Prinzip EigenverantwortungHehre Ideale prägen mittelständische Unternehmenskulturen. Doch das wirtschaftliche Erfolgspotenzial dieser Werteorientierung schöpft nur aus, wer systematisch vorgeht und sich selbst in die Pflicht nimmt Hans Riehle ist ein Mann mit Überzeugungen. Seine
wichtigste lautet; "Wer im Markt bleiben will, muss auch seinen
Werten treu bleiben." Als höchstes Gut begreift der Firmenlenker die
unternehmerische Selbständigkeit. Eine Fusionswelle hat seine Branche
verändert, Kollegen liefern sich der Börse aus, und immer mehr
Seniorchefs geben die Last der Verantwortung an ein externes Management
ab. Trotzdem will Hans Riehle die Oris Fahrzeugteile Hans Riehle GmbH in
Möglingen bei Stuttgart als unabhängiges Familienunternehmen bewahren.
Komme, was wolle. 1975 übernahm er den Zulieferbetrieb von seinem Vater,
1999 holte er seinen Sohn Jörg als Nachfolger in die Geschäftsleitung.
Geschadet haben ihm diese Kontinuität und Werteverbundenheit nicht. Im
Gegenteil. Ohne fremde Hilfe erzielt der Hersteller von
Anhängevorrichtungen und Sonderzubehör zweistelligen Umsatzzuwachs.
Trotz der gut zahlenden Konkurrenz in der Automobilregion Stuttgart hat
Hans Riehle auch keinen Mangel an Fachkräften. Als die Gewerkschaften
Mitte der neunziger Jahre die 35-Stunden Woche durchdrückten, blieben die
Oris Mitarbeiter sogar aus freien Stücken bei 40 Stunden. Die Frage nach
dem Grund für dieses Entgegenkommen beantwortet der Unternehmer
entschieden; "Meine Mitarbeiter
wissen, wo ihr Zuhause ist."
Diese Skepsis ist berechtigt, sagt Josef Wieland, Professor für Wirtschaftsethik an der Fachhochschule in Konstanz am Bodensee: " Werteorientierung ist nur ertragreich, wenn sie als Führungsinstrument begri1fen wird." Demnach müssten Werte klar definiert und systematisch umgesetzt werden. Lippenbekenntnisse und Sonntagsreden dagegen könnten sogar geschäftsschädigend sein. " Wer sich Werte an die Fahne heftet und nicht nach ihnen lebt, riskiert es, doppelt scharf kritisiert zu werden", warnt der Wissenschaftler. Wo Werte aber den Geschäftsalltag bestimmen, da steigen laut Wieland Motivation und Produktivität der Mitarbeiter, da denken alle Beteiligten über Risiken und Zukunftsstrategien nach. In einem solchen Klima sinken sogar die Transaktionskosten. Dass Werte und Kosten zusammenhängen, davon ist auch Annette Kleinfeld überzeugt. Immer wieder stellt die Expertin des Hamburger Beratungsunternehmens Bickmann & Collegen bei ihren Klienten fest, dass eine fehlende Wertebasis eine Kultur des Misstrauens zur Folge hat. Diese hemmt das Zusammenspiel aller im Firmenalltag und treibt die Kosten in die Höhe. Der Leitspruch der Spezialistin für Unternehmensethik und Wertemanagement lautet deshalb: "Kontrolle ist gut, Vertrauen ist billiger und effizienter." Derselben Ansicht ist Thomas Wilhelm, Gründer der Münchner Unternehmensberatung Pro Phil. Vertrauen basiert für ihn auf dem Prinzip der Selbstbindung und hat eine stark motivierende Wirkung. "Jeder, der sich zur Einhaltung von Werten verpflichtet, gewinnt Freiheit und Gestaltungsmöglichkeiten", versichert der Berater. Dies gelte für den einzelnen Mitarbeiter, dem mehr Eigenverantwortung eingeräumt wird, für das Management, das Strategien formulieren kann, ohne auf kurzfristige Ertragssteigerung einseitig fixiert zu sein, und letztlich für das ganze Unternehmen, das dem Argwohn der kritischen Öffentlichkeit und der Regulierungswut des Gesetzgebers vorbeugt. Die Vorteile einer konsequenten Werteorientierung hat Manfred Wittenstein schon vor fünf Jahren erkannt. Der geschäftsführende Gesellschafter der Alpha Getriebebau GmbH im fränkischen Igersheim ist überzeugt: "Wer Mitarbeiter braucht, die eigenverantwortlich arbeiten, muss eine gemeinsame Wertebasis schaffen." Wittenstein spricht aus Erfahrung: In der Fertigung und Montage seines Unternehmens produzieren 200 Beschäftigte Getriebe für Roboter. Der Automatisierungsgrad ist gering, bei der Fertigung zählt insbesondere die handwerkliche Präzision. Alle Teams arbeiten an Einzelstücken und organisieren sich selbst. Nur so ist es möglich, 40000 Varianten zu produzieren und 30000 Stunden Fehlerfreiheit für die Getriebe zu gewährleisten. Unter solchen Bedingungen bleibt wenig Raum für Kontrolle von oben. Disziplinarische Vollmacht besitzt ohnehin nur der Werksleiter. Die Kollegen müssen sich dem obersten Wert Qualität und dem Weg dorthin verschreiben. Alle zwei Jahre intensivieren Werte Workshops die Zusammenarbeit. Nicht etwa die Geschäftsleitung moderiert diese Veranstaltungen, sondern Freiwillige gleich welchen Rangs. Wittenstein hat bisher stets ohne Schwierigkeiten Moderatoren gefunden: "Die Mitarbeiter fühlen sich den Werten verpflichtet - ihrer Erarbeitung ebenso wie der Umsetzung." Das erhöht die Identifikation mit dem Unternehmen, wie die niedrige jährliche Fluktuationsrate von nur einem Prozent belegt. Während der Workshops erkennen die Teilnehmer auch Schwachstellen und beseitigen sie. So stellte sich einmal heraus, dass viele Mitarbeiter nur begrenzt eigenverantwortlich handeln können, weil ihnen wichtige Informationen fehlen. Offene Kommunikation steht seither als weiterer Wert ganz oben . Damit es nicht bei der guten Absicht bleibt, verbringen Führungskräfte nun ihre Frühstückspause an wechselnden Orten im Gespräch mit den Mitarbeitern.Wirkt sich die Selbstbindung bei Wittenstein vor allem intern aus, das heißt im Verhältnis zu den Beschäftigten, gibt es beim Bauunternehmen Löhe + Co. GmbH & Co. KG in Würzburg klar definierte Werte und Spielregeln für die Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern. "Die Selbstverpflichtung ist der einzige Weg, dem ungeheuren Misstrauen in der Baubranche zu begegnen", erklärt Juniorchef Burkhard Löhe. Preisabsprachen, Bestechung und Filz beeinträchtigten im Baugewerbe massiv den fairen Wettbewerb. Dass sie stattdessen nach besseren Lösungen und Leistungen streben, machen die Franken seit kurzem auch mit einem Gütesiegel des Verbands der Bayerischen Bauindustrie klar. Regelmäßig kontrollieren externe Gutachter, ob im Unternehmen nach den vorgegebenen Werten und Verhaltensstandards gearbeitet wird und zertifizieren anschließend sein "Ethik Management System". Diese Selbstverpflichtung findet bei allen Verhandlungspartnern Zuspruch. Ein Bauherr gab Löhe den Zuschlag für die Errichtung einer Seniorenwohnanlage, obwohl ihm ein Großkonkurrent ein deutlich billigeres Angebot unterbreitet hatte. Ohne Komplikationen gehen die Banken Vertragsbürgschaften ein mit dem Hinweis, man habe es bei Löhe ja noch mit einem "königlich-bayerischen Unternehmen" zu tun. Zufrieden stellt der Würzburger Firmenchef fest: "Wir haben dank unserer konsequenten Werteausrichtung die fitteren Mitarbeiter und die stabileren Geschäftsbeziehungen." Als Chance betrachtet auch Volker Ahrens die Werteorientierung. Das Mitglied der Geschäftsleitung der König Metall GmbH & Co. KG im badischen Gaggenau verpflichtet sich und seine Mitarbeiter zur Einhaltung strenger Umweltstandards. Schon in der ersten Runde im Jahr 1998 nahm König Metall an der Validierung für das EU-Öko-Audit teil. Knapp 50000 Mark musste Ahrens in das Zertifikat investieren, aber dies lohnte sich seiner Ansicht nach: "Die Selbstverpflichtung zum Schutz der Umwelt schärft unseren Blick für unternehmerische Risiken und Chancen." So folgten der Reduktion der Abfallmengen gleich mehrere Effekte: Trotz einer Umsatzverdoppelung seit der Zertifizierung senkten die Badener in allen Bereichen die anteiligen Entsorgungskosten. Zunächst schmerzhaft erscheinende Investitionen erwiesen sich beim Blick aufs Ganze als die rundum günstigere Lösung. Ahrens integrierte zum Beispiel bis dahin im Freien stehende Container für ölverschmierte Metallabfälle in eine neu errichtete Werkshalle. Zwar kostete der Anbau 200000 Mark, doch minderte der Aufwand im Gegenzug das Risiko, dass einmal verschmutztes Regenwasser in das Erdreich und den angrenzenden Bach gelangt. In einem solchen Fall wären Imageschaden und Haftungsrisiken unkalkulierbar. Angenehmer Nebeneffekt: Die Mitarbeiter in der Produktion haben jetzt kürzere Wege, was die Produktivität erhöht und die Prozesse erheblich beschleunigt. "Wer auf grundlegende Werte setzt, geht automatisch nicht mehr eindimensional an Entscheidungen heran", begründet Volker Ahrens, warum er kostspielige Vorleistungen heute als strategische Investitionen versteht. Wichtig ist ihm dabei, dass der Umweltschutz in freiwilliger Selbstbindung geschieht. Denn das strategische Managementpotenzial der Werteorientierung werde nicht durch die erzwungene Umsetzung von Umweltvorschriften frei. Ahrens fasst seine Überzeugungen in einem Motto zusammen: "Kontrolle ist gut, aber nur Selbstkontrolle motiviert und verschafft Überblick." URL dieser Seite: |
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