Wirtschaftsverbände - Macht ist auch eine Frage der LegitimitätDie momentan
ausgetragene Verbandsdebatte wirft ein Schlaglicht auf die Situation des
selbstverwalteten Lobbying der deutschen Wirtschaft – kratzt man nur an
der Oberfläche, so scheint es, dass nunmehr die großen Unternehmen die
eigene Organisation „satt haben“ und durch direkten Einfluss ihre
Interessen zu sichern suchen. Frei nach dem Motto „Jetzt lass mich mal
ran“. So
einfach ist die Sache allerdings nicht. Es wäre ein müheloses
Unterfangen der „Top 30“, einen eigenen Verband ins Leben zu rufen und
sich als gesellschaftliche Pressure Group Gehör zu verschaffen. Warum
gibt es dann so viele Organisationen wie BDI, BDA, DIHK, um nur die
Spitzenverbänden zu nennen? Und warum sind auch die großen Konzerne
(noch?) in ihnen aktiv? Die
Antwort auf diese Frage findet sich in den Grundsätzen unserer
Gesellschaft. Wer im politischen Kontext Mitreden und Mitbestimmen will,
stellt nicht zuletzt die Legitimität seiner Interessen auf den Prüfstand.
Dabei gibt es einen unauflösbaren Zusammenhang zwischen Legitimität und
demokratisch initiierten Entscheidungsprozessen. In einer Demokratie
argumentiert derjenige legitim, der auf der Grundlage einer glaubwürdigen
Binnendemokratie argumentiert. Allen möglichen Kritikansätzen zum Trotz,
kann dies sicherlich bei einem „Verband der Verbände“, wie dem BDI,
angenommen werden. Mehr noch: Jeder in der Politik wird nicht müde, sich
als „Mittelständler“ zu gebärden. Mittelstand ist „in“, der
Mittelstand scheint zum passe partout für die Lösung der aktuellen
Probleme aufzusteigen. Und:
Gerade der BDI wird durch den Präsident Michael Rogowski von einem
mittelständischen Unternehmer repräsentiert. Eine große Chance für die
Glaubwürdigkeit der Kritik an politischen Programmen! Mit
dieser Repräsentanz und zugleich der binnendemokratischen Verfassung kann
der BDI mit besonderem Nachdruck die Interessen „der Wirtschaft“
vertreten. Mehr noch: Wirtschaftspolitik ist immer auch
Gesellschaftspolitik für das gesamte Land. Jetzt, so scheint es, entsteht
die Gefahr, dass all jene Konzerne, die nicht die subtile Strukturen
DIESER Politikvertretung abbilden, die sich ohnedies „global
aufgestellt“ fühlen, ausscheren, um Partikularinteressen zu
formulieren. Man redet direkt mit dem Kanzler – auf gleicher Augenhöhe.
Es
entsteht bei diesem Versuch der direkten Einflussnahme das Risiko, die über
Jahrzehnte aufgebaute Selbstverwaltung der Wirtschaft nachhaltig zu schädigen.
Dies sollte aber niemanden wirklich beunruhigen. Ein „Club der Top 30“
wäre als politische Pressure Group schlicht nicht lobbyfähig. Gerade
wenn man die aktuellen Diskussionen um die Folgen der Globalisierung und
die Verantwortung für diese Auswirkungen verfolgt, wird deutlich, welches
Negativimage mittlerweile gerade multinational agierenden Unternehmen
anhaftet. Die Konzerne, die in dieser Situation auf Kosten von
demokratisch legitimierten Organisationen und Verbänden ein größeres
Eigengewicht spürbar machen wollen, sollten sich gut überlegen, was sie
tun. Denn sie würden damit allen Globalisierungsgegnern eine Steilvorlage
liefern, die gegenüber der „Global Economy“ und ihrer Selbstkontrolle
tiefes Misstrauen hegen. Der Ruf nach mehr staatlicher Aufsicht und einer
Einschränkung unternehmerischer Freiheit erhielte so noch mehr Resonanz. Jene
Konzerne, die das Land nur noch als „Standort“ betrachten, sich frei fühlen
von redlich empfundener lokaler Verantwortung und hinter dem Götzen
„Shareholder Value“ Aufstellung beziehen, sind nicht diejenigen, die
ein Prinzip wie „Corporate Governance“, das auch demokratische
Elemente hat, verstanden haben. Sie trifft zurecht die Ablehnung, die man
gegenüber einem schlechten Nachbarn empfindet, eben einem Unternehmen,
dass nicht zuhört und nur an den eigenen Geldbeutel denkt. Nicht
alle Konzerne denken und handeln so, aber in der Ära des Controllings,
fallen Investitionen in Werthaltungen wie die, die eine Corporate
Governance ermöglichen, zuallererst dem Rotstift zum Opfer. Allein vom
Controlling getriebene Unternehmen sind keine guten Bundesgenossen,
sondern jene unangenehmen Weggefährten, mit denen man allenfalls dann am
Tisch sitzt, wenn es dann anders gar nicht geht. Demokratie
ist das geringste „Übel“ aller politischen Systeme. Dazu gehört,
dass man die Interessen anderer verstehen und einbeziehen muss, um mit
eigenen Interessen Gehör zu finden. Demokratische Prozesse sind zäh,
dauern manchmal unerträglich lange und wirken allenfalls mittelbar –
Gift also für all jene Konzernlenker, die im Vierteljahresrhythmus leben
und handeln. Gleichwohl:
Im konkreten Fall bedeutet dies, dass „die Wirtschaft“ ihre harsche
Kritik am politischen und steuerpolitischen Konzept der Bundesregierung
nur dann wird einbringen können, wenn sie sich über demokratisch
legitimierte Prozesse artikuliert. Dazu gehören im Kern die Verbände.
Diese bilden die Wirtschaft ab, und diese Abbildung umfasst – schon rein
quantitativ – die mittelständische Wirtschaft. Zurzeit ist die
Gesellschaft in einer prekären Situation. Sowohl Politik als auch
Wirtschaft können ein Akzeptanzdefizit in der Bevölkerung spüren. Die
Politik aufgrund ihrer offensichtlichen Unfähigkeit Probleme zu lösen
und die Wirtschaft, weil es ihr nicht ausreichend gelingt nach außen hin
deutlich zu machen, dass sie auch gesellschaftliche Verantwortung übernimmt.
Diese Defizite werden nicht verbessert, wenn der ehemalige „Genosse der
Bosse“ und die Spitzen von Großunternehmen politische Alleingänge
unternehmen. Es
gehört zur politischen Taktik von Gerhard Schröder, sich der feinen
Binnentrennlinien der (Wirtschafts-)Verbände zu bedienen, um den
„Gegner“ schwach zu halten und die eigenen Politikansätze
durchzubringen. Dieses wenig demokratische Vorgehen einer demokratisch gewählten
Regierung passt in eine Zeit, in der immer mehr politische Entscheidungen
nicht im Bundestag, sondern in diversen Kommissionen vorbereitet werden.
Ein Hohn für all jene, die mit großem Sachverstand in den eigentlich
zuständigen Institutionen sitzen und eine Versuchung für alle Profis des
politischen Lobbyings, sich dieser neuen Methoden selbst zu bedienen. Es
wird auf die Klugheit gerade der großen Unternehmen ankommen, wie sie mit
den Umarmungsversuchen des Kanzlers umgehen. Durch die egoistische
Vertretung von Eigeninteressen lassen sich kurzfristige Zugeständnisse
erreichen, auch Unternehmenslobbyisten brauchen schnelle
Erfolgserlebnisse! Klug ist so ein Vorgehen nicht, öffentlich kompatibel
in keinem Fall. Wer mittel- und langfristig die Stimme der Wirtschaft in den zahlreichen wichtigen gesellschaftlichen Reformdebatten stärken will, muss jetzt die Selbstorganisation der Wirtschaft zu stärken. Ohne einen Dialog zwischen Regierung und Verbänden geht es nicht. Die Auftreten des BDA-Präsidenten Dieter Hundt in dieser Woche ist dabei vielversprechend. Er hat einerseits dem Bundeskanzler und seinem Kabinett ein kräftiges Signal gegeben, dass es so nicht weiter gehen kann, und sich andererseits der weiteren Diskussion nicht verweigert. URL dieser Seite: |
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