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Dokument-Info:
Autor: Dr. Annette Kleinfeld
Quelle: Globale Welt - was tun?  Beiträge zur Globalisierungsdiskussion. Hrsg. M. Cordes u. H-J. Pabst, Blumhardt-Verlag, 2002, S. 25-53.
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Globalisierung: Bedrohung oder Chance?

1.    Einleitung

Es zeugt von der Weisheit östlichen Denkens, dass im Chinesischen ein und dasselbe Schriftzeichen für „Chance" und zugleich für „Gefahr" steht. Unser Begriff „Risiko" birgt die gleiche Ambiguität in sich. Von Risiko sprechen wir jedoch in der Regel nur dann, wenn es um eine Entscheidung unter Unsicher­heit geht, um die Einführung eines neuen Produkts oder einer neuen Techno­logie etwa, deren Folgen in ihrer ganzen und langfristigen Tragweite aus Mangel an Erfahrungswerten nicht klar abschätzbar sind.

Was derzeit unter diesem doppelten Vorzeichen diskutiert wird - der ökonomi­sche Globalisierungsprozess, - zeichnet sich allerdings über die Unvorhersehbarkeit seiner mittel- und langfristigen Auswirkungen hinaus durch etwas aus, das die Debatte darüber von Diskussionen wie der über die Einführung der Transrapid-Schwebebahn deutlich unterscheidet.

Die gegenwärtige Erörterung von Chancen und Gefahren der Globalisierung dient nicht der Entscheidungsfindung, ob das fragliche Projekt verwirklicht werden soll oder nicht. Diese Wahl ist längst gefallen mit der Entscheidung für das marktwirtschaftliche System als das beste aller möglichen Wirtschaftssysteme. Der freie Weltmarkt oder zumindest Marktwirtschaft im Weltmaßstab - so fordert es die Logik dieses Systems - ist und bleibt das erklärte Endziel seiner Theoretiker - solange wenigstens, bis man doch noch irgendwann konsumtaug­liches Leben im All ausfindig gemacht haben wird.

Wir sind nun die Zeugen, wie diese Vision eines globalen Marktes Wirklichkeit wird. Wir sind auch diejenigen, die angesichts der zunehmend spürbaren Aus­wirkungen dieser Entwicklung für die nationalen Volkswirtschaften Überle­gungen über die Chancen und die möglichen Gefahren anstellen können, spe­kulativ, prospektiv, - stoppen allerdings, vielleicht weil uns die optimistischen Prognosen derer, die diesen Prozess begrüßen, nicht überzeugen, - stoppen können wir das Ganze zumindest unter den gegenwärtig gegebenen Bedingun­gen wohl nicht mehr.

 

Empfiehlt es sich da nicht, die skeptisch-pessimistische Perspektive lieber gleich aufzugeben, sich auf die Seite der Optimisten zu schlagen und angesichts des unaufhaltsamen Globalisierungsgeschehens einfach in Gelassenheit zu üben? Die Tugend der Gelassenheit erschöpft sich jedoch gerade nicht in der Einnahme einer fatalistischen Position dieser Art, sondern besteht - aristotelisch ausgedrückt - in einer Art und Weise des Wirklichkeitsbezugs, der die Mitte bildet zwischen Fanatismus und Fatalismus. Als solche verhilft diese Haltung dazu, in die Wirklichkeit einzugreifen, wo es möglich und gefordert ist, und den Dingen ihren Lauf zu lassen, wo nichts mehr zu tun bleibt, ohne jedoch daran zu verzweifeln und alles „hinzuwerfen". Ersteres setzt eine bewusste, analytisch-kritische Haltung gegenüber der Wirklichkeit voraus, die dazu befähigt, die Möglichkeiten ebenso wie die Grenzen des eigenen Handelns zu er­kennen. Voraussetzung für das zweite, für das Loslassen-Können als nicht-resignative Akzeptanz der eigenen Begrenztheit, ist das Vertrauen-Können auf eine übergeordnete Macht, die den Weltlauf auch ohne das Zutun des Menschen zum Besten fügt. Ich selbst denke dabei eigentlich an etwas anderes als an die „unsichtbare Hand" des Marktes; bezogen auf die Globalisierung scheint es jedoch eben dieser Glaube an den Marktmechanismus zu sein, aus dem sich der gelassene Optimismus seiner Befürworter speist. Was bleibt, neben diesem wie auch immer begründeten Ur-Vertrauen, ist der erste Aspekt: zu prüfen, ob und inwiefern der Mensch selbst dazu beitragen kann, aus dem bislang noch fraglichen Guten das Beste zu machen, ob und wie sich in den Vollzug des Globalisierungsprozesses eingreifen lässt, um etwaige externe Effekte von vornherein zu vermeiden, anstatt sie hinterher mühsam internalisieren zu müssen. Besagte kritische Haltung scheint mir dafür eine wesentliche Bedingung zu sein.

 Und aus eben einer solchen Perspektive heraus möchte ich im Folgenden zunächst die unmittelbaren Konsequenzen und begleitenden Phänomene der Globalisierung kurz skizzieren, die sich auf nationaler wie internationaler Ebene heute abzeichnen. In einem zweiten Schritt versuche ich die Fragen her­auszuarbeiten, die mir dabei unter philosophischen, ethischen und wirtschaftsethischen Gesichtspunkten als relevant erscheinen.

2.    Die Ermöglichungsbedingungen der Globalisierung

Es sind vor allem drei Faktoren, die der „neuen industriellen Revolution", wie die Globalisierung von einigen Ökonomen und Politologen genannt wird, Bahn gebrochen haben:

(a) der zunehmende Abbau von internationalen Handelsschranken während der letzten Jahre, initiiert bzw. verstärkt durch den Fall des eisernen Vorhangs und dessen, was sich dahinter verschanzte - des Kommunismus, der - wie es nun scheint - das letzte und einzige Bollwerk gegen die Macht entfesselter Markt­kräfte im Weltmaßstab gebildet hat;

 

(b) die technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte im Bereich der Mikroelektronik und Telekommunikation. Durch PCs, Telefax, Glas­faserkabel, Satelliten, hochauflösende Monitore und Modems zur Datenfern­übertragung können Firmengeflechte weltweit gesteuert werden, kann das Know-how von Spezialisten eines Landes mit dem Wissen und den Talenten von Spezialisten anderer Länder zu intellektuellen Synergien verbunden und optimal genutzt werden. Dies ermöglicht es nicht nur multinationalen Konzernen, ihr expandierendes Imperium mit einer Handvoll Mitarbeiter vom Ursprungsland aus zu regieren. Gleichzeitig verstärkt es den Ent­wicklungstrend, große Massenproduktionsunternehmen mit einem bürokratischen Aufbau und Arbeitsstil durch Out-Sourcing, Dezentralisierung und Lizenzvergabe in Firmennetze aus zahlreichen eigenständigen Untereinheiten (kreative Teams, unabhängige „Profit-Centers", Ableger-Partnerschaften) umzuwandeln, d. h. schwerfällige, verkrustete „Kernunternehmen" durch flexible, problemlösungs- und innovationsorientierte „Qualitätsunternehmen" zu ersetzen1.

Am stärksten tobt der „Rausch der Globalisierung" aber auf den inter­nationalen Finanz- und Kapitalmärkten. Zu den technologischen Vor­aussetzungen kommt als Ursache dafür, dass das Kapital der „mobilste" Faktor ist, der zugleich am sensibelsten auf veränderte Standortbedingungen aller Art reagiert, sofern diese das Risiko- und Ertragskalkül der Anleger beeinflussen. Verschlechtern sich diese Bedingungen in einem Land in signifikanter Weise, kommt es zur „Kapitalflucht". Das Gleiche gilt für den um­gekehrten Fall. Die Folge ist ein enormer „Disziplinierungseffekt" für alle Betroffenen, der sich auf die Güter und Dienstleistungen erbringende Real­wirtschaft der einzelnen Länder spürbar niederschlägt. Die zunehmende Orientierung der großen Konzerne am berühmt-berüchtigten „Shareholder-Value" ist in erster Linie eine - angeblich oder tatsächlich - gebotene Reakti­on auf diese Entwicklung2.

Dank der weltweiten Vernetzung gibt es darüber hinaus im globalen Spe­kulationskasino keinen Feierabend mehr. Las Vegas lässt grüßen: Morgens öffnet die Börse in Tokio, dann in Hongkong, am Nachmittag bestimmt Europa das Geschehen, und wenn Frankfurt und London schließen, über­nimmt New York. Multimedia-Ticker sorgen dafür, dass jeder Broker weltweit über alle Kurse, alle Firmennachrichten und Charts zur gleichen Zeit, d. h. in "real Time" verfügt. Wer eine Sekunde eher reagiert, kann Millionen verdienen oder verlieren. Der Unterschied zu Las Vegas? Die Summen, die in diesem Kreislauf der vermeintlich ewigen Wiederkehr des Gleichen täglich bewegt werden, sind fast doppelt so hoch wie die Währungsreserven aller Zentralbanken. Hinter den Billionen Mark, die weltweit transferiert werden, stehen unmittelbar keine Firmen und Waren, sondern Wetten auf die Zukunft. Würden alle Spieler auf einmal das Kasino verlassen und ihre Chips eintauschen wollen, wäre das Erwachen aus der virtuellen zur eigentlichen Wirklichkeit ein böses.

Der dritte Ermöglichungsfaktor der Globalisierung steht in engem Zusammenhang mit der beschriebenen technologischen Entwicklung:

(c) ein grundlegender Wandel des Produktionsfaktors Arbeit von der körperlichen zur Kopfarbeit, die an keinen Standort mehr gebunden ist.

Dass Wissen Macht bedeutet, ist uns seit längerem geläufig; dass Wissen zum entscheidenden Produktionsfaktor geworden ist, wichtiger als Arbeit und Kapital, verleiht dieser Weisheit eine neue - eine ökonomische Dimension. Gemeint ist folgerichtig auch nur ökonomisch relevantes Wissen, d. h. technisches Spezialwissen und jenes Wissen, das in der postmodernen Informations- und Dienstleistungsgesellschaft immer stärker an Bedeutung gewinnt und zu dem befähigt, was der amerikanische Arbeitsminister Robert B. Reich in seinem einschlägigen Werk „Die neue Weltwirtschaft" symbolanalytische Dienstleistungen nennt3, d. h. die Problemidentifizierung, Problemlösung und strategische Vermittlung von Lösungen. Die Wis­sensarbeiter und Symbolanalytiker sind die Katalysatoren der neuen industriellen Revolution, wie es der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin formuliert4. Sie halten die Hightech-Wirtschaft am Laufen. Wissen und techni­sche Fertigkeiten werden in Zukunft die einzigen Quellen etwaiger Wettbewerbsvorteile sein, schließt daraus sein Kollege Lester Thurow 5. Dieses Wissen aber, so etwa Siemens-Chef Heinrich von Pierer in einem Interview mit dem „SPIEGEL"6, ist weltweit vorhanden und durch die internationale Vernetzung auch jederzeit verfügbar. Man kann es dort „einkaufen", wo es am billigsten ist. Und genau das passiert.

 

Zum echten Wettbewerbfaktor wird die Herausbildung einer geistigen Elite von Forschern, Bioethikern, Ingenieuren, Unternehmensberatern und Programmierern also nur dann, wenn ihre Leistung unterhalb des Preis­niveaus bleibt, auf dem vergleichbare Leistungen aus Schwellenländern wie Indonesien oder Malaysia angeboten werden, die inzwischen auch auf diesem Sektor massiv aufholen.

Was sind nun die Folgen dieser Veränderungen und inwiefern beeinflussen und gestalten sie den Globalisierungsprozess? Produktion auf der Basis des neuen, alles entscheidenden Produktionsfaktors „Wissen" hat zwei neue Komponenten:

1. eine Vergrößerung der sogenannten Skalenerträge („economies ofscales**).

Das bedeutet: der produktive Beitrag des Produktionsfaktors Wissen wächst schneller, als er im Produktionsprozess verbraucht wird. Denn Wissen kann für mehrere verschiedene Produktionsprozesse gleichzeitig eingesetzt, ohne dabei aufgebraucht zu werden7.

2. der Produktionsprozess ist nicht mehr an Standorte gebunden.

Die heute marktführenden Branchen, die zugleich die Branchen der Zukunft sind, nämlich Mikroelektronik, Biotechnologie, Telekommunikation und Computerindustrie, können sich so gut wie überall in der Welt ansiedeln. Die Wahl des Standorts richtet sich nicht mehr nach geologischen oder geographischen Gegebenheiten, weil die Produktion nicht mehr von Roh­stoffquellen oder Bodenschätzen abhängig ist. Kapital kann - dank des be­schriebenen Netzes innerhalb der Finanzwelt - bei Banken und Börsen in aller Welt aufgenommen werden. Die Folge ist, dass im Zentrum des heutigen Globalisierungsprozesses - anders als Ende des 19. Jahrhunderts, als die Weltwirtschaft im Zuge des Imperialismus schon einmal zusammenge­wachsen war - nicht der Handel oder die Gewinnung von Rohstoffen für die Produktion im Heimatland steht, sondern die Verlagerung der Produktion und ganzer Fertigungsstätten in andere Länder und Kontinente. Der interna­tionale Wettbewerb ist somit primär ein Wettbewerb um Standorte gewor­den.

Wonach richtet sich aber nun diese freie Wahl des Standorts? Danach, wo es neue, kaufkräftige Absatzmärkte gibt, deren Bedarf durch bloßen Export im Heimatland hergestellter Produkte gar nicht mehr gedeckt werden kann wie zum Beispiel China. Durch die Herstellung vor Ort können die Produkte darüber hinaus stärker auf die spezifischen Bedürfnisse des jeweiligen Mark­tes zugeschnitten, die ungesättigten Märkte somit in optimaler Weise erschlossen werden. So sagen zumindest die Einen wie etwa von Pierer. Die Anderen sagen: Neben den willigen Konsumenten sind es vor allem die billigsten Arbeitskräfte, die besten Techniker, die schnellsten Lieferanten oder aber die geringere Höhe der Steuersätze und bürokratischen Hürden, die die großen Unternehmen dazu veranlassen, als Standort ihrer Fertigung dem einen Land gegenüber einem anderen, immer häufiger gegenüber dem eigenen, den Vorzug zu geben. Damit kommen wir zu den Auswirkungen der Globalisierung für die nationalen Volkswirtschaften.

 

3.    Die Auswirkungen auf nationaler Ebene

Die nationalen Regierungen stehen den oben dargestellten Entwicklungen machtlos gegenüber. Und was noch schwerer wiegt, es scheint, als wären sie dabei, ein zusätzlicher Spielball der „Global Players" im freien Spiel der Marktkräfte zu werden. Denn mit dem Wettbewerb um Standorte und damit um Arbeitsplätze sind die Nationalstaaten erpressbar geworden, zumindest für die großen Konzerne: Wird ihren Forderungen nach Subventio­nen oder Steuervergünstigungen kein Gehör geschenkt, drohen sie damit, ins Ausland abzuwandern. Angesichts der bereits bestehenden, alarmierend hohen Arbeitslosigkeit, für die demographische Verschiebungen, ein Lebensformenwandel und der wirtschaftliche Produktivitätsanstieg durch die Rati­onalisierung und Automatisierung der letzten Jahre entscheidend mitverant­wortlich sind, fügen sich die Regierungen. Doch der neue Exportschlager Deutschlands, so formuliert es bissig der „SPIEGEL"8, heißt trotzdem „Arbeitsplätze".

 Unter diesen Bedingungen Maßnahmen wie die lange diskutierte Öko-Steuer durchsetzen zu wollen, um damit eine zusätzliche Hürde für Investitionen vor allem auch ausländischer Firmen in Deutschland zu schaffen, scheint utopisch. Aber nicht nur das Attribut „ökologisch", das dadurch für unsere Marktwirtschaft konkretisiert werden soll, steht derzeit auf dem Prüfstand.

Mit den sinkenden Beschäftigungschancen ist der aus den 50-er und 60-er Jahren stammenden Konzeption unseres bisherigen Sozialstaates ihre normative Grundlage genommen: die Ausrichtung auf Vollbeschäftigung. Sofern diese Grundvoraussetzung jeder komfortablen Sozialpolitik angesichts der genannten Entwicklungen auch in absehbarer Zukunft nicht mehr zu gewährleisten sein wird, kommt man um eine Reform der staatlichen wie der betrieblichen Sicherungssysteme nicht herum, und so scheint ein Abbau insbesondere von übertariflichen und firmenspezifischen Sonderleistungen, die unsere Marktwirtschaft bislang als „soziale" ausgewiesen haben, unver­meidlich.

Für eine solche Reform lässt sich durchaus auch unter wirtschaftsethischen Gesichtspunkten plädieren, sofern die konkreten Reformschritte auf der Grundlage ethischer Gerechtigkeitskriterien vollzogen werden und dazu führen, dass die wirklich Bedürftigen künftig stärker berücksichtigt werden. Es ist eines der wichtigsten Ergebnisse der,: wirtschafts- und unter­nehmensethischen Debatte der letzten Jahre, das£ sich Ethik und Effizienz keineswegs ausschließen und dass es häufig gerade ineffiziente Strukturen und Regelungen sind, die zugleich unmoralische und sozial unverträgliche Auswirkungen haben. Dass dies nicht nur für unsere staatlich geregelten, sondern auch für verteilungsorientierte sozialpolitische Maßnahmen in Betrieben gilt, wurde u. a. auf der Jahrestagung 1997 des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik - European Business Ethics Network (EBEN Deutsch­land e.V.) - in Seeheim-Jugenheim (Hessen), überzeugend dargestellt9.

 

Schenkt man allerdings den Prognosen einiger der bereits oben zitierten amerikanischen Autoren Glauben, dann ist der derzeitige Streit um die Finanzierbarkeit des Wohlfahrtsstaats sowie um Investitionen und Arbeits­plätze erst die Spitze des Eisbergs der mittelfristigen Globalisierungsfolgen. Ist denn, so fragt man sich in der Tat, die geforderte Senkung von Steuern und Lohnnebenkosten wirklich ein probates Mittel zur Erhaltung der Wett­bewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland im Konkurrenzkampf mit Verzichtsgesellschaften in Asien und Billiglohnländern fast vor der Haustür?

Wie eingangs erwähnt, gibt es auch optimistische Stimmen. Wie lauten nun deren Argumente und Prognosen?

Langfristig werden sich die Schieflagen im Bereich der Löhne und Gehälter zwischen den Ländern ausgleichen. Mit den Bedürfnissen der heranwachsen­ den neuen Wohlstandsgesellschaften werden auch die Lohnforderungen in diesen Ländern steigen und sich dem Westniveau angleichen. Gemäß dem Gesetz der „komparativen Kostenvorteile" nach David Ricardo, das in verfeinerter Form auch heute noch von Wirtschaftswissenschaftlern vertreten wird, steigen Produktion und Einkommen in dem Maß, in dem Arbeitsteilung und Spezialisierung zunehmen. Mit der Globalisierung ist diese Arbeitsteilung im Weltmaßstab möglich. Wenn sich die einzelnen Länder auf das spezialisieren, wofür sie jeweils die besten oder meisten Ressourcen an­zubieten haben - also etwa kapitalstarke Länder auf kapitalträchtige Produkte wie Hightech, Länder, die über ein großes Quantum an Arbeitskräften verfügen auf humankapitalintensive Produkte und sich damit internationale Wettbewerbsvorteile sichern, wird der Wohlstand auf die Dauer für alle
zunehmen.       

Ist also die Globalisierung doch nicht das „Bermuda-Dreieck, in dem das Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft" gemeinsam mit unserem Wohlfahrtsstaat versinken wird, wie Peter Koslowski entschieden verneint10?

Was genau gibt jedoch Anlass zu der Hoffnung, dass es gerade unsere „sozia­le Marktwirtschaft" sein wird, die sich weltweit durchsetzt, und dass die Globalisierung langfristig die Reichtumsgrenzen zwischen den Kontinenten zum Verschwinden bringen wird?

Lassen die geschilderten Entwicklungen insbesondere auf den globalen Fi­nanzmärkten nicht einen ganz anderen Schluss zu, jenen nämlich, den Hans-Peter Martin und Harald Schumann n ziehen? Die Art und Weise, in der die Schere zwischen Arm und Reich die Welt teilt, wird sich infolge der Globalisie­rung in der Tat verändern: Das erwirtschaftete Kapital wird sich künftig neu verteilen. Ein Teil der Entwicklungsländer wird Anschluss finden an den Wohlstand des Westens, die Schwellenländer, allen voran die sogenannten „Tigerstaaten", Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan, vor allem aber China, werden weiter aufholen und - so die längerfristigen Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) - uns überholen. Die Schere selbst jedoch wird größer werden, mit dem Unterschied allerdings, dass sie sich nicht mehr zwischen den reichen Industrienationen des Westens und den armen Kontinen­ten der Dritten Welt öffnet, sondern zwischen einzelnen Personen oder Schich­ten in allen Nationen der zusammenwachsenden Weltgesellschaft. Aber auch die Nivellierung der Wohlstandsdifferenzen zwischen den Ländern wird noch lange nicht die ganze Welt erfassen. Den Entwicklungsländern nämlich, so der Präsident des IWF, Michel Camdessus, die keinerlei Anschluss finden, weil sie weder über Waren verfügen, für die es in der Ersten Welt Märkte gibt, noch über Kapital, um selbst zu produzieren - geschweige denn über den neuen Produktionsfaktor „Wissen" -, droht im Rahmen der neuen Weltwirtschaft die „Marginalisierung"12. Und wird es nicht ebenso auch dem Anteil der Bevöl­kerung in den bisherigen oder zukünftigen Industriestaaten gehen, der keine qualifizierte Arbeitsleistung anzubieten hat, der nicht über die genannte „neue technische Intelligenz" verfügt oder aber aus welchen Gründen auch immer zu dem notwendigen Wissenserwerb und den geforderten geistigen Leistungen nicht in der Lage, vielleicht auch einfach nicht willens ist? Wie steht es mit den „individuellen Lebenschancen", die dank der genannten Ent­wicklungen in Zukunft nur noch von der persönlichen Leistung und Motivation des Einzelnen abhängen13, für die weniger Begabten, für geistig Be­hinderte, psychisch oder chronisch Kranke? Mit anderen Worten: Wer sind die Gewinner im „GlobalMonopoly" und wer die Verlierer?

Zu den Gewinnern wird neben den Anteilseignern der mächtigen Konzerne, die - begünstigt durch das Shareholder-Value-Konzept - daraus Kapital schlagen und es im globalen Kasino zu sich vermehrendem Einsatz bringen, bestenfalls besagte Elite von „Wissensarbeitern" gehören. Gegenüber der An­zahl derer, die auf der Verliererseite stehen werden, ist sie jedoch verschwin­dend gering: 20 zu 80 nämlich, so Martin und Schumann in Anlehnung an Prognosen, denen zufolge im 21. Jahrhundert zwanzig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen werden, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten14.

In den Industrieländern haben schon heute 30 Millionen Menschen keine Arbeit mehr - die höchste Zahl seit der Weltwirtschaftskrise im Anschluss an den Schwarzen Freitag von 1929, die dem ersten Globalisierungsschub sei­nerzeit ein Ende gesetzt hat. Dass es gerade amerikanische Ökonomen wie Lester Thurow und Jeremy Rifkin sind, die die Zukunft des Kapitalismus und der Arbeit in düsteren Farben malen, obwohl andernorts immer noch das „amerikanische Modell" gepredigt wird, mag daran liegen, dass die Aus­wirkungen der „ökonomischen Zeitenwende" qua Globalisierung in den USA schon deutlichere Ausmaße angenommen haben: Der Mittelstand bröckelt sichtlich, die Reallöhne sind auf das Niveau der siebziger Jahre abgesunken, und neben den Arbeitslosen bildet sich eine neue Klasse der „working poor", die zwar Arbeit haben, aber kaum mehr verdienen als ver­gleichbar Beschäftigte in Ländern der Dritten Welt15.

Als Falle, in der die Gesellschaft untergehen wird, der der Welthandel doch eigentlich dienen soll, bezeichnet auch der britische Europa-Abgeordnete und Milliardär James Goldsmith die Globalisierung und plädiert für Protektionismus. Die Gewinner der Globalisierung erinnern ihn an die Gewinner eines Pokerspiels auf der Titanic, die nicht anders als die Verlierer dem baldigen Untergang geweiht waren16.

Aber kann man der potentiellen Falle durch Protektionismus entgehen? Und falls ja, wie ließe sich diese Strategie angesichts der wachsenden Ohn­macht der nationalen Regierungen noch durchsetzen? Das führt zu einer weiteren Frage, die in den folgenden Abschnitten vertieft werden soll: Wer sind überhaupt die Akteure, die diesen Prozess in Gang gesetzt haben und mit aller Kraft vorantreiben? Wer sind sie und von welcher Motivation sind sie geleitet? Anders formuliert: auf welcher ethischen Grundlage vollzieht sich die Globalisierung? Oder gibt es gar keine frei entscheidenden Akteure mehr, womit sich die letztere Frage erübrigen würde? Liegt das Geschick der zusammenwachsenden Weltgesellschaft inklusive ihrer Nationalstaaten und -regierungen - zumindest weltimmanent - nur noch in der „unsichtbaren Hand des Marktes", vermeintlich oder tatsächlich geknebelt von ökonomi­schen Sach- und Wettbewerbszwängen, Opfern der Liberalisierung und Entgrenzung eines Systems, das als solches wohl in der Tat kaum mehr im Dienst des Menschen stehen kann, zumindest aber nicht mehr im Dienst der vielberufenen Entfaltung seiner individuellen Freiheit? Wenn dem so wäre, dann ist jedoch die Frage, die neben Goldsmith auch Martin und Schumann stellen, durchaus berechtigt: wie lange hat dann dieses System selbst noch Bestand? Zerstört der „Turbo-Kapitalismus", wie die entfesselten Marktkräf­te im Zuge der Globalisierung heute meist genannt werden17, über kurz oder lang nicht die Grundlagen seiner eigenen Existenz: den funktionsfähigen Staat und die demokratische Stabilität?

 

Vielleicht sollte man sich bei allem berechtigten Optimismus und Glauben an die wohlstandsfördernde Kraft des Marktmechanismus, die die oben gehörten pessimistischen Stimmen möglicherweise früher oder später wider legen wird, doch eines vor Augen führen: das, was das eigentlich Neue an dieser sogenannten „neuen industriellen Revolution" der Globalisierung ist?

Das spezifisch Revolutionäre des gegenwärtigen Prozesses besteht nicht nur darin, dass uns erstmals in der Geschichte der Menschheit, wie Lester Thurow hervorhebt, eine globale Wirtschaft zur Verfügung steht, in der alles überall und jederzeit produziert und verkauft werden kann18, sondern darin, dass sich die Marktkräfte erstmals in der Geschichte der Marktwirtschaft jenseits eines verbindlichen politischen Ordnungsrahmens entfalten, jenseits ethischer und rechtlicher Begrenzungen, vor allem aber jenseits eines durch einen Nationalstaat und eine gemeinsame kulturelle und religiöse Identität konstituierten, homogenen Gemeinwesens. Eben diese Faktoren gehören aber zu den notwendigen Grundlagen des marktwirtschaftlichen Systems.

Nicht nur die Stammväter der „Sozialen Marktwirtschaft", Walter Eucken und Alfred Müller-Armack, auch der Begründer der Marktwirtschaft und Theoretiker der vielzitierten „unsichtbaren Hand" selbst, nämlich Adam Smith, haben das Funktionieren des Marktmechanismus an bestimmte Vor­aussetzungen gebunden. Nur in einem „einfachen System der natürlichen Freiheit", so Smith, unterstützt von den drei Säulen Moral, Recht und Staat im Rahmen eines Gemeinwesens, das sich einerseits an allgemein gültigen Normen und Rechtsprinzipien orientiert und dessen Freiheitsrechte andererseits durch einen souveränen Staat und die von ihm verwalteten Gesetze geschützt werden, kann das Prinzip des Wettbewerbs die Verfolgung indivi­dueller Interessen für die Steigerung des Gemeinwohls fruchtbar werden lassen19.

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Der globalen Marktwirtschaft in ihrer bisherigen Form fehlt es nicht nur an diesen Voraussetzungen. Durch die Entmachtung der nationalen Regierun­gen schwächt sie darüber hinaus gerade jene Institutionen, durch die diese Bedingungen hergestellt und damit zugleich in ihren eigenen Existenzgrundlagen gesichert werden können. Dazu gehört nicht zuletzt eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die auf die ökonomischen Entwicklungen, die ja letztlich ihren Wohlstand fördern sollen, in politischen Willensbildungsprozessen Einfluss nehmen und sie steuern kann. Damit aber ein solches, den westlichen Gesellschaften analoges Gemeinschaftsgebilde im Welt­maßstab entstehen kann, gilt es zunächst jene Kräfte und Institutionen zu stärken, die dazu beitragen, dass sich das Zusammenwachsen der Welt nicht bloß auf rein ökonomischer Ebene vollzieht wie bisher.

Der Weg dorthin ist weit. Vielen erscheint er gar nicht gangbar, und die Annahme, man könne sich irgendwann auf bestimmte Grundwerte als Vor­aussetzung gemeinsamer Spielregeln oder gar als Fundament einer gemein­samen Verfassung einigen, wird angesichts der kulturellen Vielfalt und der Pluralität der Weltanschauungen als utopisch abgetan.

4.    Der globale »Homo oeconomicus"

So ist und bleibt bis auf weiteres das einzig verbindende Element zwischen den „Global Players" der Markt selbst und sein Gesetz des Wettbewerbs: das ökonomische Prinzip, Effizienz, Gewinnmaximjerung, Produktivitäts- und Leistungssteigerung - die einzig verbindliche Orientierung für den global agierenden Jiomo oeconomicus". „Profit", so Daimler-Chef Jürgen Schrempp, heißt das erklärte Ziel, das alle vereint. Worüber man sich ferner qua »World Wide Web" interkulturell austauscht und auch regelmäßig Kon­sens erzielt, sind die neuesten Management-Tools, die die Erreichung dieses Zieles fördern sollen: JLean Management" und Just-In-Time"-Produktion aus Japan, J^e-Engineering" und JDown-Sizing" aus den USA, und auch das „Shareholder-Value"-Konzept umrundete einmal den Globus, bevor es zu den anderen „Tools" in die Trickkiste gepackt wurde.

Der neue Typus des »Homo oeconomicus", der die Globalisierung voran­treibt, zeichnet sich dadurch aus, dass er überall und damit nirgends mehr wirklich zu Hause ist, immer unterwegs per Flugzeug oder Internet - stan­dortlos von Beruf. Aber auch die genannten Spezialisten der Zukunft, die Symbolanalytiker, haben in ihrem Job keine Chance mehr, Fuß zu fassen, d. h. sich auf etwas einzulassen oder sich als Teil eines größeren Ganzen zu erfahren: „Werkerfahrung", wie es Max Müller einst genannt hat20, die da­durch zustande kommt, dass man an einem Produktionsprozess teilhat, mit dessen Ergebnis man sich identifizieren kann. Voraussetzung der symbolana­lytischen Leistungen hingegen ist die permanente Einnahme einer Meta­Perspektive. Idealtypus des Symbolanalytikers ist der Consultant der sich von außen und oben seinen Gegenständen zu nähern hat, heute hier, mor­gen dort meist im Alleingang oder in wechselnden Teams. Immerhin - er lebt, was er predigt: Mobilität - sie ist das Gebot der Stunde oder besser: der Globalisierung. Und weil dem so ist, lässt sich sein Mobilisierungsprogramm auch auf alles und jeden anwenden: nicht nur die Wirtschaft oder die einzel­nen Firmen, die er berät, sollen davon erfasst werden, sondern auch deren Teile bis hin zum kleinsten Angestellten. Und hier wird auch deutlich, wor­um es inhaltlich geht: um Flexibilität, um das Vermögen der immer schnel­leren Anpassung an die noch schneller sich ändernden Erfordernisse des Marktes, die die Globalisierung mit sich bringen. Dementsprechend wird nun auch die Persönlichkeit des Einzelnen zum Profit-Center, das sich stän­dig neu an der Nachfrage ausrichten muss. Mobilität bezieht sich also erst in zweiter Linie auf die physische Beweglichkeit, an erster Stelle auf Kommu­nikation und alle mentalen Ressourcen. Moral und die persönliche Lebens­philosophie werden dabei ebenso zu Marktfaktoren, die es den sich verän­dernden Bedingungen anzupassen gilt, wie der eigene Charakter21. Der zeitgemäße Angestellte wird zur Durchgangsstation ausgebildet für eine Fülle von Daten und Informationen, die er unbeschränkt miteinander verknüpfen kann, ohne sich dabei mit ihren konkreten Inhalten zu belasten. Denn: Leichtes Gepäck erhöht, die % Mobilität. Schlüssel dazu ist das Denken in Prozessen.

 

Es scheint, als würde die Elite der Zukunft eine Gruppe notorisch Heimatlo­ser und geistig Entwurzelter. Eintauchen und fallen lassen können sie sich nur noch in die virtuelle Wirklichkeit des Cyber-Space. Verliert der erfolgreiche Mensch des 21. Jahrhunderts im Zuge der Globalisierungs-Revolution nach dem „bestirnten Himmel über sich" (Kant) nun auch noch den festen Boden unter sich? Es bleibt die Frage, die sich vor dem Hintergrund des gerade Geschilderten fast erübrigt, angesichts des genannten Defizits einer politischen und rechtlichen Rahmenordnung aber um so dringlicher stellt: Wie steht es mit dem „moralischen Gesetz" in ihm? Denn ist dafür „Sesshaftigkeit" im Sinne jener dauerhaften Verbundenheit mit einer bestimmten Gemeinschaft, Kultur und deren Werten, die es im Blick auf das dargestellte Mobilitäts-ideal des symbolanalytischen Trainers gerade zu verlernen gilt, nicht die Voraussetzung?

Der Verdacht drängt sich auf, dass die als theoretisches Hilfskonstrukt ge­dachte Fiktion der Wirtschaftswissenschaften in der Form des „Homo oeconomicus", die hier - aber eben auch nur hier - ihre Berechtigung hat, einmal mehr zum Leitbild für die Gestaltung wirtschaftlicher Realität und für den in ihr handelnden Menschen geworden ist. Wie ich an anderer Stelle zu zeigen versucht habe, fehlt es dieser Kunstfigur vor allem an dreierlei: an dem Bewusstsein seiner Endlichkeit, an der Einbettung in eine Gemeinschaft und - daraus resultierend - an einer Orientierung an ethischen Normen und Wertvorstellungen, die ihm qua sozio-kultureller Prägung durch diese Ge­meinschaft zuteil wurden22. Es ist auffällig, wie stark der oben. skizzierte, globalisierte und globalisierende Wirtschaftsakteur diesem Schema entspricht. Als Surfer und Jetter zwischen den Kontinenten fühlt er sich bald keinem Kulturkreis mehr verbunden und das „moralische Gesetz" in ihm ist der Gefahr der Relativierung ausgesetzt - weniger angesichts der Unter­schiedlichkeit der Normen und Wertestandards der einzelnen Kulturen, mit denen er tagtäglich zu tun hat, als im Zuge des dargestellten Mobilisierungs­programms.

Aber gehört er dann am Ende nicht doch zu den Verlierern - in immaterieller Hinsicht, als Person, die auch er vor allem anderen ist? Im Begriff der Person kulminiert die spezifisch christlich-abendländische Deutung des Men­schen. Dieses Selbstverständnis kommt insbesondere in einem bestimmten Strukturprinzip zum Ausdruck, das sich in der philosophischen und theologischen Tradition des Personbegriffs als durchgängiges Merkmal aufweisen lässt. In Anlehnung an die Einsichten der philosophischen Anthropologie, insbesondere Helmut Plessners, lässt sich dieses Strukturmerkmal als Mo­ment der Zweieinheitlichkeit von Natur und Geist bestimmen, als Paradox der Gleichzeitigkeit von Einzigkeit und allgemeinem Sein, von Individualität und Relationalität23. Der Mensch erfährt dieses Paradox u. a. als Spannung von Sollen und Sein, von Freiheit und Endlichkeit. Es erweist sich im Drang nach unbegrenzter Entäußerung einerseits, im Zwang zur Selbstbegrenzung aufgrund der faktisch gegebenen eigenen Begrenztheit oder aber als morali­sche Forderung zur Selbstbegrenzung an der Grenze zur Freiheit fremder Existenz andererseits.

Wo der Bezug zu einer Gemeinschaft, die Einbettung in ein soziales Gefüge, nicht mehr gegeben ist, kann der zweite Aspekt, die menschliche Relationa­lität, nicht mehr lebbar und erfahrbar sein. Damit kann aber auch das, was Kant das „moralische Gefühl" nennt und was es uns erleichtert, dem Sitten­gesetz gemäß zu handeln, nicht mehr entwickelt werden.

Das genannte Strukturprinzip der Person muss darüber hinaus auch zum Strukturprinzip gesellschaftlicher Prozesse und Institutionen werden, wenn diese dem Spezifischen des Menschseins, das im Begriff der Person zum Ausdruck kommt, Rechnung tragen wollen. Marktwirtschaft ohne die prä­dikativen Erweiterungen, um die wir uns während der letzten Jahrzehnte bemüht haben und die sich im Zuge der Globalisierung als nicht mehr wett­bewerbsfähige Faktoren zu erweisen scheinen - eine Marktwirtschaft also, die sich nicht als soziale und ökologische versteht und konzipiert ist, lässt den einen der beiden wesentlichen Aspekte des Menschseins außer acht: die natürliche Begrenztheit des Menschen, die sich u. a. in seiner Bedürftigkeit erweist, und die daraus resultierende Notwendigkeit der Selbstbegrenzung angesichts der Bedürftigkeit anderer.

Der Globalisierungsprozess, wie er sich gegenwärtig vollzieht, scheint dem­gegenüber auf eine Wirtschaftsform hinauszulaufen, die das dargestellte Prinzip menschlicher Personalität nicht zum Strukturprinzip ihres Systems erhebt, somit aber dem Menschen in seiner Ganzheitlichkeit und Mehrdimensionalität auf Dauer nicht gerecht werden kann. Aus der Kolonisierung der Lebenswelten durch die normative Kraft des ökonomischen Den­kens, die Habermas in den siebziger Jahren für die westlichen Industrienati­onen geltend gemacht hatte24, wird somit die Kolonialisierung der Welt im eigentlichen Sinn des Wortes durch den Homo oeconomicus" in der oben geschilderten, defizitären Form. Diese einseitige Dominanz des ökonomi­schen Systems kommt in der zunehmenden Bedeutung der Märkte für ge­sellschaftliche Vermittlungsprozesse und einem damit einhergehenden Funk­tionsverlust des Staates sowie politischer Abstimmungs- und Willensbildungsprozesse zum Ausdruck. Als solche erschwert sie jedoch gerade die Bildung einer neuen Ordnung im Weltmaßstab, folgt man den Überlegun­gen von Systemtheoretikern wie Talcott Parsons.

Der Interpenetrations-Theorie Parsons zufolge ist die entscheidende Voraus­setzung für die Bildung neuer Ordnungen und auch für jede gesellschaftliche Entwicklung zu höheren Stufen der Selbstentfaltung ein Gleichgewicht und eine wechselseitige Durchdringung analytisch differenzierbarer Handlungs­subsysteme. Parsons unterscheidet vier primäre Handlungssubsysteme oder Sphären, die soziale Systeme strukturieren: 1. die Gemeinschaftssphäre auf der Basis religiösen und moralischen Handelns, 2. die kulturelle Sphäre, zu der er den menschlichen Wissens- und Erkenntnisdrang zählt, 3. die politi­sche und 4. die ökonomische Sphäre. Solange sich nur die dynamisierenden Kräfte entfalten, die den letzteren beiden Sphären innewohnen, oder solange die vier Sphären isoliert nebeneinander stehen, sind anomische Erscheinun­gen die Konsequenz der Entwicklungen. Erst die Interpenetration von Ge­meinschaftssphäre, kultureller, politischer und ökonomischer Sphäre kann neue Ordnungen schaffen und dies auf immer höheren Stufen, je mehr In-terpenetrationszonen sich zwischen den Extrempunkten des vierdimensionalen Handlungsraums herausbilden25.

Um der einseitigen Dynamisierung der ökonomischen Sphäre entgegen­zuwirken, die einer globalen Ordnungsbildung demnach gerade im Wege steht, gilt es zunächst, eine Schere zu schließen, die sich neben der neu ges­talteten Armut-Reichtums-Schere herausgebildet hat: die Schere zwischen global denkenden Wirtschaftsakteuren und rein national denkenden Politi­kern. Letzteren käme die vordringliche Aufgabe zu, an der Stärkung jener Institutionen zu arbeiten, die zur Herstellung des bislang fehlenden politi­schen und rechtlichen Ordnungsrahmens im Weltmaßstab notwendig wä­ren: multilaterale politische Beziehungen und ein internationales Rechts­system. Dass dafür wiederum ein allgemein verbindliches Ethos, zumindest ein Kanon an bestimmten moralischen Grundwerten, auf die man sich in­terkulturell verständigen kann, als normatives Fundament die Vorausset­zung bildet, dürfte zumindest im Westen Konsens sein. Dies wird u. a. von der gegenwärtigen Diskussion um ein Weltethos und die weltweite Durchsetzbarkeit der Menschenrechte widergespiegelt26.

Angesichts der einseitigen ökonomischen Form, in der sich die Globalisierung bislang vollzieht, scheint jedoch der Frage nach einem Weltethos die Frage nach der Begründbarkeit eines Weltwirtschaftsethos vorgelagert zu sein.

5.    Globalisierung: Zusammenwachsen der Kulturen oder Kolonialisierung der Welt?

Um zu verhindern, dass die gegenwärtigen Entwicklungen - wenige Jahre nach dem triumphalen Begräbnis Hes Marxismus-Leninismus - die Theorien von dessen geistigem Vater Karl Marx bestätigen, muss das, was im Anschluss an die ökonomischen Liberalisierungsschübe im 19. und 20. Jahrhundert im Westen entstanden ist, auf globaler Ebene wiederholt werden. Die im Weltmaßstab entfesselten Marktkräfte müssen in die gemäßigte und gebändigte Form einer sozialen Marktwirtschaft überführt werden, wie sie Europa, allem voran Deutschland, während der letzten Jahrzehnte entwickelt hat. Solche und ähnli­che Forderungen sind u. a. die Reaktion auf die beängstigenden Visionen Lester Thurows und anderer von einem heranwachsenden neuen „Lumpenproletari­at", das im Kapitalismus keinen Platz mehr findet neben der Klasse der Wis­sensarbeiter, die Macht und Reichtum erlangt27.

Diese westliche Ausprägung der Marktwirtschaft setzt aber einerseits besagte politische Rahmenbedingungen voraus und impliziert andererseits ein be­stimmtes Ethos. Dieses Ethos, so die Auffassung Peter Koslowskis, darf den anderen Ländern der Erde nicht vorenthalten werden28. Die moralischen Grundwerte, die zur Etablierung des Modells der sozialen Marktwirtschaft beigetragen haben, ebenso wie die Ergänzung und Vertiefung dieses Ethos im Rahmen der wirtschaftsethischen Debatte der letzten Jahre im Westen sollten vielmehr die Stützpfeiler zunächst eines Weltwirtschaftsethos bilden. Langfristig könnte dieses wiederum zur Grundlage eines Weltethos werden, von dem das Handeln der künftigen Weltgesellschaft auch in den übrigen Sphären gesellschaftlichen Handelns im Sinne Parsons gleichermaßen durch­drungen ist.

Zwei Probleme ergeben sich dabei aus meiner Sicht:

1. Was berechtigt uns dazu, gerade die Grundwerte des christlich-abend­ländisch geprägten Westens als Fundament des Weltwirtschaftsethos zu postulieren? Und müsste man dann nicht eher von einer Weltwirtschaftsethik sprechen?

2. Wie lässt sich eine solche Ethik, die unabhängig von dem bestehenden Ethos der verschiedenen Kulturkreise formuliert wird, weltweit implementieren?

Die Antwort auf die erstere Frage lautet: Weil diese Werte - Respekt vor der individuellen Freiheit und Würde der Person, Recht auf Eigentum, soziale Sicherheit und Gerechtigkeit, Verantwortung für die natürliche Umwelt etc. - universale Gültigkeit beanspruchen. Um die Begründung dieses Anspruchs hat sich die abendländische Moralphilosophie der Neuzeit zur Genüge be­müht. Es sind also philosophisch-ethische Argumente, die hier zum Tragen kommen. Ein begründeter Anspruch auf universale Gültigkeit ist aber nicht gleichzusetzen mit einer faktisch gegebenen globalen Geltung, die ein Welt­wirtschaftsethos auszeichnen müsste. Universale Gültigkeit impliziert und legitimiert zwar den Anspruch auf letzteres, garantiert aber nicht gleichzeitig eine weltweite Implementierbarkeit, denn diese, die Durchsetzung ethischer Prinzipien und Normen, hängt noch von anderen Faktoren ab. Der Begriff „Ethos" steht bekanntlich für die Summe geltender Normen und Wertvor­stellungen, die sich in einem System im Laufe der Zeit herausgebildet haben. Der Begriff „Weltwirtschaftsethos" bezieht sich also auf das bestehende Wertsystem der globalen Wirtschaft. Ein einheitliches Ethos dieser Art existiert aber bislang noch nicht. Was es bereits gibt, ist zweierlei:

(1) ein von rein ökonomischen Zielen und Werten geleiteter Prozess auf der normativen Grundlage einer sozialutilitaristischen Ethik angelsächsischer Prägung, der als solcher auf die Entstehung eines freien Weltmarktes mit dem Ziel eines größtmöglichen Wohlstands für die größtmögliche Zahl von Menschen ausgerichtet ist. Die Erreichung dieses Zieles soll dabei allein der Marktmechanismus garantieren. Er hat die individuellen Präferenzen der Akteure am Markt in Handlungen mit gemeinwohlförderlichen Aus­wirkungen zu transformieren.

(2) eine Pluralität von Wirtschaftsgesinnungen und kulturspezifischen Aus­prägungen eines Wirtschafts- und Arbeitsethos. Überall da, wo sich das marktwirtschaftliche System bereits durchgesetzt hat oder dabei ist, sich zu etablieren, entstehen neue Spielarten, die dadurch zustande kommen, dass sich das traditionell gewachsene und religiös geprägte Wertsystem der jewei­ligen Länder mit den Anforderungen des marktwirtschaftlichen Systems verbindet. Im Idealfall gelingt eine fruchtbare Synthese, die dem wirt­schaftlichen Wachstum und Entwicklungsprozess unmittelbar zuträglich ist, so wie Max Weber seinerzeit die protestantische Ethik als Faktor für den Aufstieg und die Entfaltung des Kapitalismus eingestuft hat29.

 

Kann oder, besser gesagt, soll die Marktwirtschaft dabei nun als „trojanisches Pferd" fungieren, mit dem der Westen sein christlich-abendländisch gepräg­tes Ethos - legitimiert durch besagten ethischen Universalismus - in andere Kulturkreise einschleust? Oder bleibt es bei dem oben angedeuteten Wirtschaftsimperialismus, bei der Kolonialisierung der bislang von Kommerz und Konsumrausch unbehelligten Teile der Welt durch das kapitalistische Prinzip? Dass letzteres eintritt, erhoffen sich zumindest die westlichen Poli­tiker und Ökonomen. Sie stützen ja genau darauf ihre optimistischen Prog­nosen, dass sich die Unterschiede im Lohnniveau aufgrund der wachsenden Bedürfnisse in den heutigen Billiglohnländern mittelfristig ausgleichen wer­den. Aber setzen sie damit nicht voraus, dass auch ersteres über kurz oder lang eingetreten sein wird: die Relativierung des jeweiligen kulturspezifi­schen Ethos dieser Länder durch Orientierung und Adaption an das Leitbild des „Homo oeconomicus" in der oben geschilderten Form?

Könnte es nicht sein, dass die Weltauffassung in Ländern alt-buddhistischer und hinduistischer Prägung dieser Entwicklung im Wege steht? Warum sollte ein überzeugter, „orthodoxer" Buddhist oder Hindu, für den das Le­ben im Hier und Jetzt bloßer Schein ist, respektive Durchgangsstation seiner Seele auf ihrem Erlösungsweg, Abarbeitung seines Karmas, diese Nichtigkeit der Welt plötzlich affirmieren und nach materiellem Reichtum streben? Doch wohl erst dann, wenn seine Kultur und die Gesellschaft, in die er hineingeboren wurde, jenen Säkularisationsprozess durchläuft, den der Wes­ten bereits hinter sich hat. Oder aber, weil sich zeigen sollte, dass es entgegen den Annahmen Max Webers neben dem Protestantismus auch noch andere Religionen und Weltanschauungen gibt, die zu einer produktiven Synthese mit dem marktwirtschaftlichen System in der Lage sind, wie es in Bezug auf die spezifisch japanische Ausprägung des Buddhismus, des Shintoismus und Konfuzianismus Japan, die Tigerstaaten und China vorgeführt haben.

Schwierig und nahezu undenkbar erscheint jedoch eine solche Verbindung von religiöser Weltanschauung und Kapitalismus in hinduistisch geprägten Ländern, ohne dass die spezifischen Inhalte und die ethische Orientierung des Hinduismus grundlegend modifiziert, damit aber letztlich ausgehöhlt werden würden. Ein Blick auf die Zustände im heutigen Indien, wie sie beispielsweise Thomas ross schildert, lässt kaum einen anderen Schluss zu: Die Atmosphäre von Ruhe und Wärme, von gelebter Spiritualität und Tradition, die sich aus der spezifisch hinduistischen Einheit von Heiligem und Profanem speist, zieht nicht nur den westlichen Besucher in ihren Bann, sondern auch jeden Inder, egal wie lange er im Westen gelebt hat, damit aber zurück in ein vorindustrielles Zeitalter mit einem scheinbar unauflöslichen Kastenwesen30. Der Hinduismus fördert Qualitäten und setzt Werte, die jenen, die wir für eine leistungsstarke Marktwirtschaft als notwendig anse­hen, geradezu entgegengesetzt sind: Gefühl, Sensibilität, Anpassungsfähig­keit und eine schier unbegrenzte Fähigkeit, mit Chaos und Anarchie zu leben, zeichnen nach ross den typischen Hindu aus, während Disziplin, Leistungswillen, Durchsetzungskraft, Entscheidungs- und Innovationsfreude auf dem Boden der traditionellen indischen Kultur nur schlecht oder gar nicht gedeihen können31.

Es scheint fast so, als würde die Zukunft der Weltreligionen, respektive das Schicksal der von ihnen geprägten Völker, davon abhängen, ob sich ihr traditionelles Ethos, ihre nationale Mentalität und andere kulturspezifische Gegebenheiten mit dem Wertsystem des Kapitalismus vereinbaren oder gar dafür fruchtbar machen lassen.

Im Zuge der Globalisierung sind wir dadurch mit einem neuen Phänomen konfrontiert: mit einem Wettbewerb der Kulturen. Vielleicht wird ja irgend­wann auch die religionswissenschaftliche Frage nach dem „Ranking" der Weltreligionen auf diesem Wege entschieden werden können - durch Bezug­nahme auf das Kriterium wirtschaftlichen Erfolgs, den ein Land dank seines religiös untermauerten Wirtschaftsethos errungen hat. Die Position eines christlichen Exklusivismus könnte ja den weltweiten Siegeszug der Markt­wirtschaft auf der Basis eines überwiegend christlich geprägten Wertsystems durchaus in dieser Hinsicht und damit als ihre Bestätigung deuten, wenn es da nicht besagtes Gegenbeispiel der buddhistisch und konfuzianistisch be­stimmten asiatischen „Neuaufsteiger" gäbe.

Man mag Überlegungen dieser An für absurd, vielleicht sogar für blasphemisch halten. Erinnert man sich aber des oben dargestellten Beratungspro­gramms für Unternehmen im Zeitalter der Globalisierung, in dessen Kon­text Persönlichkeit als Profit-Center gedeutet wird, dann erscheint es doch ziemlich naheliegend, neben Charakter und Lebensphilosophie auch Religi­osität in erster Linie als Marktfaktor aufzufassen.

Wo das Wohl der Menschheit rein materiell bestimmt wird, das Bewusstsein der Erlösungsbedürftigkeit verschwindet und die Frage nach dem Heil und Seelenfrieden des Menschen von dem Streben nach einem rein innerweltlich bestimmten Glück abgelöst wird, liegt da die Annahme so fern, dass auch die Religion früher oder später nur noch in ihrer funktionalen Bedeutung dafür gesehen werden wird? Und wo der Glaube an eine transzendente Macht, die die Geschicke des Menschen in letzter Hinsicht zum Besten lenkt, durch den Glauben an den Marktmechanismus mit analogen Fähigkeiten und Wirk­möglichkeiten ersetzt wird, muss da nicht konsequenterweise an die Stelle des religiösen Ethos, das im Dienst menschlicher Erlösung stand, ein öko­nomisches Ethos treten, das der Erreichung des nun zum höchsten avancier­ten Zieles materiellen Wohlstands dient?

Die tröstenden Worte der Manager sich globalisierender Unternehmen in Deutschland - „keine Sorge, in ein paar Jahren sieht alles ganz anders aus" -bedeuten sie nicht letztlich: „keine Sorge, in ein paar Jahren wird der neue 'Heilsweg1, den die Marktwirtschaft weist, auch in denjenigen Ländern als allein gültiger und zu gehender akzeptiert worden sein, denen heute noch ein traditionsbedingter überdurchschnittlicher Arbeitseifer und eine religiös motivierte Verzichtsbereitschaft Wettbewerbsvorteile gegenüber dem Wes­ten bescheren"? Und zeigt nicht die Entwicklung eben hier, im Westen, dass diese Zukunftsvision gute Chancen hat, Realität zu werden? Was Max We­ber noch auf den Protestantismus zurückführen konnte und was seinerzeit in der Tat noch an bestimmte religiöse Vorstellungen rück- und eingebun­den war - ein bestimmtes Arbeitsethos - hat sich längst aufgelöst, das Streben nach materiellem Wohlstand verselbstständigt. Arbeit im Sinne von Leistung ist zum Selbstzweck geworden, Erfolg im Sinne erfüllter Leistung, die sich bezahlt macht, zur einzigen Quelle, aus welcher der moderne wie der post-moderne Mensch sein Selbstwertgefühl schöpfen kann.

Trotz allem soeben geäußerten Pessimismus meine ich, dass im Kontakt und Aufeinandertreffen unterschiedlicher Nationalitäten und kultureller Iden­titäten, zu denen es im Zuge der Internationalisierung von Unternehmen verstärkt kommt und kommen wird, eine der größten Chancen der Globali­sierung liegt, dann nämlich, wenn die Schlüsselqualifikation der sozialen Kompetenz, die während der letzten Jahre von Führungskräften wie Mitar­beitern zunehmend gefordert worden ist, im Kontext der Globalisierung aus sachlich gebotenen Gründen zur interkulturellen Kompetenz erweiten wird. Entsprechende Fonbildungskurse und interne Schulungen lassen sich als erste Anzeichen dafür werten, dass deren Relevanz zumindest von den größeren Unternehmen bereits gesehen wird.

Dies könnte auch die Rettung für den oben dargestellten, von Entwurzelung und kultureller Heimatlosigkeit bedrohten Typus des globalen Wirtschafts­akteurs bedeuten. Denn um analysieren zu können, inwiefern die neuartigen Management- und Führungsprobleme, die sich auf internationaler Ebene ergeben, durch interkulturelle Differenzen bedingt sind, muss er zunächst einmal seine eigene soziokulturelle Prägung reflektieren und sich bewusst machen, inwiefern diese sein alltägliches Handeln implizit oder explizit bestimmt. In der damit verbundenen notwendigen Rückbesinnung auf seine kulturelle Identität und religiöse Verwurzelung liegt die Chance, sie für sich selbst qua geistiger Vergegenwärtigung lebendig zu erhalten und so zu be­wahren.

In der Konfrontation mit dem ganz Anderen fremder Kulturen und in dem Bemühen, dieses Andere erfassen zu wollen, kann und muss er darüber hin­aus jene Aspekte und Vermögen seiner Personalität zur Entfaltung bringen, die ihn zugleich als moralische Person ausmachen und die er dem oben ge­nannten Paradox der Gleichzeitigkeit von einzelnem und allgemeinem Sein verdankt: die Fähigkeit nämlich, die rein egozentrische Perspektive auf­zugeben, den subjektiv bestimmten Standpunkt zeitweilig zu verlassen, sich in den anderen hineinzuversetzen und so zu „verstehen" im eigentlichen Bedeutungssinn des Wortes.

 

6.    Die Entstehung eines Weltwirtschaftsethos

Der notwendige Erwerb interkultureller Kompetenz, der sich für die inter­national tätigen Unternehmen aus dem pragmatischen Interesse an einem reibungslosen, weil nur dann effizienten Management ergibt, könnte als positive Nebenwirkung der ökonomischen Globalisierung - ganz im Sinne des Marktprinzips - zur Initialzündung für einen interkulturellen Dialog werden, der für das Zusammenwachsen der Weltgemeinschaft von zentraler Bedeutung ist. Hier liegt meines Erachtens das Potential für die Entstehung eines Weltwirtschaftsethos, das nicht zu besagtem trojanischem Pferd eines westlichen Kulturimperialismus wird. Ein solches Ethos aber kann nicht eingleisig begründet werden, sondern muss sich durch zunehmende Orien­tierung an interkulturell konsensfähigen und damit global verbindlich zu machenden Prinzipien in konkreten Handlungssituationen und Interaktions­zusammenhängen allmählich herausbilden.

Angesichts des praxisorientierten Kontextes, dem er entspringt, würde sich ein interkultureller Dialog dieser Art zunächst jenseits aller heiklen dog­matischen Fragen bewegen, wie sie etwa einen interreligiösen Dialog glei­cher Zielrichtung bestimmen, so auch Küngs „Projekt Weltethos". Damit ein interkultureller Dialog für die Verständigung auf ein gemeinsames Ethos fruchtbar gemacht werden kann, muss er auch auf der Meta-Ebene geführt werden, dann jedoch in der Form eines interkulturellen philosophischen Austausches. Dass damit zugleich implizit, aber* eben nur implizit, ein inter­religiöser Dialog stattfindet, ist dadurch bedingt, dass die Weltanschauung und die normativen Orientierungen einer Kultur entscheidend von den religiösen Überzeugungen abhängen, die sie geprägt haben.

Die Frage, ob und inwieweit eine solche religiöse Prägung auch für die Ent­würfe der neuzeitlichen Philosophie des Westens gilt, allem voran für die Ansätze eines ethischen Universalismus, gewinnt im Kontext der Diskussion um die leitenden Werte für ein Weltwirtschaftsethos neue Aktualität. Es bleibt zu klären, ob die Ethik-Entwürfe, wie sie insbesondere im Anschluss an Kant entstanden sind, an der Herausforderung scheitern, sich als global gültige Orientierungen bewähren zu müssen. Dies könnte geschehen, wenn sich zeigen sollte, dass die Werte, auf die dabei rekurriert wird, zu stark in der christlich geprägten abendländischen Kultur verwurzelt sind, als dass sie sich in und für andere Kulturen kommunizierbar machen ließen, oder, weil sich zeigen sollte, dass ethische Prinzipien universaler Geltung eben doch nicht aus der „praktischen Vernunft" jenseits aller Theologie ableitbar sind, wie Schopenhauer an Kants Anspruch einer Moralbegründung dieser Art kritisiert32 - eine Kritik, die sich jedoch gegenüber Schopenhauers eigenem Entwurf einer Mitleidsethik gleichermaßen geltend machen ließe.

Aber nicht nur der ethische Universalismus westlicher Herkunft steht auf dem Prüfstand globaler Implementierbarkeit. Das Gleiche gilt für die wirt­schaftsethischen Ansätze, die bislang von amerikanischen und europäischen Theoretikern vorgelegt wurden. Hier geht es neben der Frage der globalen Gültigkeit der ethischen Prinzipien, die diesen Konzepten jeweils zugrunde liegen, vor allem um die Frage, ob die vorausgesetzten Rahmenbedingungen im Weltmaßstab gegeben sind.

Für ein demgegenüber interkulturell zu entwickelndes Weltwirtschaftsethos lässt sich auch aus ökonomischer Sicht plädieren, wenn man die Über­legungen der älteren Historischen Schule der Nationalökonomie zugrunde legt. Diesen zufolge kann auch die weltweite Implementierung des markt­wirtschaftlichen Systems selbst nur dann erfolgreich sein, wenn dabei auf den jeweiligen kulturellen Kontext Bezug genommen, d. h. die kulturspezifi­schen Besonderheiten mit ins ökonomische Kalkül gezogen werden33. Ana­log dazu müssten die Prinzipien ethischen Wirtschaftens im Weltmaßstab auf moralische Normen und Werte rekurrieren, die sich - wenn vielleicht auch mit einer anderen Begrifflichkeit - auch in anderen Kulturen auffinden lassen. Die Suche nach diesem kleinsten gemeinsamen Nenner im Ethos aller Kulturen bildet meines Erachtens die erste Voraussetzung für die Entwick­lung eines Weltwirtschaftsethos auf einer Art drittem Weg zwischen der bloßen Akzeptanz eines pluralistischen ethischen Relativismus und der kulturimperialistischen Durchsetzung eines ethischen Universalismus west­licher Prägung.

Ein sinnvoller Anknüpfungspunkt eines solchen philosophisch geführten interkulturellen Dialogs könnte die Frage sein, in die nach Kant alle zentra­len philosophischen Fragen münden und deren Gegenstand das ausmacht, was alle Menschen miteinander verbindet: ihr Menschsein34. Denkbar wäre beispielsweise  eine   Untersuchung,   ob   sich  das   oben  erwähnte   Struk­turprinzip der Zweieinheitlichkeit oder etwas diesem Prinzip Analoges im Menschenbild anderer Kulturen finden lässt. Oder ob und inwiefern die westliche Deutung des Menschen als Person erweitert werden muss, damit sie als Bezugspunkt fungieren kann zur Begründung ethischer Prinzipien und Wertorientierungen für das Handeln der Menschen in dieser Welt.

Überlegungen dieser Art könnten darüber hinaus an den Tag bringen, was den eigentlichen Wettbewerbsvorteil der abendländischen Kultur ausmacht und sie zugleich als Marktführer in der Branche der Zukunft, den symbol­analytischen Diensten, ausweist: das Vermögen, übergreifende Ordnungs­strukturen auf der Basis demokratischer Grundwerte zu schaffen, d. h. Kon­zepte menschlichen Miteinanders zu entwickeln, die es erlauben, eine Mitte zu finden und zu leben zwischen Eigennutz und Gemeinwohl, zwischen übertriebener Ich-Bezogenheit und einem .vollkommenen Aufgehen im Allgemeinen einer Gruppe, wovon beispielsweise die Haltung der Menschen in asiatischen Kulturen - noch, aber wie lange noch? - geprägt ist.

Personalität leben bedeutet beide Aspekte zur Entfaltung zu bringen: Indivi­dualität und Relationalität, persönliche Stärken und Talente ebenso wie die Synergien, die sich durch Kooperation mit anderen in einer Arbeits- und Lebensgemeinschaft ergeben. Dass die Zukunft des Westens unter den Be­dingungen des Informationszeitalters entscheidend davon abhängt, ob es ihm gelingt, diese Balance zwischen Egoismus und Solidarität zu finden, hat in jüngerer Zeit der Ökonom und Informationstheoretiker Leo Nefiodow herausgestellt35. Interessanterweise hält Nefiodow die Rückbesinnung auf spezifisch christliche Werte dabei für zentral. Und in der Tat: das christliche Gebot der Nächstenliebe fordert nicht nur zu einer vorübergehenden Relativierung der egozentrischen Perspektive auf, was jede Form moralischen Handelns voraussetzt. In der Liebe als höchster Form der Selbsttranszendenz wird das Wohlergehen des anderen Teil der eigenen subjektiven Ausrichtung und damit die geforderte Mitte gelebt. Durch die dauerhafte Öffnung für den anderen, die Liebe ausmacht, wird das kleine, auf sich selbst fixierte und in sich zentrierte Ego transformiert und gewinnt eine neue Existenzform -sein eigentliches personales Selbst.

Vielleicht wird es also doch nicht nur der Export seiner „Ethik des Kapita­lismus" (Peter Koslowski) sein, die dem Westen im Wettbewerb der Kultu­ren in Zukunft seine Marktanteile sichern wird. Vielleicht geht aber auch Indien aus diesem Wettbewerb als Sieger hervor, dann nämlich, wenn sich zeigen sollte, dass der Mensch weder physisch noch psychisch dem Mobili­tätsprogramm gewachsen ist, das der internationale Konkurrenzdruck im Zuge der Globalisierung zu fordern scheint, und dass Immobilität und Phlegma das Gebot der Stunde sind, wenn sich das „Profit-Center Mensch" im Wettbewerb der individuellen Lebenschancen die Chance auf ein menschliches Leben sichern will.

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1 Vgl. Robert B. Reich : Die neue Weltwirtschaft. Das Ende der nationalen Ökonomie, Frankfurt a.M. (Fischer) 1996, S. 93ff, 104ff, 126.

2     Vgl. P. Ulrich : Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökono­mie, Bern, Stuttgart, Wien (Haupt) 1997, S. 379ff.

3    Vgl. Robert B. Reich, a.a.O., S. 198ff.

4    Vgl. Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Frankfurt a.M., New York (Campus), 3. Aufl. 1995/96, S. 112.

5    Vgl. Lester Thurow: The Future of Capitalism. How Today's Economic Forces will Shape Tomorrow's World, London (Staples) 1996, S. 167ff.

6    Vgl. dazu "Allein der Markt regiert", in: DER SPIEGEL 39/1996, S. 87.

7 Vgl. dazu Peter Koslowski: "Die zunehmende Bedeutung und Globalisierung der Märkte.
Konsequenzen für Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur", in: P. Koslowski (Hrsg.):
Weltwirtschaftsethos. Globalisierung und Wirtschaftsethik, Wien (Passagen) 1997, S. 47-78
hier S. 50.

8     Vgl. „Allein der Markt regiert", a.a.O., S. 84

9 Vgl. dazu Annette Kleinfeld: „Gerechtigkeit, Globalisierung, Zukunft der Arbeit. Tagung des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik - EBEN Deutschland e.V.", in: DBW - Die Be­triebswirtschaft 5/97, S. 737 - 739.

10 Vgl. P. Koslowski, a.a.O., S. 52

11   Hans Peter Martin, Harald Schumann: Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokra­tie und Wohlstand, Reinbek b. Hamburg (Rowohlt), 4. Aufl. 1996.

12  Zitiert nach DER SPIEGEL 39/1996, S. 95.

13 Vgl. dazu Peter Koslowski, a.a.O., S. 48f, S. 51f.

14 Vgl. dazu Martin / Schumann, a.a.O., S. 12ff.

15 Vgl. dazu Lester Thurow , a.a.O., S. 173.

16  James Goldsmith: Die Falle und wie wir ihr entrinnen können. Holm (Deukalion) 1996, zitiert nach DER SPIEGEL 39/1996, a.a.O., S. 94.

17   Dieser Begriff wurde 1995 von dem amerikanischen Ökonomen Edward Luttwak geprägt und bezeichnet eine Situation, in der die wirtschaftliche Ertragslage von Unternehmen al­len anderen Funktionen übergeordnet wird. Vgl. Jörg Staute: Das Ende der Unterneh­menskultur. Firmenalltag im Turbokapitalismus, Frankfurt a.M., New York (Campus) 1997,5.20.

18   Vgl. L. Thurow, a.a.O., S. 165.

19   Vgl. Adam Smith: The Theory of Moral Sentiments (1759, London 1853), New York (Mc Millan) 1966, S. 122f., 166-170, 224-240. Vgl. auch H.C. Recktenwaldt: „Würdigung des Werkes", in: A. Smith: Der Wohlstand der Nationen, hrsg. v. H.C. Recktenwaldt, Ausgabe nach der 5. Aufl. des Originals „The Wealth of Nations" (1776), London 1789, München (dtv) 1978, S. XLIff., XXXIIff.

20   Vgl. Max Müller: „Person und Funktion", in: Philosophisches Jahrbuch, Bd. 69, Hbd. 2, 1961/62, S. 371-404, hier S. 393.

21   Vgl. dazu Mark Siemons: „Das Regime der Berater. Wie mit der Globalisierung ein neuer Menschentypus in den Betrieben Einzug hält", in: FAZ, Nr. 232 v. 5.10.1996, Bilder und Zeiten.

22   Vgl. dazu Annette Kleinfeld: Persona Oeconomica. Personalität als Ansatz der Unterneh­mensethik, Heidelberg (Physica) 1998, S. 138-153.

23   Vgl. dazu A. Kleinfeld, ebda., S. 159ff.

24   Vgl. Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 2, 3. duchges. Aufl., Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1985, S. 460.

25   Vgl. z. B. Talcott Parsons: „On the Concept of Political Power", in: ders.: Politics and Social Structure. New York (The Free Press) 1969, S. 397-404; ders.: „Social Structure and the Symbolic Media of Interchange", in: ders.: Social Systems and the Evolution of Action Theory. New York (The Free Press), S. 204-228; ders.: „A Paradigm of the Human Condi tion", in: ders.: Action Theory and the Human Condition. New York (The Free Press), S. 392-414.

 

26   Vgl. die Überlegungen Hans Küngs : Projekt Weltethos. München, Zürich (Piper)1990; ders.: Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft, München, Zürich (Piper) 1997.

27   Vgl. L. Thurow, a.a.O.; vgl. auch H. Afheldt: Wohlstand für niemand? Die Marktwirt­schaft entläßt ihre Kinder, München (Beck) 1994.

28   Vgl. P. Koslowski, a.a.O., S. 53.

29   Vgl. Max Weber: Die protestantische Ethik und der „Geist" des Kapitalismus (1904/1905). Hrsg. u. eingel. v. K. Lichtblau und J. Weiß, Weinheim (Beltz Athenäum), 2. Aufl. 1996.

30   Vgl. Thomas ross: „Hinduismus", in: Marktwirtschaft Teufelswerk? Die Weltreligionen + Die Wirtschaft, hrsg. v. informedia-Stiftung, Gemeinnützige Stiftung für Gesellschaftswis­senschaften und Publizistik, Köln (informedia-Stiftung) 1992, S. 73-83.

31   Vgl. T. ross, ebda., S. 76.

32   Vgl. Arthur Schopenhauer: Preisschrift über die Grundlage der Moral, Kap. H, in: Sämtli­che Werke, hrsg. v. W. Frhr. v. Löhneysen, Darmstadt (Wiss. Buchges.) 1968, Bd. III, S. 642-715.

33   Vgl. Peter Koslowski: Einleitung, in: ders. (Hrsg.): Weltwirtschaftsethos. Globalisierung und Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 17-22, hier S. 19; zur Aktualität der Historischen Schule der Nationalökonomie für die wirtschaftsethische Diskussion vgl.: ders. (Hrsg.): The The-ory of Ethical Economy in the Historical School. Wilhelm Röscher, Lorenz v. Stein, Gus­tav Schmoller, Wilhelm Dilthey and Contemporary Theory, Heidelberg (Springer), 1. Aufl., 1995, Nachdruck 1997.

34 Vgl. Immanuel Kant: Logik, Einleitung, Ges. Schriften, hrsg. v. d. Preußischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 9, Berlin (Reimers) 1923, S. 25.

35   Vgl. Leo Nefiodow: Der 6. Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information, St. Augustin (Rhein-Sieg) 1996, bes. S. 123-142.


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