Sustainability und UnternehmensethikZu Unrecht am Pranger Früher
gab es in Deutschland eine Generation von Unternehmen, die sich durch das
auszeichneten, was die Voraussetzung für "Sustainability" im
heutigen Sinn ist: langfristiges Denken und ein umfassendes Verständnis
unternehmerischer Verantwortung. Von der "Gründergeneration"
der sozialen Marktwirtschaft können wir lernen, dass eine auch soziale
und ethische Werte umfassende Grundhaltung die Voraussetzung für
"Business Excellence" ist - und damit für
"nachhaltigen", sprich stabilen und substanziellen
Unternehmenserfolg. Einige
Firmen haben sich dieses Wertesystem erhalten und es zum Fundament eines
zukunftsfähigen, erfolgreichen Unternehmens gemacht: Bertelsmann etwa,
die Würth-Gruppe oder der Büromöbelhersteller Wilkhahn. Gerade das
letzte Beispiel zeigt, wie aus dem Unternehmerethos der Gründer eine
innovative, tragfähige Geschäftspolitik geworden ist. Wilkhahn lebt
Nachhaltigkeit vor. Seine Firmenphilosophie, der es um eine Synthese von
Ökonomie, Ökologie, Ästhetik und Humanisierung der Arbeitswelt geht,
wurde mehrfach ausgezeichnet. Andere
Unternehmen kämpfen mit dem Versuch, ihre traditionslastige, gleichwohl
ethisch "werthaltige" Kultur mit den Anforderungen eines
zukunftsfähigen Global Players zu verbinden - so etwa Bosch oder Siemens,
wo anlässlich des 150. Geburtstags ein konzernweit entwickelter
Wertekatolog verabschiedet wurde. Die
Entwicklung solcher Wertekodizes oder "Codes of Conduct" ist
aber nur der erste Schritt auf dem Weg zum nachhaltigen Wirtschaften.
Entscheidend ist, dass die darin formulierten Selbstverpflichtungen
umgesetzt und gelebt werden, um integraler Bestandteil der Corporate
Identity und Kultur insgesamt zu sein. Hier aber zeigt sich die Crux börsennotierter,
"anonymer" Kapitalgesellschaften, die von wechselnden Vorständen
und selten von Persönlichkeiten geprägt werden. Langfristiges
Denken scheint sich kaum mit den Anforderungen des
Shareholder-Value-Konzepts zu vertragen, in dessen Folge das Denken und
Handeln der Topmanager nur noch an Quartalsberichten und Bilanzen
orientiert ist. Wer daran festhält, hat allerdings die Rechnung ohne die
Shareholder selbst gemacht, die seit den ernüchternden Erfahrungen mit
dem Neuen Markt genauer hinschauen, in wen oder was sie ihr Kapital
investieren. Der Boom der Ethik- und Öko-Fonds ist ein Beleg dafür. In
den USA, so jüngste Studien, achten bereits 40 Prozent aller Anleger auch
auf die ethische, soziale und ökologische Performance der von ihnen mit
besessenen Kapitalgesellschaften. Ethisch
orientierte Unternehmer wie etwa der Schuhhersteller Deichmann wiederum
erfahren, wie schwierig es in der Medienwelt ist, "das Richtige"
zu tun. Während er sich in einer Initiative im Rahmen eines "Private
Public Partnership"-Projekts mit der Gesellschaft für technische
Zusammenarbeit (GTZ) in Indien für menschenwürdige Arbeitsbedingungen
einsetzt, gerät er dennoch in die Schlagzeilen, weil er angeblich am
Produktionsstandort Indien das Trinkwasser verseucht hat. Moralische
Verantwortung endet erst dort, wo Handlungsspielräume fehlen. Nicht
umsonst betonte Dr. Michael Otto anlässlich der Verleihung des ersten
Preises für Unternehmensethik des Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik auf
Grund seines Engagements für die Entwicklung und Implementierung des
Sozialstandards SA 8000 im vergangenen Jahr die Grenzen der Überprüfbarkeit.
Der Otto Versand könne die Einhaltung nur bis zu einer bestimmten Ebene
seiner Sub-Lieferanten sicherstellen. Die
"kritische Öffentlichkeit" verkennt das oft und stellt
Unternehmen zum Teil zu Unrecht an den Pranger. Für viele Unternehmen in
Deutschland ist das noch immer ein Grund, sich mit ethischem Engagement
zurückzuhalten oder nicht öffentlich darüber zu reden. Für einige ist
es aber auch eine willkommene Ausrede, um sich ganz davon fern zu halten
und auf Milton Friedman zu berufen. Dann erschöpft sich unternehmerische
Verantwortung in Profitmaximierung. Doch es gilt im Umkehrschluss: Macht
und Handlungsspielräume bedingen moralische Verantwortung. Das trifft
besonders auf transnational agierende Unternehmen zu, die zwangsläufig
frei von ordnungspolitischen Steuerungssystemen handeln. Sie müssen sich
dieser Verantwortung stellen - ob sie wollen oder nicht. So
hat Shell durch die massive Kritik an ihrer Firmenpolitik in Nigeria eine
Lektion erhalten, wie vor ihr Nestlé im Babynahrungsskandal oder aktuell
Nike durch die Vorwürfe der Kinderarbeit bei Lieferanten. Die Unternehmen
scheinen zu lernen. Nur eine ausgewogene Berücksichtigung der
berechtigten Interessen aller Stakeholder und die Verpflichtung auf Werte
wie Aufrichtigkeit, Transparenz, Fairness und Integrität, verbunden mit
der Orientierung an universal gültigen ethischen Prinzipien wie den
Menschenrechten, kann Unternehmen im 21. Jahrhundert langfristig
erfolgreich sein lassen. Image-Einbußen auf Grund von erkennbarem
ethischem Fehlverhalten wirken gleichermaßen "nachhaltig" -
allerdings negativ. URL dieser Seite: |
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