischen Autoren Glauben, dann ist der derzeitige Streit
um die Finanzierbarkeit des Wohlfahrtsstaats sowie um Investitionen und
Arbeitsplätze erst die Spitze des Eisbergs der mittelfristigen
Globalisierungsfolgen. Ist denn, so fragt man sich in der Tat, die
geforderte Senkung von Steuern und Lohnnebenkosten wirklich ein probates
Mittel zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts
Deutschland im Konkurrenzkampf mit Verzichtsgesellschaften in Asien und Billiglohnländern fast vor der
Haustür? Wie
eingangs erwähnt, gibt es auch optimistische Stimmen. Wie lauten nun deren
Argumente und Prognosen? Langfristig werden sich die Schieflagen im
Bereich der Löhne und Gehälter zwischen
den Ländern ausgleichen. Mit den Bedürfnissen der heranwachsen den
neuen Wohlstandsgesellschaften werden auch die Lohnforderungen in diesen
Ländern steigen und sich dem Westniveau angleichen. Gemäß dem Gesetz
der „komparativen Kostenvorteile" nach David Ricardo, das in
verfeinerter Form auch heute noch von Wirtschaftswissenschaftlern
vertreten wird, steigen Produktion und Einkommen in dem Maß, in dem
Arbeitsteilung und Spezialisierung zunehmen. Mit der Globalisierung ist
diese Arbeitsteilung im Weltmaßstab möglich. Wenn sich die einzelnen Länder
auf das spezialisieren, wofür sie jeweils die besten oder meisten
Ressourcen anzubieten haben - also
etwa kapitalstarke Länder auf kapitalträchtige Produkte wie Hightech,
Länder, die über ein großes Quantum an Arbeitskräften verfügen
auf humankapitalintensive Produkte und sich damit internationale
Wettbewerbsvorteile sichern, wird der Wohlstand auf die Dauer für alle Ist
also die Globalisierung doch nicht das „Bermuda-Dreieck, in dem das
Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft" gemeinsam mit unserem Wohlfahrtsstaat
versinken wird, wie Peter Koslowski entschieden verneint10? Was genau gibt jedoch Anlass zu der
Hoffnung, dass es gerade unsere „soziale
Marktwirtschaft" sein wird, die sich weltweit durchsetzt, und dass
die Globalisierung langfristig die Reichtumsgrenzen zwischen den
Kontinenten zum Verschwinden bringen
wird? Lassen die geschilderten Entwicklungen insbesondere auf den
globalen Finanzmärkten nicht
einen ganz anderen Schluss zu, jenen nämlich, den Hans-Peter
Martin und Harald Schumann n ziehen? Die Art und Weise, in
der die Schere zwischen Arm und
Reich die Welt teilt, wird sich infolge der Globalisierung in
der Tat verändern: Das erwirtschaftete Kapital wird sich künftig neu
verteilen. Ein Teil der Entwicklungsländer wird Anschluss finden an den
Wohlstand des Westens, die Schwellenländer, allen voran die sogenannten
„Tigerstaaten", Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan, vor
allem aber China, werden weiter
aufholen und - so die längerfristigen Prognosen des Internationalen
Währungsfonds (IWF) - uns überholen. Die Schere selbst jedoch wird
größer werden, mit dem Unterschied allerdings, dass sie sich nicht
mehr zwischen den reichen
Industrienationen des Westens und den armen Kontinenten der Dritten
Welt öffnet, sondern zwischen einzelnen Personen oder Schichten
in allen Nationen der zusammenwachsenden Weltgesellschaft. Aber auch die
Nivellierung der Wohlstandsdifferenzen zwischen den Ländern wird noch lange
nicht die ganze Welt erfassen. Den Entwicklungsländern nämlich, so der
Präsident des IWF, Michel
Camdessus, die keinerlei Anschluss finden, weil sie weder über
Waren verfügen, für die es in der Ersten Welt Märkte gibt, noch über
Kapital, um selbst zu produzieren - geschweige denn über den neuen Produktionsfaktor
„Wissen" -, droht im Rahmen der neuen Weltwirtschaft die
„Marginalisierung"12. Und wird es nicht ebenso auch
dem Anteil der Bevölkerung in den bisherigen oder zukünftigen
Industriestaaten gehen, der keine qualifizierte Arbeitsleistung
anzubieten hat, der nicht über die genannte „neue technische
Intelligenz" verfügt oder aber aus welchen Gründen auch immer zu
dem notwendigen Wissenserwerb und den geforderten geistigen Leistungen
nicht in der Lage, vielleicht auch einfach nicht willens ist? Wie steht es mit den „individuellen Lebenschancen", die dank der
genannten Entwicklungen in Zukunft nur noch von der persönlichen
Leistung und Motivation des Einzelnen abhängen13, für
die weniger Begabten, für geistig Behinderte, psychisch oder
chronisch Kranke? Mit anderen Worten: Wer sind die
Gewinner im „GlobalMonopoly"
und wer die Verlierer? Zu
den Gewinnern wird neben den Anteilseignern der mächtigen Konzerne, die
- begünstigt durch das Shareholder-Value-Konzept - daraus Kapital schlagen und es im
globalen Kasino zu sich vermehrendem Einsatz bringen, bestenfalls
besagte Elite von „Wissensarbeitern" gehören. Gegenüber der Anzahl
derer, die auf der Verliererseite stehen werden, ist sie jedoch
verschwindend gering: 20 zu 80 nämlich, so Martin und Schumann
in Anlehnung an Prognosen, denen zufolge im 21. Jahrhundert zwanzig
Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen werden, um die
Weltwirtschaft in Schwung zu halten14. In
den Industrieländern haben schon heute 30 Millionen Menschen keine Arbeit
mehr - die höchste Zahl seit der Weltwirtschaftskrise im Anschluss an den
Schwarzen Freitag von 1929, die dem ersten Globalisierungsschub seinerzeit
ein Ende gesetzt hat. Dass es gerade amerikanische Ökonomen wie Lester
Thurow und Jeremy Rifkin sind, die die Zukunft des Kapitalismus und der
Arbeit in düsteren Farben malen, obwohl andernorts immer noch das
„amerikanische Modell" gepredigt wird, mag daran liegen, dass die
Auswirkungen der „ökonomischen Zeitenwende" qua
Globalisierung in den USA schon deutlichere Ausmaße angenommen
haben: Der Mittelstand bröckelt sichtlich, die Reallöhne sind auf das
Niveau der siebziger Jahre abgesunken, und neben den Arbeitslosen bildet
sich eine neue Klasse der „working
poor", die zwar Arbeit haben, aber kaum mehr verdienen als vergleichbar
Beschäftigte in Ländern der Dritten Welt15. Als
Falle, in der die Gesellschaft untergehen wird, der der Welthandel doch
eigentlich dienen soll, bezeichnet auch der britische Europa-Abgeordnete
und Milliardär James Goldsmith die Globalisierung und plädiert für
Protektionismus. Die Gewinner der Globalisierung erinnern ihn an die
Gewinner eines Pokerspiels auf der Titanic,
die nicht anders als die Verlierer dem baldigen
Untergang geweiht waren16. Aber
kann man der potentiellen Falle durch Protektionismus entgehen? Und
falls ja, wie ließe sich diese Strategie angesichts der wachsenden Ohnmacht
der nationalen Regierungen noch durchsetzen? Das führt zu einer
weiteren Frage, die in den folgenden Abschnitten vertieft werden soll:
Wer sind überhaupt die Akteure, die diesen Prozess in Gang gesetzt
haben und mit aller Kraft vorantreiben? Wer sind sie und von welcher
Motivation sind sie geleitet? Anders formuliert: auf welcher ethischen
Grundlage vollzieht sich die Globalisierung? Oder gibt es gar keine frei
entscheidenden Akteure mehr, womit sich die letztere Frage erübrigen würde?
Liegt das Geschick der zusammenwachsenden
Weltgesellschaft inklusive ihrer Nationalstaaten und -regierungen
- zumindest weltimmanent - nur noch in der „unsichtbaren Hand des
Marktes", vermeintlich oder tatsächlich geknebelt von ökonomischen
Sach- und Wettbewerbszwängen, Opfern der Liberalisierung und
Entgrenzung eines Systems, das als solches wohl in der Tat kaum mehr im
Dienst des Menschen stehen kann, zumindest aber nicht mehr im Dienst der
vielberufenen Entfaltung seiner individuellen Freiheit? Wenn dem so wäre,
dann ist jedoch die Frage, die neben Goldsmith auch Martin und Schumann
stellen, durchaus berechtigt: wie lange hat dann dieses System selbst
noch Bestand? Zerstört der
„Turbo-Kapitalismus", wie die entfesselten Marktkräfte
im Zuge der Globalisierung heute meist genannt werden17, über
kurz oder lang nicht die Grundlagen seiner eigenen Existenz: den
funktionsfähigen Staat und die
demokratische Stabilität? Vielleicht sollte man sich bei allem berechtigten Optimismus
und Glauben an die wohlstandsfördernde Kraft des Marktmechanismus, die
die oben gehörten pessimistischen Stimmen möglicherweise früher oder
später wider legen wird, doch eines vor Augen führen: das, was das
eigentlich Neue an dieser
sogenannten „neuen industriellen Revolution" der Globalisierung
ist? Das
spezifisch Revolutionäre des gegenwärtigen Prozesses besteht nicht nur
darin, dass uns erstmals in der Geschichte der Menschheit, wie Lester
Thurow hervorhebt, eine globale Wirtschaft zur Verfügung steht, in der
alles überall und jederzeit produziert und verkauft werden kann18,
sondern darin, dass sich die Marktkräfte erstmals in der Geschichte der
Marktwirtschaft jenseits eines verbindlichen politischen Ordnungsrahmens
entfalten, jenseits ethischer und rechtlicher Begrenzungen, vor allem
aber jenseits eines durch einen Nationalstaat und eine gemeinsame
kulturelle und religiöse Identität konstituierten, homogenen
Gemeinwesens. Eben diese Faktoren gehören aber
zu den notwendigen Grundlagen des marktwirtschaftlichen Systems. Nicht
nur die Stammväter der „Sozialen Marktwirtschaft", Walter Eucken
und Alfred Müller-Armack, auch der Begründer der Marktwirtschaft und
Theoretiker der vielzitierten „unsichtbaren Hand" selbst, nämlich
Adam Smith, haben das Funktionieren des Marktmechanismus an bestimmte
Voraussetzungen gebunden. Nur in einem „einfachen System der natürlichen
Freiheit", so Smith, unterstützt von den drei Säulen Moral, Recht
und Staat im Rahmen eines Gemeinwesens, das sich einerseits an allgemein
gültigen Normen und Rechtsprinzipien orientiert und dessen
Freiheitsrechte andererseits durch einen souveränen Staat und die von
ihm verwalteten Gesetze geschützt
werden, kann das Prinzip des Wettbewerbs die Verfolgung individueller
Interessen für die Steigerung des Gemeinwohls fruchtbar werden lassen19. s Der
globalen Marktwirtschaft in ihrer bisherigen Form fehlt es nicht nur an
diesen Voraussetzungen. Durch die Entmachtung der nationalen Regierungen
schwächt sie darüber hinaus gerade jene Institutionen, durch die diese
Bedingungen hergestellt und damit zugleich in ihren eigenen
Existenzgrundlagen gesichert werden können. Dazu gehört nicht zuletzt
eine demokratisch verfasste
Gesellschaft, die auf die ökonomischen Entwicklungen, die ja
letztlich ihren Wohlstand fördern sollen, in politischen
Willensbildungsprozessen Einfluss nehmen und sie steuern kann. Damit
aber ein solches, den westlichen
Gesellschaften analoges Gemeinschaftsgebilde im Weltmaßstab
entstehen kann, gilt es zunächst jene Kräfte und Institutionen zu stärken,
die dazu beitragen, dass sich das Zusammenwachsen der Welt nicht bloß
auf rein ökonomischer Ebene vollzieht wie bisher. Der
Weg dorthin ist weit. Vielen erscheint er gar nicht gangbar, und die
Annahme, man könne sich irgendwann auf bestimmte Grundwerte als Voraussetzung
gemeinsamer Spielregeln oder gar als Fundament einer gemeinsamen
Verfassung einigen, wird angesichts der kulturellen Vielfalt und der
Pluralität der Weltanschauungen als utopisch abgetan. 4. Der
globale »Homo oeconomicus" So ist und bleibt bis auf weiteres das einzig verbindende
Element zwischen den „Global Players" der Markt selbst und sein Gesetz des
Wettbewerbs: das ökonomische Prinzip, Effizienz,
Gewinnmaximjerung, Produktivitäts- und Leistungssteigerung - die einzig
verbindliche Orientierung für den global agierenden
Jiomo oeconomicus". „Profit", so Daimler-Chef Jürgen Schrempp,
heißt das erklärte Ziel, das alle vereint. Worüber man sich ferner qua
»World Wide Web" interkulturell austauscht und auch regelmäßig
Konsens erzielt, sind die neuesten Management-Tools,
die die Erreichung dieses Zieles
fördern sollen: JLean
Management" und Just-In-Time"-Produktion
aus Japan, J^e-Engineering"
und JDown-Sizing" aus
den USA, und auch das „Shareholder-Value"-Konzept
umrundete einmal den
Globus, bevor es zu den anderen
„Tools" in die
Trickkiste gepackt wurde. Der neue Typus des »Homo
oeconomicus", der die Globalisierung vorantreibt, zeichnet
sich dadurch aus, dass er überall und damit nirgends mehr wirklich zu
Hause ist, immer unterwegs per Flugzeug oder Internet - standortlos
von Beruf. Aber auch die genannten Spezialisten der Zukunft, die
Symbolanalytiker, haben in ihrem Job keine Chance mehr, Fuß zu fassen, d. h. sich auf etwas
einzulassen oder sich als Teil eines größeren Ganzen zu erfahren:
„Werkerfahrung", wie es Max Müller einst genannt hat20,
die dadurch zustande kommt, dass man an einem Produktionsprozess
teilhat, mit dessen Ergebnis man sich identifizieren kann. Voraussetzung der symbolanalytischen
Leistungen hingegen ist die permanente Einnahme einer MetaPerspektive.
Idealtypus des Symbolanalytikers ist der Consultant
der sich von außen und oben seinen Gegenständen zu nähern hat,
heute hier, morgen dort meist im Alleingang oder in wechselnden Teams.
Immerhin - er lebt, was er predigt: Mobilität - sie ist das Gebot
der Stunde oder besser: der Globalisierung.
Und weil dem so ist, lässt sich sein Mobilisierungsprogramm auch auf
alles und jeden anwenden: nicht nur die Wirtschaft oder die einzelnen
Firmen, die er berät, sollen davon erfasst werden, sondern auch deren
Teile bis hin zum kleinsten Angestellten. Und hier wird auch deutlich,
worum es inhaltlich geht: um Flexibilität, um das Vermögen der immer
schnelleren Anpassung an die noch schneller sich ändernden
Erfordernisse des Marktes, die die Globalisierung mit sich bringen.
Dementsprechend wird nun auch die Persönlichkeit des Einzelnen zum Profit-Center,
das sich ständig neu an der Nachfrage ausrichten muss. Mobilität
bezieht sich also erst in zweiter Linie auf die physische Beweglichkeit,
an erster Stelle auf Kommunikation und alle mentalen Ressourcen. Moral
und die persönliche Lebensphilosophie werden dabei ebenso zu
Marktfaktoren, die es den sich verändernden
Bedingungen anzupassen gilt, wie der eigene Charakter21. Der
zeitgemäße Angestellte wird zur Durchgangsstation ausgebildet für
eine Fülle von Daten und Informationen, die er unbeschränkt
miteinander verknüpfen kann, ohne sich dabei mit ihren konkreten
Inhalten zu belasten. Denn: Leichtes Gepäck erhöht, die % Mobilität.
Schlüssel dazu ist das Denken in Prozessen. Es scheint, als würde die Elite der Zukunft eine Gruppe
notorisch Heimatloser und geistig Entwurzelter. Eintauchen
und fallen lassen können sie sich nur
noch in die virtuelle Wirklichkeit des Cyber-Space.
Verliert der erfolgreiche
Mensch des 21. Jahrhunderts im Zuge der Globalisierungs-Revolution nach
dem „bestirnten Himmel über sich" (Kant) nun auch noch den
festen Boden unter sich? Es bleibt die Frage, die sich vor dem
Hintergrund des gerade Geschilderten fast erübrigt, angesichts des
genannten Defizits einer politischen und rechtlichen Rahmenordnung aber
um so dringlicher stellt: Wie steht
es mit dem „moralischen Gesetz" in ihm? Denn ist dafür
„Sesshaftigkeit" im Sinne jener dauerhaften Verbundenheit
mit einer bestimmten Gemeinschaft,
Kultur und deren Werten, die es im Blick auf das dargestellte Mobilitäts-ideal
des symbolanalytischen Trainers gerade
zu verlernen gilt, nicht die
Voraussetzung? Der Verdacht drängt sich auf, dass die als theoretisches
Hilfskonstrukt gedachte Fiktion der Wirtschaftswissenschaften in der
Form des „Homo
oeconomicus", die hier - aber eben auch nur hier - ihre
Berechtigung hat, einmal mehr zum Leitbild für die Gestaltung
wirtschaftlicher Realität und für den in ihr handelnden Menschen
geworden ist. Wie ich an anderer Stelle zu zeigen versucht habe, fehlt
es dieser Kunstfigur vor allem an dreierlei: an dem
Bewusstsein seiner Endlichkeit, an der Einbettung in eine Gemeinschaft und
- daraus resultierend - an einer Orientierung an ethischen Normen und
Wertvorstellungen, die ihm qua sozio-kultureller
Prägung durch diese Gemeinschaft zuteil wurden22. Es ist
auffällig, wie stark der oben. skizzierte, globalisierte und
globalisierende Wirtschaftsakteur diesem Schema entspricht. Als Surfer
und Jetter zwischen den
Kontinenten fühlt er sich bald keinem Kulturkreis mehr verbunden und
das „moralische Gesetz" in ihm ist der Gefahr der Relativierung
ausgesetzt - weniger angesichts der Unterschiedlichkeit der Normen und
Wertestandards der einzelnen Kulturen, mit denen
er tagtäglich zu tun hat, als im Zuge des dargestellten Mobilisierungsprogramms. Aber gehört er dann am Ende nicht doch zu den Verlierern -
in immaterieller Hinsicht, als Person, die auch er vor allem anderen
ist? Im Begriff der Person kulminiert
die spezifisch christlich-abendländische Deutung des Menschen.
Dieses Selbstverständnis kommt insbesondere in einem bestimmten
Strukturprinzip zum Ausdruck, das sich in der philosophischen und theologischen
Tradition des Personbegriffs als durchgängiges Merkmal aufweisen lässt.
In Anlehnung an die Einsichten der philosophischen Anthropologie,
insbesondere Helmut Plessners, lässt sich dieses Strukturmerkmal als Moment
der Zweieinheitlichkeit von Natur und Geist bestimmen, als Paradox der
Gleichzeitigkeit von Einzigkeit und allgemeinem Sein, von Individualität
und Relationalität23. Der Mensch erfährt dieses
Paradox u. a. als Spannung von Sollen und Sein, von Freiheit und
Endlichkeit. Es erweist sich im Drang nach unbegrenzter Entäußerung
einerseits, im Zwang zur Selbstbegrenzung aufgrund der faktisch
gegebenen eigenen Begrenztheit oder aber als moralische Forderung zur
Selbstbegrenzung an der Grenze zur Freiheit fremder Existenz andererseits. Wo der Bezug zu einer Gemeinschaft, die Einbettung in ein
soziales Gefüge, nicht mehr gegeben ist, kann der zweite
Aspekt, die menschliche Relationalität, nicht mehr lebbar und
erfahrbar sein. Damit kann aber auch das, was Kant das „moralische Gefühl"
nennt und was es uns erleichtert, dem Sittengesetz gemäß zu handeln,
nicht mehr entwickelt werden. Das
genannte Strukturprinzip der Person muss darüber hinaus auch zum
Strukturprinzip gesellschaftlicher Prozesse und Institutionen werden,
wenn diese dem Spezifischen des Menschseins, das im Begriff der Person
zum Ausdruck kommt, Rechnung tragen wollen. Marktwirtschaft ohne die prädikativen
Erweiterungen, um die wir uns während der letzten Jahrzehnte bemüht
haben und die sich im Zuge der Globalisierung als nicht mehr wettbewerbsfähige
Faktoren zu erweisen scheinen - eine Marktwirtschaft also, die sich nicht als soziale und ökologische
versteht und konzipiert ist, lässt den einen der beiden
wesentlichen Aspekte des Menschseins außer acht: die natürliche
Begrenztheit des Menschen, die sich u. a. in seiner Bedürftigkeit
erweist, und die daraus resultierende Notwendigkeit der Selbstbegrenzung
angesichts der Bedürftigkeit
anderer. Der Globalisierungsprozess, wie er sich gegenwärtig
vollzieht, scheint demgegenüber auf eine Wirtschaftsform
hinauszulaufen, die das dargestellte Prinzip menschlicher Personalität
nicht zum Strukturprinzip ihres Systems erhebt, somit aber dem Menschen
in seiner Ganzheitlichkeit und Mehrdimensionalität auf Dauer nicht
gerecht werden kann. Aus der Kolonisierung der Lebenswelten durch die
normative Kraft des ökonomischen Denkens, die Habermas in den
siebziger Jahren für die westlichen Industrienationen geltend gemacht
hatte24, wird somit die Kolonialisierung der Welt im
eigentlichen Sinn des Wortes durch den Homo
oeconomicus" in der oben geschilderten, defizitären Form.
Diese einseitige Dominanz des ökonomischen Systems kommt in der
zunehmenden Bedeutung der Märkte für gesellschaftliche
Vermittlungsprozesse und einem damit einhergehenden Funktionsverlust
des Staates sowie politischer Abstimmungs- und Willensbildungsprozesse
zum Ausdruck. Als solche erschwert sie jedoch gerade die Bildung einer
neuen Ordnung im Weltmaßstab, folgt man den Überlegungen von
Systemtheoretikern wie Talcott Parsons. Der
Interpenetrations-Theorie Parsons zufolge ist die entscheidende Voraussetzung
für die Bildung neuer Ordnungen und auch für jede gesellschaftliche
Entwicklung zu höheren Stufen der Selbstentfaltung ein Gleichgewicht
und eine wechselseitige Durchdringung analytisch differenzierbarer
Handlungssubsysteme. Parsons unterscheidet vier primäre
Handlungssubsysteme oder Sphären, die soziale Systeme strukturieren: 1.
die Gemeinschaftssphäre auf der Basis religiösen und moralischen
Handelns, 2. die kulturelle Sphäre, zu der er den menschlichen Wissens-
und Erkenntnisdrang zählt, 3. die politische und 4. die ökonomische
Sphäre. Solange sich nur die dynamisierenden Kräfte entfalten, die den
letzteren beiden Sphären innewohnen, oder solange die vier Sphären
isoliert nebeneinander stehen, sind anomische Erscheinungen die
Konsequenz der Entwicklungen. Erst die Interpenetration von Gemeinschaftssphäre,
kultureller, politischer und ökonomischer Sphäre kann neue Ordnungen
schaffen und dies auf immer höheren Stufen, je mehr
In-terpenetrationszonen sich zwischen den Extrempunkten des
vierdimensionalen Handlungsraums
herausbilden25. Um der einseitigen Dynamisierung der ökonomischen Sphäre
entgegenzuwirken, die einer globalen Ordnungsbildung demnach gerade im
Wege steht, gilt es zunächst, eine Schere zu schließen, die sich neben
der neu gestalteten Armut-Reichtums-Schere herausgebildet hat: die
Schere zwischen global denkenden Wirtschaftsakteuren und rein national
denkenden Politikern. Letzteren käme die vordringliche Aufgabe zu, an
der Stärkung jener Institutionen zu arbeiten, die zur Herstellung des
bislang fehlenden politischen und rechtlichen Ordnungsrahmens im
Weltmaßstab notwendig wären: multilaterale politische Beziehungen
und ein internationales Rechtssystem. Dass dafür wiederum ein
allgemein verbindliches Ethos, zumindest ein Kanon an bestimmten
moralischen Grundwerten, auf die man sich interkulturell verständigen
kann, als normatives Fundament die Voraussetzung bildet, dürfte
zumindest im Westen Konsens sein. Dies wird u. a. von der gegenwärtigen
Diskussion um ein Weltethos und die weltweite Durchsetzbarkeit
der Menschenrechte widergespiegelt26. Angesichts der einseitigen ökonomischen Form, in der sich
die Globalisierung bislang vollzieht, scheint jedoch der
Frage nach einem Weltethos die Frage nach
der Begründbarkeit eines Weltwirtschaftsethos
vorgelagert zu sein. 5.
Globalisierung: Zusammenwachsen der Kulturen oder
Kolonialisierung der Welt? Um zu verhindern, dass die gegenwärtigen Entwicklungen -
wenige Jahre nach dem triumphalen Begräbnis Hes
Marxismus-Leninismus - die Theorien von dessen
geistigem Vater Karl Marx bestätigen, muss das, was im Anschluss an die
ökonomischen
Liberalisierungsschübe im 19. und 20. Jahrhundert im Westen entstanden
ist, auf globaler Ebene wiederholt werden. Die im Weltmaßstab entfesselten
Marktkräfte müssen in die gemäßigte und gebändigte Form einer sozialen
Marktwirtschaft überführt werden, wie sie Europa, allem voran Deutschland,
während der letzten Jahrzehnte entwickelt hat. Solche und ähnliche
Forderungen sind u. a. die Reaktion auf die beängstigenden Visionen
Lester Thurows und anderer
von einem heranwachsenden neuen „Lumpenproletariat", das im
Kapitalismus keinen Platz mehr findet neben der Klasse der Wissensarbeiter,
die Macht und Reichtum erlangt27. Diese westliche Ausprägung der Marktwirtschaft setzt
aber einerseits besagte politische Rahmenbedingungen voraus und
impliziert andererseits ein bestimmtes Ethos. Dieses Ethos, so die
Auffassung Peter Koslowskis, darf den anderen Ländern der Erde nicht
vorenthalten werden28. Die moralischen Grundwerte, die zur
Etablierung des Modells der sozialen Marktwirtschaft beigetragen haben,
ebenso wie die Ergänzung und Vertiefung dieses Ethos im Rahmen der
wirtschaftsethischen Debatte der letzten Jahre im Westen sollten
vielmehr die Stützpfeiler zunächst eines Weltwirtschaftsethos bilden.
Langfristig könnte dieses wiederum zur Grundlage eines Weltethos
werden, von dem das Handeln der künftigen Weltgesellschaft auch in den
übrigen Sphären gesellschaftlichen
Handelns im Sinne Parsons gleichermaßen durchdrungen ist. Zwei Probleme ergeben sich dabei aus meiner Sicht: 1.
Was berechtigt uns dazu, gerade die Grundwerte des christlich-abendländisch
geprägten Westens als Fundament des Weltwirtschaftsethos zu
postulieren? Und müsste man dann nicht eher von einer Weltwirtschaftsethik
sprechen? 2.
Wie lässt sich eine solche Ethik, die unabhängig von dem bestehenden
Ethos der verschiedenen Kulturkreise formuliert wird, weltweit implementieren? Die
Antwort auf die erstere Frage lautet: Weil diese Werte - Respekt vor der
individuellen Freiheit und Würde der Person, Recht auf Eigentum,
soziale Sicherheit und Gerechtigkeit, Verantwortung für die natürliche
Umwelt etc. - universale Gültigkeit beanspruchen. Um die Begründung
dieses Anspruchs hat sich die abendländische
Moralphilosophie der Neuzeit zur Genüge bemüht. Es sind also
philosophisch-ethische Argumente, die hier zum Tragen kommen. Ein begründeter
Anspruch auf universale Gültigkeit ist aber nicht gleichzusetzen
mit einer faktisch gegebenen globalen Geltung, die ein Weltwirtschaftsethos
auszeichnen müsste. Universale Gültigkeit impliziert und legitimiert
zwar den Anspruch auf letzteres, garantiert aber nicht gleichzeitig eine
weltweite Implementierbarkeit, denn diese, die Durchsetzung ethischer Prinzipien
und Normen, hängt noch von anderen Faktoren ab. Der Begriff
„Ethos" steht bekanntlich für die Summe geltender Normen und
Wertvorstellungen, die sich in
einem System im Laufe der Zeit herausgebildet haben. Der Begriff
„Weltwirtschaftsethos" bezieht sich also auf das bestehende
Wertsystem der globalen Wirtschaft. Ein einheitliches Ethos dieser Art existiert aber bislang noch nicht. Was es bereits gibt, ist zweierlei: (1) ein von rein ökonomischen Zielen
und Werten geleiteter Prozess auf der normativen
Grundlage einer sozialutilitaristischen Ethik angelsächsischer Prägung,
der als solcher auf die Entstehung eines freien Weltmarktes mit dem Ziel
eines größtmöglichen Wohlstands für die größtmögliche Zahl von Menschen
ausgerichtet ist. Die Erreichung dieses Zieles soll dabei allein der Marktmechanismus
garantieren. Er hat die individuellen Präferenzen der Akteure
am Markt in Handlungen mit gemeinwohlförderlichen Auswirkungen zu
transformieren. (2) eine Pluralität von
Wirtschaftsgesinnungen und kulturspezifischen Ausprägungen eines Wirtschafts- und Arbeitsethos. Überall
da, wo sich das marktwirtschaftliche System bereits durchgesetzt hat
oder dabei ist, sich zu etablieren, entstehen neue Spielarten, die
dadurch zustande kommen, dass sich
das traditionell gewachsene und religiös geprägte Wertsystem der jeweiligen
Länder mit den Anforderungen des marktwirtschaftlichen Systems
verbindet. Im Idealfall gelingt eine fruchtbare Synthese, die dem wirtschaftlichen Wachstum und Entwicklungsprozess unmittelbar zuträglich
ist, so wie Max Weber seinerzeit die protestantische Ethik als
Faktor für den Aufstieg und die
Entfaltung des Kapitalismus eingestuft hat29. Kann oder, besser gesagt, soll die Marktwirtschaft dabei
nun als „trojanisches Pferd" fungieren, mit dem der Westen
sein christlich-abendländisch geprägtes Ethos - legitimiert durch
besagten ethischen Universalismus - in andere Kulturkreise einschleust?
Oder bleibt es bei dem oben angedeuteten Wirtschaftsimperialismus, bei
der Kolonialisierung der bislang von Kommerz und Konsumrausch
unbehelligten Teile der Welt durch das kapitalistische Prinzip? Dass
letzteres eintritt, erhoffen sich zumindest die westlichen Politiker
und Ökonomen. Sie stützen ja genau darauf ihre optimistischen Prognosen,
dass sich die Unterschiede im Lohnniveau aufgrund der wachsenden Bedürfnisse
in den heutigen Billiglohnländern mittelfristig ausgleichen werden.
Aber setzen sie damit nicht voraus, dass auch ersteres über kurz oder
lang eingetreten sein wird: die Relativierung des jeweiligen
kulturspezifischen Ethos dieser Länder durch Orientierung und
Adaption an das Leitbild des „Homo oeconomicus" in der oben geschilderten Form? Könnte
es nicht sein, dass die Weltauffassung in Ländern alt-buddhistischer
und hinduistischer Prägung dieser Entwicklung im Wege steht? Warum
sollte ein überzeugter, „orthodoxer" Buddhist oder Hindu, für
den das Leben im Hier und Jetzt bloßer Schein ist, respektive
Durchgangsstation seiner Seele auf
ihrem Erlösungsweg, Abarbeitung seines Karmas, diese Nichtigkeit der
Welt plötzlich affirmieren und nach materiellem Reichtum streben? Doch
wohl erst dann, wenn seine Kultur und die Gesellschaft, in die er hineingeboren
wurde, jenen Säkularisationsprozess durchläuft, den der Westen
bereits hinter sich hat. Oder aber, weil sich zeigen sollte, dass es
entgegen den Annahmen Max Webers neben dem Protestantismus auch
noch andere Religionen und Weltanschauungen gibt, die zu einer
produktiven Synthese mit dem marktwirtschaftlichen System in der Lage
sind, wie es in Bezug auf die spezifisch japanische Ausprägung des
Buddhismus, des Shintoismus und Konfuzianismus Japan, die Tigerstaaten
und China vorgeführt haben. Schwierig
und nahezu undenkbar erscheint jedoch eine solche Verbindung von religiöser
Weltanschauung und Kapitalismus in hinduistisch geprägten Ländern,
ohne dass die spezifischen Inhalte und die ethische Orientierung des
Hinduismus grundlegend modifiziert, damit aber letztlich ausgehöhlt
werden würden. Ein Blick auf die Zustände im heutigen Indien, wie sie beispielsweise Thomas ross schildert,
lässt kaum einen anderen Schluss zu: Die Atmosphäre von Ruhe
und Wärme, von gelebter Spiritualität und Tradition, die sich aus der
spezifisch hinduistischen Einheit von Heiligem und Profanem speist,
zieht nicht nur den westlichen Besucher in ihren Bann, sondern
auch jeden Inder, egal wie lange er im Westen gelebt hat, damit aber zurück
in ein vorindustrielles Zeitalter mit einem scheinbar unauflöslichen
Kastenwesen30. Der Hinduismus fördert Qualitäten und setzt
Werte, die jenen, die wir für eine leistungsstarke Marktwirtschaft als
notwendig ansehen, geradezu entgegengesetzt sind: Gefühl, Sensibilität,
Anpassungsfähigkeit und eine schier unbegrenzte Fähigkeit, mit Chaos
und Anarchie zu leben, zeichnen nach ross
den typischen Hindu aus, während Disziplin, Leistungswillen,
Durchsetzungskraft, Entscheidungs- und Innovationsfreude auf dem
Boden der traditionellen indischen Kultur nur schlecht oder gar nicht
gedeihen können31. Es
scheint fast so, als würde die Zukunft der Weltreligionen, respektive das Schicksal der von ihnen geprägten Völker, davon abhängen,
ob sich ihr traditionelles Ethos, ihre nationale Mentalität und andere
kulturspezifische Gegebenheiten mit dem Wertsystem des Kapitalismus
vereinbaren oder gar dafür fruchtbar
machen lassen. Im
Zuge der Globalisierung sind wir dadurch mit einem neuen Phänomen
konfrontiert: mit einem Wettbewerb
der Kulturen. Vielleicht wird ja irgendwann auch die
religionswissenschaftliche Frage nach dem „Ranking"
der Weltreligionen auf diesem
Wege entschieden werden können - durch Bezugnahme auf das
Kriterium wirtschaftlichen Erfolgs, den ein Land dank seines religiös
untermauerten Wirtschaftsethos errungen hat. Die Position eines
christlichen Exklusivismus könnte ja den weltweiten Siegeszug der Marktwirtschaft
auf der Basis eines überwiegend christlich geprägten Wertsystems
durchaus in dieser Hinsicht und damit als ihre Bestätigung deuten, wenn
es da nicht besagtes Gegenbeispiel der buddhistisch und konfuzianistisch
bestimmten asiatischen
„Neuaufsteiger" gäbe. Man
mag Überlegungen dieser An für absurd, vielleicht sogar für
blasphemisch halten. Erinnert man sich aber des oben dargestellten
Beratungsprogramms für Unternehmen im Zeitalter
der Globalisierung, in dessen Kontext Persönlichkeit als Profit-Center gedeutet wird, dann erscheint es doch ziemlich
naheliegend, neben Charakter und Lebensphilosophie auch Religiosität
in erster Linie als Marktfaktor aufzufassen. Wo
das Wohl der Menschheit rein materiell bestimmt wird, das Bewusstsein
der Erlösungsbedürftigkeit verschwindet und die Frage nach dem Heil
und Seelenfrieden des Menschen von dem Streben nach einem rein
innerweltlich bestimmten Glück
abgelöst wird, liegt da die Annahme so fern, dass auch die Religion
früher oder später nur noch in ihrer funktionalen Bedeutung dafür
gesehen werden wird? Und wo der Glaube an eine transzendente Macht, die
die Geschicke des Menschen in letzter Hinsicht zum Besten lenkt, durch
den Glauben an den Marktmechanismus mit analogen Fähigkeiten und Wirkmöglichkeiten
ersetzt wird, muss da nicht konsequenterweise an die Stelle des religiösen
Ethos, das im Dienst menschlicher Erlösung stand, ein ökonomisches
Ethos treten, das der Erreichung des nun zum höchsten avancierten
Zieles materiellen Wohlstands dient? Die
tröstenden Worte der Manager sich globalisierender Unternehmen in
Deutschland - „keine Sorge, in ein paar Jahren sieht alles ganz anders
aus" -bedeuten sie nicht letztlich: „keine Sorge, in ein paar
Jahren wird der neue 'Heilsweg1, den die Marktwirtschaft
weist, auch in denjenigen Ländern als allein gültiger und zu gehender
akzeptiert worden sein, denen heute noch ein traditionsbedingter überdurchschnittlicher
Arbeitseifer und eine religiös motivierte Verzichtsbereitschaft
Wettbewerbsvorteile gegenüber dem Westen bescheren"? Und zeigt
nicht die Entwicklung eben hier, im Westen, dass diese Zukunftsvision
gute Chancen hat, Realität zu werden? Was Max Weber noch auf den
Protestantismus zurückführen konnte und was seinerzeit in der Tat noch
an bestimmte religiöse Vorstellungen rück- und eingebunden war - ein bestimmtes Arbeitsethos - hat sich längst aufgelöst, das
Streben nach materiellem Wohlstand verselbstständigt. Arbeit im
Sinne von Leistung ist zum Selbstzweck geworden, Erfolg im Sinne erfüllter
Leistung, die sich bezahlt macht, zur einzigen Quelle, aus welcher der
moderne wie der post-moderne Mensch
sein Selbstwertgefühl schöpfen kann. Trotz allem soeben geäußerten Pessimismus meine ich,
dass im Kontakt und Aufeinandertreffen unterschiedlicher
Nationalitäten und kultureller Identitäten, zu denen es im Zuge der
Internationalisierung von Unternehmen verstärkt kommt und kommen wird,
eine der größten Chancen der Globalisierung liegt, dann nämlich,
wenn die Schlüsselqualifikation der sozialen Kompetenz, die während
der letzten Jahre von Führungskräften wie Mitarbeitern zunehmend
gefordert worden ist, im Kontext der Globalisierung aus sachlich
gebotenen Gründen zur interkulturellen Kompetenz erweiten wird.
Entsprechende Fonbildungskurse und interne Schulungen lassen sich als
erste Anzeichen dafür werten, dass deren Relevanz zumindest von den größeren
Unternehmen bereits gesehen wird. Dies
könnte auch die Rettung für den oben dargestellten, von Entwurzelung
und kultureller Heimatlosigkeit bedrohten Typus des globalen Wirtschaftsakteurs
bedeuten. Denn um analysieren zu können, inwiefern die neuartigen
Management- und Führungsprobleme, die sich auf internationaler Ebene
ergeben, durch interkulturelle Differenzen bedingt sind, muss er zunächst
einmal seine eigene soziokulturelle Prägung reflektieren und sich
bewusst machen, inwiefern diese sein alltägliches Handeln implizit oder
explizit bestimmt. In der damit verbundenen notwendigen Rückbesinnung
auf seine kulturelle Identität und religiöse Verwurzelung liegt die
Chance, sie für sich selbst qua geistiger
Vergegenwärtigung lebendig zu erhalten und so zu bewahren. In
der Konfrontation mit dem ganz Anderen fremder Kulturen und in dem Bemühen,
dieses Andere erfassen zu wollen, kann und muss er darüber hinaus
jene Aspekte und Vermögen seiner Personalität zur Entfaltung bringen,
die ihn zugleich als moralische Person ausmachen und die er dem oben genannten
Paradox der Gleichzeitigkeit von einzelnem und allgemeinem Sein
verdankt: die Fähigkeit nämlich, die rein egozentrische Perspektive
aufzugeben, den subjektiv bestimmten Standpunkt zeitweilig zu
verlassen, sich in den anderen hineinzuversetzen und so zu
„verstehen" im eigentlichen Bedeutungssinn
des Wortes. 6.
Die Entstehung eines Weltwirtschaftsethos Der notwendige Erwerb interkultureller Kompetenz, der sich
für die international tätigen Unternehmen aus dem pragmatischen
Interesse an einem reibungslosen, weil nur dann effizienten Management
ergibt, könnte als positive Nebenwirkung der ökonomischen
Globalisierung - ganz im Sinne des Marktprinzips - zur Initialzündung für
einen interkulturellen Dialog werden, der für das Zusammenwachsen der
Weltgemeinschaft von zentraler Bedeutung ist. Hier liegt meines
Erachtens das Potential für die Entstehung eines Weltwirtschaftsethos,
das nicht zu besagtem trojanischem Pferd eines westlichen
Kulturimperialismus wird. Ein solches Ethos aber kann nicht eingleisig
begründet werden, sondern muss sich durch zunehmende Orientierung an
interkulturell konsensfähigen und damit global verbindlich zu machenden
Prinzipien in konkreten Handlungssituationen und Interaktionszusammenhängen
allmählich herausbilden. Angesichts des praxisorientierten Kontextes, dem er
entspringt, würde sich ein interkultureller Dialog dieser Art zunächst
jenseits aller heiklen dogmatischen Fragen bewegen, wie sie etwa einen
interreligiösen Dialog gleicher Zielrichtung bestimmen, so auch Küngs
„Projekt Weltethos". Damit ein
interkultureller Dialog für die Verständigung auf ein gemeinsames
Ethos fruchtbar gemacht werden kann, muss er auch auf der
Meta-Ebene geführt werden, dann jedoch in der Form eines
interkulturellen philosophischen Austausches.
Dass damit zugleich implizit, aber* eben nur implizit, ein interreligiöser
Dialog stattfindet, ist dadurch bedingt, dass die Weltanschauung und die
normativen Orientierungen einer Kultur entscheidend von den religiösen
Überzeugungen abhängen, die sie geprägt haben. Die Frage, ob und inwieweit eine
solche religiöse Prägung auch für die Entwürfe
der neuzeitlichen Philosophie des Westens gilt, allem voran für die Ansätze
eines ethischen Universalismus, gewinnt im Kontext der Diskussion um
die leitenden Werte für ein Weltwirtschaftsethos neue Aktualität. Es
bleibt zu klären, ob die Ethik-Entwürfe, wie sie insbesondere im
Anschluss an Kant entstanden sind, an der Herausforderung scheitern,
sich als global gültige Orientierungen bewähren zu müssen. Dies könnte
geschehen, wenn sich zeigen sollte, dass die Werte, auf die dabei
rekurriert wird, zu stark in der
christlich geprägten abendländischen Kultur verwurzelt sind, als dass
sie sich in und für andere Kulturen kommunizierbar machen ließen,
oder, weil sich
zeigen sollte, dass ethische Prinzipien universaler Geltung eben doch
nicht aus der „praktischen Vernunft" jenseits aller Theologie
ableitbar sind, wie Schopenhauer an Kants Anspruch einer Moralbegründung
dieser Art kritisiert32 - eine Kritik, die sich jedoch gegenüber
Schopenhauers eigenem Entwurf einer
Mitleidsethik gleichermaßen geltend machen ließe. Aber
nicht nur der ethische Universalismus westlicher Herkunft steht auf dem
Prüfstand globaler Implementierbarkeit. Das Gleiche gilt für die wirtschaftsethischen
Ansätze, die bislang von amerikanischen und europäischen Theoretikern
vorgelegt wurden. Hier geht es neben der Frage der globalen Gültigkeit
der ethischen Prinzipien, die diesen Konzepten jeweils zugrunde liegen,
vor allem um die Frage, ob die vorausgesetzten Rahmenbedingungen im Weltmaßstab gegeben sind. Für
ein demgegenüber interkulturell zu entwickelndes Weltwirtschaftsethos lässt
sich auch aus ökonomischer Sicht plädieren, wenn man die Überlegungen
der älteren Historischen Schule der Nationalökonomie zugrunde legt.
Diesen zufolge kann auch die weltweite Implementierung des marktwirtschaftlichen
Systems selbst nur dann erfolgreich sein, wenn dabei auf den jeweiligen kulturellen Kontext Bezug genommen, d. h. die
kulturspezifischen Besonderheiten mit ins ökonomische Kalkül gezogen
werden33. Analog dazu müssten die Prinzipien
ethischen Wirtschaftens im Weltmaßstab auf moralische Normen und Werte
rekurrieren, die sich - wenn vielleicht auch mit einer anderen
Begrifflichkeit - auch in anderen Kulturen auffinden lassen.
Die Suche nach diesem kleinsten gemeinsamen Nenner im Ethos aller Kulturen
bildet meines Erachtens die erste Voraussetzung für die Entwicklung
eines Weltwirtschaftsethos auf einer Art drittem Weg zwischen der bloßen
Akzeptanz eines pluralistischen ethischen Relativismus und der kulturimperialistischen Durchsetzung eines ethischen
Universalismus westlicher Prägung. Ein sinnvoller Anknüpfungspunkt eines solchen
philosophisch geführten interkulturellen Dialogs könnte die Frage
sein, in die nach Kant alle zentralen philosophischen Fragen münden
und deren Gegenstand das ausmacht, was
alle Menschen miteinander verbindet: ihr Menschsein34.
Denkbar wäre beispielsweise eine
Untersuchung, ob
sich das
oben erwähnte
Strukturprinzip der Zweieinheitlichkeit oder etwas
diesem Prinzip Analoges im Menschenbild anderer Kulturen finden lässt.
Oder ob und inwiefern die westliche Deutung des Menschen als Person
erweitert werden muss, damit sie als Bezugspunkt fungieren kann zur Begründung
ethischer Prinzipien und Wertorientierungen für das Handeln der
Menschen in dieser Welt. Überlegungen dieser Art könnten darüber hinaus an den
Tag bringen, was den eigentlichen Wettbewerbsvorteil der abendländischen
Kultur ausmacht und sie zugleich als Marktführer in der Branche der
Zukunft, den symbolanalytischen Diensten, ausweist: das Vermögen, übergreifende
Ordnungsstrukturen auf der Basis
demokratischer Grundwerte zu schaffen, d. h. Konzepte
menschlichen Miteinanders zu entwickeln, die es erlauben, eine Mitte zu
finden und zu leben zwischen Eigennutz und Gemeinwohl, zwischen übertriebener
Ich-Bezogenheit und einem .vollkommenen Aufgehen im Allgemeinen
einer Gruppe, wovon beispielsweise die Haltung der Menschen in
asiatischen Kulturen - noch, aber wie lange noch? - geprägt ist. Personalität leben bedeutet beide
Aspekte zur Entfaltung zu bringen: Individualität
und Relationalität, persönliche Stärken und Talente ebenso wie die
Synergien, die sich durch Kooperation mit anderen in einer Arbeits- und
Lebensgemeinschaft ergeben. Dass die Zukunft des Westens unter den Bedingungen des Informationszeitalters entscheidend davon abhängt, ob es
ihm gelingt, diese Balance zwischen Egoismus und Solidarität zu
finden, hat in jüngerer Zeit der Ökonom und Informationstheoretiker
Leo Nefiodow herausgestellt35.
Interessanterweise hält Nefiodow die Rückbesinnung auf spezifisch christliche Werte dabei für zentral. Und in der Tat: das
christliche Gebot der Nächstenliebe fordert nicht nur zu einer
vorübergehenden Relativierung der egozentrischen Perspektive auf, was
jede Form moralischen Handelns
voraussetzt. In der Liebe als höchster Form der Selbsttranszendenz wird
das Wohlergehen des anderen Teil der eigenen subjektiven Ausrichtung und
damit die geforderte Mitte gelebt. Durch die dauerhafte Öffnung für den
anderen, die Liebe ausmacht, wird das kleine, auf sich selbst fixierte
und in sich zentrierte Ego transformiert und gewinnt eine neue Existenzform -sein
eigentliches personales Selbst. ------------------------------- 1 Vgl. Robert B. Reich : Die neue Weltwirtschaft. Das Ende der nationalen Ökonomie, Frankfurt a.M. (Fischer) 1996, S. 93ff, 104ff, 126. 2
Vgl. P. Ulrich : Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer
lebensdienlichen Ökonomie, Bern, Stuttgart, Wien (Haupt) 1997, S. 379ff. 3 Vgl. Robert B. Reich, a.a.O., S. 198ff. 4 Vgl. Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Frankfurt a.M., New York (Campus), 3. Aufl. 1995/96, S. 112. 5
Vgl. Lester Thurow: The Future of Capitalism. How
Today's Economic Forces will Shape Tomorrow's World, London (Staples) 1996, S. 167ff. 6 Vgl. dazu "Allein der Markt regiert", in: DER SPIEGEL 39/1996, S. 87. 7 Vgl. dazu Peter Koslowski: "Die zunehmende Bedeutung und
Globalisierung der Märkte. 8
Vgl. „Allein der Markt regiert", a.a.O., S. 84 9 Vgl. dazu Annette Kleinfeld: „Gerechtigkeit, Globalisierung, Zukunft der Arbeit. Tagung des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik - EBEN Deutschland e.V.", in: DBW - Die Betriebswirtschaft 5/97, S. 737 - 739. 10
Vgl. P. Koslowski, a.a.O., S. 52 11 Hans Peter Martin, Harald Schumann: Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand, Reinbek b. Hamburg (Rowohlt), 4. Aufl. 1996. 12 Zitiert
nach DER SPIEGEL 39/1996, S. 95. 13 Vgl. dazu Peter Koslowski, a.a.O., S. 48f, S. 51f. 14 Vgl. dazu Martin / Schumann, a.a.O., S. 12ff. 15 Vgl. dazu Lester Thurow , a.a.O., S. 173. 16 James Goldsmith: Die Falle und wie wir ihr entrinnen können. Holm (Deukalion) 1996, zitiert nach DER SPIEGEL 39/1996, a.a.O., S. 94. 17
Dieser Begriff wurde 1995 von dem amerikanischen Ökonomen Edward
Luttwak geprägt und bezeichnet eine Situation, in der die
wirtschaftliche Ertragslage von Unternehmen allen anderen Funktionen
übergeordnet wird. Vgl. Jörg Staute: Das Ende der Unternehmenskultur. Firmenalltag im Turbokapitalismus,
Frankfurt a.M., New York (Campus) 1997,5.20. 18 Vgl. L. Thurow,
a.a.O., S. 165. 19
Vgl. Adam Smith: The Theory of Moral Sentiments (1759, London
1853), New York (Mc Millan) 1966, S. 122f.,
166-170, 224-240. Vgl. auch H.C.
Recktenwaldt: „Würdigung des Werkes", in:
A. Smith: Der Wohlstand der Nationen, hrsg. v. H.C. Recktenwaldt,
Ausgabe nach der 5. Aufl. des Originals „The
Wealth of Nations" (1776), London 1789, München (dtv) 1978, S. XLIff.,
XXXIIff. 20 Vgl. Max Müller: „Person und Funktion", in: Philosophisches Jahrbuch, Bd. 69, Hbd. 2, 1961/62, S. 371-404, hier S. 393. 21 Vgl. dazu Mark
Siemons: „Das Regime der Berater. Wie mit der Globalisierung ein neuer
Menschentypus in den Betrieben Einzug hält",
in: FAZ, Nr. 232 v. 5.10.1996, Bilder und Zeiten. 22
Vgl. dazu Annette Kleinfeld: Persona Oeconomica. Personalität
als Ansatz der Unternehmensethik,
Heidelberg (Physica) 1998, S. 138-153. 23
Vgl. dazu A. Kleinfeld, ebda., S. 159ff. 24
Vgl. Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.
2, 3. duchges. Aufl., Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1985, S. 460. 25 Vgl. z. B. Talcott
Parsons: „On the Concept of Political Power", in: ders.: Politics
and Social Structure. New York (The
Free Press) 1969, S. 397-404; ders.: „Social Structure and the Symbolic Media of Interchange", in: ders.: Social Systems and
the Evolution of Action Theory. New York (The Free Press), S. 204-228;
ders.: „A Paradigm of the Human Condi
tion", in: ders.: Action Theory and the Human Condition. New York (The
Free Press), S. 392-414. 26 Vgl. die Überlegungen
Hans Küngs : Projekt Weltethos. München, Zürich (Piper)1990; ders.: Weltethos für Weltpolitik und
Weltwirtschaft, München, Zürich (Piper) 1997. 27 Vgl. L. Thurow, a.a.O.; vgl. auch H. Afheldt: Wohlstand für niemand? Die Marktwirtschaft entläßt ihre Kinder, München (Beck) 1994. 28
Vgl. P. Koslowski, a.a.O., S. 53. 29
Vgl. Max Weber: Die protestantische Ethik und der „Geist"
des Kapitalismus (1904/1905). Hrsg. u. eingel. v. K. Lichtblau und J. Weiß, Weinheim (Beltz Athenäum),
2. Aufl. 1996. 30 Vgl. Thomas ross: „Hinduismus", in: Marktwirtschaft Teufelswerk? Die Weltreligionen + Die Wirtschaft, hrsg. v. informedia-Stiftung, Gemeinnützige Stiftung für Gesellschaftswissenschaften und Publizistik, Köln (informedia-Stiftung) 1992, S. 73-83. 31 Vgl.
T. ross, ebda., S. 76. 32 Vgl. Arthur Schopenhauer: Preisschrift über die Grundlage der Moral, Kap. H, in: Sämtliche Werke, hrsg. v. W. Frhr. v. Löhneysen, Darmstadt (Wiss. Buchges.) 1968, Bd. III, S. 642-715. 33
Vgl. Peter Koslowski: Einleitung, in: ders. (Hrsg.):
Weltwirtschaftsethos. Globalisierung und Wirtschaftsethik, a.a.O., S.
17-22, hier S. 19; zur Aktualität der Historischen Schule der Nationalökonomie
für die wirtschaftsethische Diskussion vgl.: ders. (Hrsg.): The The-ory of Ethical Economy in the
Historical School. Wilhelm Röscher, Lorenz v. Stein, Gustav Schmoller, Wilhelm Dilthey and Contemporary Theory,
Heidelberg (Springer), 1. Aufl.,
1995, Nachdruck 1997. 34 Vgl. Immanuel Kant: Logik, Einleitung,
Ges. Schriften, hrsg. v. d. Preußischen Akademie der
Wissenschaften, Bd. 9, Berlin (Reimers) 1923, S. 25. 35 Vgl. Leo Nefiodow: Der 6. Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information, St. Augustin (Rhein-Sieg) 1996, bes. S. 123-142. URL dieser Seite: |
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