Wirtschaftsethik als Erfolgsmotor für den Mittelstand?12. Bayerisch-Sächsische Wirtschaftstage im Kloster Banz (Teil 1) Der
Mittelstandsausschuss des Wirtschaftsbeirates der Union e.V. führte in
guter Tradition gemeinsam mit dem Landesfachausschuss für
Mittelstandspolitik des Landesverbandes Sachsen des Wirtschaftsrates der CDU
e.V. am 20. und 21. März 2003 im Kloster Banz im oberfränkischen
Staffelstein die 12. Bayerisch-Sächsischen Wirtschaftstage durch. An dem
Treffen beteiligten sich rund 65 mittelständische Unternehmer aus Bayern
und Sachsen, die gemeinsam interessierende Fragen diskutierten zum Thema:
„Wirtschaftsethik als Erfolgsmotor für den Mittelstand?" Die
Veranstaltung wurde durch Prof. Dr. Hartmut Mohr, den Vorsitzenden des
Ausschusses für Mittelstandspolitik im Wirtschaftsbeirat der Union e.V.
als Vertreter des Gastgebers sowie Dr. Rainer Krone, Vorsitzender des
Landesfachausschusses für Mittelstandspolitik im Wirtschaftsrat der CDU
e.V., als Vertreter der Gäste aus Sachsen mit interessanten, auf die
Thematik einstimmenden Statements in bewährter Weise eröffnet. Das Thema
ist in der gegenwärtigen Zeit nicht ohne Brisanz, denn im Wirtschaftsleben
ist eine ernstzunehmende Vertrauenskrise zwischen den Marktteilnehmern zu
verzeichnen. Meldungen in den Medien über teilweise spektakuläre
Ereignisse weisen auf die bestehenden Problemfelder hin. Die
Gesamtheit solcher Ereignisse führte und führt zu einem
ernsten
Vertrauensverlust bei den Marktteilnehmern mit den sich daraus ergebenden
Folgen wie Unsicherheit und Zurückhaltung bei Investitionsentscheidungen.
Gegenseitiges Vertrauen ist aber eine unabdingbare Voraussetzung für das
Funktionieren des Marktes. Fragen wie „Was bedeutet Wirtschaftsethik für
den Mittelstand? - Sind gegenwärtig in der Wirtschaft ethische Fragen überhaupt
relevant oder sind nicht vielmehr alle Entscheidungen der Maximierung des
Gewinns unterzuordnen? - Wie verhalten sich ethisch verantwortlich handelnde
Unternehmer, welche Kriterien sind zu berücksichtigen und welche
Entscheidungsspielräume stehen zur Verfügung? - Währt ehrlich am längsten
oder ist der ehrliche Kaufmann in der heutigen Zeit nicht eher der
Dumme?"? An beiden
Tagen kamen nach einem interessanten Vortrag vor allem mittelständische
Unternehmer mit ihren umfangreichen praktischen Erfahrungen zu Wort. Wegen
des komplexen und für die unternehmerische Praxis im Mittelstand
interessanten Themas wird über diese Tagung in zwei Teilen berichtet. WIRTSCHAFTSETHIK
- DIE UNTERNEHMERISCHE HERAUSFORDERUNG Als erste
Referentin sprach Frau Dr. Annette Kleinfeld, Hamburg, über
„Wirtschaftsethik - die unternehmerische Herausforderung". Auf
nationaler wie internationaler Ebene verschärft sich der Wettbewerb.
Schnellere Entwicklungszyklen, kontinuierliche Innovationen und weltweiter
Kostendruck sind nur einige der Herausforderungen, denen sich Unternehmen
heute stellen müssen. Durch ihre globale Präsenz wachsen auch die
Erwartungen ihrer Anspruchsgruppen (Stakeholder): Arbeitnehmer,
Anteilseigner, Investoren, NGOs und Verbraucher. Die Kunden erwarten
hochwertige Produkte zu einem günstigen Preis, die Mitarbeiter wollen
gerecht entlohnt und fair behandelt werden und die Gesellschaft fordert
umweltfreundliche, sozial-verträgliche Güter und Produktionsweisen. Unter
dem Strich verlangen alle Stakeholder
mehr Transparenz - als
eine wesentliche Antwort auf den erheblichen Vertrauensverlust, der sich
seit einiger Zeit generell abzeichnet. Damit verbunden ist die Forderung
an eine neue Verantwortung der Wirtschaft. Der
Mittelstand steht vor neuen Herausforderungen: •
Paradigmenwechsel: von der Industrie- zur Wissens- und
Dienstleistungsgesellschaft •
Internationalisierung •
Gesellschaftlicher Legitimationsdruck •
Vertrauensaufbau Unternehmen
sind eingebunden in ein Geflecht sozialer Beziehungen, die für ihren Erfolg
zum Teil unverzichtbar sind. Die bewusste und aktive Gestaltung dieser
Beziehungen wird in wachsendem Maße zum Wettbewerbsfaktor im Hinblick auf
die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und damit für die nachhaltige
Erfolgssicherung. Grundlage für die erfolgsförderliche Gestaltung all
dieser Beziehungen ist Vertrauen - Voraussetzung dafür wiederum ist Glaubwürdigkeit
- wie beiliegende Graphik zeigt.
Im
Mittelstand tritt zu diesen Herausforderungen noch eine weitere hinzu: die
Träger der gewachsenen Unternehmenskultur und ihres - oftmals ethisch
fundierten
- Wertesystems sind in vielen Fällen die Gründer und Inhaber selbst. Weit
über 90% deutscher Unternehmen sind im Besitz einer oder mehrerer Familien,
die meist auch an der operativen Geschäftsführung beteiligt sind. In den
kommenden Jahren müssen 60000 bis 80000 Unternehmen die Nachfolge regeln -
nicht immer aber findet sich ein geeigneter Nachfolger, der willens
beziehungsweise in der Lage ist, das bisherige Unternehmensethos zur
Grundlage seines Management- und Führungsstils zu machen. MANGEL
AN ETHISCHER ORIENTIERUNG Zu
konstatieren ist, dass in der gegenwärtigen Gesellschaft ein Mangel an
ethischer Orientierung herrscht und Wirtschaftskriminalität zunimmt. Schätzungen
bezüglich des tatsächlich entstehenden Schadens in Folge von
Wirtschaftskriminalität durch das Statistische Bundesamt belaufen sich auf
30 bis 40 Milliarden Euro pro Jahr (20 Milliarden in
1999). Wirtschaftskriminalität ist auch im Einzelfall kein Kavaliersdelikt:
Jeder fünfte Fall von Wirtschaftskriminalität verursacht einen Schaden von
mehr als 25 000 Euro. Neben den
Folgen ethischen Fehlverhaltens in der Wirtschaft wurden auch die
internationalen Anstrengungen zum Erhalt und zur Wiedergewinnung des
Vertrauens der Marktteilnehmer erörtert. Nachfolgend werden nur einige
Aspekte kurz genannt, wie beispielsweise: •
Einrichtung des Global Corporate Governance Forum (CGF) durch OECD
und Weltbank zur Unterstützung verantwortungsvollen Managerverhaltens
gegenüber allen Stakeholdern •
ICC-Guidelines (1996); BDA/ BDI-Empfehlungen (1998 ff.); neue
OECD-Richtlinien (2001) •
Gesetz zur Kontrolle und Transparenz (KonTraG), das auch Management
von Risiken aus ethischem Fehlverhalten fordert •
Verbände-Initiative „Neue soziale Marktwirtschaft" •
Initiative „Global Compact" von Kofi Annan •
Entwicklung des Standards WerteManagementZfW durch das
Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik (dnwe)
FREIWILLIGE
SELBSTVERPFLICHTUNG DER UNTERNEHMEN Im Herbst
2002 verabschiedete die EU-Kommission eine Strategie zur Förderung der
sozialen Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility).
Gefordert wird hier eine neue soziale und ökologische Rolle der Unternehmen
in der Weltwirtschaft. Bis Ende 2004 werden in einem Multi-Stakeholder-Forum
Lösungsansätze diskutiert und Empfehlungen erarbeitet. Dabei wird auf
freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen großer Wert gelegt. Wirtschafts-Ethik
im wohlverstandenen Sinne ist nicht weltfremd oder puristisch, sondern trägt
ihrem eigentlichen Gegenstand Rechnung. Als solche geht es ihr nicht primär
um die klassische ethische Frage nach Kant: „Was soll ich
tun?", sondern um die Frage, wie, aufweiche Weise, mit welchen
Mitteln soll ich das Dazu gehört
neben der primären Aufgabe, Produkte, Güter und Dienstleistungen bereit zu
stellen, auch die zwingende Notwendigkeit, Gewinne zu erwirtschaften.
Wirtschaftsethik fragt danach, ob die Mittel und Wege, die zur Erreichung
unternehmerischer Ziele und Interessen gewählt werden, ethisch
gerechtfertigt und legitim sind.
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