Knowledge Base Unternehmensberatung Bickmann & Collegen
Dokument-Info:
Autor: Dr. Rainer Krone
Quelle: WR-Journal, April/Mai 2003, S. 6-7
Themenverwandtes:
Wer einmal lügt...
Die Rolle der Corporate Ethics
Unternehmensethik und Globalisierung
Persona Oeconomica
Home Knowledge Base Suche

Wirtschaftsethik als Erfolgsmotor für den Mittelstand?

12. Bayerisch-Sächsische Wirtschaftstage im Kloster Banz (Teil 1)

Der Mittelstandsausschuss des Wirtschaftsbeirates der Union e.V. führte in guter Tradition gemeinsam mit dem Landesfachausschuss für Mittelstandspolitik des Landesverbandes Sachsen des Wirtschaftsrates der CDU e.V. am 20. und 21. März 2003 im Kloster Banz im oberfränki­schen Staffelstein die 12. Bayerisch-Sächsischen Wirtschaftstage durch. An dem Treffen beteiligten sich rund 65 mittelständische Unternehmer aus Bayern und Sachsen, die gemeinsam interessierende Fragen diskutierten zum Thema: „Wirtschaftsethik als Erfolgsmotor für den Mittelstand?"

Die Veranstaltung wurde durch Prof. Dr. Hartmut Mohr, den Vorsitzenden des Ausschus­ses für Mittelstandspolitik im Wirtschaftsbeirat der Union e.V. als Vertreter des Gastgebers sowie Dr. Rainer Krone, Vorsitzender des Landesfachausschusses für Mittelstandspolitik im Wirtschaftsrat der CDU e.V., als Vertreter der Gäste aus Sachsen mit interessanten, auf die Thematik einstimmenden Statements in bewährter Weise eröffnet.

Das Thema ist in der gegenwärtigen Zeit nicht ohne Brisanz, denn im Wirtschaftsleben ist eine ernstzunehmende Vertrauenskrise zwischen den Marktteilnehmern zu verzeichnen. Meldungen in den Medien über teilweise spektakuläre Ereignisse weisen auf die bestehenden Problemfelder hin.

Die Gesamtheit solcher Ereignisse führte und führt zu einem ernsten Vertrauensverlust bei den Marktteilnehmern mit den sich daraus ergebenden Folgen wie Unsicherheit und Zurückhaltung bei Investitionsentscheidungen. Gegenseitiges Vertrauen ist aber eine unabdingbare Voraussetzung für das Funktionieren des Marktes. Fragen wie „Was bedeutet Wirtschaftsethik für den Mittelstand? - Sind gegenwärtig in der Wirtschaft ethische Fragen überhaupt relevant oder sind nicht vielmehr alle Entscheidungen der Maximierung des Gewinns unterzuordnen? - Wie verhalten sich ethisch verantwortlich handelnde Unternehmer, welche Kriterien sind zu berücksichtigen und welche Entscheidungsspielräume stehen zur Verfügung? - Währt ehrlich am längsten oder ist der ehrliche Kaufmann in der heutigen Zeit nicht eher der Dumme?"?

An beiden Tagen kamen nach einem interessanten Vortrag vor allem mittelständische Unter­nehmer mit ihren umfangreichen praktischen Erfahrungen zu Wort. Wegen des komplexen und für die unternehmerische Praxis im Mittelstand interessanten Themas wird über diese Tagung in zwei Teilen berichtet.

 

WIRTSCHAFTSETHIK - DIE UNTERNEHMERISCHE HERAUSFORDERUNG

Als erste Referentin sprach Frau Dr. Annette Kleinfeld, Hamburg, über „Wirtschaftsethik - die unternehmerische Herausfor­derung". Auf nationaler wie internationaler Ebene verschärft sich der Wettbewerb. Schnellere Entwicklungszyklen, kontinuierliche Innovationen und weltweiter Kostendruck sind nur einige der Herausforderungen, denen sich Unternehmen heute stellen müssen. Durch ihre globale Präsenz wachsen auch die Erwartungen ihrer Anspruchsgruppen (Stakeholder): Arbeitnehmer, Anteilseigner, Investoren, NGOs und Verbraucher. Die Kunden erwarten hochwertige Produkte zu einem günstigen Preis, die Mitarbeiter wollen gerecht entlohnt und fair behandelt werden und die Gesellschaft fordert umweltfreundliche, sozial-verträgliche Güter und Produktionsweisen. Unter dem Strich verlangen alle

Stakeholder mehr Transparenz - als eine wesentliche Antwort auf den erheblichen Vertrauensverlust, der sich seit einiger Zeit generell abzeichnet. Damit ver­bunden ist die Forderung an eine neue Verantwortung der Wirtschaft.

Der Mittelstand steht vor neuen Herausforderungen:

   Paradigmenwechsel: von der Industrie- zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft

   Internationalisierung

   Gesellschaftlicher Legitimationsdruck

   Vertrauensaufbau

Unternehmen sind eingebunden in ein Geflecht sozialer Beziehungen, die für ihren Erfolg zum Teil unverzichtbar sind. Die bewusste und aktive Gestaltung dieser Beziehungen wird in wachsendem Maße zum Wettbewerbsfaktor im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und damit für die nachhaltige Erfolgssicherung. Grundlage für die erfolgsförderliche Gestaltung all dieser Beziehungen ist Vertrauen - Voraussetzung dafür wiederum ist Glaubwürdigkeit - wie beiliegende Graphik zeigt.

  

 

Im Mittelstand tritt zu diesen Herausforderungen noch eine weitere hinzu: die Träger der gewachsenen Unternehmenskultur und ihres - oftmals ethisch fundierten - Wertesystems sind in vielen Fällen die Gründer und Inhaber selbst. Weit über 90% deutscher Unternehmen sind im Besitz einer oder mehrerer Familien, die meist auch an der operativen Geschäftsführung beteiligt sind. In den kommenden Jahren müssen 60000 bis 80000 Unternehmen die Nachfolge regeln - nicht immer aber findet sich ein geeigneter Nachfolger, der willens beziehungsweise in der Lage ist, das bisherige Unternehmensethos zur Grundlage seines Management- und Führungsstils zu machen.

 

MANGEL AN ETHISCHER ORIENTIERUNG

Zu konstatieren ist, dass in der gegenwärtigen Gesellschaft ein Mangel an ethischer Orientierung herrscht und Wirtschaftskriminalität zunimmt. Schätzungen bezüglich des tatsächlich entstehenden Schadens in Folge von Wirtschaftskriminalität durch das Statistische Bundesamt belaufen sich auf 30 bis 40 Milliarden Euro pro Jahr (20 Milliarden in 1999). Wirtschaftskriminalität ist auch im Einzelfall kein Kavaliersdelikt: Jeder fünfte Fall von Wirtschaftskriminalität verursacht einen Schaden von mehr als 25 000 Euro.

Neben den Folgen ethischen Fehlverhaltens in der Wirtschaft wurden auch die internationalen Anstrengungen zum Erhalt und zur Wiedergewinnung des Vertrauens der Marktteilnehmer erörtert. Nachfolgend werden nur einige Aspekte kurz genannt, wie beispielsweise:

   Einrichtung des Global Corporate Governance Forum (CGF) durch OECD und Weltbank zur Unterstützung verantwor­tungsvollen Managerverhaltens gegenüber allen Stakeholdern

   ICC-Guidelines (1996); BDA/ BDI-Empfehlungen (1998 ff.); neue OECD-Richtlinien (2001)

   Gesetz zur Kontrolle und Transparenz (KonTraG), das auch Management von Risiken aus ethischem Fehlverhalten fordert

   Verbände-Initiative „Neue soziale Marktwirtschaft"

   Initiative „Global Compact" von Kofi Annan

   Entwicklung des Standards WerteManagementZfW durch das Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik (dnwe)

 

FREIWILLIGE SELBSTVERPFLICHTUNG DER UNTERNEHMEN

Im Herbst 2002 verabschiedete die EU-Kommission eine Strategie zur Förderung der sozialen Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility). Gefordert wird hier eine neue soziale und ökologische Rolle der Unternehmen in der Weltwirtschaft. Bis Ende 2004 werden in einem Multi-Stakeholder-Forum Lösungsansätze diskutiert und Empfehlungen erarbeitet. Dabei wird auf freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen großer Wert gelegt.

Wirtschafts-Ethik im wohl­verstandenen Sinne ist nicht weltfremd oder puristisch, sondern trägt ihrem eigentlichen Gegenstand Rechnung. Als solche geht es ihr nicht primär um die klassische ethische Frage nach Kant: „Was soll ich tun?", sondern um die Frage, wie, aufweiche Weise, mit welchen Mitteln soll ich das tun, was wirtschaftliches und unternehmerisches Handeln ausmacht?

Dazu gehört neben der primären Aufgabe, Produkte, Güter und Dienstleistungen bereit zu stellen, auch die zwingende Notwendigkeit, Gewinne zu erwirtschaften. Wirtschaftsethik fragt danach, ob die Mittel und Wege, die zur Erreichung unternehmerischer Ziele und Interessen gewählt werden, ethisch gerechtfertigt und legitim sind.

Diesen Fragen hat sich gerade der Mittelstand in Deutschland, haben sich inhabergeführte Unternehmen und Unternehmerpersönlichkeiten über Generationen hinweg immer wieder gestellt. Es gibt eine Fülle von positiven Beispielen dafür - auch dafür, wie diese Unternehmen ihrer ethischen und sozialverantwortlichen Selbstverpflichtung unter den eingangs geschilderten neuen Rahmenbedingungen auf einem globalen Markt erfolgreich nachkommen.

 


URL dieser Seite:

Home Knowledge Base vorige Seite nächste Seite Kontakt