Jede Täuschung ist fatalTransparenz, Eigenverantwortung und Gelassenheit gegenüber schwarzen Schafen: So überwinden Firmenchefs die Wertekrise. Der Mittelstand hat werteorientiertes Handeln seit jeher verinnerlicht - und setzt damit ein Signal für die gesamte Wirtschaft. Markt:
Bilanzen werden gefälscht, Aufträge vorgetäuscht, Steuern hinterzogen,
Auftraggeber geschmiert, Lebensläufe frisiert – Sind das Anzeichen
einer gesellschaftlichen Wertekrise? Knoblauch:
Ja, und das ist gefährlich. Erst gehen uns die Werte verloren, dann der
Wohlstand. Dagegen müssen wir uns stemmen. Kleinfeld:
Das ist leichter gesagt als getan. Wir leben nicht mehr in einer
Konsensgesellschaft. Da müssen sehr unterschiedliche Gruppen den
kleinsten gemeinsamen Nenner ihrer Werte ermitteln. Knoblauch:
Ob der wohl ausreicht? Grundner:
Richtig ist, uns fehlt es an Orientierung und an zentralen Werten.
Beispiel Leistungsbereitschaft. In meiner Jugend waren wir stolz auf
Leistung, die heutige Jugend ist stolz auf Coolness. So steuern wir auf
ein sozialistisches System der Umverteilung zu, in dem Anspruchsdenken
vorherrscht. Da müssen wir uns nicht wundern, wenn wir nicht mehr
wettbewerbsfähig sind Markt:
Wie kommen wir aus dieser Sackgasse wieder heraus? Kleinfeld:
Da werden Vorbilder – auch aus dem Unternehmerlager – wichtig. Und so
manches Leitbild aus der Zeit des Shareholder Values gehört überdacht. Grundner:
In der Tat hatten viele Zeitgenossen in der Euphorie der New Economy bewährte
Prinzipien aus den Augen verloren. Etwa: Ich kann nur ausgeben, was ich
einnehme. Oder: Für jedes Geschäftsmodell brauche ich Ressourcen und
Kompetenzen im eigenen Haus. Es war ja auch ein Trugschluss zu glauben,
dass jeder alles machen kann, wenn er nur mutig ist und eine gute Figur
abgibt. Markt:
Sie haben mutig investiert, Herr Rembold. Am Neuen Markt aber gab die
Brain International AG nur kurz eine gute Figur ab. Rembold:
Nun, wir haben sicher das Thema Wachstum unterschätzt. Mein Unternehmen
hatte ursprünglich 450 Mitarbeiter. Nach Fusionen, Übernahmen und einem
Börsengang wuchs es innerhalb eines Jahres auf 1400 Mitarbeiter an.
Dieses Wachstum war im Nachhinein gesehen von uns nicht zu beherrschen, es
war aber in diesem Ausmaß nicht gewollt. Sicher war es auch der Druck von
außen, sei es von den Investoren oder den Analysten, der uns zu diesem
nachher als falsch erkannten Schritten geführt hat. Schulze:
Ja, ja, zu viel, zu schnell, zu groß, und das alles in zu kurzer Zeit.
Das sind die Ursachen der meisten Firmenzusammenbrüche, ob am
Kapitalmarkt oder im klassischen Mittelstand. Markt:
Sie haben gut reden. Als Ihre Baufirma Ihnen zu groß geworden war, haben
Sie die meisten Ihrer Leute einem Kollegen überlassen, der mit Ihrer
Hilfe sein eigenes Unternehmen gründete. Das ging aber Pleite ... Schulze:
... und die besten Leute kamen wieder zu mir zurück. Markt:
Jetzt deckeln Sie Ihre Umsätze, um nicht über Gebühr zu wachsen. Werden
Sie da noch Ihrem Auftrag gerecht, Arbeitsplätze zu schaffen? Schulze:
Moment mal. Bereits bevor ich die Leute an den Kollegen übergab, hatte
ich Teile meines Unternehmens ausgegliedert. Ich habe den besten
Vorarbeiter im Trockenbau gefragt, ob er sich nicht selbständig machen
wolle. Ich habe ihm die Maschinen angeboten und versprochen, dass er einer
meiner Lieblings-Subunternehmer wird. Das Unternehmen existiert heute noch
mit zehn Mitarbeitern. So ging das auch mit den Zimmerern und anderen. Ich
habe also sehr wohl Arbeitsplätze erhalten, dafür aber Verantwortung
abgegeben. Grundner:
Frau Schulze hat es richtig gemacht. Sie hat an die Mitarbeiter
appelliert, selbst Verantwortung zu übernehmen und so den
Gestaltungswillen und die Leistungsbereitschaft gefördert. Es ist ein
Irrtum, dass Unternehmer Arbeitsplätze schaffen. Die Politiker sitzen da
gerne zusammen und verpflichten unsereinen. Das ist Unsinn. Unternehmer
sind dazu da, verantwortlich zu wirtschaften und richtig zu investieren. Rembold:
Dennoch gebe ich zu bedenken, dass Sie unter dem Druck des Kapitalmarkts
Ihre Vorstellungen nicht mehr so leicht durchsetzen. Zugegeben: Wir haben
unser Unternehmen mit dem eines weiteren Pioniers der Softwarebranche
fusioniert und dabei unterschätzt, wie sehr mittelständische Betriebe
von ihren Gründern geprägt sind. Ein halbes Jahr nach der Fusion sind
wir dann noch auf Druck der Konsortialbanken an die Börse gegangen. Da
hatte ich gleich meine Bedenken. Die Banker und Berater aber winkten ab:
Wenn die aggregierten Zahlen und das Organigramm stimmen, ließe sich das
problemlos machen. Ein fataler Irrtum. Schulze:
Da haben einige Besserwisser wohl die Bedeutung des Menschen unterschätzt. De Mestre: Genau. Menschen lassen sich nicht mehr einfach kaufen und verkaufen.
Das zeigt doch, dass sie reif genug sind, selbst endlich Verantwortung zu
tragen ... Markt:
... worauf Ihre Firma aufbaut. Ihre Berater sind alle am Kapital und der Führung
des Unternehmens beteiligt. Wie funktioniert das? De
Mestre: Indem Sie reden, reden, reden. Gemeinsame Werte zu definieren,
bringt da gar nichts. Nach zwei Jahren tragen diese Werte nicht mehr, oder
jeder versteht etwas anderes darunter. Schulze:
Deshalb setze ich auf Autonomie meiner Umwelt. Mit jedem muss ich Regeln
erarbeiten, die wir gemeinsam einhalten. Das gilt für den Bauherrn
genauso wie für den Kunden oder den Banker. Wenn sich etwas ändert, müssen
Sie eben eine neue Übereinkunft treffen. De
Mestre: Und nur Transparenz motiviert. Wir fertigen täglich Berichte an.
Die kann jeder dank Extranet einsehen. Die gläserne Firma ist
Voraussetzung dafür, dass die Kollegen auch mitziehen. Dann sehen sie
gleich die Wirkung eines Schräubchens, an dem man gerade dreht. Rembold:
Transparenz ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn Sie als Börsenunternehmen
alle drei Monate vor die Investoren treten und schlechte Zahlen präsentieren,
werden Sie sofort abgestraft. Mittel- und langfristige Strategien können
Sie gar nicht umsetzen. Und was meinen Sie, wie viele große Aufträge wir
verloren haben, weil unsere Kunden nicht mit einem Absteiger an der Börse
in Verbindung gebracht werden wollten. Grundner:
Logisch, Inhaber können eine Schieflage länger unter dem Deckel halten
... Rembold:
... und mit mehr Bedacht an der Lösung ihrer Probleme arbeiten ... Markt:
... wozu Herr Knoblauch jeweils ein Jahr Zeit hat. Knoblauch:
Von wegen. Ich veröffentliche jeden Monat alles, aber auch alles in der
Mitarbeiterzeitschrift, gehe regelmäßig an die Presse, halte die Banken
und den Bürgermeister auf dem Laufenden. Die Wirklichkeit ist die
Wirklichkeit, jede Täuschung ist fatal. Dennoch verstehe ich das Anliegen
von Herrn Rembold. Grundner:
Ich bin ja nicht nur Vorstandsvorsitzender einer börsennotierten AG,
sondern auch Geschäftsführer einer mittelständischen
Beteiligungsgruppe. Auch da lebe ich nicht isoliert. Rembold:
Mit Verlaub, ich habe 17 Jahre als Mitinhaber ein Unternehmen geführt.
Ich kann die Dimensionen unterscheiden, die börsennotierte Unternehmen
und inhabergeführte zur Lösung ihrer Probleme haben. Aber darauf, im
Schaufenster zu stehen, waren wir nicht vorbereitet. Grundner:
Wir haben am Kapitalmarkt gelernt, jedes Quartal saubere Berichte zu
machen. Das ist auch in der Belegschaft verankert. Alle merken, dass es
hilft, die Firma besser zu führen. Kleinfeld:
Dennoch forderte der Kapitalmarkt in der Euphorie ein Wachstum ein, dem
dann schnell die Substanz fehlte. Grundner:
Wir haben hat beim Börsengang keine unserer mittelständischen Tugenden
aufgegeben: Wir planen sorgfältig und investieren, als geschehe es mit
eigenem Geld. Markt:
Fällt es dem Alleininhaber eines Unternehmens denn nicht einfacher,
langfristige Strategien umzusetzen und Werte durchzusetzen? Rembold:
Unbedingt. Der typische Entrepreneur hat da ganz andere Möglichkeiten zu
sagen, das mache ich oder das mache ich nicht mit. Knoblauch:
Nehmen Sie den normalen schwäbischen Unternehmer. Der sagt: „so soll es
sein.“ Nicht umsonst kennen die Amerikaner neben Rucksack, Blitzkrieg,
Kindergarten das Wort Mittelstand. Die wissen, das steht für gesund,
exportorientiert, klar strukturiert, mit hohem ethischen Anspruch. Kleinfeld:
Dennoch gibt es Sachzwänge, nicht nur an der Börse. Denken Sie an die
Bauwirtschaft. Wer da nicht schmiert, kriegt keine Aufträge. Markt:
Dagegen hat der Verband der Bayerischen Bauindustrie vor ein paar Jahren
ein Ethik-Management-Zertifikat ersonnen. Kleinfeld:
Aus gutem Grund. Die wissen, wenn einer aufsteht, funktioniert das nicht.
Vierzig Mitgliedsunternehmen des Verbands lassen nun ein
Ethik-Management-System auditieren. Schulze:
Oh je, das ist ja wie in der Schule. Kleinfeld:
Sie lachen, aber das ist Selbstverpflichtung. So stellen Sie sicher, dass
keiner aus der Reihe tanzt oder Wettbewerbsnachteile hat. Unabhängige
Leute prüfen, ob das alles mit rechten Dingen zugeht. Ein Unternehmen ist
rückfällig geworden, dem wurde das Zertifikat entzogen. Markt:
Aber wenn der Mittelstand sowieso ethisch orientiert ist, brauchen wir
dann überhaupt irgendeine Form der Regulierung? Knoblauch:
Oft ist das eine Folge der Globalisierung. In Amerika droht Ihnen ohne
Ethikprogramm eine Klage. Grundner:
Das ist doch alles Fassade. Hinter einem Audit oder einer
Umweltdeklaration steht doch selten operatives Handeln. Markt:
Gilt das auch für Ihre ISO-Zertifikate? Grundner:
Unternehmer erwerben die Zertifikate, mit denen sie einen
Wettbewerbsvorteil erringen. Die spiegeln aber nur einen Ausschnitt des
inneren Zustands der Firma wider. Und der ist entscheidend. Markt:
Am Neuen Markt war der innere Zustand vieler Unternehmen erbärmlich und
die Werte ihrer Chefs mehr als fragwürdig. Dennoch hatten sie Erfolg. Grundner:
Das war eine Verirrung, die sich selbst erledigt hat. Das hatte wenig mit
den falschen Werten zu tun. Kleinfeld:
Oh doch, denn das Selbstverständliche war nicht mehr selbstverständlich.
Ehrlichkeit zum Beispiel. Markt:
Wie bringe ich also jene, die essenzielle Werte nicht teilen, dazu, sie
einzuhalten? Schulze:
Werte setzen sich von alleine durch. Knoblauch:
Nehmen Sie Firmen wie Hewlett Packard. Aus der US-Zentrale hat neulich ein
Leiharbeiter tütenweise Material geschleppt. Die Firmenleitung weigert
sich aber, sich von Kriminellen eine Kultur der Rechts- und
Sicherheitsvorkehrungen diktieren zu lassen. Sie ertragen schwarze Schafe. Markt:
Herr Grundner, Sie wenden sich gegen Regulierung, haben aber die
Frankfurter Erklärung unterzeichnet. Grundner: Richtig, die reagiert aber nur auf den berechtigten Anspruch des Investors, gut informiert zu werden. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die in Deutschland immer gleich droht, überreguliert zu werden. Die Selbstverpflichtung ist da glücklicherweise nur die kleine Lösung. Markt:
Kritiker sagen, die Werte der guten Unternehmensführung gehörten genau
definiert in so einem Kodex. De Mestre: Regeln entmündigen, wo sie fixiert werden. Glauben Sie mir,
schwarze Schafe sägen sowieso am eigenen Ast. Zu mir laufen Kunden und
IT-Spezialisten über, weil sie sich von meinen Wettbewerbern schlecht
behandelt fühlen. Die Konkurrenten verstehen sich als „Body Leaser“
und verhalten sich auch so. Da sind Menschen bloß austauschbare Träger
von Programmier-Kompetenzen. Das machen aber weder die Kunden noch die
Mitarbeiter lange mit.
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