Knowledge Base Unternehmensberatung Bickmann & Collegen
Dokument-Info:
Autoren: R. Bickmann / Smi
Quelle: gv-praxis 9/99,  S. 38-9,
Rubrik "Dialog"
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Willkommen in der Onlinegesellschaft

Interview mit Roland Bickmann

Nur noch knappe vier Monate trennen uns von einem magischen Datum. Jahrtausendwechsel. Grund genug, sich mit einem profunden Kenner über die Arbeit der Zukunft zu unterhalten. Unser Gesprächspartner heißt Roland Bickmann, Inhaber der gleichnamigen Hamburger Unternehmensberatung, und war Mitglied des Expertenkreises des Rates für Forschung, Innovation und Technologie bei Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl. Seine These: Der Arbeitsalltag der Zukunft wird andere Anforderungen an uns alle stellen. Die Stichworte lauten Individualisierung, Pluralisierung und Virtualisierung.

KÖNNEN SIE UNSEREN LESERN EIN SZENARIO ENTWERFEN, WIE DIE ARBEITSWELT IM JAHR 2010 AUSSEHEN KÖNNTE?

ROLAND BICKMANN: Der Organisationsbegriff steht vor der Neudefinition. Traditionelle Organisationen sind auf Dauer angelegt. Sie sind geprägt vom Unternehmer, dem Management, auf der Grundlage der marktwirtschaftlichen Organisation. Zukünftige Organisationen werden sich über ihre Aufgabenstellung definieren. Diese werden in einer Netzwerkorganisation von Unternehmen kooperativ und zeitlich befristet erledigt. Bleibt man in der Metapher des Netzwerkes, sieht es folgendermaßen aus: Die Knoten des Netzes werden kleinere Unternehmenseinheiten sein, die sich zu Netzen zusammenschließen. Diese Netze sind dann, ähnlich den traditionellen Arbeitsgemeinschaften in der Bauindustrie, fähig, größte Aufgaben zu erledigen. Der Unterschied zu heute ist z. B. der, dass die Netzwerke nicht notwendigerweise mit Kapitalverflechtungen einhergehen. Alles ist temporär angelegt, international und aus sich heraus bürokratie- und administrationsarm.

WIE WIRD UNTER DEN MITARBEITERN KOMMUNIZIERT?

BICKMANN: Nun, in dieser Logik wird es zwei Ebenen der Mitarbeiterkommunikation geben: Im "Knotenunternehmen" wird die Kommunikation direkt und hoch professionell sein, da die Unternehmen in ihrem Charakter klein sind. Im Netzwerk wird die Kommunikation geprägt sein von Sachorientierung, Effizienzstreben und Bürokratiearmut. Sie wird zudem eine neue technologische Basis haben (Email, Internet usw.). Die Herausforderungen an das Individuum sind Offenheit, Glaubwürdigkeit, Evolutions- und Koalitionsfähigkeit, Verlässlichkeit, Kultur- und Teamfähigkeit. Der Einzelne betreibt selbst Vernetzung, die Trennung von Privatheit und Arbeitswelt ist im Begriff, sich aufzulösen. Es entstehen integrierte Lebens- und Arbeitsentwürfe, die kein Innen und Außen mehr kennen.

Paradigmenwechsel
alt neu
Ich weiß, was ich weiß! Ich weiß, dass ich nichts weiß!
Personen bewegen Sachen Teams gestalten Prozesse
Logik Logik + Emotion + Intuition
Erfahrung Erfahrung + situative Intelligenz
Veränderungen Etablierung von Veränderung
formale Hierarchie informelle Hierarchie
stabile Werte Wertedynamik
Institutionen Krise der Institutionen
kollektive Sicherheit individualistische Organisation
gesichertes Wissen punktuelles Wissen

DROHT DIE VEREINSAMUNG AM ARBEITSPLATZ?

BICKMANN: Diese Frage impliziert das traditionelle Verständnis eines Arbeitsplatzes. Grundsätzlich handelt es sich um ein deutliches Mehr an Kommunikation - das Stigma spricht also eigentlich GEGEN eine Vereinsamung am Arbeitsplatz. Ein ernsthaftes Risiko könnte jedoch eine Zweiteilung der Gesellschaft darstellen; in den Teil, der die Informationen konsumiert und nutzt, der die neuen Chancen und Möglichkeiten einsetzt, und in den Teil, der sich in gewisser Weise verweigert und daher auf geringer Informationsbasis agiert.

WAS SIND DIE HAUPTGRÜNDE DAFÜR, DASS SICH DIE ARBEITSWELT IN ZEHN JAHREN DRAMATISCH VERÄNDERN WIRD?

BICKMANN: Gründe dafür gibt es viele, angefangen mit der neuen gesellschaftlich-technologischen Infrastruktur. Ein Beispiel hierfür ist das Internet, dessen Bedeutung ständig wächst. Ein weiterer Veränderungsgrund ist die Globalisierung mit ihren Auswirkungen auf die unterschiedlichsten Lebensbereiche. Entstehen werden zudem auf das Individuum zugeschnittene Arbeitsumgebungen und -bedingungen (Telearbeit, Heimarbeit). Auch der betriebswirtschaftliche Nutzen der neuen Methoden wird zu einer substantiellen Veränderung der Arbeitswelt beitragen.

GIBT ES PROGNOSEN DARÜBER, WIEVIELE HEIMARBEITSPLÄTZE IN DEN NÄCHSTEN JAHREN NEU ENTSTEHEN WERDEN?

BICKMANN: Es gibt Prognosen. Diese gehen aber immer nur von einer veränderten Ist-Situation aus, nicht von einem paradigmatischen Wandel, und sind daher mit Vorsicht zu genießen. Nach meiner Prognose werden - bei aller Vorsicht - in den nächsten Jahren bis zu einer Million Telejobs in Deutschland entstehen. Ob diese Telearbeitsplätze jedoch wirklich neue Arbeitsplätze oder ,,nur" alternierende Telearbeitsplätze und damit "die alten" sind, ist nicht unbedingt klar. Grundsätzlich - betrachtet man die Thematik in einem größeren Zusammenhang - geht es um die Chance, zu einer Gesellschaft zu kommen, wie sie vor der industriellen Revolution, die ja erst einhundert Jahre alt ist, geherrscht hat: Familienbunde, Gemeinschaften, und auch Landleben.

WELCHE BRANCHEN WERDEN IHRER MEINUNG NACH BESONDERS BETROFFEN SEIN?

BICKMANN: Unangenehm auffallen wird diese Veränderung ganz besonders in freizeitorientierten Branchen wie beispielsweise Videotheken, Kinos oder Vergnügungsparks. Auch Banken, Reisebüros, Werbeagenturen, Verlage, Messeveranstalter oder die Versicherungswirtschaft werden hart an dieser Nuss zu knacken haben. Selbst herkömmliche Printmedien, allgemeine Auskunftsdienste, der Flugverkehr oder die Post werden feststellen müssen, dass die Technologie sie immer mehr von ihrem traditionellen Platz verdrängt. Übersetzer, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Bibliothekare, Sekretärinnen werden diesen Wandel früher oder später ebenso zu spüren bekommen.

New Economy
traditional economy new economy
Hierarchie Vernetzung
Größe Prozesskompetenz
kapitalistisch Outsourcing / Insourcing von Kapital
institutionell temporär
traditionsbewusst aufgabenorientiert
Anonymisierung New Leaders
national und international virtuell entterritorialisiert
hard factors + soft factors soft factors als core competence
Hersteller <==> Kunde Prosumer
bürokratiegeneigt chaotisch nach innen
konglomeratisch lean image

IN WELCHER FORM VERÄNDERT SICH DENN DIE UNTERNEHMENSKULTUR ZUKÜNFTIG?

BICKMANN: Die Organisationen richten sich nach den Menschen, sie sind dialogfähig, hochkommunikativ, komplex. Der Kunde ist Partner, als solcher spürbar, ohne strukturelle Hierarchien. Statt dessen entstehen aufgabenbezogene Hierarchien (Personality, Leadership), dezentral und synergetisch, ehrlich, politikarm, rational und fehlertolerant. Lernende Organisationen mit wissensbasiertem, ganzheitlichem Denken werden interessant. Begrifflichkeiten wie Netzwerk, Subsidiarität, Kooperation und Kommunikation sind in aller Munde. Wichtig sind Qualität, hohe Innovationsneigung, Geschwindigkeit durch schnelle Kommunikation. Die Netzwerke der Zukunft setzen soziales Lernen und die Koalitionsfähigkeit ihrer Knotenpunkte voraus. Die Vorteile einer starken Kultur, einer starken, erkennbaren Identität, kommen zur Geltung. Schon jetzt befinden wir uns in einer Onlinegesellschaft, in der neue Chancen zur Gestaltung von Unternehmensorganisationen geboten werden. Starre physische und rechtliche Rahmen verlieren ihre Bedeutung und eine neue Wirtschaftsweise - auf technologischer Basis - übernimmt die Führung. Die Zukunft gehört den vernetzten, virtuellen Unternehmen, den virtuellen Organisationen.

WELCHE CHANCEN SEHEN SIE FÜR INTERNE DIENSTLEISTER IM VIRTUELL VERNETZTEN UNTERNEHMEN, SICH ZU PROFILIEREN?

BICKMANN: Unter internen Dienstleistern verstehen wir in diesem Zusammenhang die Mitarbeiter eines Unternehmens. "Die besten und intelligentesten Menschen werden sich zu den Unternehmen (und Organisationen) hingezogen fühlen, in denen sie ihre persönlichen Ziele verwirklichen können", so formulieren es Naisbitt/Aburdene. Es wird einen Wettbewerb der Arbeitsplatzattraktivität geben, bei dem der Ruf des Unternehmens (Corporate Image) und die konkreten Arbeitsbedingungen im Vordergrund stehen. In dem Maße, wie es Unternehmen gelingt, flexible, auf das Individuum abzielende Systeme und Angebote zu schaffen, wird der Gesamtstandard steigen. Ein Wettbewerb der (Unternehmens-) Kulturen ist die erkennbare Folge.
Was künftige Führungskräfte ausmacht, ist Persönlichkeit, nicht Mitläufertum. Durch eine subsidiäre Struktur wird größerer Freiraum für die notwendige Phantasie, für Selbstentfaltung und den damit verbundenen Mut zu einem eigenständigen Weg geschaffen. Es beginnt die Ära der Quereinsteiger, in der persönliche Flexibilität die Voraussetzung für die Arbeit in Netzwerken darstellt. Die "Arbeitnehmer" der Zukunft werden sich in kleineren Unternehmen zusammenfinden oder weitgehend frei, d.h. selbstbestimmt arbeiten. Mitarbeiter können initiativ sein. Übersetzt man diese Innovation auf das Leben jedes Einzelnen, entwickelt sich alles zu einer weitgehend selbstbestimmten Form der Lebensgestaltung, in der Selbständigkeit und damit Eigenverantwortung ganz groß geschrieben wird. Smi


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