Auszug aus dem Buchbeitrag von Dr. Annette
Kleinfeld für die sfwu-Schriftenreihe für Wirtschafts- und
Unternehmensethik: "Integritäts- und Umweltmanagement in der
Beratungspraxis. Ergebnisse der Consultingakademie 2003", Th.
Beschorner/
M. Schmidt (Hrsg.).
Das
[...] Verständnis eines integrativen Ethik- und Wertemanagements in
Organisationen, das zugleich dem Beratungsansatz der Verfasserin
entspricht, hat eine Reihe von Implikationen für die Deutung bzw. das
Selbstverständnis einer professionellen externen Beratung in diesem
Bereich, das sich zum Teil vom Bild der „klassischen“
Unternehmensberatung deutlich abhebt oder besser gesagt abheben sollte.
Dies
gilt insbesondere für jene Gruppe von Beratern, die Ethik aus einer
philosophischen Perspektive heraus begreifen und für Organisationen zu
vermitteln versuchen. Beratung kann und wird hier immer nur bedingt auf
der Grundlage eines „besseren Wissens“ durchgeführt, was das
Beratungsunternehmen der Verfasserin beispielsweise in seinem Leitbild
„beraterische Demut“ ausdrückt.
Ausgangspunkt
ist nicht irgendein extern definiertes theoretisches Optimum, auf das hin
die beratene Organisation „getrimmt“ werden soll. Vielmehr geht es im
Kern darum, die Verantwortlichen im Kundenunternehmen für die Relevanz,
aber auch für das Spezifische der Auseinandersetzung mit moralisch
relevanten Fragen in ihrem Unternehmen zu sensibilisieren und sie selbst
wie die Organisation insgesamt bei der Entwicklung eines entsprechenden
Bewusstseins und einer eigenständigen (unternehmens)ethischen Reflexions-
und Argumentationskompetenz zu unterstützen.
[...]
(Spezifische) Instrumente und Umsetzungselemente zur Gestaltung einer
ethisch bewussten und in diesem Sinne integren Organisation sind dabei
notwendige Hilfsmittel, um eine konsistente, widerspruchsfreie Ausrichtung
zu gewährleisten – sie sollten aber immer nur als „die halbe Miete“
verstanden werden.
Insbesondere
in der Anfangsphase eines Prozesses gehört zur Rolle des externen
Beraters auch, die Geschäftsleitung für die Risiken einer halbherzigen
Implementierung und die Notwendigkeit eines „langen Atems“ bei der
Umsetzung zu sensibilisieren, desgleichen für die zentrale Bedeutung, die
ihrem eigenen Verhalten wie dem aller Führungskräfte als Vorbild und
wichtigste kulturprägende Instanz dabei zukommt.
Vor
allem aber muss – zuallererst auf dieser Ebene – ein klares
Bewusstsein dafür vermittelt werden, dass die Um- bzw. Durchsetzung von
Verhaltenskodizes und Ethikrichtlinien als eine Art
institutionalisiertes, strukturelles „Gewissen“ der Organisation die
Anwendung moralischer Urteilskraft durch die verantwortlichen
Entscheidungsträger nicht ersetzen kann und sie, wie jeden einzelnen
Mitarbeiter auch, von der Aufgabe der Identifikation moralisch
relevanter Aspekte des Tagesgeschäfts, der kritischen Hinterfragung und
ethischen Reflexion ihrer Aktivitäten nicht entbindet. Im
Umsetzungskonzept eines Ethik- und Wertemanagements, das auf eine ethische
Organisationsausrichtung im eigentlichen und umfassenden Sinne zielt, müssen
sich daher notwendig auch Elemente befinden, die die Entwicklung einer
offenen und – als solche explizit erwünschten – kritischen
Dialogkultur bezogen auf die „ethische Performance“ der Organisation
gezielt fördern und gestalten.
Zur
Aufgabe einer externen Beratung gehört in diesem Kontext nicht nur die
Empfehlung entsprechender kulturgestaltender Maßnahmen, die die
Mitarbeiter respektive die vorhandene Organisationskultur dort abholen, wo
sie stehen. Sie umfasst auch die Rolle, durch eigenes kritisches Nachfragen
das dafür erforderliche Denkset bei den Verantwortlichen an der Spitze
gewissermaßen „on the job“ zu vermitteln, um es dann in einem nächsten
Schritt in entsprechend konzipierten Schulungen und Trainings
organisationsweit auch für Führungskräfte und Mitarbeiter anderer
Ebenen – idealiter und aristotelisch gesprochen – zur „zweiten
Natur“ werden zu lassen.
Qualitativ
hochwertige externe Beratung in diesem Themenfeld impliziert daher sowohl
die Entwicklung eines tragfähigen Vertrauensverhältnisses zwischen Geschäftsleitung
und Berater, das selbst von tabufreier Offenheit bestimmt ist, wie auch über
einen längeren Zeitraum hinweg im Rahmen einer prozessbegleitenden
Beratung als Impulsgeber und neutrale Evaluierungsinstanz von außen
fungieren zu können. Erklärtes Ziel sollte es dabei natürlich von
Anfang an sein und bleiben, keine Abhängigkeit von extern zu erzeugen,
sondern für einen kontinuierlichen Know-how-Transfer und schnellstmöglichen
Aufbau organisationseigener Kompetenz zu den jeweiligen Themen zu
sorgen – was nicht zuletzt auch eine Frage des eigenen Berater-Ethos
ist.
Last
but not least sollte in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass
[...] auch ein „Ethik-Berater“ in besonderem Maße gefährdet ist,
in ein schlechtes Licht zu geraten und seinen Ruf nachhaltig zu schädigen,
wenn er der mit seinem Geschäftsgegenstand a priori verbundenen Integritäts-Vermutung
oder der sinnvollerweise auch explizit formulierten ethischen
Selbstverpflichtung und entsprechenden Ausrichtung seines Unternehmens
und seiner Aktivitäten nicht gerecht wird.
Als
imageschädigend kann sich dabei bereits der bloße Verdacht erweisen,
beispielsweise wenn sich zeigen sollte, dass ein Kundenunternehmen ein
beauftragtes „Ethik-Projekt“ de facto nur zur PR-wirksamen Bemäntelung
von Missständen initiiert hat. Sollte der Berater davon Kenntnis
respektive Evidenz erhalten, ist er selbst gut beraten, das Mandat zurückzugeben.
Präventiv empfiehlt es sich daher – einmal mehr – gründliche und
kritisch nachhakende Grundlagengespräche mit der Geschäftsleitung vor
Projektbeginn zu führen, die Rückschlüsse auf die Beweggründe und
das „commitment“ zu den angestrebten Veränderungen zulassen.
Im
Falle von begründeten Zweifeln an der Aufrichtigkeit des Auftraggebers
kann es nicht nur zum Schutz der eigenen moralischen Integrität, sondern
auch aus langfristigen unternehmerischen „Klugheitserwägungen“ heraus
geboten sein, einen Auftrag abzulehnen – auch dann, wenn einem
beispielsweise konjunkturbedingte Engpässe Entscheidungen dieser Art
kurzfristig sehr schwer machen sollten!
Ein
„Gewinn“ sind solche Situationen in jedem Fall für den unternehmerischen
Reifeprozess und für die Qualifizierung eines Ethik-Beraters: sie lassen
ihn am eigenen Leib das Spannungsfeld erleben zwischen ethisch fundiertem,
langfristigem unternehmerischem Denken und kurzfristig ökonomisch
gebotener Gewinnerzielung – ein grundsätzliches Spannungsfeld, mit dem
jedes ethisch orientierte Unternehmen immer wieder konfrontiert sein wird
und das kein noch so professionell gestaltetes Ethik-Management und keine
noch so gute unternehmensethische Beratung jemals ganz auflösen kann!