Knowledge Base Unternehmensberatung Bickmann & Collegen
Dokument-Info:
Autor: Roland Bickmann
Quelle: Handelsblatt, Nr. 122 30.06.2003, S. 9
Themenverwandtes:
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Mehr Mut zur Innovation!

In Deutschlands Unternehmen bestimmen offensichtlich die Controller die Strategie: Wenn sinkende Umsätze und Erträge drohen, dann fällt Entscheidern in Unternehmen als Erstes der kräftige Tritt auf die Kostenbremse ein: Budgets werden gekürzt, Investitionen verschoben, Menschen werden entlassen. Von Verbesserungen oder gar Innovationen ist keine Rede. Argumentiert wird mit "wirtschaftlichen Zwängen" oder der "schwierigen konjunkturellen Lage". Das entfaltet eine große Kraft in Entscheidungsgremien und suggeriert Alternativlosigkeit. Die Folge ist die Hinnahme von Entscheidungen, die wie gottgegeben auf das Unternehmen herniederkommen. Langfristige Strategien zur Erreichung zukunftsträchtiger Ziele bleiben auf der Strecke.

Dieses Vorgehen erscheint paradox, wenn man nach dem Heilmittel zur Gesundung der Volkswirtschaft fragt. Die Verordnung lautet: Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum. Kann die Wirtschaft diese Forderung angesichts von Innovationsmüdigkeit und der Scheu vor dem Risiko überhaupt erfüllen? Die Controlling getriebene interne Atmosphäre in den Unternehmen setzt das Signal auf "Erhalten und Sichern" und eben nicht auf "Wachsen und Riskieren". Unternehmerische Aktivitäten, risikogeneigtes Handeln oder Innovationsorientierung? Fehlanzeige! Die Investitionen der Unternehmen in Forschung und Entwicklung gehen laut Ifo-Institut sogar zurück. Gesichtspunkte der Kostensenkung sind in Strategiediskussionen zu Totschlagsargumenten geworden.

Das Hauptproblem der Controlling-Ära ist die Veränderung der Mentalität der Investoren und jener, die Entscheidungen auf den Brücken der Unternehmensschiffe zu fällen haben. Sichere Investments sind gefragt, keine zukunftsträchtigen, aber risikobehafteten Kurswechsel. Sicherheitsstrategien in turbulenter See - das ist ein Widerspruch. Verliert das Schiff an Fahrt, wirkt der Wellenschlag umso gefährlicher!

Investments mit geringem Risiko sind in ihrem Charakter eher Variationen des Vorhandenen als wirkliche Innovationen. Das "neue" Kinderhandy mit nur sechs programmierbaren Nummern weist in eine solche Richtung. Ein mutiges Mobilitätskonzept, wie es der "Smart" einmal war, ist zu einem "normalen Auto" zurechtgestutzt beziehungsweise verlängert worden. Man richtet sich nach eher konservativen Markterfordernissen. Wagnisse sehen anders aus!

Nur: Es sind eben nicht die bloßen Variationen des bereits Bekannten, sondern die wirklichen Innovationen, die eine andere Stimmung hervorrufen können. Nicht jede Innovation lässt sich schnell Gewinn bringend umsetzen, manche brauchen eine schier unerträgliche Anlaufzeit. Zurzeit aber entsteht der Eindruck, als werden Ideen erst gar nicht zugelassen oder im Keim erstickt. Hauptsache, im Unternehmen ist alles unter Kontrolle - vor allem die Kosten.

Dabei fehlt es nicht an Know-how für Produkt- oder Systeminnovationen. Man denke an die Idee der intelligenten Steuerung des Verkehrs, die technischen Möglichkeiten der Leitsysteme per GPS und die damit gekoppelte Steuerung der individuellen Fahrzeuge. Eine ähnliche Technologie zur Verkehrssteuerung in der Luft könnte revolutionäre Innovationen erlauben. Ein anderer Bereich, der näher liegt, ist das eigene Zuhause: Die Technologie zur sinnvollen Vernetzung der technischen Geräte im Haushalt ist vorhanden, marktreife, integrative Lösungen gibt es nur wenige. Darüber hinaus fehlt der Mut, diese offensiv am Markt zu präsentieren.

Welche Möglichkeiten ließen sich in einer anderen Atmosphäre nutzen, wenn wir uns nur klar machen würden, wie wenige Innovationen umgesetzt werden und wie viele Chancen für einen intelligenteren Konsum wir verschenken. Eine Atmosphäre, in der eben nicht "Geiz geil ist". Der Philips-Vorstandschef Gerard Kleisterlee hat kürzlich eingeräumt, dass sein Konzern bei der Umsetzung von Patenten, sprich Innovationen, in interessante Angebote für den Konsumenten Probleme hat und Besserung gelobt. Immerhin ein Lichtblick.

Denn dahinter steht die Erkenntnis: Unternehmen könnten ihr Umfeld und damit ihre Märkte gestalten, wenn sie sich für den richtigen Fokus entscheiden und intelligente, individualisierte Produkte und Lösungen bieten. Unternehmen sind mitverantwortlich für die innovationsfeindliche Atmosphäre, in der sie agieren: Konsumverzicht ist auch Konsumunlust. Effizienz- und Kostensenkungsstrategien sind nach innen gerichtet. Bei so viel Selbstbetrachtung scheint man in vielen Chefetagen zu vergessen, dass da draußen eine Welt ist, die sich verändert und voller Chancen ist.

Gegenwärtig bietet diese Chancen zum Beispiel - immer noch und allen Pleiten zum Trotz - das Internet. Wer diesen Vertriebskanal intelligent und konsequent nutzt, kann damit Erfolg haben. Ein Beispiel ist die gemeinsame Plattform Obi@Otto, die jetzt vom schweizerischen Gottlieb-Duttweiler-Institut für die erfolgreiche Integration von Verkaufskanälen mit einem Innovationspreis ausgezeichnet wurde. Man kann sich also auch in Krisenzeiten mit Ideen behaupten.

Trotz solcher Beispiele ist die Grundstimmung eher düster. Über den Köpfen der verzagten Unternehmensführer schallt zu allem Überfluss das immer gleiche Gezeter der Protagonisten aus Wirtschaft und Politik, die sich in der Diskussion über ökonomische Probleme in den bekannten Schuldzuweisungen ergehen, obwohl die Grundlinien für die Lösungen seit langem bekannt sind. Das liefert die bequeme Ausrede dafür, den Kopf noch etwas mehr einzuziehen und in die nächste Kostensenkungsrunde zu gehen. Man fragt sich: Können wir uns die Zukunft sparen?

 


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