Knowledge Base Unternehmensberatung Bickmann & Collegen
Dokument-Info:
Autor: Roland Bickmann
Quelle: Die WELT, 25.06.2003, S. 6
Themenverwandtes:
CI und Unternehmensethik
Persona Oeconomica
Emotionale und soziale Intelligenz
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Brecht die Macht der Zahlendreher!

Wer Veränderung will, muss an der Kultur ansetzen. Sie ist die Basis der Interaktion von Menschen in Organisationen. Dieses Vorhaben scheint selten zu gelingen, wenn man die Resultate betrachtet. Reformen scheitern oder verlieren im zähen Ringen um den kleinsten gemeinsamen Nenner die Wirkung. Auf der Unternehmensebene werden diese Schwierigkeiten besonders in Fusionsprozessen deutlich. In mehr als 70 Prozent der Fälle bringt die Verschmelzung von Unternehmen keinen ökonomischen Mehrwert. Nicht zuletzt auf Grund der mangelnden Integration von Unternehmenskulturen.

Wer Kulturen verändern will, muss dies unter den Bedingungen der existierenden Kultur tun. Das macht die Schwierigkeit aus. Wer diese Aufgabe anpackt, braucht die Fähigkeit zur Kulturgestaltung - mitnichten eine Fähigkeit, die jedem offen stünde, nur weil er an der Spitze steht! Bei seinem Engagement kämpft er um Glaubwürdigkeit, Klarheit im Denken und Handeln und damit um die Akzeptanz von Führung, Ausrichtung Veränderung. Das Ganze kann und wird sich nur ändern, wenn auch der Einzelne die Veränderung trägt.

Der Feind der Neuausrichtung ist das Beharren in alten Denkmustern, das "Das machen wir doch immer schon so"-Syndrom, ist fehlendes "commitment", sind aber auch Glaubwürdigkeitslücken und fehlende Integrität der Führung. Der Staat gibt ein Beispiel: Wer möchte schon das große "Sparziel" wirklich als Sinngebung verstehen? Es taugt allenfalls als Ziel für Angsthasen. Das gilt erst recht, wenn die Angsthasen auch noch die Protagonisten der Veränderung sein wollen. Dieser Eindruck verfestigt sich, wenn man die politischen Akteure betrachtet.

Die reine Verkündung reicht bei weitem nicht aus, um Kulturen wirklich in Bewegung zu versetzen. Diese Form der Führung, also die konkrete Gestaltung der Veränderung, ist für die etablierte Elite, die Gestalter, pures Gift! In der Ära der Controller, im Zeitalter der Ratio und der Imagegesellschaft haben es alle schwer, die gestalten und dabei auch Widerstände überwinden wollen. Wir leben in der Ära der Bedenkenträger, und die rechtfertigen sich nicht zuletzt mit Zahlen. Zumindest taugen diese Zahlenkolonnen, um den Akteuren Argumentationsmuster für ihr Blockadeverhalten zu liefern.

Verharren wir als Gesellschaft in diesen Mustern, werden wir nicht zur Veränderung fähig sein. Motivation entsteht nicht nur im Kopf, sondern auch im "Bauch". Wer Begeisterung, Selbstbewusstsein und Leidenschaft wecken will, muss Ziele vorgeben, die Sinn über den kurzfristigen Horizont hinaus vermitteln. Für Unternehmen heißt das: Die Dominanz der Controller und Zahlendreher muss gebrochen werden. Wir brauchen eine neue Kultur des Risikos.

Analysten haben einen fatalen Einfluss auf die Unternehmen: Was sie wollen, ist immer nur im Nachhinein zu bekommen. Zukunftsentwürfe werden mit dem Hinweis auf Risiken abgewürgt, aber reine "Bilanzorientierung" ist kein Zukunftsrezept!

So ist es dringend erforderlich, dass die Organisationen sich nach Jahren des "Downsizens" auf ihre Entfaltung konzentrieren, ihre Chancen suchen, Mut entwickeln und ihre Innovationsfähigkeit beweisen. Dies verlangt eine Führung, die deutlich mehr kann, als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit Zahlenwerken zu interpretieren beziehungsweise zu prognostizieren. Die New Economy hat gezeigt, dass emotionaler Aufbruch eines ganzen Landes gelingen kann. Sicher, am Ende wurde dieser Aufbruch zu einer Art Hysterie, waren, so schien es, allzu viele Dilettanten am Werk. Es war ein fehlerbehafteter Aufbruch. Er taugt aber als Beweis, dass es gelingen kann, in wenigen Jahren "Aufbruchstimmung" zu erzeugen.

Die Atmosphäre in der Wirtschaft war geprägt von Mut, vom Glauben an das Unmögliche und Selbstvertrauen. Die Zahl der Selbstständigen stieg stark an, das Ziel "Unternehmer zu werden" war attraktiv - man glaubte an sich und seine Ideen. Das war etwas Positives, auch wenn das Selbstbewusstsein irgendwann in Selbstüberschätzung umschlug.

Heute ist von einem gesunden Selbstvertrauen und von einer vernunftbasierten Risikobereitschaft nicht mehr viel zu spüren. Im europäischen Durchschnitt gibt es zwölf Prozent Selbstständige, in Deutschland sind es nur neun Prozent. Gelänge es in einem ersten Schritt, diese Lücke zu schließen, würden circa 400.000 Menschen, ausgestattet mit dem Mut der Selbstständigkeit, am Wirtschaftsleben teilnehmen. Ein wirklich lohnender Ansatz - für die Menschen, für die technologische Entwicklung und für die Kultur der Gesellschaft.


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