Integrität - MangelwareManager-Schelte hat Konjunktur. Doch die angeprangerten
«Auswüchse» sind nicht einfach Charakterfehler, sie müssen auch
systembedingt gelesen werden: als Überforderung und Strukturdefizite. Während
in den USA die Topunternehmen auf die neuen Rahmenbedingungen handfest
reagieren, werden bei uns Maßnahmen wie «Corporate Ethics» noch immer
belächelt. Annette Kleinfeld führt in diesen Sperrbezirk des
Globalisierungsprozesses und zeigt Schlüsselqualifikationen für die Führungselite
von morgen.
MANAGEMENT DER ZUKUNFT Ihr Image ist so schlecht wie nie.
Sie stehen im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik — manche sprechen von
einer regelrechten «Hexenjagd», die auf sie gemacht werde. Die Rede
ist von unseren Topmanagern, heute oft «Abzocker in Nadelstreifen»
genannt. Sind sie nur Opfer einer medialen Hetze, zu Unrecht Gejagte und
Rufgemordete, oder sind sie Täter — so gierig, egomanisch und
unmoralisch wie ihr Ruf—, die ihr längst verdientes «Fett»
abbekommen? Die Wahrheit dürfte wie so oft in der Mitte liegen. — Bei
differenzierter Betrachtung. Um diese sollte es allerdings gehen, wenn über
Menschen und deren ethisches Fehlverhalten geurteilt wird. Vielleicht sind einige wirklich
Opfer. Aber weniger Opfer der Medien als Opfer ihrer eigenen Unzulänglichkeit
und Überforderung angesichts fundamental veränderter Rahmenbedingungen.
Opfer auch, als Einzelne stellvertretend für das System, dem sie dienen
und an dem sie verdienen, an den Pranger gestellt zu werden. Aber werden
sie nicht gerade dadurch zu (Unterlassungs-)Tätern, die lieber die Hand
aufhalten und «Schweigegeld» kassieren, als sich an den Missständen
zu reiben und für Veränderungen einzusetzen? Mehr noch: Die auch dann,
wenn ihre Fehlleistungen offenkundig sind, Forderungen stellen, anstatt
sich zu ihrer Verantwortung zu bekennen — wie etwa im prominenten Fall
des Swissair-Managers Eric Honegger? SCHWARZE SCHAFHERDEN Betrachten wir die diskutierten
Probleme: Die Unternehmensgewinne steigen, aber nur Aktionäre und Vorstände
profitieren; die Basis arbeitet zu Hungerlöhnen, während das obere
Management seine Einkommen und Zusatzbezüge ins Unerklärbare
hochschraubt. Mit der angedrohten Verlagerung von Arbeitsplätzen werden
Politik und Gewerkschaften eingeschüchtert und Sozialdumping
gerechtfertigt; und dafür verantwortlich gemacht werden «ökonomische
Sachzwänge», bedingt durch verschärfte internationale
Wettbewerbsbedingungen
und wachsende Anforderungen an Rentabilität, Flexibilität, Mobilität,
Eigenverantwortlichkeit, Wissen, Kompetenz, Innovationskraft und Tempo,
Tempo und nochmals Tempo. Das gezeichnete Bild ist klar: Die
Globalisierung führt zu solchen Entwicklungen wie zur sich kontinuierlich
öffnenden Schere zwischen Arm und Reich, zwischen vergeblich
Arbeitsuchenden und «workaholischen» Wissensarbeitern, die mehr
verdienen, als sie ausgeben können, weil sie keine Zeit dazu haben. Sie führt
zu den «Auswüchsen» der Abzocker-Kaste, die zu den wahren Gewinnern des
Global Playing gehört — exemplarisch aufgedeckt durch die «Gehaltserhöhung»
von Jürgen Schrempp oder jüngst die «Kickbacks» von Investmentbankern,
die sie auch persönlich im großen Stil vom Aktienrausch profitieren
lassen. — So oder so ähnlich sieht es zumindest jener Teil der Weltöffentlichkeit,
der mit «Globalisierungsgegner» bezeichnet wird und neuerdings
Wirtschaftsgipfel aller Art in Terrorszenarien verwandelt. Aber ist es gerechtfertigt, für
all diese Probleme «die globale Wirtschaft» verantwortlich zu machen?
Ist es nicht Aufgabe der Politik, für die Rahmenordnung auch im
ökonomischen
Kontext zu sorgen, sozialer Friede und Gerechtigkeit inklusive? Diese
Ansicht vertritt David Henderson, ehemaliger Chef-Volkswirt der OECD, in
einem Positionspapier für das Londoner Institute of Economic Affairs. Im
Schlagwort der «sozialen Verantwortung» von Unternehmen oder in der Idee
nachhaltigen Wirtschaftens sieht er eine reine Verteidigungsstrategie
gegen die Kritiker der freien Marktwirtschaft und der Profitmotivation,
die im Gewande von Globalisierungsgegnern auftreten. Aufgabe von
Unternehmen sei aber genau und ausschließlich das: Gewinne zu
erwirtschaften, nicht die Welt zu retten. Dafür gibt es Regierungen. Geht es am Ende also nur um ein
paar schwarze Schafe in den Chefetagen, die man lediglich an die «Hammelbeine»
bekommen muss, und schon ist die Welt wieder in Ordnung? Dieser Auffassung
ist bis heute die europäische Rechtsprechung — trotz eines
EU-Rechtsaktes von 1997, der im Falle von Wirtschaftskriminalität eine Änderung
des Strafrechtes nach amerikanischem Muster empfiehlt. Demnach wird nicht
der Einzelne, sondern die Organisation, in deren Interesse oder mit deren
Einwilligung er handelt, strafrechtlich zur Verantwortung gezogen. So bei
Betrug, Korruption, Geldwäsche, Steuerhinterziehung oder
Industriespionage — Delikte, die in den letzten Jahren stetig zugenommen
haben und eher den Begriff einer «schwarzen Schafherde» nahe legen. HANDFESTE MASSNAHMEN Diese Besonderheit des
amerikanischen Strafrechts hat in den USA während der letzten dreißig
Jahre nicht nur eine theoretische Diskussion zum Thema Wirtschafts- und
Unternehmensethik in Gang gesetzt, sondern handfeste Initiativen und Maßnahmen
hervorgebracht. Diese bekamen einen zusätzlichen Schub durch die Federal
Sentencing Commission Guidelines Anfang der Neunzigerjahre. Neben einer
Verschärfung der Strafen etwa für Korruption oder Umweltsünden räumen
diese Richtlinien einen deutlichen Straferlass ein, falls ein Unternehmen
zeigen kann, dass es sich aktiv um die Prävention von
Wirtschaftskriminalität gekümmert hat. Zum Beispiel durch
institutionelle Maßnahmen und Strukturen, die die interne Transparenz und
Integrität der Mitarbeiter auf allen Ebenen stärken. Die Basis solcher Corporate
Ethics-Maßnahmen ist die Selbstverpflichtung der Unternehmen auf Werte
und Grundsätze, die in Form von Vision, Mission und Code of Conduct
niedergelegt und für alle verbindlich gemacht werden. Deren Umsetzung und
Einhaltung wird institutionell unterstützt und überprüft. Dazu gehören
ein Ethics Office mit Ethics Officer als Ansprechpartner und Schlichter
heikler Fälle, die Durchführung von Sensibilisierungs- und
Dilemmatrainings, ein Ethikkomitee auf höchster Ebene, interne und
externe Ethics Audits und eine Hotline, über die Verstöße anonym
gemeldet werden können — wenn es etwa um den eigenen Vorgesetzten geht.
Nach der Devise «Vorbeugen ist besser als zahlen» haben vierzig Prozent
aller Fortune-IOOO-Unternehmen inzwischen ein Ethikprogramm implementiert. Solche Maßnahmen gewinnen auch in
Europa an Bedeutung: -
Im Sinne des Stakeholder Balanced Management, wie es am
Weltwirtschaftsforum Davos gefordert wurde. -
Im Sinne des Prinzips der Nachhaltigkeit, das ökonomische, ökologische
und ethisch-soziale Aspekte umfasst. -
Im Sinne einer Akzeptanz dessen, dass Unternehmen nicht im wertfreien,
luftleeren Raum operieren, sondern Teil einer globalen sozialen
Gemeinschaft sind. -
Im Sinne der Anerkenntnis der daraus resultierenden Verantwortung für die
Folgen des eigenen Tuns nach innen wie nach außen. -
Im Sinne des Wunsches, im globalen Dorf als Good Corporate Citizen zu
gelten, statt auf seinem medialen Marktplatz an den Pranger gestellt zu
werden. PARADOX DES ERFOLGS Natürlich gibt es zu dieser
Entwicklung Gegenstimmen. Karl Homann, einer der ersten Wirtschaftsethiker
im deutschsprachigen Raum, vertritt eine Position wie Henderson: Der
systematische Ort der Wirtschaftsethik liegt für ihn auf der politischen
Ebene. Die Verantwortung von Unternehmen reduziert sich darauf,
wettbewerbsfähig zu bleiben und politisch vorgegebene Spielregeln
einzuhalten respektive sich für deren ethische Modifikation einzusetzen.
Alles andere hat nichts mit Geschäft zu tun. Was die Vertreter dieser
Position verkennen, sind die radikal neuen Rahmenbedingungen des
globalen Marktes: Es gibt keine politische Rahmenordnung im Weltmaßstab,
allenfalls Annäherungen, während staatliche Steuerungsmechanismen immer
weniger greifen. Weltkonzerne wie Siemens, Shell,
Microsoft oder DaimlerChrysler haben de facto größere Handlungsspielräume
und Macht als unter nationalstaatlichen Bedingungen. Und damit haben sie
zugleich mehr Verantwortung, ob sie das wollen oder nicht. Zudem sind für
international tätige Unternehmen Handlungsnotwendigkeiten entstanden,
bedingt durch den Druck einer immer kritischeren Öffentlichkeit und die
Tatsache, dass sich skandalträchtige Nachrichten über Fehlverhalten
heute in Sekundenbruchteilen über den Globus verbreiten. Wie Sandoz nach
der Verseuchung des Rheins oder Shell nach «Brent Spar» und Nigeria, müssen
heute Firmen jeder Grösse und Branche entsprechende Lektionen lernen.
Aktuell gerade die Textil- und Schuhbranche: Während Nike noch immer
mit Vorwürfen zu Kinderarbeit kämpft, steht Deichmann unter Beschuss,
weil er am Produktionsstandort in Indien angeblich das Trinkwasser
verseuchte, und Charles Vögele sieht sich gezwungen, die
Arbeitsbedingungen bei seinen Lieferanten durch neutrale Instanzen überprüfen
zu lassen. Zur kritischen Öffentlichkeit,
die solche Dinge aufgreift, gehören nicht nur Medien, Verbände und NGOs,
parallel dazu sind nicht minder kritische Konsumenten- und Anlegergruppen
entstanden, deren Bedeutung zunimmt. Bereits realisieren über vierzig
Prozent aller US-Bürger ihre Konsumentensouveränität dahin, dass sie
mit ihrem Kaufverhalten ethisch fragwürdiges Handeln bestrafen. Auch in
Europa wachsen solche Tendenzen, wie jüngst der «erste sozial begründete
Konsumentenboykott» in Frankreich: Die Ankündigung von
Massenentlassungen bei Danone brachte die Franzosen nicht nur auf die
Barrikaden, sondern zum großen Teil auch dazu, freiwillig auf ihre
Lieblingsmarke zu verzichten. Denn als Hintergrund der geplanten Maßnahmen
wurden keine Umsatzeinbrüche gehandelt, sondern steigende Ansprüche der
Aktionäre. Immer mehr Investoren allerdings
orientieren sich selbst an ethischen Kriterien, was zu einem Boom bei
nachhaltigen Anlagen führte. Laut Öko-Zentrum NRW stieg das Volumen des
in Umwelt- und Ethikfonds investierten Kapitals während der letzten zwei
Jahre in Deutschland um 6oo Prozent. Anleger fordern heute mehr als
Notfallpläne für Krisen-PR. Sie erwarten, dass die ethischen Grundsätze
der Unternehmensprospekte auch in Handlungsanweisungen übersetzt
werden. So gelten selbst in Analystenkreisen Best-Practice-Leistungen zu
Nachhaltigkeitsanforderungen — das Abwägen ökonomischer, ökologischer
und sozialer Ziele — als Parameter zur Unternehmensbewertung
hinsichtlich langfristigen Erfolgs und Zukunftsfähigkeit. Der Hintergrund
dafür ist rein statistisch: Unternehmen, die über ein effektives
Ethikprogramm verfügen, haben im Vergleich zu ihren Wettbewerbern eine
um 107 Prozent höhere Umsatzrendite. Liegt also paradoxerweise gerade
in dem, was oben als Mangel beklagt wurde — moralische Integrität und
ethische Orientierung —, der Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg im
21. Jahrhundert? UNTERNEHMERISCHE FREIHEITEN Nicht nur am Markt, auch intern
sind die Unternehmen unter den neuen Rahmenbedingungen gefordert. Von
interkulturell bedingten Reibungsverlusten in der Zusammenarbeit über
Wirtschaftskriminalität bis zu Mobbing, Sexualdelikten und den sensiblen
Fragen, die sich aus dem Geschäftsfeld selbst ergeben — etwa in der
Biotech- oder Pharmabranche. Darauf zu warten, bis es für diese
Problemzonen eine möglichst globale gesetzliche Regelung gibt, wirkt
heute eher fatalistisch. Eine ethische Ausrichtung dagegen
ist direkt kompatibel mit dem marktwirtschaftlichen Prinzip
unternehmerischer Freiheit. Gerade in der globalen Wirtschaft zeigt sich
schnell, wie weit Unternehmen und Topmanager diese Freiheit auch im
positiven Sinne begreifen, um sich die Handlungsräume unter den neuen
Rahmenbedingungen zu erhalten. Hinzu kommt, dass sich schwarze Schafe und
deren Unternehmen nur bedingt über Gesetze und Richtlinien «zur Räson»
— zum Überdenken ihres Handelns und dessen, was sie antreibt —
bringen lassen. Wo sich Manager nicht die Frage nach dem Sinn und der
Legitimität ihres wirtschaftlichen Handelns stellen, verkommen
Unternehmen zur reinen Geldmaschine, in der jeder so viel wie möglich zu
erwirtschaften versucht — und zwar in die eigene Tasche. Dass dies nicht das Klima ist, in
dem Integrität oder soziales Verantwortungsgefühl gedeihen, liegt auf
der Hand. Die Erfahrung amerikanischer Firmen zeigt, dass es wenig bringt,
umfangreiche Regelwerke und Richtlinienkataloge aufzustellen und für
deren Überwachung zu sorgen. Der Erfolg solcher Compliance Programs,
die als Reaktion auf die neue Gesetzgebung eingeführt wurden, bleibt
deutlich hinter dem zurück, was Corporate Ethics leisten kann: nämlich
eine bewusste Unternehmenskultur zu entwickeln, in der die gewünschte
Verhaltensorientierung zur selbstverständlichen Grundlage des Handelns
und Entscheidens wird und die beim Eintritt ins Unternehmen als soziale
Tertiärprägung kulturell vermittelt wird. Das Bemühen um eine solche
Kultur kann zum Erfolgsfaktor für die Herausforderungen durch den
Globalisierungsprozess werden. Worin bestehen diese? PARADIGMENWECHSEL Das Tempo, in dem sich der Übergang
von der rationalen Industriegesellschaft zur globalen Informations- und
Dienstleistungsgesellschaft vollzieht, ist eng verknüpft mit der viel
zitierten «Revolution» durch I &K- Technologien. Diese führte
gesellschaftlich und wirtschaftlich zu Makrotrends wie Parallelisierung
und Entmaterialisierung und unternehmerisch zur New Economy.
Charakteristika dieses Paradigmas sind: der Abbau von Hierarchien und die
Delegation von Entscheidung und Verantwortung nach unten; Zusammenarbeit
in multinationalen Teams und vernetzten Strukturen; entterritorialisierte
temporäre Arbeitsgemeinschaften; die wachsende Bedeutung informeller
Beziehungen sowie die Wettbewerbsfaktoren Mobilität, Flexibilität und
Geschwindigkeit. Darüber hinaus erhöht sich die Komplexität der
Wirklichkeit in einem nie gekannten Ausmaß, da die Informationsflut
steigt und das Spezial- und Faktenwissen immer schneller veraltet. Was sich allerdings nicht in äquivalenter
Form mitentwickelt, ist der Mensch selbst: weder seine intellektuellen
noch seine zeitlichen Kapazitäten, die zur Aufnahme und Verarbeitung der
Datenmenge nötig wären, wachsen mit. Die Folge ist, dass heute
Entscheidungen nicht mehr auf einer umfassenden Wissensbasis gefallt
werden können. Das Paradigma, in dem eine Aussage oder Entscheidung die
Qualität «richtig» oder «falsch» haben kann, ist damit überholt.
Heute kann allenfalls noch über «wahrscheinlich falsch» oder «wahrscheinlich
richtig» geredet werden. Die Auflösung der traditionellen
Organisationsformen durch diese Veränderungen auf der Makroebene sind mit
einem Verschwinden der institutionell geregelten Verhaltensweisen
verbunden. Dadurch erhalten «weiche Faktoren» einen neuen Stellenwert.
Allerdings sind diese nicht isoliert zu betrachten: Nur die integrative
Sicht von weichen und harten Faktoren erlaubt heute angemessene Einschätzungen.
Die in den meisten Firmen verankerte Trennung beider Phänomene ist aufzulösen
zugunsten eines Organisationsverständnisses, das die genuine Komplexität
sozialer Systeme (wie Unternehmen es sind) anerkennt, statt sie künstlich
reduzieren zu wollen. Denn Führung und Zusammenarbeit in offenen,
hierarchiearmen und global vernetzten Strukturen setzen aufseiten der
Mitarbeiter die Fähigkeit zu Kooperation und offener Kommunikation voraus
und aufseiten der Organisation entsprechende Strukturen sowie eine
Kultur, die dazu beitragen, für alle Angehörigen sowohl Integration wie
Orientierung zu stiften. NEUE SCHLÜSSELQUALIFIKATIONEN Unter globalen, (teil-)virtuellen
Arbeitsbedingungen bedeutet Management in erster Linie effizientes
Raum-Zeit-Management. Die Vorteile der Virtualität leisten nur dann einen
Beitrag zum Unternehmenserfolg, wenn sie die Kosten der erforderlichen
Koordination nicht übersteigen. Dafür ist eine ausgeprägte soziale und
kommunikative Kompetenz erforderlich — die Schlüsselqualifikationen
reibungsloser und effizienter Kooperation. Zu Kooperation und
Kommunikation
gehört jedoch mehr als sprachliche und technologische «Kompatibilität».
Beide setzen voraus, dass man sich versteht und sich vertraut.
Kommunikation findet nur dort statt, wo der medialen Vernetzung auch eine
geistige entspricht: zum Beispiel durch die Orientierung an den gleichen
Zielen und Werten. Unter multinationalen und
-kulturellen Bedingungen ist diese gemeinsame Ausrichtung keine
voraussetzbare Selbstverständlichkeit, sondern muss bewusst gemanagt
werden, um Reibungsverluste aufgrund anderer Wertvorstellungen und
fehlender Verhaltensstandards zu reduzieren. Da solche Konflikte meist
unter «Opportunitätskosten» abgebucht werden, sind sie selten
Gegenstand der betriebswirtschaftlichen Kalkulation. Tatsächlich
entstehen die Kosten, weil es nicht zum konventionellen Managementverständnis
gehört, sich diesen qualitativen Überlegungen zuzuwenden. Solidarität,
Identifikation, Loyalität und vor allem Vertrauen entstehen nur auf der
Basis geteilter Werthaltungen, denn die zentrale Voraussetzung für
Vertrauen ist die Verlässlichkeit der Verhaltenserwartung. Auf
nationaler Ebene sorgen dafür Recht, Gesetze und die politische
Rahmenordnung, deren Basis wiederum der Konsens aller
Gesellschaftsmitglieder ist: Werte und Normen. Solche allgemein verbindlichen
Verhaltens- und Wertestandards können aber heute nicht mehr
stillschweigend vorausgesetzt werden, weder auf nationaler noch auf
internationaler Ebene — angesichts der Auflösung akzeptierter
Wertvermittlungsinstanzen,
angesichts von Wertepluralismus, kulturellem Relativismus,
unterschiedlichen Rechtslagen und politischen Rahmenordnungen. Das ehemals
Selbstverständliche, das die Bedingung für Vertrauensbildung und
effiziente Abläufe in sozialen Systemen darstellt, ist nicht mehr
selbstverständlich. Es wird aber für den unternehmerischen Erfolg
unmittelbar relevant. Unternehmen müssen dieses Dilemma lösen —
indem sie das, was nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt
werden kann, thematisieren und für die erforderliche Stabilität, Verlässlichkeit
und Orientierung in der spezifischen Kultur ihrer Organisation sorgen. Diese Orientierung und ihr
gezieltes Management — etwa im Rahmen von Corporate Ethics-Programmen
— bilden eine elementare Voraussetzung für das Führen und Arbeiten in
global vernetzten Strukturen. Bewusst gesetzte, finnenweit kommunizierte
Wertorientierungen sind darüber hinaus ein wichtiger Faktor bei Veränderungsprozessen.
Denn diese benötigen ja einen übergeordneten Sinnzusammenhang, der die
Klammer zwischen Altem und Neuem bildet. In Zeiten eines zunehmenden
Sinnvakuums können die Unternehmen damit auf der Ebene von Shared Values
ihre Angehörigen zu einer Sinngemeinschaft verbinden. ÜBERFORDERTE ELITE Elemente für die Zukunftsfähigkeit
von Unternehmen sind aber nicht nur weiche Faktoren oder Wertemanagement,
sondern auch die Erschließung neuer «Humanpotenziale», zu denen neben
Kreativität, Innovationskraft, Kommunikationsvermögen und Teamfähigkeit
zunehmend auch interkulturelle Lernfähigkeit und ethische Kompetenz gehören.
Auf dem PR-Papier wird dies vielfach eingelöst: «Der Mensch ist unsere
wichtigste Ressource der Zukunft». Dieser Mitarbeiterorientierung
dienen flachere Hierarchien, größere Handlungsspielräume, die
Delegation von Verantwortung und Teamarbeit. Auf dem Papier. Die Wirklichkeit sieht anders aus:
Unter den Mitarbeitern herrschen Angst, Verunsicherung, Frustration,
Druck durch stärkere Arbeitsverdichtung und wachsende
Verantwortlichkeiten
sowie die Zunahme «innerer Kündigungen». Die Folge sind nachlassende
Produktivität und Arbeitsmotivation, bei Führungskräften
Workaholismus, Überforderung und Orientierungslosigkeit. Das Klima wird
schlechter. Zur Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes wird an den Stühlen
anderer gesägt. Mobbing, egoistisches Konkurrenzverhalten,
Suchtprobleme und Tablettenmissbrauch nehmen zu. Einige der
deutschen Topmanager, so wird angenommen,
sind mittel bis schwer psychisch gestört und nehmen regelmäßig
Psychopharmaka zur Bewältigung von Stress und Leistungsdruck. Zum Teil
in Dosierungen, die sonst nur in der Psychiatrie üblich sind. Warum nehmen diese Phänomene zu?
Sind wir heute psychisch anfälliger als früher? Andere Ursachen liefert
der erwähnte Paradigmenwechsel: So gaben früher feste Strukturen und
klares Rollenverhalten einen Orientierungshalt. In einer zunehmend
pluralistischen Gesellschaft schwinden einerseits solche Orientierungen,
zum anderen steigen die Anforderungen insbesondere an Menschen, die
Verantwortung MANAGER DER ZUKUNFT Fassen wir zusammen: Ein auf die
Bedürfnisse einer globalisierten Wirtschaft und deren veränderte
Rahmenbedingungen angepasstes Profil für Führungskräfte muss auf neue
Aspekte Rücksicht nehmen. Dazu gehören: - Kooperation und Kommunikation: Die beiden Erfolgsfaktoren
der neuen Ökonomie bedeuten, dass Führungskräfte immer stärker zu
Kommunikatoren und Beziehungsmanagern werden müssen, vielfach auch zu
Mediatoren und Moderatoren. Voraussetzung dafür sind Werte wie Verlässlichkeit,
Transparenz, Respekt, persönliche Integrität und Authentizität — also
Glaubwürdigkeit — sowie eine integrative statt eine polarisierende oder
dominanzorientierte Persönlichkeit. Es geht nicht mehr darum, bestimmte
Positionen «durchzusetzen», sondern zwischen verschiedenen Meinungen
und unterschiedlichen Wissens- und Kompetenzträgern zu vermitteln und sie
zielführend zu vernetzen. - Führen: Im Unternehmen der
Zukunft heißt führen immer mehr, Orientierung zu geben und Richtung zu
weisen — und zwar nicht per Anordnung, sondern durch vorleben. Die
Implementierung wertebasierter Leitbilder ist ohne «moral and social
leadership» wertlos. Die Führungskraft hat zudem eine Schlüsselrolle
bei der Kulturentwicklung, zum Beispiel beim Schaffen einer
Vertrauenskultur für vernetztes Wissen. - Kulturkompetenz: Führungskräfte
müssen heute eine ausgeprägte Sensibilität für interkulturelle
Unterschiede mitbringen, etwa für kulturspezifische Differenzen in
multinationalen Projektteams. Dazu gehört die Kenntnis der eigenen
kulturellen (Wert-)Prägungen wie derjenigen der Partner und
der Gastgeberländer, dazu gehören Toleranz und
Aufgeschlossenheit für andere Verhaltens- und Denkweisen, die von den
eigenen abweichen, aber eine durchaus profitable Quelle des Lernens sein können. - Motivieren: Die Führungskräfte
von morgen müssen andere mitreißen und begeistern können. Aber nicht
durch die platten Motivationsmethoden, mit denen charismatische Trainer
durch die Lande reisen, sondern durch Ideen und Sinnstiftung. Das heißt
nicht zwingend, dass sie selbst Visionäre sein müssen, aber sie müssen
mit anderen gemeinsam Perspektiven entwickeln und umsetzen können. Diese
Aufgabe fällt leichter, wenn das Unternehmen selbst über Visionen,
Leitziele und Werte verfügt, die — vermittelt von Führungskräften
und Kader — eine treibende Kraft des Alltagsgeschäfts sind. Dies
bezeichnet Management by Values, dem auf der Ebene des General Management
das bewusste Management of Values vorauszugehen hat. - Wahrheitsanspruch: All- und
Herrschaftswissen sind im Zeitalter der Informationsgesellschaft definitiv
überholt und keine Basis mehr zur Legitimation eines Führungsanspruchs.
Die eigentliche Aufgabe von Führungskräften sind heute keine Ja/Nein-
Entscheidungen, sondern Richtungsentscheide, denn die zu verarbeitende
Datenmenge sprengt schlicht unsere Kapazität. Was unter komplexen
Bedingungen letztlich als Entscheidungsbasis bleibt, ist das
unternehmerische
Gefühl oder auch der Instinkt. Aber wer würde das offiziell zugeben
oder als legitime Methode anerkennen? Die genuin menschliche Fehlbarkeit
und Begrenztheit ist nicht salonfähig. So braucht es Mut, in komplexen
Zusammenhängen zu emotionsgeleiteten Entscheiden zu stehen. Dieser Mut
ist selten. Stattdessen herrscht nach wie vor das «TTV-Prinzip»: täuschen,
tarnen und verpissen — Letzteres mit aufgehaltener Hand, wie oben
gesehen. Verantwortung zu übernehmen in
des Wortes eigentlicher Bedeutung, wird unter diesen Voraussetzungen
immer schwieriger. Eine Folge davon sind die aktuellen «Auswüchse».
Allerdings ist es ein Irrglaube, dass sich das Gros der Betroffenen
dabei in seiner Haut wohl fühle. Menschliches Fehlverhalten, auch
unmoralisches oder kriminelles Handeln, resultiert nicht a priori aus
schlechtem Charakter oder Unfähigkeit, sondern in vielen Fällen aus Überforderung
und strukturellen Gegebenheiten wie impliziten Erwartungshaltungen,
Unternehmenskulturen, Arbeit in unpersönlichen Netzwerken und kurz
befristeten Projektteams. Einzelne repräsentativ für das Ganze
anzuprangern, mag zwar auf Missstände hinweisen, zur Lösung der
Ursachen trägt es wenig bei. Entscheidender ist die Frage nach den
organisationalen und strukturellen Rahmenbedingungen, die es Führungskräften INTEGRITÄT ENTSTEHT INTEGRATIV An erster Stelle gehört dazu die
Klärung und Erklärung der Erwartungen gegenüber allen Mitarbeitern —
zum Beispiel im Rahmen einer Sinn stiftenden Vision, die auch Werte und
Orientierungen umfasst. Doch solche Statements erweisen sich für den
Einzelnen nur dann als glaubwürdig und verbindlich, wenn sie erkennbar
die Geschäftspolitik und die Unternehmensentscheide prägen. Zum Zweiten geht es um die
Beseitigung von Grauzonen im Grenzbereich der Legalität (Umgang mit
Interessenskonflikten, Annahme von Geschenken, Korruption) sowie bei
anderen ethischen Fragen (Umgangs- und Führungsstil, Verhältnis zu
Stakeholdern, Leitlinien für Produktsicherheit, Umweltschutz etc.). Auch
dabei geht es letztlich um unmissverständliche Äußerungen von ganz
oben, die einen klaren Handlungs- und Orientierungsrahmen abstecken, in
dem sich der Einzelne bewegen kann; etwa in Form eines Code of Conduct. Der dritte, entscheidende Schritt
ist die Implementierung der Selbstverpflichtungen und handlungsrelevanten
Inhalte ins Tagesgeschäft — und zwar in allen Bereichen. Dabei gilt
es, die harten Faktoren, das Controlling, die internen Abläufe und
Prozesse, die Managementsysteme etc. zu durchleuchten und Inkonsistenzen
zu beseitigen. Denn es sind gerade solche Widersprüche, die
Entscheidungsträger wie Ausführende zu moralischem Fehlverhalten führen
oder zur Spaltung in ethisch orientierte Privatmenschen und knallharte
Geschäftsmänner, «die zur Not auch über Leichen gehen». Integrität
im Wortsinn bedeutet das Gegenteil: Selbstübereinstimmung, innere
Konsistenz, Authentizität. Und genau darum geht es auch für
Unternehmen, die eine Kultur entwickeln wollen, die medienwirksame
«Auswüchse»
vermeidet: um Identität, um Übereinstimmung von Worten und Taten, von
Innen und Außen, von Anspruch und Wirklichkeit. Dies kann mittels
Firmenprogrammen und Managementsystemen erreicht werden, die die Umsetzung
des qua Vision, Mission und Code of Conduct formulierten Anspruchs
garantieren und prozessbegleitend überprüfen. Eine Schlüsselrolle hat
dabei das Personalmanagement. So kann Bottom-up-Befragungen ein
erheblicher Stellenwert bei der Bewertung und Beförderung von Führungskräften
zukommen oder für den Nachweis von Führungserfolg überhaupt. Und die
Orientierung an Leitwerten und Verhaltensgrundsätzen kann in
Zielvereinbarungssysteme integriert werden, die eine Rolle spielen bei der
Vergütung und Beförderung oder bei Entwicklungsprogrammen. In jüngster Zeit haben sich
etliche Trainingsangebote auf die Stärkung von Soft Skills und
Persönlichkeitsentwicklung
spezialisiert. Auch die Sensibilisierung für soziale oder ethische
Fragen, die kritische Reflexion des eigenen Handelns und seiner Beweggründe
oder die Einsicht, dass und weshalb gewisse Verhaltensweisen anderen
vorzuziehen sind, können in Trainings erlernt werden. Allerdings nützen
diese nur dann etwas, wenn sie sich im Rahmen eines
Organisationsentwicklungskonzepts und einer Unternehmensausrichtung
bewegen, die auf eine entsprechende Kulturentwicklung abzielen. In
wertemässig nur vom Shareholder-Gedanken getriebenen Unternehmen lässt
sich keine Kultur der Sensibilität für zwischenmenschliche Belange
entwickeln, denn die Anforderungen im Tagesgeschäft konterkarieren
jegliche Entwicklung im Bereich sozialer, ethischer oder interkultureller
Kompetenz. Solche Unternehmen sollten sich teure Maßnahmen sparen —
abgesehen vom Glaubwürdigkeitsverlust nach innen und außen, der durch
die Defizite in der kommunizierten Unternehmensidentität entsteht. Den "Manager der Zukunft" wird man jedoch in einer Kultur finden, die sich nicht nur an ökonomisch-materiellen Werten orientiert, sondern in der soziale, ethische und zwischenmenschliche Werte gleichberechtigt sind. Dafür sind Management of and by Values, Ethikprogramme und die gezielte Identitätsgestaltung und Kulturentwicklung unverzichtbar. URL dieser Seite: |
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