Die Stunde der VerbändeDie Fehler der alten und – ab letzten Sonntag - auch der neuen
Bundesregierung liegen vor allem in der Arbeitsmarkt- und
Wirtschaftspolitik auf der Hand. Deshalb wünschte sich das
Unternehmerlager sicherlich zu Recht einen Stimmungswechsel, mehr Entbürokratisierung,
steuerliche Entlastung und immer wieder eine Politik, die
unternehmerisches Handeln am Ende auch belohnt. Dieses Ziel wurde jedoch nicht erreicht. Die Themen und damit auch die
schwierigen Fragestellungen der letzten Legislaturperiode bleiben deshalb
auch erhalten. Die Wirtschaft wird sich nun fragen müssen, welche Möglichkeiten
sie hat, um über Interventionen und Sacharbeit ihren Einfluss und damit
auch ihre Expertise in den kommenden politischen Meinungsbildungsprozess
der rot-grünen Koalition einzubringen. Eine Fortführung der bisher
praktizierten konsensorientierten Politik erscheint wenig sinnvoll, denn
die Themen sind zumeist aus sich heraus als Konflikt angelegt. Und: Alle
wichtigen Fragen können nicht weitere vier Jahre liegen gelassen werden. Zwei wesentliche Möglichkeiten tun sich mithin auf: zum einen die persönliche
Intervention all jener Spitzenkräfte in der deutschen Wirtschaft, die
eine exzellente Vernetzung aufweisen und zum anderen weiterhin die Stärkung
der etablierten Lobbyorganisationen der Wirtschaft. Die persönliche Vernetzung, ein Herzstück Schröderscher
Politikarbeit, erscheint getrieben von partikularen Interessen eines
konkreten Unternehmens und ist zudem nicht frei von jeweiligen persönlichen
Eitelkeiten. Diese Kontakte sind natürlich in jedem Einzelfall wichtig
und notwendig, bewirken aber nichts in grundlegenden, strukturellen Fragen
der Wirtschaftspolitik. Zudem sind es zumeist die Vertreter von Konzernen
und Großunternehmen, die sich kennen und Einfluss auf die Politik zu
nehmen versuchen. Die dringend erforderliche Politik für den Mittelstand
findet jedoch auf diese Art und Weise keine Aufmerksamkeit. Politischer Einfluss in struktureller Weise kann daher nur von den Verbänden
kommen. Ihnen ist es zuzutrauen, dass sie auch wirtschaftspolitisch die
Kraft haben, die Wirtschaftsordnung in ihrer Binnenstruktur zu verfechten.
Dabei liegt es auch im Interesse der großen industriellen Player, die
Anliegen des Mittelstandes zu vertreten. Das Thema Globalisierung und die
berühmte „Angst vor der Macht der Konzerne“ werfen Schlaglichter auf
die Grenzen der Akzeptanz von Größe.
Es muss also auch im Interesse der Großen sein, sich im Konzert der
kleinen und mittelständischen Unternehmen zu zeigen – schon aus Gründen
der politischen Klugheit. Nur: Eine Position zu vertreten, die die Soziale
Marktwirtschaft und hierbei gerade mittelständische Politik im Kern hat,
wird den Großen nicht abgenommen und erscheint sehr schnell als vordergründig.
Daher sind es die Verbände, deren Anliegen es sein muss, für
Rahmenbedingungen einzutreten, die eine Wende zum Besseren für die
Wirtschaft zum Ergebnis haben. Diese Verantwortung zu übernehmen sollte den Verbänden auch nicht
schwer fallen. Bei realer Betrachtung der Mitgliederstrukturen sind alle
Verbände zutiefst mittelständisch geprägt. Was aber fehlt, ist ein
Methodenwechsel: Bisher setzte man auf direkte persönliche Einflussnahme,
man gestaltete „runde Tische“ und Hintergrundgespräche. Eine breite
Öffentlichkeit nahm die Interessenvertreter der Wirtschaft so allenfalls
am Rande zur Kenntnis. Wie kam es zu diesem Defizit? In der ersten Amtszeit von Gerhard Schröder
funktionierten die informellen Netzwerke mit namhaften Industrievertretern
vorzüglich. Auf der anderen Seite wurden viele politische Probleme in
Kommissionen verschoben. Wie dieser Schrödersche Politikstil den
deutschen Wirtschaftsverbänden zunehmend eine Nebenrolle zuwies,
illustriert am besten und anschaulichsten die Hartz-Kommission: In dem
15-köpfigen Gremium berieten sieben Vertreter aus Unternehmen und
Beratungen, zwei Politiker, zwei Wissenschaftler, zwei Gewerkschafter und
ein Vertreter der Verwaltung. Einziger Vertreter eines
Wirtschaftsverbandes war Hanns-Eberhard Schleyer, der Generalsekretär des
Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Diese Entwicklung ist auch ein Ergebnis einer Verbandskultur, die in der
Vergangenheit eher nach innen hin ausgerichtet war, als nach außen in
Erscheinung treten sollte. Die politische Situation nach diesem
Wahlsonntag erfordert jedoch Verbände, die mehr sind als bloße
Dienstleister für ihre Mitglieder. Verbände müssen im Interesse ihrer
Mitglieder Themen besetzen und aus ihnen klare politische Forderungen
ableiten. Das funktioniert unter drei Voraussetzungen: Die großen
Mitgliedsunternehmen müssen erstens ihre Verbandsmitgliedschaften ernst
nehmen und nicht im Zweifelsfall am Verband vorbei agieren (Sie sollten
sich fragen, ob sie auf dem informellen Weg der Netzwerke bisher
eigentlich gute Ergebnisse erzielt haben.) Zweitens müssen mittelständische
Unternehmen in den Verbänden aktiver arbeiten, als sie dies bisher getan
haben. Dann werden sie für ihre Mitarbeit auch einen entsprechenden
politischen pay-off bekommen. Drittens müssen die Verbände die Öffentlichkeit in ihre Strategie
einbeziehen, gerade wenn es politischen Konfliktstoff gibt. Nur dann können
sie die Öffentlichkeit auch davon überzeugen, dass zwischen
Mitgliederinteressen und gesellschaftlichen Interessen mehr Übereinstimmungen
existieren, als viele vermuten. Diese Punkte erhalten noch mehr Gewicht,
wenn man bedenkt, dass die europäische Perspektive in der Verbandsarbeit
immer stärker an Bedeutung gewinnt. Die Zukunft muss einer neuen Streitkultur gehören. Einer Streitkultur,
in der sich die Verbände in der Rolle einer Pressure Group verstehen müssen,
die aber nicht nur partikulare Interessen vertritt, sondern die sich als
„Anwalt der Wirtschaftsordnung“ versteht. Seit dem Fall der Mauer gab
(und gibt) es in Deutschland nur wenige qualifizierte Diskussionen über
die ökonomischen Rahmenbedingungen einer freiheitlichen Gesellschaft –
der Sieg des Kapitalismus schien so übermächtig, so glorios, dass die
Begründung der politischen Legitimation der Wirtschaftsordnung von der
politischen Themenliste verschwand. Das Ergebnis: willfährige Interventionen (Holzmann, Mobilcom) des Bundeskanzlers, neue, alte Unfreiheiten (Bürokratie) und andere Belastungsproben für die Wirtschaft. Zusätzlich wurde die ordnungspolitische Diskussion in unserem Land als überflüssige Disziplin gebrandmarkt – auch und gerade vom alten und neuen Bundeskanzler. Die
aktuelle Diskussion über "Corporate Social Responsibility"
wäre zum Beispiel ein geeignetes Portal für die Wirtschaftsverbände,
ihren möglichen Einfluss in Form konstruktiver Kritik zu artikulieren.
Die Verbände sollten also den Versuch unternehmen, nachhaltiger die
Interessen der Wirtschaft zu vertreten, als dies in der Vergangenheit der
Fall war. Dazu gehört, wo unabwendbar, auch mehr als bisher Konflikte in
Kauf zu nehmen und in der Öffentlichkeit auszutragen. Die Dimension der
Themen und die fehlende Zeit verbieten es, weitere vier Jahre auf eine (partei-)politische
Lösung zu hoffen oder gar zu warten.
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