Bürokratie untergräbt WerteDie EU-Kommission will Firmenchefs dazu zwingen, soziale und ökologische Aspekte im Betrieb zu beachten. Roland Bickmann, Verfechter unternehmerischer Werteorientierung, hält das für falsch. Mittelständler brauchen keine weiteren Gesetze: Verantwortungsvolles Wirtschaften hat bei ihnen Tradition.
Markt:
Mehr als 41.000 Firmen gingen 2002 pleite, mindestens ebenso viele kämpfen
ums Überleben. Sie kürzen Sozialleistungen, schließen Abteilungen,
entlassen Mitarbeiter. Kann ein Unternehmer, dessen Firma in die
Schieflage gerät, noch sozial verantwortlich handeln? Bickmann:
Durchaus! An Werten orientiertes Verhalten ist keine Kür für gute
Zeiten. Im Gegenteil – wer sein Unternehmen werteorientiert führt,
schafft ein Fundament von Vertrauen, das auch in der Krise trägt. Das schützt
nicht vor harten Entscheidungen. Aber der Firmenchef kann sie
verantwortlich und nachvollziehbar für die Betroffenen fällen.
Entlassungen sind daher für mittelständische Unternehmer meist das letzte Mittel.
Dagegen verkaufen Konzerne Personalabbau im großen Stil oft als positive
Nachricht, um Analysten zu besänftigen. Das hat wenig mit
Wertebewusstsein und viel mit Managementversagen zu tun. Markt:
Wie entsteht dieses Bewusstsein im Unternehmen –
und welche Rolle spielt dabei der Chef? Bickmann:
Wichtig ist, zwischen inhabergeführten und anderen Unternehmen zu
unterscheiden. Denn ein Inhaber prägt seine Firma gerade im Bereich der
Werte stark. Wo es hingegen ein austauschbares Management gibt, dort
spielt die Vorbildfunktion der Führungskräfte eine etwas geringere
Rolle. Daher ist es für diese Unternehmen unverzichtbar, sich auf
verbindliche Verhaltensgrundsätze zu verständigen, um Kontinuität zu
gewährleisten. Diese Prinzipien wirken nur dann, wenn sie auch in
konkreten Maßnahmen münden. Markt:
Die meisten Mittelständler
sind Eigentümer ihrer Firma, sie führen sie mit Herzblut, fühlen sich
verantwortlich für ihre Mitarbeiter und verfolgen langfristige
Strategien. Ist der Mittelstand die Wiege des Wertebewusstseins? Bickmann:
Inhaber von Unternehmen haben in dieser Hinsicht tatsächlich einen großen
Vorsprung vor Geschäftsführern oder Vorstandsvorsitzenden. Denn das
Bewusstsein für Werte basiert auf Faktoren wie Identifikation, Kontinuität
und Entscheidungsfreiheit. Um es ganz klar zu sagen: Inhabergeführte
Betriebe sind andere soziale Systeme als Kapitalgesellschaften. Vor allem
ist die Person des Inhabers selbst oft das Herzstück der
Unternehmenskultur, als Chef und Sinnstifter schafft er die Grundlage
Orientierung an Werten. Markt:
Welche Rolle spielt der Staat? Bickmann:
Er muss vor allem die Bedingungen für fairen Wettbewerb schaffen und
durchsetzen. Wir sollten nicht vergessen, dass hinter jeder
Wirtschaftsordnung ein politisches Konzept steht. Entscheidet sich ein
Staat für die Marktwirtschaft, muss er auch dafür sorgen, dass der
Freiraum für unternehmerische Eigenverantwortung offen bleibt. Markt:
Gerade diesen Freiraum schränkt
die rot-grüne Bundesregierung aber mit immer neuen Gesetzen, Verordnungen
und Regeln ein. Mehr als 90.000 Paragrafen müssen Firmenchefs inzwischen
beachten. Bickmann:
Leider ist die Überregulierung in Deutschland vor allem für mittelständische
Unternehmer ein riesiges Problem. Im Kampf mit Formularen, Verordnungen
und statistischen Berichten verlieren Firmen wertvolle Zeit und Geld. Dass
damit Wertebewusstsein eher untergraben wird, zeigen die Beispiele Qualität
und Umweltschutz: Statt darin wichtige Leitwerte einer nachhaltigen
Unternehmensführung zu sehen, sorgt die Jagd nach dem nächsten
Zertifikat nur für Widerwillen in den Betrieben. Wertebasierendes
Management lässt sich nicht mit Bürokratie erreichen. Markt:
Brauchen wir überhaupt
Regulierung, um Wertebewusstsein zu schaffen? Bickmann:
Jede Wirtschaft benötigt ein Mindestmaß an Regulierung, um verlässliche
Rahmenbedingungen zu setzen. Ebenso braucht sie gemeinsame Werte, auf die
sich die Handelnden in Unternehmen und in der Gesellschaft verständigen,
um die Zusammenarbeit zu ermöglichen. Dabei muss die Marktwirtschaft
allerdings auf gesellschaftliche Prinzipien zurückgreifen, die sie aus
sich selbst heraus nicht generieren kann. Freiheit kann auf zwei Arten
interpretiert werden: als Laisser-faire im Dienst der kurzfristigen
Gewinnmaximierung oder auch als Freiheit zum ethisch reflektierten,
unternehmerischen Handeln. Auf welche Variante sich die Beteiligten
einigen, ist entscheidend für die Wirtschaftskultur. Markt:
Einerseits muss der Staat den
unternehmerischen Freiraum bewahren, anderseits soll er zugleich
gesellschaftliche Prinzipien in der Wirtschaft verankern. Wie lassen sich
die beiden Ziele unter einen Hut bringen? Bickmann:
Indem der Staat den Rahmen vorgibt und die Regulierung in diesen Grenzen
der Wirtschaft selbst überlässt. Verbände haben dabei eine wichtige
Funktion. Denken Sie an die industrielle Normung, ein ganz zentraler Punkt
in der Selbstverwaltung der Wirtschaft. Außerdem kann der Staat Anreize für
werteorientiertes Verhalten schaffen. Das versuchte die Regierung zum
Beispiel mit dem Corporate Governance Kodex oder dem
Anti-Korruptionsregister. Markt:
Dass Unternehmer nur mit
massiver Regulierung zu anständigem Verhalten gebracht werden, davon
scheint die EU-Kommission überzeugt zu sein. Mit ihrem Grünbuch zur
sozialen Verantwortung will sie Firmenchefs dazu zwingen, soziale und ökologische
Aspekte im Betrieb zu beachten. Kann Wertebewusstsein von oben verordnet
werden? Bickmann:
Es ist unsinnig, Unternehmer zu
etwas zu zwingen, das sie in der großen Mehrheit ohnehin tun. Der ökologische
Bereich ist ja schon weitgehend reguliert. Dasselbe gilt für den
Arbeitsschutz und ähnliche Themen. Und um gegen schwarze Schafe
vorzugehen, gibt es bereits genügend andere rechtliche Möglichkeiten. So
können etwa bei Umweltskandalen die Betroffenen oder auch die Ökoverbände
klagen. Markt:
Müssen Mittelständler damit
rechnen, dass das Grünbuch eins zu eins in Gesetze gegossen wird? Bickmann:
Nein, die Diskussion ist ja
erst eröffnet. Wir müssen abwarten, wie sich der Dialog im
EU-Multi-Stakeholder-Forum zur sozialen Verantwortung, neudeutsch
Corporate Social Responsibility (CSR), in Brüssel entwickelt. Darin
diskutieren Vertreter von Unternehmens-, Sozial- und Umweltverbänden
sowie Politiker über das Grünbuch. Wenn die Unternehmerinteressen Gehör
finden, kann das nützen. Den Firmenchefs Zwang aufzuerlegen, ist aber
auch nicht der ursprüngliche Ansatz des Grünbuchs. Daher sollte das
Forum keine Veranstaltung mit Anti-Unternehmer-Tendenz werden, in dem alte
dirigistische Ideen ihre Renaissance erfahren. Markt:
In ihrem Grünbuch geht die
EU-Kommission implizit davon aus, dass in Europa ein einheitliches
Wertegerüst existiert – gibt es das tatsächlich? Bickmann:
Ein Gerüst gibt es, aber es
ist zu prüfen, wie tragfähig es ist. Die Wahrung von Grundrechten,
Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit sind Ziele, denen kaum jemand
widerspricht. Sobald es aber ins Detail geht, variieren die Auffassungen.
Denn die europäischen Volkswirtschaften sind unterschiedlich weit
entwickelt, ebenso differieren die rechtlichen Bedingungen. Die
EU-Erweiterung verschärft diesen Trend, denken Sie an die Diskussion um
die Aufnahme der Türkei. Deshalb sollten die Politiker das Subsidiaritätsprinzip
beachten. Danach sind Lösungen vor Ort der europaweiten bürokratischen
Klammer vorzuziehen. Markt:
Lässt sich denn überhaupt die
Werteauffassung der EU-Kommission mit derjenigen, die hinter der deutschen
Regulierungslust steht, vereinbaren? Bickmann:
Hier stellt sich zunächst die
Frage, an welchen Werten sich die deutschen Politiker orientieren. Und die
ist kaum zu beantworten. Immer wieder werden emotional aufgeladene
Begriffe wie Gerechtigkeit oder soziale Verantwortung in die Debatte
geworfen. Was dahinter steht, bleibt verschwommen. Es fehlt ein klares
Leitbild – und das ist ein entscheidendes Problem, wenn diese Begriffe
umgesetzt werden sollen. Auf europäischer Ebene potenziert sich dieses
Hemmnis. Wir haben zu viele Politikmanager und zu wenig Visionäre. Markt:
Die EU-Kommission versucht
dennoch, Unternehmen aller Arten dasselbe Wertegerüst überzustülpen.
Sollte sie nicht stärker differenzieren? Bickmann:
Wir brauchen gar nicht mit dem
Finger nach Brüssel zu zeigen. Das Problem haben wir in Deutschland auch.
Der Begriff Mittelstand wird zur Worthülse. Jeder meint damit etwas
anderes. Für mich verbirgt sich hinter dem Begriff der Eigentümer-Unternehmer,
also die Person, die das Risiko trägt – in welchem rechtlichen Mantel
auch immer. Dieser Unternehmer hat bei der Werteorientierung gegenüber
austauschbaren Managern einen Vorsprung. Daher sollte auch die EU klar
zwischen Inhaberbetrieb und anderen Firmen unterscheiden. Markt:
Es gibt auch andere Wege, das
Wertebewusstsein in den Unternehmen zu fördern. Sind beispielsweise
freiwillige Selbstverpflichtungen nicht die bessere Alternative zu den
Regulierungsplänen der EU-Kommission? Bickmann:
Gewiss. Vor allem aber müssen
die Politiker in Brüssel und Berlin endlich erkennen, dass das Thema
Werte Unternehmersache ist. Die ursprüngliche Idee des Grünbuchs war,
auf Freiwilligkeit zu setzen. Das ist der richtige Weg. Für sinnvoll
halte ich auch, dass nach den EU-Plänen Best-Practice-Beispiele von
werteorientierten Firmen gesammelt und veröffentlicht werden sollen. Nur
bezweifle ich, dass die EU und die Regierung hier besonders leistungsfähig
sind. Markt:
Wer kann das leisten? Bickmann: Die Unternehmen und Verbände. Dort ist das Know-how vorhanden. Vor allem mittelständische Firmenchefs hätten so die Chance, ihr Engagement für CSR, für die soziale Verantwortung zu zeigen. Denn bisher dominieren in den Medien die Großunternehmen, wenn es um diese Themen geht. Der inhabergeführte Mittelstand praktizierte aber schon CSR, bevor es dieses Wortungetüm überhaupt gab. Soziale Verantwortung hat bei ihm eine lange Tradition. Gleichwohl müssen er sich stärker an der Diskussion beteiligen. Denn er kann sich nicht darauf verlassen, dass die Konzerne sich um die Belange der ganzen Wirtschaft kümmern.
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