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Dokument-Info:
Autor: Roland Bickmann
Quelle: Die WELT, 30.08.2002, S. 8
Themenverwandtes:
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Fetisch Ökonomismus

Die Wirtschaft befindet sich zurzeit in einer Krise, die nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die Ökonomie als Ganzes betrifft. Rekordzahlen bei den Firmenpleiten, dubiose Managementpraktiken, unmoralisches und kriminelles Verhalten nähren Zweifel an einem wichtigen Teilsystem der Gesellschaft - in einer Zeit, in der die Wirtschaft auch ihre eigentliche Aufgabe, die Generierung von Ertrag und Wohlstand, allenfalls unvollkommen erfüllt. Trotzdem besteht die Meinung, dass die in der Wirtschaft verwendeten Konzepte geeignet seien, um auch Probleme jenseits des eigenen Wirkungskreises zu verstehen und zu lösen. 

 

Politik und Öffentlichkeit schreiben Wirtschaftsführern offensichtlich die Fähigkeit zu, jedes Problem meistern zu können. Wenn Reformbemühungen ins Stocken kommen (und wo tun sie das nicht), konsultiert man den wirtschaftlichen Sachverstand. Die Einsetzung der Hartz-Kommission unter der Führung des VW-Personalvorstandes ist ein prominentes Beispiel dafür. Auch Lothar Späth, von Haus aus eigentlich Politiker, wird nun auf Grund seines Amtes als Vorstandsvorsitzender der Jenoptik AG Besonderes zugetraut.

Der Glaube daran, gesellschaftliche Probleme seien vor allem mit Mitteln der Wirtschaft zu lösen, führt zu einer Art neuem Fetisch, dem Ökonomismus. Er dominiert die Reformdiskussionen. Dahinter steht offensichtlich die Vermutung, dass sich Theater, Altenheime, oder Polizeireviere wie Unternehmen führen lassen. Das Paradigma der Wirtschaftlichkeit soll Einsparungen und Effizienzsteigerung bringen. Eine qualitative Diskussion, die auf spezifische Organisationen eingeht, kommt erst gar nicht auf. Nur: Wer möchte in einem Pflegeheim Kunde sein? Erwartet ein Patient von seinem Arzt eine Dienstleistung? Wie lässt sich das Preis-Leistungs-Verhältnis einer Ballettinszenierung berechnen? Mit solch einfachen Fragen wird klar: Ökonomische Prinzipien lassen sich nicht bedingungslos auf andere Bereiche übertragen. Das Verhältnis zwischen einem Pflegebedürftigen und denjenigen, die ihm helfen, ist (hoffentlich) kein rein geschäftliches. Ähnliches gilt für die Beziehung zwischen Arzt und Patient.

 

Ökonomisches Denken hat nicht erst seit Enron, Xerox und Andersen seine Unschuld verloren. Dennoch regieren in der Betriebswirtschaft nach wie vor die Zahlen. In Zahlenkolonnen und Statistiken werden soziale Phänomene gepresst. Bedenken gegen dieses Vorgehen werden mit dem Verweis auf Budgetzwänge und die Notwendigkeit des Controlling beiseite gewischt. Was macht die Wunderwaffe ökonomisches Denken aus? Nüchtern betrachtet ist es eine Methode, um die gegebene Komplexität zu reduzieren. Genau in dieser Vereinfachung liegt die Gefahr. Soziale Zusammenhänge lassen sich eben nicht vollständig in ökonomischen Begriffen abbilden. Die Reduktion erscheint vielmehr als hilfloser Versuch, Anspruchsgruppen zu bändigen und berechtigte Interessen "abzubügeln". Es ist allemal legitim, zum Beispiel von einem Gesundheitssystem mehr zu erwarten als Effizienz. 

 

Durch das Primat des Ökonomismus wird der öffentliche Diskurs über Reformprojekte eindimensional. Wer ökonomisch argumentiert, scheint im Meinungsstreit die besseren Karten zu haben. Denn er kann mit Zahlen "überzeugen". Das ökonomische Denken wird so zur einzig möglichen Alternative zum Scheitern aufgebaut. Warum ist dennoch Besserung nicht in Sicht? "Wir können Probleme nicht mit den Denkmustern lösen, die zu ihnen geführt haben", hat Albert Einstein treffend festgestellt.

 

Diese Kritik soll nicht bedeuten, dass ökonomische Gesichtspunkte bei der Durchführung von Reformen obsolet sind. Natürlich ist der effiziente Einsatz gerade von öffentlichen Mitteln wichtig. Wer jedoch andere Aspekte vernachlässigt, wird immer zu einer Lösung kommen, die die gesteckten Ziele nicht erreicht. Reformdiskussionen werden in Zeiten leerer Kassen zu Haushaltsdebatten degradiert. Das kann nicht der Sinn von politischem und gesellschaftlichem Handeln sein. Man gewinnt den Eindruck, dass Politiker Vertreter der Wirtschaft vorausschicken, um sich dann hinter Sachzwängen zu verschanzen.

 

Was in diesen Diskussionen fehlt, ist vor allem eine Verständigung darüber, welche Anliegen der Gesellschaft etwas "wert" sind, an welchen Leitbildern sie sich orientieren will. Wie setzt die Gesellschaft Prioritäten in Kultur, Bildung oder im Gesundheitswesen und - auch - in der Wirtschaft? Die Antworten auf diese Fragen bestimmen, in welche Bereiche die Gesellschaft investieren will. Auf diesem Wege kommen ökonomische Aspekte ins Bild. Die Ökonomie hat ihren berechtigten Platz, wenn sie als Mittel, nicht als Zweck angesehen wird. Die Forderung lautet: In einer Gesellschaft, die bereits mehr als ein Jahrzehnt den Reformstau beklagt, kann die Politik ihre gestaltende Rolle nicht an die Wirtschaft delegieren.

Leserbriefe zu dem Artikel "Fetisch Ökonomismus"

 


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