Knowledge Base Unternehmensberatung Bickmann & Collegen
Dokument-Info:
Autor: Roland Bickmann
Quelle: Roland Bickmann et al.: Chance: Identität (Springer Verlag)R. Bickmann et al.:
Chance: Identität,
Springer 1999,
S. 38-50
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CI-Gestaltung und Managementsysteme
Wissen und Identität
CI und Unternehmensethik
Externe und interne Kundenorientierung
Integratives Management
Unternehmenskultur
Grenzen der Diversifikation
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Warum Management
der CI-Gestaltung?

Inhalt:

Unternehmensidentität und ihre Außenwirkung

Unternehmensidentität und ihre Innenwirkung

Der (berühmte) Wandel der Werte und seine Folgen

Identifikationsangebot in unsicheren Zeiten

Integration in atomisierten Unternehmen

Der Mensch als zentraler Zukunftsfaktor

Die Gründe, auch heute noch ein angeblich so "ausgebranntes" Thema wie Corporate Identity einzufordern, sind vielfältig. Aus dem bisher Gesagten folgt bereits einer der wichtigsten: Ein integratives Verständnis der Identität in und von Unternehmen setzt die irrationale Dimension sozialer Systeme auf die Tagesordnung. Und zwar nach oben, dort, wo sie hingehört. Das mag zunächst einmal ein relativ bescheidenes Ansinnen für ein Buch zu und über Corporate Identity sein: nur eine Vehikelfunktion? Doch lehrt einem langjährige Erfahrung, dass schon viel gewonnen ist, wenn das Bewusstsein der Bedeutung sozialer Prozesse im Führungsverständnis verankert, angekommen ist.

Gewichtige Gründe für ein Management der CI-Gestaltung

Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer gewichtiger Argumente für die Identitätsgestaltung in Unternehmen, die auch zur Jahrtausendwende, auf dem Weg in die Informationsgesellschaft, ihre Gültigkeit behalten. Gerade jetzt, mit Rufen nach "Globalisierung" und "Flexibilität" in aller Munde, schlägt die Stunde der Corporate Identity. Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden die nun folgenden Betrachtungen zur Relevanz der CI-Thematik in innengerichtete und außengerichtete Aspekte unterteilt. Ein rein methodischer Schnitt, denn die nach außen orientierte Unternehmenspolitik bleibt nie ohne Wirkung nach innen - und umgekehrt.

Unternehmensidentität und ihre Außenwirkung

Eines der Hauptziele der CI-Gestaltung stellt das extern angestrebte Fremdbild dar. Eine gerichtete Corporate- Identity-Arbeit reduziert die Beliebigkeit in der externen Wahrnehmung des Unternehmens und seiner Handlungen (in irgendeiner Weise "ausschalten" lässt sich diese Beliebigkeit, wie noch zu sehen sein wird, jedoch nicht). Im gelungenen Fall entspricht das vermittelte Fremdbild mehr oder weniger dem Selbstbild seiner Organisationsmitglieder, kommt ohne Brüche aus und wirkt daher glaubhaft. Es gibt wohl keine Führungskraft, die dem Ruf, dem Image eines Unternehmens nicht höchste Priorität einräumen würde.

Wer liegt in der Wahrnehmung vorne?

  • Entanonymisierung, Glaubwürdigkeit und Vertrauen bei den Kunden und Anspruchsgruppen des Unternehmens sind die grundsätzlichen externen Resultate ernst genommener CI-Arbeit. Oftmals übersteigt das Image den betriebswirtschaftlichen Wert des Unternehmens. In Deutschland existieren ca. 40.000 Marken. Der Sprachschatz eines halbwegs gebildeten Deutschen umfasst jedoch "nur" 2.000 Worte (Förster, 1994, S. 65). Unternehmen bzw. ihre Produkte und Dienstleistungen, die vor dem Hintergrund dieser Inflation an Firmen- und Markennamen weiterhin im Bewusstsein des Kunden stehen wollen, konkurrieren auf kognitiver Ebene - und benötigen dafür ein glaubwürdiges, konsistentes Image.
  • Bei Diversifikationsstrategien haben bekannte Firmen einen schwierig zu quantifizierenden, aber kaum zu unterschätzenden Vorteil. Für Sony verlief der Einstieg auf dem Markt der Spielkonsolen nach Plan: Der bekannte Name mit gutem Ruf transportierte den Vertrauensvorschuss auch in andere Märkte; die "Playstation" lehrte Sega und Nintendo das Fürchten - "it's a Sony". Ein anderes Beispiel für einen gelungenen Imagetransfer gelang dem Wochenmagazin "Der Spiegel" mit seinem Abstecher ins Fernsehgeschäft, "Spiegel TV". Bereits der Name suggeriert einen gewissen journalistischen Standard und damit ein kaum zu überschätzendes "Startkapital".
  • Im Falle qualitativ nur schwer differenzierbarer Marktleistungen müssen zusätzliche Wettbewerbsvorteile anderweitig verbucht werden. Außer den bekannten Strategien wie Neben- und Zusatzleistungen, um sich von der Konkurrenz abzuheben, bleibt - das Image.
  • Guten Nachwuchs interessiert der Ruf des Arbeitgebers: Nicht nur der Ruf beim Abnehmer spielt eine Rolle, man denke vor allem an den Arbeitsmarkt als hoch imagewirksames Feld. Wer unter begehrten Nachwuchskräften ein hohes Ansehen genießt, sichert sich einen für die Zukunft entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Ein integres Auftreten vermeidet negative Publizität

Wie bereits angesprochen ist unternehmerisches Handeln heute keine "geschlossene" Veranstaltung, bei der das Unternehmen sich lediglich um Kunden und Lieferanten zu kümmern hat (vgl. Abschn. 1.1.2). Es existieren vielmehr eine Vielzahl von Anspruchsgruppen und zu berücksichtigende Interessen. Gerade in Branchen, die im Blickpunkt einer zunehmend sensiblen Öffentlichkeit stehen, dient eine glaubwürdige, d.h. gelebte und nicht nur vorgegebene, Corporate Identity dem Aufbau von Vertrauen bei kritischen stakeholders. Um ein Beispiel zu nennen: die Vermeidung negativer Publizität wird am wirksamsten durch ein integres Auftreten erreicht. Schadensbegrenzung durch spektakuläre PR- und Imagekampagnen hingegen ähnelt dem, was im Umweltschutz als "end-of-pipe-Maßnahme" bezeichnet wird: Man versucht ex post, den bereits produzierten Dreck reinzuwaschen.

Globale Firmen und der Wiedererkennungswert

Zudem bemühen sich viele auf dem Weltmarkt tätige Unternehmen um ein einheitliches Auftreten, um ihren Wiedererkennungswert zu erhöhen. Ein unternehmensweites CI-Programm hilft, auch über divergierende Kulturkreise hinweg einen in Eckpunkten konsistenten Marktauftritt zu haben. Wer nach Hongkong, Tokyo oder San Francisco reist, identifiziert - auf werblicher Ebene - sofort die Kommunikationseinheit von Sony, Siemens, Motorola, McDonald's usw.

Unternehmensidentität und ihre Innenwirkung

Wir müssen das, was wir denken, auch sagen.

Wir müssen das, was wir sagen, auch tun.

Wir müssen das, was wir tun, dann auch sein.

Alfred Herrhausen

Wer an dieser Stelle stehen bleibt, verwechselt Corporate Identity und Image. Denn, und damit verdeutlicht sich der Bogen zum Beginn dieses Kapitels, der CI-Ansatz umfasst intern und extern, die soziale Dimension im Unternehmen und das Verhalten nach außen. Was also bringt die Beschäftigung mit dem Phänomen Identität im Innenverhältnis?

Der (berühmte) Wandel der Werte und seine Folgen

Es gibt wohl kaum ein Thema, das sich nun bereits über Jahre höchster Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs erfreut. Auf der einen Seite wird der Verfall der Werte durch eine "schrankenlose Individualisierung" beklagt, der Verlust eines ethischen Konsenses angeprangert, die "inhaltliche Leere" der individuellen Freiheit - forciert durch alltägliche Einblicke in Schreckensereignisse via Zeitungen und elektronische Medien - moniert. Auf der anderen wird das fortschreitende Befreien des Menschen aus seiner "selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant) begrüßt, als praktizierter Liberalismus in der offenen Gesellschaft gefeiert, als subjektive Freiheit des einzelnen im Sinne von Wahlfreiheit und Selbstbestimmung verteidigt. Es lohnt ein Blick auf die Konsequenzen dieser Entwicklungen in einem elementaren Bereich der Lebenswelt, der Arbeit.

Mit dem Faktor Individualität muss gerechnet werden

Die Beschäftigung mit gesellschaftlichen Werthaltungen in Betriebswirtschaft und Unternehmen läßt sich vor allem auf einen tiefgreifenden Individualisierungsprozess in den westlichen Industriegesellschaften zurückführen. Der Soziologe Ulrich Beck versteht unter Individualisierung "erstens die Ablösung und zweitens die Auflösung industriegesellschaftlicher Lebensformen durch andere, in denen die einzelnen ihre Biographie selbst herstellen, inszenieren, zusammenflickschustern müssen" (Beck, 1993, S. 150). Die Konsequenzen für die Arbeitswelt? Mit dem Faktor Individualität muß gerechnet werden. Mit Menschen, die mit Eigensinn und subjektiven Wertvorstellungen den Systemimperativen des Unternehmens gegenüberstehen und mehr verlangen als die Erfüllung rein materieller Werte.

Vorsicht mit eilfertigen Gewissheiten

Die vielen Studien über die veränderte Einstellung zur Arbeit sollen hier nicht überinterpretiert werden. Zu Recht wird der gesamten Wertewandel-Diskussion der Vorwurf gemacht, sie sei zu pauschal und vernachlässige Detailbetrachtungen der enormen Unterschiede zwischen Teilgruppen. Um ein Extrembeispiel zu nennen: Die mit Mühe an den Job gekommene Hilfskraft auf dem Bauernhof wird mühelos in einen Topf geworfen mit dem Jungstar aus der Werbeagentur (also im Luhmann'schen Sinne 2 Angehörige vollkommen unterschiedlicher Organisationen bzw. sozialer Systeme); das ganze wird gut gerührt, und am Schluss erfährt der Leser, "postmaterialistische" Werte o. ä. seien in der Arbeitswelt auf dem Vormarsch. Es bleibt das Dilemma der Sozialforschung, dass man den Eindruck nicht los wird, der Forscher habe sein vorgeprägtes Weltbild im Kopf und suche nun nach Daten, um ebendieses zu verifizieren.

Die empirische Sozialforschung...ist bisher nicht in der Lage, auch nur Theorien mittlerer Reichweite vorzulegen....Die entsprechende Methodologie lehrt..., die Komplexitätsunterlegenheit des Systems durch selbsterzeugte Komplexität zu kompensieren und dann in der Welt der selbstgemachten Daten unter Ausscheiden zahlloser kombinatorischer Möglichkeiten nach Ergebnissen zu suchen. Obwohl die empirische Sozialforschung beobachtet, z.B. ihren Gegenstand durch theoriegeleitete Unterscheidungen konstituiert, beobachtet sie sich nicht selbst und kann folglich nicht sehen, dass sie nicht sehen kann, was sie nicht sehen kann. (Niklas Luhmann, zitiert nach: Krause, 1996, S. 93)

Zudem wirkt das Geschwätz über Selbstverwirklichung am Arbeitsplatz, so sinnvoll sie vom Grundsatz her ist, vor dem Hintergrund von 5 Millionen Arbeitslosen schnell etwas unzeitgemäß, wenn nicht an der Grenze des Zynismus.

Der Sinn des Wirtschaftens liegt jenseits des Wirtschaftens

Von derartigen Vorbehalten abgesehen, resultiert aus fast allen dieser Studien die - mit Abstrichen - gleiche Schlussfolgerung: Die Anforderungen, die vom Menschen an seinen Arbeitgeber gestellt werden, sind generell gestiegen. 'Die Arbeit auf sich und nicht sich auf die Arbeit zu beziehen', bedeutet die positive Verankerung von Arbeit in der persönlichen Identitätsentwicklung. Qualitative Ansprüche werden artikuliert und erfüllt. Werte wie Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung, Autonomie, Abwechslung, Partizipation, Gleichbehandlung sind in vielen Berufen neben die altbekannten, materiellen Vergütungen getreten. Als erstrebenswert gelten nicht mehr ausschließlich ein hohes Einkommen und Karriere, sondern interessante Arbeit, vielfältige soziale Beziehungen und die Chance, eigene Ideen zu verwirklichen. Wie sagte doch Karl Marx? "Der Sinn des Wirtschaftens liegt jenseits des Wirtschaftens" - ein Satz, der, schenkt man den Umfragen Glauben, erst jetzt seine konkrete Bedeutung erfährt.

Lebenslanges Lernen und Portfolio-Work

In diesen Kontext gehören auch die Rufe nach "lebenslangem Lernen" und "Portfolio-Work", die neuartige Lebensentwürfe hervorbringen sollen. So berichtet der amerikanische Sozialwissenschaftler Richard Sennet von dem durchschnittlichen College-Abgänger, der im Laufe seines Arbeitslebens 11 (!) Arbeitsplätze innehat und dabei viermal seinen Beruf wechselt, d.h. eine andere Profession erlernt, sich eine neue Wissensbasis zulegt (Sennet, 1998). Daß diese Art der Lebensplanung nicht mehr viel mit dem "Normalarbeitsverhältnis" auf Lebenszeit, inklusive rigider Stellenbeschreibung und hierarchischer Zuweisung, zu tun hat, liegt auf der Hand.

Wissensarbeitern gehören die Produktionsmittel selbst

"Wissensarbeitern gehören die Produktionsmittel selbst", schreibt Peter Drucker (1998, S. 11), und er fährt fort: "Künftig stellen die für den Unternehmenserfolg in den entwickelten Ländern entscheidenden Arbeitskräfte - zumal jene mit hoher Bezahlung - zunehmend Menschen dar, die sich nicht im herkömmlichen Sinne "managen" lassen." Es wird faszinierend sein, zu beobachten, inwiefern ein derartig flexibler, ungebundener und eigenverantwortlicher Lebenswandel tatsächlich die Antwort der Arbeitswelt auf die Individualisierung der Gesellschaft darstellt.

Das Unternehmen als Sinnsystem: eine Aufgabe für die CI-Gestaltung

Die skizzierten Verschiebungen in der Einstellung zur Arbeit machen die Unternehmen zu "Sinnsystemen" (Luhmann), d.h. Organisationen, die ohne die Bezugnahme auf den Sinn ihrer Existenz nicht operieren können. Und genau hier kommt die Corporate Identity ins Spiel. Es geht darum, die spezifisch eigene Unternehmenskultur zu begreifen und auf sie abgestimmte CI-Programme abzuleiten, die den eigenen Weg betonen und nach außen und innen ein konsistentes, glaubwürdiges Bild des Unternehmens vermitteln. Es geht darum, den gewachsenen Ansprüchen an den Arbeitgeber gerecht zu werden. Es geht darum, den "Wissensarbeitern" von heute und vor allem denen von morgen, die ihre Produktionsmittel in ihren Köpfen tragen und jederzeit abwandern können, ein förderndes unternehmerisches Umfeld zu bieten. Es geht darum, Identifikationspotentiale aufzubauen, "Identifikationsangebote" zu machen, um das "Mehr" zu demonstrieren, das über die bloße Gehaltsabrechnung hinausgeht.

Identifikationsangebot in unsicheren Zeiten

Corporate Identity erfordert Identifikation mit dem Arbeitgeber? Da regt sich prominente Kritik:

Das Identifikations-Geschwurbel fördert eine Jasagerkultur, Anpassertum und Gesichtslosigkeit. Mehr noch: Identifikation untergräbt jede Form der Selbstverantwortung ... Waren es früher Zuckerbrot und Peitsche, so gilt heute die Verlagerung des Antreiberverhaltens in die Psyche des Mitarbeiters als Prüfzeichen moderner Mitarbeiter(irre)führung. Deshalb auf der Managerwunschliste ganz oben: Dass sich die Mitarbeiter identifizieren - mit ihrem Unternehmen (Betonfabrik?), mit ihrem Produkt (Babywindeln?), mit ihrer Aufgabe (Reisekosten prüfen?), mit der Vision (wichtigster Partner der Kunden?). (Sprenger, 1998, S.110)

So weit Reinhard Sprenger, fulminant wie eh und je. Kritische Stimmen dieser Art beziehen sich ebenfalls auf die skizzierte Wertewandels-Dynamik, doch kommen sie zu anderen Schlussfolgerungen. Wenn wir den selbständigen, auf Eigeninitiative hin handelnden Menschen wollen, und sich die individualisierte Gesellschaft mehr und mehr auf diesen "homo faber" zu bewegt, so lautet das Argument, wozu benötigen wir dann eine "Identifikationskultur"? Führt diese nicht zu mangelnder Kritik-Akzeptanz, zu Vertreibung von Querdenkern, zu Anpassertum?

CI-Gestaltung führt nicht zur Vertreibung von Querdenkern - im Gegenteil!

Gemach, gemach. Zunächst einmal: Sprenger hat Recht, wenn er fragt, ob sich denn das Unternehmen auch mit seinen Mitarbeitern identifiziert und nicht lediglich das Umgekehrte einfordert. Wer aber, wie der Unternehmensberater, unter Identifikation "emotionales Sichgleichsetzen mit anderen" versteht, geht von einem totalitären Schreckensbild (und entsprechend manipulierbaren Menschen) aus. Mit Identifikation soll in diesem Buch assoziiert werden: "sich hinter etwas/jmdn. Stellen; eintreten für" (Duden, 1985, S. 348). Und genau darum geht es: Mittels ernstgenommener CI-Gestaltung wird der Mensch eben nicht als ein per Gehalt und strikter Hierarchie festgezurrtes "Etwas" verstanden, das um Fremdsteuerung bettelt.

Mehr als bloßer Inflationsausgleich auf der Gehaltsseite

Es geht darum, mehr zu bieten als bloßen Inflationsausgleich auf der Gehaltsseite, z.B. über eine Zielvorstellung, eine Vision, die Zukunftspotentiale aufzeigt. Oder über "events", die mehr darstellen als die Standard-Weihnachtsfeier. Oder über ein Controlling-System, das versucht, die in den Führungsgrundsätzen festgeschriebene Mitarbeiterorientierung zu messen und zu belohnen. Gerade weil der Mensch sich heute nicht als Objekt ansieht, das sein Gehirn um 9 am Firmenportal abgibt und um 5 wieder abholt, bietet sich die Chance, über ein dementsprechend gestaltetes Arbeitsumfeld mit selbstbewussten und autonomen Personen Identität zu fördern.

Ist die Vorstellung von "Identifikation" veraltet?

Gewiss, es ist in gewissen Kreisen Mode, die Vorstellung einer "Identifikation mit etwas" zu verspotten. Denn, nicht wahr, man lebt ja in einer individualisierten Welt, mit völlig autonomen, selbstverantwortlichen Bürgern, mitten auf dem Weg in die Selbständigkeit, aber doch zumindest Teil-Selbständigkeit, der Informationsgesellschaft.

Erstaunlich nur, dass die - angeblich so modernen - Internet-Gemeinschaften nichts anderes darstellen als neue Gruppenbildungen, moderne Vergemeinschaftungen, mit starken Identitäten und eigenen Ritualen, in denen dann Menschen gleichen Geschmack und Hobbys "unter sich" bleiben, durchaus auch eifrig bemüht um Abgrenzung von anderen. Dort, so liest man (verwundert?), "entstehen extrem einheitliche Online-Gruppen, in denen sich der Austausch dann weiter vertieft ... Virtuelle Clubs können so eine bemerkenswerte soziale Sogwirkung schaffen..." (Heuser, 1996, S. 136).

Erstaunlich auch, dass zumindest Teile der Bevölkerung sich eher über entschwundene Gewissheiten, Strukturen, Institutionen, über mangelnde Identifikationspotentiale beklagen, anstatt die neue Selbstverantwortung zu feiern. Vielleicht ist es einfach so, dass der Mensch gewisse Pflöcke in seinem Umfeld braucht, an denen er sich orientieren, mit denen er sich identifizieren kann. Es entzieht sich des Autoren Kenntnis, woraus Reinhard Sprenger Identifikation bezieht. Irgend etwas wird es da wohl geben, und seien es nur die Verkaufszahlen seiner Bücher.

Identifikation mit dem Unternehmen - per se negativ?

Lange Rede, kurzer Sinn: die Tatsache, dass sich auch heute noch Menschen aus freiwilligen Stücken mit dem Ziel ihrer Arbeit oder gar ihrem Arbeitgeber identifizieren, kann ein zutiefst menschliches Bedürfnis sein. Wer das als fremdgesteuerten Mythos brandmarkt, folgt vielleicht einem ähnlich urmenschlichen Antrieb: Überheblichkeit.

Integration in atomisierten Unternehmen

Ein weiterer Aspekt, der an dieser Stelle besondere Beachtung verdient, ist das Bemühen vieler z.T. hochgradig diversifizierter Unternehmen um ein einheitliches Auftreten unter dem Dach einer Corporate Identity. Und hier werden die Interdependenzen zwischen "intern" und "extern" besonders deutlich, denn eine vom Mutterhaus verordnete, gemeinsame Werbekampagne wird durch das Alltagsgeschäft konterkariert, wenn sich die Ziele und das unternehmerische Verhalten der Tochtergesellschaften untereinander deutlich unterscheiden. Ein heikles Thema, das in diesem Buch einen prominenten Stellenwert genießen wird: größtmögliche Autonomie und regionale Ausrichtung der dezentralen Bereiche vs. Zusammenhalten des Unternehmens unter einer gemeinsamen "Sinnklammer". Die CI-Gestaltung muss daher den "Kitt" liefern, der die auseinanderstrebenden Sub-Einheiten auf Gemeinsames verpflichtet.

Der Mensch als zentraler Zukunftsfaktor

"Personalmanagement ist alles", sagt General Electric-CEO Jack Welch, wissend um seinen Erfolgsfaktor Nr. 1 (Linden, 1996, S. 33). Neu oder gar revolutionär sind Diskussionen über die Stellung des "Faktors Mensch" im Unternehmen keineswegs. Denn es sind ja nicht nur die von Mitarbeiter-Seite gestiegenen Ansprüche an den Arbeitsplatz, die den Menschen im Management-Diskurs wieder an die Stelle rücken, an der ihn weitsichtige Unternehmensführer schon immer sahen. Auf den zunehmend turbulenteren Märkten werden die Rufe nach Kreativität, rascher Innovationsfähigkeit, Flexibilität, organisationaler Intelligenz immer lauter. Dass damit die kreative, flexible, innovative Person zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird, liegt auf der Hand.

Diese Argumentation wäre jedoch zu simpel, hüllte sie doch das Mäntelchen des Schweigens über die Fehlerfaktoren der Vergangenheit. Man kann die Frage auch anders herum stellen: Wieso ist es eigentlich zu Demotivation, zu innerer Kündigung, zu fehlender Innovationsneigung gekommen? Weitsichtige Führungspersönlichkeiten haben schon immer, auch ohne "Informationsgesellschaft" und "Individualisierung", gewusst, was jetzt wieder als der Weisheit letzter Schluss verkündet wird: "Das neue Personalwesen: Mitgestalter der Unternehmenszukunft" titelt der Harvard Business Manager (Nr. 4/98).

Das Wissen wird zur entscheidenden Ressource - und damit auch ihr Träger

Eine besondere Rolle kommt dem Wissen auf dem Weg in die Informationsgesellschaft zu. Die Anzahl der Geschäftsfelder, die als "knowledge-driven" oder "knowledge-based" aufgefasst werden, steigt. Demnächst, so wird prophezeit, werden ein Drittel der amerikanischen Arbeitskräfte als "Wissensarbeiter" eingesetzt sein, meint Peter Drucker (zitiert nach: Heuser, 1996, S 20). Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf den homo sapiens im Unternehmen werden momentan zu Genüge erörtert. Von "lebenslangem Lernen" zur "organisatorischen Wissensbasis": der Mensch steht im Mittelpunkt.

Es darf sich jedoch gewundert werden, wie häufig die lauthals verkündeten (und zumeist leise gescheiterten) Managementmoden der letzten Jahre der für ihren Erfolg zentralen Dimension zu wenig Beachtung geschenkt haben: der Frage der eigentlichen Umsetzung, und die erfolgt durch Individuen und Gruppen. Der Schweizer Kreativitätsforscher Gottlieb Guntern drückt das, im Interview mit der ZEIT, so aus:

"Die Halbwertszeit dieser Handwerkzeuge "wird immer kürzer, in den Unternehmen jagt eine Methode die andere. Das Resultat sind erschöpfte Mitarbeiter, denen man Imagination, Intuition und Motivation - also die Voraussetzungen für kreative Leistungen - abgewürgt hat." (Lamparter, 1997, S. 17)

Erst business engineering, dann TQM, dann empowerment, dann....

Recht hat er. Ein realer Fall aus der Beratungspraxis: Ein mittelgroßes Unternehmen führt 1993 ein neues Zeiterfassungssystem ein. 1994 kommt die Zeit des business engineering; die Organisation wird nach den wichtigsten Abläufen strukturiert. Ein Jahr später nun heißt das Zauberwort total quality management; das nächste interne Großprojekt wird angefahren. 1996 schließlich bewegen sich die Fehlzeiten der Belegschaft konstant im zweistelligen Bereich, fast ist man geneigt zu sagen: verdientermaßen. Wie heißt also, nach der inzwischen bekannten Logik, die nächste Zauberformel? Richtig, empowerment. Die Fehlzeiten müssen runter.

Selbstbewusste Identität statt panischer Abfolge von Handwerkszeugen

Hier sollen nicht die Management-Konzepte in Bausch und Bogen verdammt werden, viele von ihnen basieren auf klugen Ideen. Was jedoch an dieser Stelle und im folgenden unter anderem demonstriert werden soll, ist, dass ein Unternehmen mit starker Identität es nicht nötig hat, in panischer Zukunftsangst jeder neuen angelsächsischen Heilslehre hinterherlaufen zu müssen. Unternehmen können ihre Existenz als dynamische, anpassungsfähige Entitäten gestalten - smart nach innen und smart nach außen, ohne den Geruch des Schweißes, dass dazu ein Change Management-Projekt das andere jagen muss. Gewünscht: Unternehmen, deren Top Management die spezifische unternehmenskulturelle Basis kennt und sich darüber Gedanken macht, was sie ihren Zukunftsgaranten, den ihm formal unterstellten Menschen, zumuten kann.

Die "Fusionitis" vergisst zu leicht die Betroffenen

Mit Blickrichtung auf die momentane "Fusionitis" mit ihren Giganten-Hochzeiten und -Übernahmen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige Konzernlenker trotz imposanter Fehlschläge immer noch glauben, nach Abschluss der Fusion bzw. des Kaufes laufe die Verschmelzung schon von alleine. Man muss halt nur veränderte Realitäten schaffen. Die Quote des Scheiterns dieser Zusammenschlüsse und Aufkäufe sollte Warnung genug sein; sie wirft ein Schlaglicht auf die eigentlichen Erfolgsfaktoren jeglichen "Zusammenraufens" von Menschen bzw. den Mitgliedern von Gruppen, Abteilungen, ganzen Organisationen.

CI-Gestaltung schafft die Basis für sinnvolle Tätigkeit....

Die Beschäftigung mit einer umfassend verstandenen Corporate Identity macht den Blick frei für diese Themen. Sie rückt den Menschen im Unternehmen in den Blickpunkt. Erst die Beschäftigung mit der eigenen Unternehmenskultur als Basis jeglichen unternehmerischen Verhaltens öffnet die Augen für gestaltbare Veränderungen, die bei ihren zukünftigen Trägern Anschluss finden.

Zu welchem freiwilligen Engagement Menschen bereit sind, wenn sie einen Sinn in einer Aufgabe sehen, zeigen viele spektakuläre Aktivitäten im privaten oder unternehmensexternen Bereich. Da verwaltet zum Beispiel ein Fließbandarbeiter als Kassenwart das Millionenvermögen eines Vereins. Deshalb sollten wir uns ernsthaft fragen, ob die sogenannte Freizeit, die in vielen Fällen keine Zeit des Nichtstuns oder der Faulheit ist, sondern meist ein sehr aktives, tätiges Leben und sinnerfülltes Leben, ob diese Zeit nicht das bessere Modell einer zukünftigen Arbeitswelt sein kann. Was hindert uns eigentlich daran, dies als eine erstrebenswerte Vision für unser Unternehmen zu entdecken? (Lukas, 1997, S. 11)

....und für glaubwürdiges Auftreten

Und: Erst die Kenntnis der internen Potentiale erlaubt eine Kommunikation nach außen, die mit dem intern Angestrebten konsistent und - nur auf diese Weise - glaubwürdig wird. Unternehmen sollten, um den klugen Ausspruch Alfred Herrhausens wieder aufzugreifen, das, was sie sagen, auch tun. Voraussetzung dafür ist und bleibt, das sie das, was sie tun, dann auch sind. Und das, was sie sind, manifestiert sich in internen, tief liegenden Strukturen, denen Zahlenwerke nicht auf die Schliche kommen können. Grund genug also, sich im nächsten Kapitel intensiver mit Phänomenen wie Unternehmensidentität und Unternehmenskultur auseinander zu setzen.


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