Werte und Wertemanagement. Schlüssel zur integren Organisation
Der moderne Manager, so scheint es, ist ein
Zahlenmensch: Wichtig ist das Ergebnis, das als monetärer Wert unter dem
Strich steht. Solange diese Zahl schwarz und mit einem dicken Plus
versehen ist, ist alles in bester Ordnung. Diese Form der Autosuggestion
ließ sich auch lange Zeit auf die Stakeholder der Unternehmen übertragen,
ob Mitarbeiter, Kunde, Geschäftspartner oder erst Recht Aktionär:
Hauptsache das Ergebnis stimmt. Die Nachdenklichkeit setzte nach den
zahlreichen Skandalen der jüngeren Vergangenheit ein: Die Namen Comroad,
Gigabell und Informatec stehen für Wirtschaftskriminalität, ethisches
Fehlverhalten, eine Vernichtung von materiellen Werten und im Ergebnis für
Organisationen, die völlig außer Kontrolle geraten sind. Diese
Negativerfahrungen haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen auch
danach fragen, an welchen immateriellen Werten sich Unternehmen bei ihrer
Tätigkeit orientieren. Das zum Teil krasse Fehlverhalten machte deutlich:
Unternehmen sind kein wertfreier Raum. Das Management von materiellen UND
ideellen Werten ist eine zentrale Managementherausforderung für die
Unternehmensführung. Dabei sollte die Diskussion nicht auf die Prävention
von Fehlverhalten verengt werden. Wertebasiertes Management und Personalführung
sind Gestaltungselemente im Unternehmen, die wesentlich zum
wirtschaftlichen Erfolg beitragen.
Als
Mitte der 80er Jahre die sog. Business-Ethics-Bewegung – mit der üblichen
zeitlichen Verzögerung von fünf Jahren – aus den USA nach Europa überzuschwappen
begann, wurden ihre Protagonisten in der Regel mitleidig belächelt oder
auf Karl Kraus verwiesen, der den Wunsch eines jungen Mannes,
Wirtschaftsethik zu studieren, mit den Worten kommentiert haben soll:
„Dann müssen Sie sich zuerst entscheiden, ob Sie Wirtschaft oder Ethik
studieren wollen.“ Ethik und Wirtschaft – ein unvereinbarer
Widerspruch, so lautete die einhellige Meinung.
Diese
Einschätzung beruht auf mangelnder Sachkenntnis: auf einer Verwechslung nämlich der deskriptiven Ebene, also der real
existierenden Verhältnisse, mit dem, was sein sollte, d.h. mit der
normativen Perspektive. Mit eben diesen normativen Fragen, was moralisch
gerechtfertigt und richtig ist, was lebenspraktisch vernünftig, sinnvoll
und wünschenswert wäre, aber auch damit, wie die begründeten Antworten
darauf im konkreten Einzelfall umzusetzen sind, beschäftigt sich Ethik.
Wirtschafts- und Unternehmensethik, so lässt sich als eine erste
Definition festhalten, ist auf die entsprechenden Fragen in einem
spezifisch ökonomischen Handlungskontext fokussiert.
Aus
einer Analyse dieser wirtschaftlichen Realität stammt letztlich auch die
Einsicht in die Notwendigkeit, besagte normativ-ethische Dimension in die
Ökonomie respektive in die – gemäß des positivistischen
Wissenschaftsideals der Neoklassik – lange Zeit als wertfrei
propagierten Wirtschaftswissenschaften zu (re)integrieren: Die Umwelt- und
Energiedebatte während der 80er Jahre, Finanzskandale, Bestechungs- und
Betrugsaffären usw. sind hüben wie drüben die negativen Impulsgeber der
Business-Ethics-Bewegung gewesen. Inzwischen bestätigen auch zahlreiche
positive Beispiele die Relevanz dieser Bemühungen.
Darüber hinaus
lassen gerade die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen evident werden,
dass die Suche nach ethischen Wertorientierungen in der Wirtschaft weder
ein Modethema noch eine „Schönwetterveranstaltung“ ist, sondern eine
der wesentlichen Voraussetzungen, um die Grundlagen unternehmerischer
Freiheit und Wettbewerbsfähigkeit unter postindustriellen, globalen
Bedingungen zu sichern.
Dafür lassen
sich zunächst drei Gründe nennen:
1. Die wachsende Bedeutung des Menschen als „ganzer Persönlichkeit“
für eine gelingende Bewältigung der aktuellen Veränderungsprozesse und
für einen nachhaltigen unternehmerischen Erfolg;
2.
2. Ein Mangel an allgemeinverbindlichen bzw. global gültigen
(ethischen) Wertorientierungen auf nationaler (gesellschaftlicher
Wertewandel) wie internationaler Ebene als Basis gesunder
Unternehmenskulturen und eines erfolgreichen interkulturellen Management;
3.
3. Die Kompensation einer wirtschafts- und sozialpolitischen
Rahmenordnung im Weltmaßstab durch Akte freiwilliger Selbstverpflichtung,
um extern auferlegte Regulierungen zu vermeiden und damit unternehmerische
Freiheit sicherzustellen.
Als Reaktion auf
die neuen Herausforderungen aus der Praxis befindet sich heute auch die
wirtschafts- und unternehmensethische Debatte im „Wandel“: Sie erlebt
zunehmend ihre Selbstbefreiung aus dem „Elfenbeinturm“ akademisch geführter
Diskurse zwischen idealistisch gesinnten Managern und Wissenschaftlern zu
einer Art „think tank“ für praxistaugliche Ideen. Um dem Anspruch
einer zeitgemäßen Unternehmensethik gerecht zu werden, gilt es darüber
hinaus, aufbauend auf den bisherigen Ergebnissen in unmittelbarer
Kooperation mit den Verantwortlichen in Organisationen tragfähige,
operationalisierbare Konzepte zu entwickeln. In erster Linie geht es dabei
um Fragen der Implementierung und Evaluierung anwendungsfähiger Werte und
Integritäts-Programme für einzelne Unternehmen und Branchen.
Am Anfang
solcher Maßnahmen steht jedoch unvermeidlich die unternehmensethische
„Gretchenfrage an die Geschäftsführung: „Wie haltet Ihr es mit der
Moral?“, an die sich die systematische Frage nach dem adäquaten
Ansatzpunkt für eine nachhaltige Implementierung ethischer Werte im
Unternehmen anschließt. Wo erstere durch einen kurzen Hinweis auf die
Unternehmensleitlinien beantwortet wird, die „in ihrer aktuellen Fassung
unter Punkt 4.1 neuerdings auch moralische Werte beinhalten“, erübrigt
sich die zweite Frage: um eine „nachhaltige Implementierung" von
Ethik in der gelebten Praxis geht es den Verantwortlichen in diesem Fall
meist nicht.
Eine der
fundamentalsten begrifflichen Differenzierungen wird auch von „Profis“
im Eifer des interdisziplinären Diskussionsgefechts oftmals
unterschlagen: die Unterscheidung zwischen den Begriffen Moral, Ethos und
Ethik.
Der Begriff „Moral“ bezieht sich zwar
auf normative Inhalte, hat aber selbst eine rein deskriptive Funktion. Er
steht für die vielen verschiedenen Antworten, die Menschen als autonome
Individuen, als Denker und Dichter, als Mitglieder bestimmter Religionen
und Kulturkreise im Laufe der Geschichte auf die Frage nach dem
Unterschied zwischen dem sittlich Guten und Bösen gefunden haben – auf
die Frage, nach dem, was der Mensch tun soll, um „wahrhaft Mensch zu
sein“, wie es Zarasthro in Mozarts „Zauberflöte“ formuliert. Unter
der „Moralität“ oder „Sittlichkeit“ eines Menschen versteht man
deren individualisierte Form, d.h. die persönliche moralische
Grundhaltung, die zweierlei umfasst: das individuelle Bekenntnis („commitment“)
zu einer der möglichen Auffassungen über das moralisch Richtige und
die lebenspraktische Orientierung daran.
Verwandt mit dem
Begriff „Moral“, weil ebenfalls deskriptiv, im deutschen
Sprachgebrauch jedoch kein Synonym im eigentlichen Sinn, ist der
griechische Begriff „Ethos“. Er bezeichnet die Gesamtheit an Normen,
Wertvorstellungen und Prinzipien – die jedoch nicht nur moralischer Art
sind – ebenso wie die Sitten, Riten und Gebräuche, die sich im Laufe
der Zeit innerhalb eines sozialen Systems herausgebildet haben und dessen
spezifische Kultur ausmachen. Neben dem allgemeinen lebensweltlichen
Ethos, welches das Zusammenleben in privaten Lebensgemeinschaften oder auf
der gesellschaftlichen Ebene bestimmt, lassen sich darüber hinaus
spezifische Normen und Werte finden, die nur in bestimmten Handlungs- und
Lebensbereichen zum Tragen kommen (z.B. Wirtschaftsethos, Arbeitsethos,
Berufsethos). Sofern dieses spezifische Ethos vom gesellschaftlichen Ethos
abweicht respektive es um eigene Orientierungen ergänzt, ist es
konstitutiv für die Entstehung von gesellschaftlichen Subsystemen mit
dazugehörigen Subkulturen.
Wirtschaft als
Beispiel für ein gesellschaftliches Subsystem
dieser Art zu nennen, mutet angesichts ihrer Tendenz zur Verselbständigung
und ihrer stetig gewachsenen Dominanz aller anderen lebensweltlichen
Systeme im Verlauf des letzten Jahrhunderts etwas paradox an. Die
Tatsache, dass sich das Zusammenwachsen der Welt in erster Linie auf ökonomischer
Ebene vollzieht, bestätigt diesen Eindruck. In jedem Fall ist sie ein
eigenständiges System, das sich als solches im Sinne der neueren
Systemtheorie durch einen eigenen Code – den des Geldes –, durch eine
eigene systemspezifische Rationalität, durch das Ausführen
entsprechender Operationen, vor allem aber durch ein eigenes
handlungsbestimmendes Wertesystem, durch ihr eigenes Ethos, von anderen
gesellschaftlichen Systemen unterscheidet.
Ethik hat im
Unterschied zu Moral oder Ethos eine nicht nur beschreibende und
tradierende, sondern eine aktiv normsetzende Funktion. Ihr primärer
Gegenstand ist die Begründung von Werten und Prinzipien, die das Handeln
von Menschen innerhalb eines sozialen Systems bestimmen sollen.
Dies setzt zum
einen die Beschäftigung mit dem voraus, was faktisch gilt und gelebt
wird, also mit den herrschenden Moral- und Wertvorstellungen einer
Gesellschaft, einer Kultur oder einer Person. Dieses Ethos wird zum
anderen überprüft auf seine Kompatibilität mit Handlungsorientierungen,
die durch zweierlei bestimmt sind:
1. durch ihren Rekurs auf einen übergeordneten, letzten Maßstab, wie
etwa die „Idee des Guten“ (Platon), die Idee eines „gelingenden
Lebens“ (Aristoteles), die Idee menschlicher Freiheit und Würde, die
„reine praktische Vernunft“ (Kant), die Person (Scheler), die
„regulative Idee der rationalen Konsensfindung“ (Habermas) usw.
2.
2. durch einen berechtigten und begründeten Anspruch auf Allgemeingültigkeit
(Universalisierbarkeit), der sie für das Handeln und Verhalten aller
Menschen zu allen Zeiten, unter allen Umständen und in allen Bereichen
gelten lässt.
Bei
Werten, Normen und Prinzipien, die mindestens dem ersten dieser beiden
Kriterien genügen, handelt es sich um ethische Orientierungen, d.h. um
begründete moralische Standards, deren Einhaltung ein friedliches,
menschengerechtes und menschenwürdiges Leben erst ermöglicht. Sofern sie
auch dem Universalisierbarkeitsprinzip (Kategorischer Imperativ, Goldene
Regel, Diskursprinzip) entsprechen, können sie zugleich unbedingt gültige
und unhintergehbare, so genannte moralische „prima facie“-Pflichten
des Menschen formulieren. Ethik befasst sich nicht nur mit deren
Aufstellung, sondern als anwendungsbezogene oder bereichsspezifische
Ethik, wie im Falle von Unternehmensethik, zugleich mit der Frage ihrer
Umsetzung im täglichen Leben. Insofern hat sie stets eine doppelte
Bedeutung:
-
eine
anthropologisch-intrinsische Dimension, indem sie auf die fundamentalen
existenziellen Fragen des Menschen begründete Antworten zu geben
versucht, auf Fragen wie: „Was sollen wir tun?“, „Was ist das Vernünftige,
Richtige und Gute?“, „Worin besteht das eigentliche Ziel menschlichen
Tätigseins und Daseins, d.h. das, um dessentwillen wir alles andere
tun?“ Die Beschäftigung mit Ethik entspricht dem natürlichen Bedürfnis
des Menschen nach Sinn und Orientierung in einem umfassenden existenzielle
Horizont. Durch die Ausrichtung an
ethischen Werten kann er einerseits seinem Handeln den gesuchten Sinn
geben, anderseits das Spezifische seines Menschseins verwirklichen: sein
Vermögen der Sittlichkeit und Autonomie. In der Art und Weise, wie er
dieses Vermögen verwirklicht und lebt, zeigt sich wiederum seine je
einmalige Personalität. Ethische Orientierung leistet somit einen
entscheidenden, vielleicht den wichtigsten Beitrag zur Selbstwerdung und
persönlichen Identitätsfindung.
-
eine gesellschaftlich-funktionale Dimension, indem sie
verbindliche Handlungsorientierungen vorgibt und damit ein konfliktfreies
Zusammenleben von Menschen auf der Basis demokratischer Grundwerte wie
Menschenwürde, Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit sicherstellt.
Ethische Wertorientierungen dieser Art bilden nicht nur die Grundlage
positiven Rechts, sondern bleiben dessen unverzichtbares normatives
Fundament als Korrektiv oder zur Kompensation etwaigen Rechtsversagens,
z.B. unter einem totalitären Regime. Denn: Legalität impliziert nicht
zwangsläufig ethische Legitimität.
In dem Maße, in
dem sich die Mitglieder sozialer Systeme als individuelle Personen wie
auch als deren Repräsentanten in einem – mit Kant gesprochen –
„eigentlich sittlichen Akt“ der Selbstverpflichtung zu diesen
ethischen Orientierungen bekennen und ihr Handeln danach ausrichten,
steigt die Verlässlichkeit der wechselseitigen Handlungs- und
Verhaltenserwartungen. Letzteres ist einer der entscheidenden Faktoren zur
Bildung von Vertrauen und damit wiederum – ökonomisch gesprochen –
zur Senkung von Transaktionskosten, die durch Überwachungs- und
Kontrollmechanismen entstehen – frei nach Lenin: „Kontrolle ist gut -
Vertrauen ist billiger“. Ethik, so lässt sich zusammenfassen, ist
unverzichtbar, damit Gesellschaften und ihre Subsysteme reibungslos und
effizient funktionieren.
Ethische
Orientierungen in Unternehmen zur Geltung bringen zu wollen, dürfte
angesichts dieser zweiten, funktionalen Bedeutung plausibler geworden
sein. Im Falle einer spezifischen „Corporate Ethics“ kommen jedoch
beide Dimensionen zum Tragen: Da Unternehmen soziale Systeme sind, lässt
sich auch die anthropologisch-intrinsische Bedeutung von Ethik – in
einem analogen Sinn – auf sie übertragen.
Indem die
reflexive Auseinandersetzung mit herrschenden Wertvorstellungen zu ihren
elementaren Aufgaben gehört, und dazu wiederum die Bewusstmachung auch
impliziter normativer Annahmen die Voraussetzung ist, verfügt Ethik über
das geeignete Instrumentarium zur firmeneigenen Wertereflexion. Sie kann
somit als Medium für ein bewusstes Kulturmanagement genutzt werden.
Umgekehrt ist eine nachhaltige Implementierung ethischer
Wertorientierungen in der Unternehmenspraxis nur dann möglich, wenn sie
sich in der spezifischen Kultur des Unternehmens verankern lassen. Nur
dann besteht die Chance, dass moralische Standards für die
Unternehmensmitglieder zu einer Art zweiter Natur werden, an denen ihr
Handeln und Verhalten in allen Bereichen und Situationen orientiert ist.
Wie bereits
beschrieben, ist ein Unternehmen ein offenes soziales System, das von
Menschen getragen wird. Der Mensch zeichnet sich gegenüber allen anderen
natürlichen Wesen u.a. durch die Gleichzeitigkeit von Individualität und
Relationalität aus, d.h. er ist zum einen ein selbständiges, autonomes,
aus sich selbst heraus existentes Individuum mit einem eigenen
individuellen Wesen und Charakter, zum anderen ist er ein soziales Wesen,
das a priori auf andere bezogen und verwiesen ist. Dabei ist letzteres für
ersteres konstitutiv: In ihrer Besonderheit und Einmaligkeit erfährt sich
die menschliche Person gerade durch ihre Beziehungen zur Mitwelt und überall
dort, wo sie sich als Teil eines übergeordneten Gemeinsamen bewusst wird.
Menschliche Personalität zeigt und entwickelt sich vor allem in dem
Spannungsfeld von Autarkie und Relationalität: in dem Drang nach
unbegrenzter Selbstverwirklichung einerseits, im Zwang zur
Selbstbegrenzung aufgrund der eigenen faktischen Begrenztheit oder aber
als selbst auferlegte Zurücknahme an der Grenze zur Freiheit fremder
Existenz andererseits (ausführlicher Kleinfeld 1998, S. 155-163).
In letzterem
erweist sich zugleich ihre Moralität und eigentliche Autonomie. Insofern
ist die Einbettung in einen sozialen Kontext für die Entfaltung der
eigenen Identität und Persönlichkeit wie für menschliche Selbstwerdung
überhaupt eine notwendige Voraussetzung. Zu diesen sozialen Kontexten gehört
an erster Stelle die qua Gattungszugehörigkeit bestehende menschliche
Persongemeinschaft, des weiteren die Familie, die Gesellschaft, der
Kulturkreis, in die man hineingeboren wird, und schließlich die
unterschiedlichen, mehr oder weniger freiwillig gewählten
Gemeinschaftsformen. Neben privaten Lebensgemeinschaften zählen dazu
heute immer stärker die Zweckgemeinschaften in der Arbeits- und
Berufswelt.
Was aber hält diese im Innersten zusammen und schafft –
jenseits der reinen Zweckorientierung – zugleich die Basis für eine
Zusammenarbeit, die von gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Achtung
geprägt ist? Es sind die geteilten Werte und Werthaltungen, die die
Quintessenz des Gemeinsamen in einer Gemeinschaft bilden. Sie sind die
Form, in der das Spezifische einer Organisationskultur als ihr geistiger
„Gemeinbesitz“ zum Ausdruck kommt.
Werte
haben dabei eine doppelte Funktion: Sie sind einerseits konstitutiv für
die kulturelle Identitätsbildung von sozialen Systemen und damit für die
Entstehung von Subkulturen Subkulturen überhaupt. In dem Maße, wie es
bestimmte Schnittmengen zwischen den jeweiligen Werten gibt, stellen sie
andererseits die Verbindung her zu den über- bzw. nebengeordneten (Supra)Kulturen
wie der Gesellschaft oder dem jeweiligen Kulturkreis. Die eigentliche
„Schnittstelle“ sind die Menschen, die in dem betreffenden System
leben und arbeiten. Indem sie zugleich Werte aus ihrer privaten Lebenswelt
oder der Gesellschaft transportieren, sorgen sie für die Offenheit
sozialer Systeme wie Unternehmen.
Soziale Systeme,
so das Fazit, können sich als solche überhaupt nur auf der Grundlage
gemeinsamer Wertorientierungen herausbilden. Ihren eigentlichen
Zusammenhalt gewinnen sie nicht durch die Ausrichtung auf einen
gemeinsamen Zweck, sondern durch die Orientierung an gemeinsamen Werten.
Nur dadurch erweisen sich Zweckverbände, künstliche Systeme wie
Unternehmen zugleich als Lebens- und Arbeitsgemeinschaften
und entwickeln eine eigene kulturelle Identität:
1.
1. Weil sie von Menschen getragen und gebildet werden;
2. 2.
Weil Menschen wesentlich wertbezogen sind;
3.
3. Weil Menschen selbst Träger von Werten sind.
Was heißt das?
In der philosophischen Anthropologie sind es vor allem Max Scheler und
Nicolai Hartmann, die vom Menschen als einem „wertbezogenen“ Wesen
sprechen (Hartmann 1935, S. 206).
Scheler
unterscheidet in seiner Ethik eine Hierarchie vier verschiedener
Wertrangstufen, deren soziale Bindekraft von unten nach oben zunimmt: die
Wertart
1.
1. des Angenehmen, Lustvollen;
2.
2. des Nützlichen;
3.
3. des Geistigen und Sittlichen;
4.
4. des Heiligen, Religiösen (Scheler 1980, S. 540ff.).
Wert aller Werte
ist die Person. Indem sie die oberste, unrelativierbare Wertorientierung
und damit den eigentlichen Maßstab menschlichen Handelns und Entscheidens
darstellt, hat sie selbst – im Sinne Kants – keinen Wert, sondern eine
unverrechenbare Würde (Kant 1911, S. 434). Sozialgebilde, die diesem höchsten
Wert der menschlichen Personwürde Rechnung tragen, in denen sich somit
der Mensch als solcher verwirklichen kann, können nach Scheler nur durch
die Ausrichtung an Werten der 3. und 4. Stufe konstituiert werden. Die
Werte des Angenehmen und Nützlichen sind demgegenüber keine
gemeinschaftsstiftenden Faktoren im eigentlichen Sinn (Scheler 1980, S.
542).
Als Individuum
ist der Mensch darüber hinaus in dreierlei Hinsicht „wertbezogen“:
·
- sofern er selbst Träger des höchsten Wertes, der Personwürde,
ist und damit zum Verpflichtungsgrund und Gegenüber moralischen Handelns
wird;
·
- sofern er ein „natürliches“ Bedürfnis nach Werten
hat, die seiner Existenz Halt, Orientierung und Sinn geben;
·
- sofern er über die Fähigkeit des „Wertvernehmens“
und „Wertfühlens“ verfügt (vgl. Hartmann 1935, S.205f u. Scheler
1980, S. 385), d.h. nicht nur passiver Träger von (sittlichen) Werten
ist, sondern sich zugleich aktiv dazu ins Verhältnis setzen kann – also
über das Vermögen ethischer Reflexion verfügt.
Vor allem der
letzte Punkt wirft ein neues Licht auf den Menschen als Vermittlerinstanz
zwischen verschiedenen Systemen und (Sub)kulturen und deren geistigem
Gemeinbesitz in Form ihrer jeweiligen Werte.
In diesen Werten
kulminiert nicht nur der spezifische „Geist des Hauses“, der die
Kultur beispielsweise eines Unternehmens prägt. Gleichzeitig wird dieses
Kulturspezifische genau darüber für seine Mitglieder handlungs- und
verhaltensbestimmend. Werte sind der normative Anteil an und in einer
Unternehmenskultur. In dem Maße, in dem sich Mitarbeiter mit einem
Unternehmen identifizieren, werden sie auch zum Träger seiner Werte.
Indem diese dabei zugleich als normative Orientierung fungieren, sind
Werte zum einen ein Führungsinstrument, über das sich das Handeln und
Verhalten von Mitarbeitern beeinflussen lässt. Zum anderen sind sie aber
auch der Ansatzpunkt für die bewusste Gestaltung und Entwicklung von
Unternehmenskulturen.
Denn Träger von
Werten zu sein, heißt für den Menschen gerade nicht, als
„Siegellack“ beliebig vieler soziokultureller oder
unternehmenskultureller Prägungen identitäts-, damit aber letztlich
halt- und orientierungslos durchs Dasein zu straucheln. Das Spezifische
menschlicher Personalität besteht vielmehr gerade darin, sich zu diesem
„Cocktail“ aus natürlichen Antrieben, anerzogenen Verhaltensmustern
und diversen soziokulturellen Sekundär- und Tertiärprägungen noch
einmal kritisch reflektierend ins Verhältnis setzen zu können und selbst
zu bestimmen, nach welchen Werten man sein Leben ausrichten will. Eben
diese Fähigkeit zur Autonomie, die menschliche Freiheit ausmacht,
verbunden mit dem Vermögen des Werterkennens erlauben es aber auch, über
die jeweils vorherrschenden Werte innerhalb eines sozialen Systems zu
entscheiden, um damit zugleich auf dessen spezifische Kultur Einfluss zu
nehmen. Kulturmanagement, so lässt sich als Zwischenfazit festhalten, ist
in erster Linie Wertemanagement.
Für die
Kultur sozialer Systeme wie Unternehmen gilt in analoger Form wie für die
Personalität des Menschen, dass sie sich allem objektivierenden Zugriff
von außen entzieht. Menschliche Personalität kann nicht „be-“ und
damit auch nicht „ergriffen“, sondern immer nur erschlossen werden,
zum einen im verstehenden Mit- und Nachvollzug ihrer Intentionen, d.h.
ihrer Absichten, Meinungen, Wünsche, Hoffnungen, Ängste usw., zum
anderen anhand des Wie ihrer Lebensgestaltung, anhand der Werte und
Prinzipien, nach denen sich ihr Denken und Handeln vollzieht. Auch
Unternehmenskulturen werden nur anhand bestimmter Phänomene erfahr- und
erschließbar. Nur indem man sich auf diese Phänomene wie Umgangsformen,
Kommunikationsstil, Klima usw. einlässt, d.h. in ganzheitlichen Akten des
„Wertfühlens“ im Sinne Schelers, hat man die Chance zu ihren Werten
als Ausdruck ihres handlungs- und verhaltensbestimmenden geistigen
Gemeinbesitzes vorzudringen. Als solche sind sie zugleich der Ansatzpunkt
für die Weiterentwicklung oder gezielte Umgestaltung der
eigenen Person wie der Kultur eines Unternehmens.
Der
erste Schritt ist die Bewusstmachung der eigenen Werte und die kritische
Reflexion und Inverhältnissetzung dazu. Genau darin besteht die eine der
beiden wesentlichen Aufgaben von Ethik. Sie ist wiederum die notwendige
Bedingung ihrer zweiten wesentlichen Aufgabe: eine normative Bestimmung
dieser Werte.
Werte sind
Ideen, Orientierungen und Verhaltensweisen, die von Menschen in einer
Gruppe, einer Organisation oder eben einem Unternehmen als wichtig, gut
und damit erstrebenswert angesehen werden.
Eine
besondere Rolle für die Gestaltung sozialer Systeme wie Unternehmen
spielen Werte deshalb, weil sie die Handlungen und Urteile von Menschen
auch jenseits von unmittelbaren Zielen oder über eine konkrete Situation
hinaus beeinflussen. Werte bestimmen bzw. erfassen das, was bei
menschlichem Handeln und Entscheiden – also auch bei unternehmerischen Aktivitäten – als
unterschwellige Motivation permanent mitschwingt.
Diese normative Funktion sollte ein Unternehmen nutzen, wenn es darum
geht, unerwünschtem Verhalten seiner Mitarbeiter vorzubeugen.
Unternehmen, die die damit verbundenen Gestaltungspotentiale ignorieren,
verschenken Erfolgschancen und handeln unverantwortlich bei der Prävention
von Risiken aus menschlichem Fehlverhalten.
Denn Effizienz bzw. Wirtschaftlichkeit und ethische Orientierung sind kein
Widerspruch - im Gegenteil: Integrität im Sinne von „Gesetzestreue plus
Ausrichtung an ethischen Wertestandards und Prinzipien“ ist die Basis für
Vertrauen und Glaubwürdigkeit und damit eine unverzichtbare Grundlage
unternehmerischen Erfolgs. Als solche wird Integrität heute gerade
zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor, in dem Maße nämlich, in dem sie
zur Mangelware wird - sowohl im privatwirtschaftlichen wie im öffentlichen
Sektor.
Der
Herausforderung des bewussten Wertemanagements müssen sich zu aller erst
die Top-Entscheider und Führungskräfte jeder Organisation stellen.
Wertemanagement ist keineswegs eine rhetorische Schönwetterveranstaltung,
sondern eine strategische Aufgabe, die weitsichtiges Managementhandeln
erfordert. Es ist bemerkenswert, dass Unternehmensführer das Handeln
ihrer Mitarbeiter durch immer neue Managementinstrumente zu steuern
versuchen, eine so grundlegende Dimension wie ethische Maßstäbe dabei
aber außer Acht lassen. Werden diese Maßstäbe nicht gesetzt ist es
wenig verwunderlich, dass Unternehmen, unter den immer komplexeren
Bedingungen der Internationalisierung und Differenzierung, in ethischer
Hinsicht außer Kontrolle geraten. Die Beispiele der jüngsten
Vergangenheit haben gezeigt, wie dieser Kontrollverlust in letzter
Konsequenz nichts weniger als die Existenz einer Organisation bedroht.
Individuelles
Fehlverhalten kann dabei in organisationalen Kontexten eine ganze Reihe möglicher
Ursachen haben:
·
-
strukturelle
Ursachen (mangelnde Transparenz, unkontrollierte Freiräume, Überforderung,
Unklarheit);
·
-
fehlendes
Unrechtsbewusstsein, zum Teil unterstützt durch Rechtslagen (ehemals
Steuerabzugsfähigkeit von Schmiergeldern) oder vermeintliche Erwartungen
der Geschäftsführung;
·
-
Grauzonen,
die mangels organisationseigener Leitlinien „im Zweifel“ zugunsten des
privaten (materiellen) Nutzens ausgelegt werden;
·
-
Organisationskultur
und internes Klima als Spiegel eines gesamtgesellschaftlichen
Wertewandels: „das Selbstverständliche“
ist nicht mehr selbstverständlich.
Ethisches
Fehlverhalten ist dabei nicht per se mit wirtschaftskriminellem Verhalten
gleichzusetzen. Kriminelle Delikte sind – um im Bild des Eisberg-Modells
zu bleiben – nur die sichtbare Spitze des Eisbergs, die die unter der
Wasseroberfläche liegenden noch nicht entdeckten Ausmaße des Übels
ahnen lassen, indem sie Unternehmen und Gesellschaft unmittelbar schädigen.
Sofern es justitiabel und damit bei seiner Entdeckung eindeutig
klassifizierbar ist, lässt sich Fehlverhalten dieser Art auch in
unmittelbar materiellen Verlusten quantifizieren.
Ethisches
Fehlverhalten deckt jedoch noch eine wesentlich größere Bandbreite von
unerwünschten Verhaltensweisen ab: zu den bekannteren gehören Mobbing,
Diskriminierung, sexuelle Belästigung und andere Formen unkollegialer
Arbeitsweisen, die das Betriebsklima, die Abläufe und damit letztlich die
Produktivität einer Unternehmung empfindlich stören. Neben den sozialen
und persönlichen „Kosten“ für die Unternehmenskultur bzw. die
betroffenen Menschen selbst, entstehen somit also auch hier - wenn auch
nur mittelbar wirksame - materielle Kosten für die Organisation selbst.
Fehlverhalten
der Organisationsangehörigen aller Art kann zudem den Ruf des
Unternehmens nach innen wie nach außen nachhaltig schädigen - eine
weitere Spielart immaterieller Schäden, die sich mittel- und langfristig
auch spürbar materiell für Unternehmen auswirken.
Vor diesem
Hintergrund – zusätzlich sensibilisiert durch die zahlreichen, öffentlich
gewordenen Negativ-Beispiele der letzten Jahre - reagieren viele
Unternehmen mit Selbstverpflichtungen und Werte-Programmen, um
Fehlverhalten in ihren Organisationen zu verhindern. Dabei spielt eine
gewichtige Rolle, dass die verschiedenen Stakeholder – Mitarbeiter,
Kunden, Konsumenten, Geschäftspartner, gesellschaftliche
Interessengruppen, in wachsendem Maße aber auch verunsicherte Anleger –
immer größere ethische Anforderungen an ein Unternehmen stellen.
Gesichtspunkte wie die Qualität von Produkten und Dienstleistungen oder
die Gewinnorientierung reichen nicht mehr aus, um Unternehmenshandeln zu
rechtfertigen.
Die ethischen
Ansprüche der Stakeholder äußerten sich zunächst auf dem Feld der
Umweltpolitik. Dieser Fokus hat sich erweitert: Im Zuge der global geführten
Nachhaltigkeits-Debatte, in deren Kontext jüngst mit dem EU-Grünbuch
bzw. -Weißbuch ein europäischer Leitfaden zur „Corporate Social
Responsibility (CSR)“ von Unternehmen entwickelt wurde, erstrecken sich
die Forderungen nach wertegeleitetem Handeln auf alle Bereiche.
Zahlreiche
internationale Organisationen sind zudem in den vergangenen Jahren aktiv
geworden um einen neuen wirtschaftsethischen Rahmen abzustecken. So haben die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (OECD) und die Weltbank ein gemeinsames Corporate
Governance Forum (CGF) eingerichtet, um verantwortungsvolles
Managerverhalten gegenüber allen Stakeholdern zu unterstützen. Dies hat
die OECD durch Verhaltensrichtlinien für international tätige
Unternehmen ergänzt, die gegenwärtig erneut überarbeitet werden. Die
International Chamber of Commerce (ICC) hat 1996 richtungweisende
Leitlinien zur Bekämpfung und Prävention von Korruption herausgegeben.
Eine ähnliche Initiative und einen Katalog von Empfehlungen gibt es in
Deutschland auch vom Bund der Deutschen Industrie (BDI). Eine zentrale
Rolle im internationalen Kampf um mehr Transparenz und Integrität in
Wirtschaft, Politik und Gesellschaft spielt zudem die
Nichtregierungsorganisation Transparency International, die sich mit ihrem
jährlich herausgegebenen „International Corruption Index“, ihrer zum
Teil erfolgreichen Einwirkung auf die nationale und internationale
Gesetzgebung oder der deutschen Initiative eines „A-B-C der
Korruptionsprävention“ inzwischen weltweite Anerkennung verschafft hat.
Nicht ganz so bekannt, dafür aber inhaltlich klar auf die Wirtschaft
bezogen, sind die Initiativen des European Business Ethics Network (EBEN)
und dessen deutscher Tochter „Deutsches Netzwerk Wirtschaftsethik –
EBEN Deutschland e.V. (dnwe). Das dazugehörige „Zentrum für
Wirtschaftsethik gGmbH (ZfW)“ in Konstanz hat vor kurzem in
Zusammenarbeit mit namhaften deutschen Unternehmen einen Leitfaden
„Integer handeln. Das WerteManagementSystemZfW für
nachhaltige Unternehmensführung“
entwickelt und herausgegeben, auf dessen Grundlage sich Unternehmen bezüglich
ihrer Maßnahmen des Integritäts- und Wertemanagements auf Wunsch auch
extern auditieren und zertifizieren lassen können.
In Deutschland hat die Debatte um eine verantwortliche Unternehmensführung
in jüngster Zeit zudem durch den Deutschen Corporate Governance Kodex,
auch unter dem Namen „Cromme-Kodex“ bekannt, neue Impulse bekommen.
Als Manko der deutschen Diskussion und des Kodex selbst ist allerdings
anzusehen, dass der Focus bislang sehr stark auf Shareholder Rechten
liegt, eine umfassende Stakeholderorientierung und ethische Gesichtspunkte
hier eine deutlich untergeordnete Rolle spielen.
Der Gesetzgeber ist in den vergangenen Jahren ebenfalls aktiv
geworden. In Deutschland ist seit April 1998 das geänderte Gesetz zur
Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG) in Kraft.
Demnach sind Entscheidungsträger in Unternehmen auch für Schäden
haftungspflichtig, die sich aus Fehlverhalten oder wirtschaftskriminellem
Verhalten ergeben, wenn sie dagegen keine entsprechende Risikovorsorge
getroffen haben.
Diese
punktuellen Beispiele belegen, dass sich das gesellschaftliche Klima im
Hinblick auf die ethische Bewertung von Unternehmen durch ihre Stakeholder
verändert hat.
Dem tragen die
Unternehmen zunehmend Rechnung. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile
eine Reihe von Initiativen, die sich mit Wertemanagement und der Prävention
gegen Fehlverhalten auseinandersetzen.
Ein Beispiel
sind die Compliance-Programme deutscher Großbanken. Hier kann man
allerdings nur bedingt von einem werteorientierten Ansatz sprechen, da es
sich in erster Linie um Maßnahmen zur Implementierung neuer Gesetze wie
z.B. gegen Insidertrading und Geldwäsche handelt.
Darüber
hinaus gibt es zahlreiche Initiativen von Unternehmen unterschiedlicher Größen
und Branchen: Opel und andere Automobilhersteller haben Integritätsprogramme
als Reaktion auf die steigende Wirtschaftskriminalität etabliert. Der
Verband der Bayerischen Bauindustrie arbeitet seit einigen Jahren
erfolgreich mit einem branchenspezifischen Ethik-Management und
Ethik-Audit-System, um der Korruption im Baugewerbe vorzubeugen - ein
wichtiger Schritt um nach zahlreichen Skandalen dem Imageverlust der
Branche ein positives Beispiel auf der Basis von Selbstverpflichtung und
glaubwürdigen Umsetzungsmaßnahmen entgegenzusetzen.
International tätige
Konzerne wie Siemens, DaimlerChrysler, BASF oder Bosch haben Werte-Kodizes
oder Leitlinien entwickelt, die einen konzernweit verbindlichen Handlungs-
und Orientierungsrahmen vorgeben. Denn je globaler ein Unternehmen
ausgerichtet ist, desto stärker ist es mit kulturell abweichenden Normen,
Werten und Rechtslagen konfrontiert (so z.B. im Bereich Arbeitsrecht,
Umwelt- und Sozialstandards). Umso wichtiger wird es aber auch
klarzustellen, welche Normen und Wertestandards für ein Unternehmen gültig
sind und dass deren Einhaltung auch weltweit von allen Organisationsangehörigen
erwartet wird.
Eine zunehmend
wichtige Rolle bei der Umsetzung kommt dabei auch den externen Partnern
und Zulieferer-Betrieben zu: So sind aktuell einige große deutsche
Konzerne dabei, ihre Integritäts- und Werteprogramme auch auf ihre
Lieferanten auszudehnen und das Vorhandensein entsprechender Maßnahmen zu
einem zusätzlichen Kriterium der Auftragsvergabe zu machen. Dahinter
steht die Erkenntnis, dass die Einbeziehung des Umfelds eine zentrale
Rolle bei der nachhaltig wirksamen Umsetzung ethischer und integritätsrelevanter
Orientierungen spielt (so z.B. durch die Minimierung der
„Versuchungen“ von außen in so genannten „High Risk“-Bereichen
wie dem Einkauf).
Gleichzeitig wird damit ein Beitrag zu einer integren Wirtschaft
insgesamt geleistet: das vielfach zitierte Argument, unter den
herrschenden Marktbedingungen sei „der Ehrliche der Dumme“, wird
sukzessive entkräftet, weil früher oder später nur noch der
„Ehrliche“ bei Auftragsvergaben eine Chance hat.
Diejenigen
Unternehmen, die sich dieser Trendwende verschließen und die gestiegenen
Anforderungen ihrer Stakeholder nicht erfüllen, werden heute – oftmals
bereits mittelfristig – mit einem massiven Vertrauensverlust bis hin zum
aktiven Boykott bestraft.
Wertemanagement
als notwendige Grundlage eines funktionierenden Stakeholdermanagements
wird daher zunehmend zu einem Faktor der Wettbewerbsdifferenzierung – in
dem Maße, in dem es zur Glaubwürdigkeit von Unternehmen und damit zur
Vertrauensstiftung beiträgt.
Voraussetzung
dafür ist, dass firmeneigene Werteorientierungen nicht nur propagiert,
sondern im Rahmen eines umfassenden Wertemanagementsystems konsequent
umgesetzt und gelebt werden. Eine Unternehmensführung, die dieses Ziel
verfolgt und ein professionelles Wertemanagement etablieren will, kann
dabei auf eine ganze Palette konkreter Management-Tools zurückgreifen.
Viele
Unternehmen arbeiten heute bereits mit strukturellen Instrumenten des
Wertemanagements, insbesondere mit einer Vision, einem Leitbild (Mission
und Values-Statement) und Verhaltensgrundsätzen (Code of Conduct). Die
Vision ist dabei im Idealfall eine wirkungsmächtige Zukunftsvorstellung,
die gleichsam als Kompass dient, um die Organisation langfristig
strategisch auszurichten. Eine Vision setzt einen realistischen und
attraktiven Zielhorizont auf dem Weg in die Zukunft. Gleichzeitig hat sie
ihre Wurzel in der Geschichte und gewachsenen Kultur der Organisation und
impliziert damit auch Werthaltungen.
Die Vision macht
ein Identifikationsangebot nach innen und außen und unterstützt die
Motivation und Aktionsfähigkeit einer Organisation. Dieser Zielhorizont
bedarf jedoch einer Konkretisierung und sollte deshalb durch ein Leitbild
unterfüttert werden.
Das Leitbild ist
der erste Ansatzpunkt, um neben den selbstverständlich unabdingbaren ökonomischen
Zielvorstellungen auch ethische Prinzipien, Leitwerte (Core Values) und
Selbstverpflichtungen in das Unternehmen einzuführen. Zu diesen
Leitwerten gehören allgemein gesprochen Orientierungen wie
Partnerschaftlichkeit, Nachhaltigkeit oder Fairness. Das Leitbild fungiert
als eine Art „Grundgesetz“ des Unternehmens, das als erste
Konkretisierungsstufe die Zielsetzungen der Vision mit dem Alltagshandeln
verbindet. Das Leitbild hat eine zusätzliche Vermittlungsfunktion im Verhältnis
zu internen und externen Stakeholdern. Als solches soll es auch in
Konfliktfällen verbindliche Orientierungen vorgeben.
Mögliche
Inhalte des Leitbildes sind die Beschreibung des konkreten
Unternehmensauftrags („Mission Statement“) auf der Basis
firmenspezifischer Kompetenzen und Potenziale und die Haltung des
Unternehmens zu Grundsatzfragen wie Wettbewerb, Marktwirtschaft und
Verwendung von Profiten. Aus den formulierten Leitwerten lassen sich darüber
hinaus Verantwortlichkeiten und das grundsätzliche Verhältnis des
Unternehmens zu seinen Stakeholdern ableiten bzw. bestimmen.
Für eine
konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit bilden die Verhaltens- und
Führungsgrundsätze ein wichtiges Fundament, gerade was den Umgang mit
Werten angeht. Die
Leitwerte und Leitlinien aus Vision und Leitbild werden durch Verhaltens-
und Führungsgrundsätze in konkrete, unter Umständen auch
bereichsspezifische Handlungsorientierungen übersetzt. In den Grundsätzen
wird erwünschtes und unerwünschtes Verhalten in Form von konkreten
Leitlinien (ethische Orientierungen) und Richtlinien (Regeln) für
spezifische Fragen wie etwa den Umgang mit Interessenskonflikten,
Vorteilsannahme, aktive und passive Bestechung etc. festgeschrieben. Auf
diese Weise werden einerseits verbindliche, wechselseitig einforderbare
Handlungsorientierungen für alle Unternehmensangehörigen vorgegeben –
andererseits objektive Maßstäbe zur Bewertung von Arbeits- und Führungsverhalten
geschaffen.
Letzteres ist die Voraussetzung für einen zentralen
Umsetzungsschritt des Wertemanagements zur Gestaltung einer integritätsförderlichen
Kultur: die Integration der ethischen Dimension in die Leistungsbewertung
von Mitarbeitern und Führungskräften durch ihre Vorgesetzten. So wird
einerseits die Führung von Mitarbeitern erleichtert, andererseits
Machtmissbrauch vorgebeugt.
Die strukturellen Instrumente Vision, Leitbild und
Verhaltensgrundsätze bereiten den Boden für eine wertebewusste
Ausrichtung des Unternehmens. Ihre Entwicklung ist idealerweise ein
partizipativer Prozess, der die verschiedenen Hierarchieebenen im
Unternehmen einbezieht. Denn: Je intensiver die einzelnen Ebenen bereits
in den Entwicklungsprozess integriert werden, umso reibungsloser wird auch
die spätere Umsetzung und Etablierung eines wirksamen Wertemanagements im
Unternehmensalltag verlaufen.
Die
Implementierung eines integrativen Wertemanagements dieser Art entspricht
prinzipiell dem so genannten Integrity-Ansatz (Integritätsansatz) zur Prävention
von ethischem Fehlverhalten im Unterschied zum Compliance-Ansatz („compliance“
= Befolgung, Einhaltung).
Der
entscheidende Hebel beim Integrity-Ansatz ist die Entwicklung eines
integritätsfördernden Klimas und einer entsprechenden
Organisationskultur insgesamt. Er setzt auf die Eigenverantwortung und
Selbstbindung an ethische Werte und Prinzipien aller Organisationsangehörigen.
Dahinter steht das Menschenbild des autonomen, selbstbestimmten
Mitarbeiters, der sich aus eigener Überzeugung und Reflexion ideellen und
materiellen Werten verpflichtet fühlt. Das Unternehmen orientiert sich
dabei an eigenen Leitwerten, die in den oben dargestellten strukturellen
Instrumenten (Leitbild, Code of Conduct) festgehalten werden, sowie am
geltenden Recht. Das Umsetzungsprogramm zielt auf die Integration der
Wertorientierungen in die Managementprozesse und in die
Unternehmenskultur. Verantwortlich für das Wertemanagement sind in erster
Linie die Geschäftsführung, Führungskräfte mit Personalverantwortung
und erst nachgeordnet Vertreter der Rechtsabteilung. Das Hauptgewicht bei
der Umsetzungs-Methodik liegt auf der Vorbildfunktion der Unternehmensführung
und auf kontinuierlichen internen Evaluierungen (Self Assessments). Im
Zentrum steht der selbst entwickelte, firmenspezifisch zugeschnittene
Ethik- und Wertekodex.
Der
Compliance-Ansatz bezieht sich demgegenüber in erster Linie auf das
Prinzip der Legalität. Vertreter dieses Ansatzes sehen den Mitarbeiter
als vor allem materiell interessierten und entsprechend motivierbaren
Menschen, dem es – ganz im Sinne des Homo Oeconomicus-Modells – primär
darum geht, seinen Eigennutzen zu maximieren. Das Unternehmen orientiert
sich vor allem an von außen vorgegebenen Regeln und Gesetzen. Kernstück
des Ethik-Programms ist die Überwachung der Regeleinhaltung. Die
Verantwortung für die Umsetzung liegt bei der Rechtsabteilung oder der
internen Revision des Unternehmens. Bevorzugte Methodik dabei sind externe
Auditverfahren. Initiativmaßnahmen des Unternehmens bestehen in der
Entwicklung eigener Compliance-Standards auf der Basis geltender Gesetze
und branchenspezifischer Vorschriften.
In der Praxis
hat sich gezeigt, dass die auf gemeinsamen Werten fußenden Integrity-Ansätze
weitaus praktikabler sind als die rein regelbasierten Compliance-Ansätze.
Vor allem zur nachhaltigen Erreichung von Verhaltensänderungen sind
letztere weniger wirkungsmächtig als Programme, die auf die Entwicklung
einer wertebewussten, ethisch sensiblen Unternehmenskultur abzielen. Die
Hintergründe für diese Unternehmenserfahrungen liegen auf der Hand: Wo
nicht beim Bewusstsein und Verhalten der Menschen selbst angesetzt wird,
kommt Regelwerken die Aufgabe zu, alle denkbaren Fälle und Situationen
potenziell abweichenden Verhaltens zu antizipieren und „zu regeln“.
Gleichzeitig werden diejenigen, die sich daran halten sollen, nicht in
ihrer spezifisch menschlichen Freiheit zum ethisch legitimen Handeln angesprochen,
sondern gewissermaßen entmündigt. Jenseits der fehlenden
Sensibilisierung für den eigentlichen Sinn und die Notwendigkeit der
Regeleinhaltung – etwa durch Rückbindung an entsprechende Werte und
ethische Orientierungen, für die das Unternehmen durchgängig steht – fühlen
sich Menschen oftmals genau dadurch zur „sportlichen Suche“ nach den Lücken
im Regelkatalog provoziert.
Umgekehrt lässt
sich der Integrity-Ansatz problemlos mit Compliance-Elementen kombinieren:
So können beispielsweise entsprechend ausgerichtete externe Audits,
interne Audits oder Self Assessments ergänzen, um die erreichte
Implementierungstiefe zu evaluieren oder Anregungen für zusätzliche
Umsetzungsmaßnahmen geben. Zudem sind auch hier die Überprüfung der
Einhaltung respektive Sanktionen bei Verstößen gegen den Wertekodex
Bestandteil der Umsetzung. Der Kontext ist dabei aber ein anderer:
Kontroll- und Sanktionsmechanismen können als Ausdruck eines gemeinsamen
Zieles verstanden werden – z.B. des Wunsches, einer integren
Organisation mit Vorbildcharakter anzugehören, die sich einer Kultur der
Selbstveranwortlichkeit, Transparenz und Fairness verpflichtet fühlt.
Es kann
nicht oft genug betont werden: Wertemanagement ist Chefsache. Der Impuls,
ein wertebasiertes Unternehmen zu schaffen muss "von oben
kommen". Es geht hier um eine bewusste Managemententscheidung, die
wie jede andere Grundsatzentscheidung in einem Unternehmen von denjenigen die an der Führungsspitze
Verantwortung tragen, gewollt und mit Überzeugung vertreten werden muss -
nicht zuletzt wegen der unverzichtbaren Vorbildfunktion von Vorständen
oder Geschäftsführung.
Ein gelingendes
Wertemanagement muss daher allem voran auf der Ebene der Strategie und
Zielformulierung greifen. Wenn die Geschäftspolitik sich von den
postulierten Werten abkoppelt und mit diesen unvereinbare
Zielvorstellungen entwickelt, wird ein auf der Personalebene noch so gut
abgefedertes Wertemanagement seine positive Wirkung verfehlen. Mehr noch:
Mitarbeiter und Führungskräfte werden dadurch in zeit- und
energieraubende Wertekonflikte verstrickt, die nicht nur persönlich
belastend sind, sondern die Glaubwürdigkeit der propagierten
Werteorientierung insgesamt untergraben. Begleitende Coaching-Maßnahmen für
den Umgang mit solchen Konflikten, die einige Unternehmen anbieten,
wirken dabei allenfalls „schadensbegrenzend“.
Werte sollten
ein integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie werden. Dass diese
Ansichten auch Manager in Weltunternehmen teilen, sind weitere Belege für
die oben beschriebene Trendwende in unserer Wirtschaft:
Es ist
unstreitig, dass verbindliche Unternehmenswerte und Leitlinien kein
‚ethisches Gesäusel‘ sind, sondern in den
Dienst der Steigerung des Unternehmenswertes gestellt werden können.
(...) Sie sind kein zusätzliches Moraldokument, sondern eingebettet in
die Unternehmensstrategien“.
Dietmar Kokott, BASF Aktiengesellschaft, Ludwigshafen
Dieser
inhaltlich-sachlich notwendige „top down“-Ansatz sollte jedoch nicht
mit einer Werteausrichtung per Verordnung verwechselt werden. Wer neue
Werte in eine Organisation einbringen will und/oder im Unternehmen
implizit vorhandene Werte explizit machen will, muss alle Bereiche und
alle Ebenen des Unternehmens in den Prozess einbeziehen. Führung ist auch
eine Integrationsaufgabe.
Vorstände oder
Geschäftsführer, die in der kleinen Runde am Vorstandstisch blumige
Werteformulierungen ersinnen, dürfen sich nicht wundern, wenn sie bei der
Implementierung auf Gleichgültigkeit, Unverständnis oder Ablehnung stoßen.
Stärker noch als bei anderen Themen ist hier der Weg ein entscheidendes
Stück des Zieles selbst: Sensibilisierung, Aufklärung, Stärkung der
ethischen Reflexionsfähigkeit und Kompetenz jedes einzelnen bilden die
Grundlagen der Gestaltung einer integritätsfördernden
Organisationskultur. Wer das Thema Werte ernst nimmt, muss daher eine
klare Kommunikationsstrategie verfolgen - erst nach innen, dann nach außen
und Feedback nicht nur zulassen, sondern auch berücksichtigen.
Ist die
Leitwerteformulierung geglückt, darf der Wertemanagement-Prozess nicht
auf dieser Stufe abbrechen. In diesem Fall hätte man einen Wertekatalog,
der sich sicherlich gut im Geschäftsbericht oder auf Postern abdrucken lässt,
aber reine Rhetorik bliebe. Leitwerte können nur dann Wirkung entfalten,
wenn sie in klare Handlungsorientierungen für Führungskräfte und
Mitarbeiter übersetzt werden. Auf dieser Ebene spricht man auch von
Verhaltenswerten, zum Beispiel gegenseitigem Respekt, Aufrichtigkeit und
Toleranz.
Jeder Angehörige
der Organisation muss verstanden haben und nachvollziehen können, wie man
miteinander im Unternehmen und nach außen gerichtet mit Stakeholdern des
Unternehmens umgehen will – und wie nicht. Nur dann kann sie oder er
sich im Zweifelsfall auch auf diese Regeln berufen und sie für sich
verinnerlichen. So wird
zugleich gewährleistet, dass wertekonformes Verhalten im Unternehmen auch
wechselseitig eingefordert wird – von allen Involvierten gleichermaßen.
Ist mit
den Verhaltens- und Führungsgrundsätzen der nächste
Konkretisierungsgrad erreicht, folgt der entscheidende Schritt der
Umsetzung, um mit der Hilfe von Werten konkretes Handeln auch steuern zu können.
Dazu gilt es ein
firmenspezifisches Umsetzungsprogramm zu schneidern. Der Auftrag zur
Konzipierung dieses Programms muss von der Unternehmensspitze kommen, bei
der auch die Verantwortung für dessen konsequente Durchführung und
Einhaltung liegt. An die Unternehmensöffentlichkeit wird damit ein klares
Signal über den Stellenwert des Werte-Themas gegeben.
Zum
Umsetzungsprogramm gehören eine Reihe notwendiger
Implementierungs-Bausteine, die sicherstellen helfen, dass die
Werteorientierung sukzessiver Bestandteil des Managements und des täglichen
Handelns wird. Wurden diese Schritte erfolgreich vollzogen, sollten die
Werte schon deutlich nach innen und außen spürbar sein.
Doch eben diese
eigentlich entscheidenden Schritte fallen Unternehmen erfahrungsgemäß am
schwersten. Dabei ist der Rahmen für eine kontinuierliche Umsetzung und
deren Controlling in den meisten Unternehmen bereits vorhanden.
So lässt sich
das Werteprogramm beispielsweise ideal in bestehende Managementsysteme wie
EFQM oder in Führungs- und Zielvereinbarungsinstrumente wie eine Balanced
Scorecard integrieren. Instrumente dieser Art ermöglichen der
Unternehmensführung einen regelmäßigen Soll-Ist-Vergleich von Anspruch
und gelebter Wirklichkeit. Denn in einer konsequent wertegeleiteten
Organisation wird der Erfüllungsgrad der im Unternehmen postulierten
Werte nicht nur zu einem Maßstab der Bewertung von individuellem Handeln,
sondern letztlich zum Parameter des Unternehmenserfolgs insgesamt.
Voraussetzung
dafür ist die Schaffung von Strukturen, die wertekonformes und integres
Verhalten belohnen – et vice versa. Einer der wichtigsten Hebel für die
Umsetzung sind daher Personalmanagement-Prozesse aller Art.
Schon beim
Recruitment müssen Unternehmenswerte und deren Verbindlichkeit deutlich
kommuniziert werden. Potenzielle Mitarbeiter oder Führungskräfte sollten
auch danach beurteilt bzw. ausgewählt werden, ob sie willens und in der
Lage sind, insbesondere ethische Unternehmenswerte mitzutragen und
umzusetzen. Die Einbindung dazu eigens entwickelter Instrumente wie
Integrity-Tests in Assessment Center oder in individuelle Bewerbungsgespräche
können einen entsprechenden Auswahlprozess professionell unterstützen.
Auch bei der
Weiterentwicklung, Beförderung und Leistungsbewertung von Führungs- bzw.
Führungsnachwuchskräften sollten Kriterien dieser Art künftig eine
entscheidende Rolle spielen.
Führungskräften
kommt im Umsetzungsprozess eine besondere Stellung zu, auf die nicht oft
genug hingewiesen kann: sowohl als Vorbilder wie als Promotoren eines
kontinuierlichen Dialogs über Werte- und Integritätsfragen sind sie
entscheidend verantwortlich für Erfolg oder Misserfolg der
Implementierung.
Eine ähnlich
wichtige Bedeutung haben Einführungs- und Personalentwicklungsprogramme,
in denen Werte gezielt vermittelt werden sollten, bis hin zu speziellen
Trainings und Schulungsmodulen zur ethischen Sensibilisierung, zum Umgang
mit integritätsrelevanten Fragen und zur Einübung gezielten Arbeitens
mit dem Werte- und Verhaltenskodex.
Schließlich
sollten auf dem Weg zur integren, wertegeleiteten Organisation auch
Evaluierungs- und Controllingmaßnahmen nicht fehlen: Entwickelt sich die
Kultur in die gewünschte Richtung – sind Fortschritte erkennbar? Sind
die neuen Orientierungen auch bei allen Mitarbeitern und externen
Zielgruppen „angekommen“, sprich verstanden und akzeptiert worden? Und
last but not least: Halten sich auch alle daran? Wie kann abweichendes
Verhalten frühzeitig erkannt und so verhindert werden, dass die
gemeinsamen Integritäts- und Wertestandards durch „schwarze Schafe“
untergraben werden?
Während
Erkenntnisse zu den ersteren Fragen durch ein breites Set an Instrumenten
der Kulturdiagnostik gewonnen werden können (Fokusgruppengespräche, 360
Grad-Befragungen, Interviews, Imageanalysen etc..), stellt die letztere
Frage für viele Organisationen immer noch eine große Herausforderung
dar: Oftmals haben Mitarbeiter oder auch Externe im Organisationsumfeld
Kenntnis über ethisches Fehlverhalten, aber keinen geeigneten
Ansprechpartner, um identifizierte Missstände mitzuteilen oder aber schlicht
Hemmungen oder Angst vor Repressalien, sich offen dazu zu äußern. Einige
Organisationen setzen zu diesem Zweck Ombudsleute – meist externe
Rechtsanwälte – ein, die auf Wunsch auch anonyme Meldungen annehmen.
Eine andere, sinnvollerweise ergänzende, Maßnahme ist die Einrichtung
von Telefonhotlines oder Mailboxes, die von einem internen Werte- oder
Integrity-Manager betreut werden.
Die Einrichtung
einer internen „Kümmerer“-Funktion dieser Art ist zudem ein weiterer
wichtiger Umsetzungsschritt, um den Stellenwert des Themas zu
unterstreichen und dessen Verankerung in der Organisation aktiv zu unterstützen.
Zu den zentralen Aufgaben eines internen Werte- oder Integrity-Beraters
gehört neben der Betreuung der Mailbox die kontinuierliche Koordination
und Etablierung von Maßnahmen und Verfahren zur Implementierung des
Werte- und Verhaltenskodex. Als solcher ist er zum einen eine Art
„Servicestelle“ und Integrator im Dienst der Geschäftsleitung, der
Konfliktpotentiale begutachtet, die Legitimität von Interessen prüft und
Lösungsvorschläge vorbereitet. Zum anderen ist er die zentrale
Anlaufstelle für Fragen zum Thema, vermittelt Wissen dazu, erteilt
Ratschläge in Umsetzungsfragen und Konfliktsituationen oder klärt
Zweifelsfälle mit der Geschäftsleitung.
Als
entsprechende Ergänzung dazu kann auch ein eigenes Werte- oder
Integrity-Komitee auf Geschäftsleitungsebene etabliert werden, das regelmäßig
einberufen wird, um zu Vorschlägen des internen Beraters oder zu
strittigen Fragen Stellung zu nehmen. In Branchen mit ethisch sensiblen
Geschäftsfeldern, wie z.B. in der Pharmaindustrie, kann das Komitee
gegebenenfalls auch um Experten – hier etwa für medizin- oder
bioethische Fragen – erweitert werden.
Summa summarum
geht es bei der erfolgreichen Wertevermittlung immer auch um den Spagat,
Werte als ein „normales“ Thema des Alltagsgeschäftes zu verstehen und
es trotzdem lebendig zu halten.
Wo der
Wertekodex nur als Drucksache verteilt – und je nach Kontext als eines
von vielen so genannten „gelesen–gelacht-gelocht“-Dokumenten
abgeheftet wird – oder nur in Standardworkshops ohne
zielgruppenspezifische Differenzierung ex cathedra verkündet wird, werden
seine Inhalte kaum die vorhandene Unternehmenskultur verändern und
gestalten. Ein lebendiges Wertebewusstsein zu entwickeln, hat nichts mit
Routine zu tun. Werte- und Verhaltenskodizes sollten vielmehr als „living
documents“ angesehen werden in dem doppelten Sinn, dass ihre Inhalte (vor)gelebt
und sie im Laufe der Jahre auch weiterentwickelt, um Orientierungen und
Antworten auf neue Fragestellungen erweitert werden.
Werte erarbeitet
sich ein Unternehmen genauso kooperativ wie Produkte oder
Dienstleistungen. Deshalb sollten sie auch genauso offensiv wie diese zunächst
nach innen, später nach außen „vermarktet“ werden. Dabei spielen
moderne Instrumente der Unternehmenskommunikation im Sinne eines „Event
Driven Management“ eine wichtige Rolle – ihre Vermittlung durch Kunst
oder Unternehmenstheater zum Beispiel, ihre „Inszenierung“ im Rahmen
von „social events“ wie Betriebsfesten, Weihnachtsfeiern oder auch bei
Messen und Kundenveranstaltungen.
Nur wo die
Unternehmensführung Ansatzpunkte dieser Art gepaart mit einem umfassenden
Implementierungskonzept konsequent, strategisch und beharrlich nutzt,
schafft sie mit der Zeit eine nachhaltig integritätsfördernde
Organisationskultur, in der Individuen für Werte einstehen und sie mit
Leben erfüllen.
Hartmann,
N. (1935). Ethik. 2. Auflage. Berlin: Walter de Gruyter.
Kant,
I. (1911). Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Gesammelte Werke Bd. 4.
Berlin: Reimer.
Kleinfeld,
A. (1998). Persona Oeconomica,. Personalität als Ansatz der
Unternehmensethik. Heidelberg: Physica.
Scheler,
M. (1980). Der Formalismus in der Ethik und die Materiale Wertethik. Neuer
Versuch der Grundlegung eines ethischen Personalismus. Gesammelte Werke
Bd. 2. 6. Auflage. Bern, München: Francke.
Zur
Bestellung des Buches "Wirtschaftskriminalität und Werte"
klicken Sie einfach hier.
|
 |