Der neue PragmatismusEs gibt eine ganze Anzahl inzwischen klassischer Herausforderungen der letzten Jahre: Wertewandel in der Gesellschaft, Lean-Prozesse, Internationalisierung. Hinter Schlagworten wie Multimedia, ISDN, Interactive TV, Teleconferencing steht der nächste Quantensprung: Die Neugestaltung der technischen Infrastruktur unserer Gesellschaft. Eine Veränderung, die in ihren Auswirkungen nur mit der Einführung des Telefons vergleichbar ist. Stellt man sich ein Leben ohne Telefon vor, so kann man erahnen, über welche Revolution zu reden ist. Es ist wohl eine europäische Arabeske, dass in unseren Ländern so wenig über diese Entwicklung gesprochen wird. Natürlich gibt es Symposien und Foren, aber es gibt keine Aufbruchstimmung; Femsehintendanten unterhalten sich mehr über Einschaltquoten als über den Strukturwandel, Medienunternehmen (mit Ausnahme Bertelsmann) messen nach wie vor Druck-Auflagen, die Automobilindustrie redet weiter über Autos statt von materiellem und immateriellen Verkehr, die Städte- und Industriearchitekten planen immer noch in Fortschreibung der heutigen Arbeitswelt Wolkenkratzer und Hauptverwaltungen und denken nicht an Dezentralität, Heimarbeit und temporäre Teams. Kurzum, es entsteht der Eindruck des "business as usual". Oder doch nicht? Der Wirtschaftsminister von Baden Württemberg will 10 Mio. DM in einen Feldversuch investieren, prominente Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft verfassen ein Memorandum für eine europäische Initiative; "Europe and the Global Information Society". Der IBM-Beauftragte für Telekommunikation, Hermann Neus, stellt fest: "Europa hat die Technik, aber sie kommt nicht zum Einsatz". Demgegenüber die Administration Clinton mit Vizepräsident AI Gore, die diese Technologie zur Coretechnology des nächsten Jahrtausends definierte. Die im Vergleich zu Europa technologiefreundliche amerikanische Nation sieht in der Entwicklung zur Informationsgesellschaft eine neue Chance, im internationalen Wettbewerb die ehemals führende Position der amerikanischen Volkswirtschaft wiederzugewinnen - ganz in der Tradition des Leitsatzes "die Schnellen fressen die Langsamen". Mit guten Gründen: Wenn es mit den neuen Technologien tatsächlich gelingt, die Kommunikation einer ganzen Kultur (und damit auch der Subkultur Unternehmen) zu verändern und im Ergebnis zu beschleunigen, dann erzielt diejenige Gesellschaft (Volkswirtschaft) einen uneinholbaren Vorsprung, die zuerst lernt, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen. Die neue Dimension des Wettbewerbs durch Erhöhung der Produktivität und Kreativität wird eine neue gesamtwirtschaftliche Lage begründen. Nicht Rationalisierung im Sinne von "Lean"-Projekten, sondern schnellere Prozesse; Bildung und damit das menschliche Lernen können schneller werden, Kommunikation und Information werden komplexer und gewinnen an Fahrt, Fehler und ihre Behebung werden ebenso beschleunigt, wie z.B. die Logistik rationeller gestaltet werden kann. Die (eher unauffällige) Einführung der Fax-Technologie gab einen ersten kleinen Vorgeschmack auf das, was passieren wird. Und wie müssen sich Unternehmen mit diesem revolutionären Schritt auseinandersetzen? Der alte Pragmatlsmus Der "alte Pragmatismus" bedeutet nichts anderes als eine "numerische" Unternehmensführung; Wichtig sind die messbaren Größen, wie Umsatzentwicklung, Kostenmanagement und die Ergebnissituation. Die sogenannten soft factors, Menschenorientierung, flache Hierarchien, Fortbildung, Kulturgestaltung und -sensibilität, interne und externe Kommunikation, sind gerade in härteren Zeiten zur Kür des Handelns im Management verkommen. Mit dem Satz "Das müssen wir ganz pragmatisch entscheiden..." wird die Sense angesetzt; kurzfristiger Erfolg, "Optik ist alles", kurzfristiges Cutting nach dem Gießkannenprinzip... Pragmatisches Handeln bedeutet so verstanden nichts anderes als die Ankündigung eines im Grunde hektischen Agierens im "Hier und Heute" zu Lasten einer (notwendigen) komplexen und langfristig angelegten Sicht. Auch Krisen fallen nicht vom Himmel, sondern kündigen sich durch frühe Symptome an. Die Führung eines Unternehmens, die in schwieriger Zeit nur noch mit radikalen Schnitten agieren kann, entlarvt sich als reaktive Führung, die es versäumte, zur rechten Zeit Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen. "Pragmatismus" heißt die Feuerwehr des Unternehmens. Das Ergebnis ist ein dramatischer Motivationsverlust quer durchs Unternehmen. Die Mitarbeiter verlieren ihren Zukunftsglauben, eine Atmosphäre der Betroffenheit und Angst macht sich breit. Die Wiederbelebung der "Top-Down" Methoden führt oftmals zur Preisgabe all derjenigen Faktoren, die die Originalität eines Unternehmens ausmachten; Flair, gute Atmosphäre, soziale Kompetenz, Agilität, Arbeitszufriedenheit, Motivation, geringe Fluktuation. Der neue Pragmatismus Den soeben beschriebenen Weg der Reduktion in schwieriger Zeit wird es so nicht mehr geben. Das Unternehmen der Zukunft entzieht sich dieser Rückführung auf Zahlenphänomene. Die Lokalisierung des Unternehmens als "Körper" - heute oftmals in Verwaltungs- und Fabrikgebäuden - wird zukünftig eher im Sinne einer Sinn- und Glaubensgemeinschaft zu verstehen sein. Das Unternehmen wird sich in seinem Aufbau eher wie eine Partei darstellen: Auf der Basis einer erkennbaren Strategie (als Folge einer Vision) finden sich diejenigen Menschen zusammen, für die diese Ziele attraktiv und motivierend wirken - culture follows vision. Für das Unternehmen bedeutet diese Entwicklung die Prägung einer starken Kultur, einer starken Identität. Die Menschen werden einen gewaltigen Bedarf an Information und damit Kommunikation haben. Es wird durch die multimedialen Techniken möglich sein, die Arbeit sehr stark auf die Bedürfnisse der Menschen zuzuschneiden. Zu denken ist an Heimarbeit oder auch an das "virtuelle Büro" - möglich durch Teleconferencing und ISDN. Das Führungsverhalten kann nicht mehr von Strukturen der Abhängigkeit ausgehen, sondern muss noch viel stärker als heute die mentalkulturelle Ebene als Gestaltungsebene verstehen, denn Zahlen sind nicht anderes als Wünsche oder Ergebnisse menschlichen Handelns. Es ist zu spät, dann zu reagieren, wenn die Zahlen bereits vorliegen. Neben die numerischen Analyse- und Projektionsmethoden müssen neue Parameter treten, die die Steuerung eines Unternehmens ex ante möglich machen. Diese neuen Methoden werden selbst "soft" sein und von daher einen Entscheider verlangen, der seine Sicht der Dinge durch soziale Kompetenz und mit visionärer Kraft im kooperativen Geist durchsetzt. Damit steigen die Anforderungen an die Gestalter der Zukunft extrem. Die Ära der Quereinsteiger steht erst bevor. Der neue Pragmatismus - und hier sei Pragmatismus eher verstanden als Lösungsorientierung im komplexen Raum - kann nicht mehr die Reduktion zum Inhalt haben. Vorausschauende Planung, Sensibilität, Geschmeidigkeit, Visionskraft, Professionalität, Mut, Sinnvermittlung nach innen und außen sind die Kennzeichen der unternehmerischen Führung der Zukunft. Es gilt, Abschied zu nehmen von der Einstellung, dass alles und jedes messbar sei. Gemeinsame Ziele und gemeinsame Bewertungen externer und interner Faktoren prägen das gemeinsame Handeln. Nicht räumliche Nähe und Herrschaftsmechanismen halten das Sozialsystem zusammen, sondern Offenheit, Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit, Evolutionsfähigkeit und weitgehend freiwillige Koalitionsbereitschaft der Organisationsmitglieder. Instabilität und das Leben mit Unsicherheiten sind Kennzeichen der zukünftigen Normalität - sie sind es eigentlich schon heute, lediglich verschleiert durch den Mythos der Messbarkeit. Ein solches "Sozialsystem Unternehmen" verträgt keinen Pragmatismus herkömmlicher Art. Richtig verstandener Pragmatismus bedeutet nicht lineares Denken, sondern die Einsicht in das Komplexe und das Unwägbare - hieraus ist das Machbare, das Wahrscheinliche zu destillieren. Der Pragmatismus der Vergangenheit ist als gefährliche Vereinfachung zu brandmarken, als "Management by Dino". Manchem Hardliner mag diese Argumentation utopisch oder träumerisch erscheinen. Dies liegt nach meiner Einschätzung daran, dass das beschriebene Profil der Arbeitswelt von morgen ein so großes Delta aufweist zur Situation und zur Stimmung von heute. Diese fehlende Beweglichkeit und Phantasie kann uns jedoch weiter ins Hintertreffen bringen, denn in anderen Regionen, mit denen wir international im Wettbewerb stehen, hat die beschriebene Zukunft bereits begonnen. Wie nah sie ist, macht ein Blick auf einige schon heute betroffene Branchen deutlich: Die Medienindustrie, die Telekommunikationsindustrie, die Unterhaltungselektronik - Hard- und Software, um nur einige Beispiele zu nennen, über die heute gesprochen wird. Im Grunde sind alle Unternehmen und Branchen betroffen, deren Produktlebenszyklus länger als 5 Jahre beträgt. Beobachtet man die Entwicklung in der multimedialen Szene und geht man weiterhin davon aus, dass Kulturen für Veränderungen mindestens 3 bis 5 Jahre brauchen, so ist es höchste Zeit, die (Unternehmens-) Kulturen auf die bevorstehende Zukunft vorzubereiten. lnvestitionsentscheidungen mit einer Abschreibungszeit von 10 Jahren und mehr können ohne diese Überlegungen schon heute nicht mehr auskommen. URL dieser Seite: |
|||||||||||