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Dokument-Info:
Autor: Roland Bickmann
Quelle: F.A.Z.-Beilage „Existenzgründung“, 18.10.99, Seite B8
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Die Cyber-Society

Von wegen virtuell: wirtschaftliche Existenzen im WWW

Die Hysterie der Finanzmärkte als Reaktion auf die sogenannten Internet-Aktien verdeutlicht die Hebelkräfte, die in Unternehmen wirken, die sich ganz der neuen Technologie verschrieben haben. Große Hoffnungen auf wirtschaftliche Prosperität begleitet all jene, die auf "das Netz" setzen. Was bedeutet die Metapher des Netzes für diejenigen, die sich unter neuen Rahmenbedingungen selbständig machen und in einer "Cyber Economy" arbeiten wollen?

Neue Organisationen in der neuen Wirtschaft

Traditionell erfahren Unternehmen nach einigen Jahren ihres Bestehens so etwas wie eine "Institutionalisierung". Sie werden als soziale Subjekte wahrgenommen. Insbesondere dann, wenn sie an den Aktienbörsen als weitgehend anonyme Kapitalgesellschaften notiert sind, werden sie mit Werten wie "langlebig", "solide", "finanzkräftig" und "gesund" in Verbindung gebracht.

Neue Organisationen folgen anderen Gesetzmäßigkeiten. Nicht mehr die Institution prägt die Identität, sondern die wirtschaftliche Aufgabenstellung als solche. Unternehmen entstehen zeitlich befristet, ihre Organisation ist nicht mehr auf Langlebigkeit ausgerichtet und – ein besonders wichtiger Faktor – sie sind schon bei ihrer Entstehung international konzipiert.

Das Sinnbild des Netzwerks macht den inneren Zusammenhang der Organisation deutlich: Flexibel, in den Punkten klar konturiert und auch in den Zusammenhängen einfach und aufgabenbezogen. Die neuen Organisationen sind aus sich heraus bürokratiearm und auf Grund dieser Tatsache schnell. Der urkapitalistische Begriff der Größe verliert mit den neuen Organisationen an Bedeutung: Größe an sich ist kein Wert mehr: Sie begründet auch nicht mehr Marktmacht, sondern wird zur Beschreibung der "Anballung" prozessualer Macht in beliebig komplexen Netzen.

Was bedeutet das für Gründer? Der traditionelle Zugang zum wirtschaftlichen Geschehen war abhängig von der Fähigkeit, Organisationen zu institutionalisieren und auf diesem Wege unternehmerisch tätig zu werden. In Zukunft wird sich auch der Einzelne in Netze einbringen und somit unmittelbar eigenwirtschaftlich tätig werden können.

Die alles überstrahlende Qualifikation der Zukunft wird die schon heute vielberufene soziale Kompetenz sein. Sie wird zur Grundlage jedweder wirtschaftlichen Betätigung. Ohne die Möglichkeit, in wechselnden sozialen Umgebungen "anzudocken", wird es kein ökonomisch erfolgreiches Handeln mehr geben.

Auch unter dem Blickwinkel der Internationalisierung liefert soziales Können das Strickmuster für den Erfolg. Heute wird in einer Umgebung gearbeitet, die von amerikanischen Partnern geprägt wird – morgen schon kann ein Netz von Asiaten oder Europäern die interessantere wirtschaftliche Option sein.

Völlig neu ist dieses Denken nicht. Die Argen in der Bauindustrie, aber auch das System der Rückversicherungen im Versicherungswesen üben mit langer Tradition die Vernetzung. Der Unterschied: Bisher geschah die Vernetzung auf der Ebene von Institutionen. Dank der Technologien der Informationsgesellschaft kann diese Leistung künftig auch durch den Einzelnen erreicht werden.

Eine neue soziale Gerechtigkeit

Der amerikanische Soziologe Peter Sennett schreibt, dass schon heute der durchschnittliche US-Amerikaner sieben unterschiedliche Aufgaben in seinem Berufsleben ausübt. Dies als Beispiel unterlegt, fällt vor allem eines auf: Wer sich nicht durch eigenverantwortliche, lebenslange Fortbildung in seinen fachlichen Disziplinen fit hält, wird durch die neuen Methoden wirtschaftlichen Handelns in relativ kurzer Zeit ein "downsizing" seiner Erwerbsmöglichkeiten erleben. Dies mag man beklagen – man kann diese Entwicklung aber auch im Sinne einer "neuen Gerechtigkeit" begrüßen.


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