Knowledge Base Unternehmensberatung Bickmann & Collegen
Dokument-Info:
Autor: Monika Hofmann
Quelle: Markt und Mittelstand, 02/2003, S. 20-23
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Bürokratie untergräbt Werte

Die EU-Kommission will Firmenchefs dazu zwingen, soziale und ökologische Aspekte im Betrieb zu beachten. Roland Bickmann, Verfechter unternehmerischer Werteorientierung, hält das für falsch. Mittelständler brauchen keine weiteren Gesetze: Verantwortungsvolles Wirtschaften hat bei ihnen Tradition.

 

Markt: Mehr als 41.000 Firmen gingen 2002 pleite, mindestens ebenso viele kämpfen ums Überleben. Sie kürzen Sozialleistungen, schließen Abteilungen, entlassen Mitarbeiter. Kann ein Unternehmer, dessen Firma in die Schieflage gerät, noch sozial verantwortlich handeln?

Bickmann: Durchaus! An Werten orientiertes Verhalten ist keine Kür für gute Zeiten. Im Gegenteil – wer sein Unternehmen werteorientiert führt, schafft ein Fundament von Vertrauen, das auch in der Krise trägt. Das schützt nicht vor harten Entscheidungen. Aber der Firmenchef kann sie verantwortlich und nachvollziehbar für die Betroffenen fällen. Entlassungen sind daher für mittelständische Unternehmer meist das letzte Mittel. Dagegen verkaufen Konzerne Personalabbau im großen Stil oft als positive Nachricht, um Analysten zu besänftigen. Das hat wenig mit Wertebewusstsein und viel mit Managementversagen zu tun.

Markt: Wie entsteht dieses Bewusstsein im Unternehmen – und welche Rolle spielt dabei der Chef?

Bickmann: Wichtig ist, zwischen inhabergeführten und anderen Unternehmen zu unterscheiden. Denn ein Inhaber prägt seine Firma gerade im Bereich der Werte stark. Wo es hingegen ein austauschbares Management gibt, dort spielt die Vorbildfunktion der Führungskräfte eine etwas geringere Rolle. Daher ist es für diese Unternehmen unverzichtbar, sich auf verbindliche Verhaltensgrundsätze zu verständigen, um Kontinuität zu gewährleisten. Diese Prinzipien wirken nur dann, wenn sie auch in konkreten Maßnahmen münden.

Markt: Die meisten Mittelständler sind Eigentümer ihrer Firma, sie führen sie mit Herzblut, fühlen sich verantwortlich für ihre Mitarbeiter und verfolgen langfristige Strategien. Ist der Mittelstand die Wiege des Wertebewusstseins?

Bickmann: Inhaber von Unternehmen haben in dieser Hinsicht tatsächlich einen großen Vorsprung vor Geschäftsführern oder Vorstandsvorsitzenden. Denn das Bewusstsein für Werte basiert auf Faktoren wie Identifikation, Kontinuität und Entscheidungsfreiheit. Um es ganz klar zu sagen: Inhabergeführte Betriebe sind andere soziale Systeme als Kapitalgesellschaften. Vor allem ist die Person des Inhabers selbst oft das Herzstück der Unternehmenskultur, als Chef und Sinnstifter schafft er die Grundlage Orientierung an Werten.

Markt: Welche Rolle spielt der Staat?

Bickmann: Er muss vor allem die Bedingungen für fairen Wettbewerb schaffen und durchsetzen. Wir sollten nicht vergessen, dass hinter jeder Wirtschaftsordnung ein politisches Konzept steht. Entscheidet sich ein Staat für die Marktwirtschaft, muss er auch dafür sorgen, dass der Freiraum für unternehmerische Eigenverantwortung offen bleibt.

Markt: Gerade diesen Freiraum schränkt die rot-grüne Bundesregierung aber mit immer neuen Gesetzen, Verordnungen und Regeln ein. Mehr als 90.000 Paragrafen müssen Firmenchefs inzwischen beachten.

Bickmann: Leider ist die Überregulierung in Deutschland vor allem für mittelständische Unternehmer ein riesiges Problem. Im Kampf mit Formularen, Verordnungen und statistischen Berichten verlieren Firmen wertvolle Zeit und Geld. Dass damit Wertebewusstsein eher untergraben wird, zeigen die Beispiele Qualität und Umweltschutz: Statt darin wichtige Leitwerte einer nachhaltigen Unternehmensführung zu sehen, sorgt die Jagd nach dem nächsten Zertifikat nur für Widerwillen in den Betrieben. Wertebasierendes Management lässt sich nicht mit Bürokratie erreichen.

Markt: Brauchen wir überhaupt Regulierung, um Wertebewusstsein zu schaffen?

Bickmann: Jede Wirtschaft benötigt ein Mindestmaß an Regulierung, um verlässliche Rahmenbedingungen zu setzen. Ebenso braucht sie gemeinsame Werte, auf die sich die Handelnden in Unternehmen und in der Gesellschaft verständigen, um die Zusammenarbeit zu ermöglichen. Dabei muss die Marktwirtschaft allerdings auf gesellschaftliche Prinzipien zurückgreifen, die sie aus sich selbst heraus nicht generieren kann. Freiheit kann auf zwei Arten interpretiert werden: als Laisser-faire im Dienst der kurzfristigen Gewinnmaximierung oder auch als Freiheit zum ethisch reflektierten, unternehmerischen Handeln. Auf welche Variante sich die Beteiligten einigen, ist entscheidend für die Wirtschaftskultur.

Markt: Einerseits muss der Staat den unternehmerischen Freiraum bewahren, anderseits soll er zugleich gesellschaftliche Prinzipien in der Wirtschaft verankern. Wie lassen sich die beiden Ziele unter einen Hut bringen?

Bickmann: Indem der Staat den Rahmen vorgibt und die Regulierung in diesen Grenzen der Wirtschaft selbst überlässt. Verbände haben dabei eine wichtige Funktion. Denken Sie an die industrielle Normung, ein ganz zentraler Punkt in der Selbstverwaltung der Wirtschaft. Außerdem kann der Staat Anreize für werteorientiertes Verhalten schaffen. Das versuchte die Regierung zum Beispiel mit dem Corporate Governance Kodex oder dem Anti-Korruptionsregister.

Markt: Dass Unternehmer nur mit massiver Regulierung zu anständigem Verhalten gebracht werden, davon scheint die EU-Kommission überzeugt zu sein. Mit ihrem Grünbuch zur sozialen Verantwortung will sie Firmenchefs dazu zwingen, soziale und ökologische Aspekte im Betrieb zu beachten. Kann Wertebewusstsein von oben verordnet werden?

Bickmann: Es ist unsinnig, Unternehmer zu etwas zu zwingen, das sie in der großen Mehrheit ohnehin tun. Der ökologische Bereich ist ja schon weitgehend reguliert. Dasselbe gilt für den Arbeitsschutz und ähnliche Themen. Und um gegen schwarze Schafe vorzugehen, gibt es bereits genügend andere rechtliche Möglichkeiten. So können etwa bei Umweltskandalen die Betroffenen oder auch die Ökoverbände klagen.

Markt: Müssen Mittelständler damit rechnen, dass das Grünbuch eins zu eins in Gesetze gegossen wird?

Bickmann: Nein, die Diskussion ist ja erst eröffnet. Wir müssen abwarten, wie sich der Dialog im EU-Multi-Stakeholder-Forum zur sozialen Verantwortung, neudeutsch Corporate Social Responsibility (CSR), in Brüssel entwickelt. Darin diskutieren Vertreter von Unternehmens-, Sozial- und Umweltverbänden sowie Politiker über das Grünbuch. Wenn die Unternehmerinteressen Gehör finden, kann das nützen. Den Firmenchefs Zwang aufzuerlegen, ist aber auch nicht der ursprüngliche Ansatz des Grünbuchs. Daher sollte das Forum keine Veranstaltung mit Anti-Unternehmer-Tendenz werden, in dem alte dirigistische Ideen ihre Renaissance erfahren.

Markt: In ihrem Grünbuch geht die EU-Kommission implizit davon aus, dass in Europa ein einheitliches Wertegerüst existiert – gibt es das tatsächlich?

Bickmann: Ein Gerüst gibt es, aber es ist zu prüfen, wie tragfähig es ist. Die Wahrung von Grundrechten, Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit sind Ziele, denen kaum jemand widerspricht. Sobald es aber ins Detail geht, variieren die Auffassungen. Denn die europäischen Volkswirtschaften sind unterschiedlich weit entwickelt, ebenso differieren die rechtlichen Bedingungen. Die EU-Erweiterung verschärft diesen Trend, denken Sie an die Diskussion um die Aufnahme der Türkei. Deshalb sollten die Politiker das Subsidiaritätsprinzip beachten. Danach sind Lösungen vor Ort der europaweiten bürokratischen Klammer vorzuziehen.

Markt: Lässt sich denn überhaupt die Werteauffassung der EU-Kommission mit derjenigen, die hinter der deutschen Regulierungslust steht, vereinbaren?

Bickmann: Hier stellt sich zunächst die Frage, an welchen Werten sich die deutschen Politiker orientieren. Und die ist kaum zu beantworten. Immer wieder werden emotional aufgeladene Begriffe wie Gerechtigkeit oder soziale Verantwortung in die Debatte geworfen. Was dahinter steht, bleibt verschwommen. Es fehlt ein klares Leitbild – und das ist ein entscheidendes Problem, wenn diese Begriffe umgesetzt werden sollen. Auf europäischer Ebene potenziert sich dieses Hemmnis. Wir haben zu viele Politikmanager und zu wenig Visionäre.

Markt: Die EU-Kommission versucht dennoch, Unternehmen aller Arten dasselbe Wertegerüst überzustülpen. Sollte sie nicht stärker differenzieren?

Bickmann: Wir brauchen gar nicht mit dem Finger nach Brüssel zu zeigen. Das Problem haben wir in Deutschland auch. Der Begriff Mittelstand wird zur Worthülse. Jeder meint damit etwas anderes. Für mich verbirgt sich hinter dem Begriff der Eigentümer-Unternehmer, also die Person, die das Risiko trägt – in welchem rechtlichen Mantel auch immer. Dieser Unternehmer hat bei der Werteorientierung gegenüber austauschbaren Managern einen Vorsprung. Daher sollte auch die EU klar zwischen Inhaberbetrieb und anderen Firmen unterscheiden.

Markt: Es gibt auch andere Wege, das Wertebewusstsein in den Unternehmen zu fördern. Sind beispielsweise freiwillige Selbstverpflichtungen nicht die bessere Alternative zu den Regulierungsplänen der EU-Kommission?

Bickmann: Gewiss. Vor allem aber müssen die Politiker in Brüssel und Berlin endlich erkennen, dass das Thema Werte Unternehmersache ist. Die ursprüngliche Idee des Grünbuchs war, auf Freiwilligkeit zu setzen. Das ist der richtige Weg. Für sinnvoll halte ich auch, dass nach den EU-Plänen Best-Practice-Beispiele von werteorientierten Firmen gesammelt und veröffentlicht werden sollen. Nur bezweifle ich, dass die EU und die Regierung hier besonders leistungsfähig sind.

Markt: Wer kann das leisten?

Bickmann: Die Unternehmen und Verbände. Dort ist das Know-how vorhanden. Vor allem mittelständische Firmenchefs hätten so die Chance, ihr Engagement für CSR, für die soziale Verantwortung zu zeigen. Denn bisher dominieren in den Medien die Großunternehmen, wenn es um diese Themen geht. Der inhabergeführte Mittelstand praktizierte aber schon CSR, bevor es dieses Wortungetüm überhaupt gab. Soziale Verantwortung hat bei ihm eine lange Tradition. Gleichwohl müssen er sich stärker an der Diskussion beteiligen. Denn er kann sich nicht darauf verlassen, dass die Konzerne sich um die Belange der ganzen Wirtschaft kümmern.

 


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