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Dokument-Info:
Autor: Roland Bickmann
Quelle: Die ZEIT, 03.06.03 (Online-Ausgabe)
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Wirtschaftsklüngel zwischen Berlin und den USA

In einem offenen Brief wird Wolfgang Clement vorgeworfen, eine amerikanische Consultingfirma unter dem Deckmantel einer öffentlichen Initiative zu privilegieren

An den Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit Herrn Wolfgang Clement 11019 Berlin

 

Initiative "MittelstandPlus"

 

Hamburg, 1.6.2003

 

Sehr geehrter Herr Minister Clement,

 

als ich mich entschloss, Ihnen zu schreiben, war ich im ersten Augenblick unschlüssig, ob ich Ihnen eine Glosse, oder so etwas wie ein "Beschwerdeschreiben" schicke. Ich will es mit einem Sachvortrag versuchen. Mir geht es um die Rolle des Unternehmens "McKinsey & Company" in der Initiative "MittelstandPlus".

 

Sie stellen diese Initiative als "aus der Wirtschaft für die Wirtschaft" vor und unterstützen sie mit der Autorität Ihres öffentlichen Amtes als Schirmherr. Der DIHK ist eine öffentlich beliehene Institution, die KfW eine staatliche Bank, die Wirtschaftswoche ist ein Medium - bleiben McKinsey und Ihr Haus als "Absender aus der Wirtschaft für die Wirtschaft"! DAS kann doch nicht Ihr Ernst sein.

 

Doch weiter: Bei Ihrer Anzeigenkampagne werden als Absender "beteiligte Institutionen" genannt - wieder der gleiche "Anschein" - die Unternehmensberatung McKinsey ist keine Institution, sondern schlicht ein amerikanisches Beratungsunternehmen mit einem legendär problematischen Ruf (Beispiele wie Swissair, Enron usw. sind ausreichend bekannt). Ich habe als (kleiner) Wettbewerber dieses Unternehmens ein ziemlich schlechtes Gefühl, wenn mir die amerikanische Methodologie gewissermaßen durch mein eigenes Wirtschaftsministerium als "Institution" weitergereicht wird. Die "Methode McKinsey" ist mitnichten erhaben über Kritik, im Gegenteil! Was sie aber sicherlich in KEINEM Fall ist, das ist eine "Institution"!

 

Gehe ich auf die Homepage dieser Initiative, werde ich sogleich mit einem Product Placement dieses Unternehmens "verwöhnt". Und schwupp - bin ich mit einem Hyperlink auf der Homepage von McKinsey! Wer zahlt, schafft an? In diesem Zusammenhang nicht minder interessant, dass McKinsey laut Impressum der Site die alleinige inhaltliche Verantwortung trägt!

 

Will man sich mit fast 20 Jahren Berufserfahrung als Experte eintragen, wird diese Initiative "auf die Spitze" getrieben, denn bei der Checkliste für Experten, wird als Ausschlusskriterium der Berufsstand des Beraters genannt - als wären alle Berater, teilweise mit sehr großer Expertise aus einer Aufsichtsratstätigkeit ausgeschlossen. Und dieses Kriterium, also gewissermaßen ein Ausschluss eines ganzen Marktes, wird freundlich von einem (negativ) herausragenden Unternehmen des BERATUNGSmarktes vorgestellt und gesponsert.

 

Das ist doch kaum zu glauben! Wie wenig muss diese Initiative in Ihrem Hause verankert sein, dass ein derartiger Lapsus geschehen kann. Hier wird nicht nur ein ganzer Markt suspendiert, sondern McKinsey hat die Arroganz, sich gewissermaßen als "einziges Beratungsunternehmen" zu positionieren. Durch den Ausschluss aller Konkurrenten sichert sich McKinsey exklusiv eine Datenbank und offenbar ein offizielles Screening der Expertenszene durchführen. Zynischerweise steht da: "Es könnte das Risiko bestehen, dass die Initiative Mittelstand-Plus zur Verfolgung von Eigeninteressen eingesetzt wird". Ist das Chuzpe? Oder ist dies eine schamlos vorgetragene Unverfrorenheit eines großen Marktteilnehmers? Oder sind wir mit einem Dienstleistungsprodukt jetzt in Schilda angekommen?

 

Falls es in Ihrem Ministerium nicht bekannt sein sollte: McKinsey ist keineswegs das Tempotuch der Beratungsbranche (also ein Synonym). Das Unternehmen ist hoch umstritten, es arbeitet zum Teil mit hoch problematischen Methoden und hat momentan nicht weniger Marktdruck, als viele andere Unternehmen der Branche. Ganz zu schweigen davon, dass McKinsey bisher kaum durch eine besondere Mittelstandsaffinität aufgefallen ist.

Ich fordere Sie daher, sehr geehrter Herr Minister, auf, die Privilegierung dieses Unternehmens zu beenden. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass ich selten eine dermaßen unverfroren vorgetragene Marktarroganz gesehen habe. Und das unter dem Deckmantel einer Initiative - Privat Public Partnership- Initiative! Das hier ist aber keine Partnerschaft, sondern die Benutzung des Leumunds öffentlicher Institutionen, natürlich mit dem Ziel - mit Verlaub - Eigeninteressen zu befördern! Oder herrscht in Ihrem Ministerium der Eindruck, dass McKinsey eigene merkantile Interessen eingestellt hat?

 

Ich bin gespannt auf Ihre Rückantwort und leite dieses Anschreiben zur weiteren Sensibilisierung an einen entsprechenden Verteiler. PR Aktivitäten sind Teil unseres Beratungsumfangs. Meine Partnerin, Dr. Annette Kleinfeld, ist als Wirtschaftsethikerin darauf bedacht, dass Projekte, gerade in einer Zeit von Corporate Governance und Corporate Social Responsibility eben NICHT jene Grenze zur Peinlichkeit überschreiten, die die Schwaben schlicht mit dem Begriff "Gschmäckle" beschreiben. So weit brauchten wir in dem Fall MittelstandPlus gar nicht gehen: Die Einbringung von McKinsey hat kein "Gschmäckle", sondern ist nach unserer Einschätzung ohne jedwede Sensibilität für die angesprochenen Themen, was bei diesem Unternehmen nicht weiter wundert. Dass sich Ihr Ministerium jedoch vor diesen Karren spannen lässt, erinnert an Aktivismus und zeigt wenig Gespür dafür, was wirklich im Interesse deutscher mittelstandsorientierter Politik liegen müsste.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

R. Bickmann

Bickmann & Collegen Unternehmensberatung

 

 

Verteiler:

Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer ASU z.Kntis. DIHK Herrn Wandsleben z.Ktnis Herrn S. Baron, Wirtschaftswoche z.Ktnis. Herrn v.d.Hagen, BDI, z.Ktnis. DPRG, Geschäftsstelle zur Ktnis.

 


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