Das Neue
beginnt im Kopf. Innovation durch Kombination
Inhalt:
Einleitung
- Produktorientierung als Innovationshemmnis – Systemorientierung als
Innovationstreiber
- Das archaische Haus: Eine "Garage" für Produkte
- Das intelligente Haus: Integrierte Lösungen für die Lebens- und
Arbeitswelt in der Kommunikationsgesellschaft
- Und wie soll das Funktionieren? – Lehren aus einer Vision
- Innovation durch Kombination
- Wandel ökonomischer Prozesse in der Kommunikationsgesellschaft
- Von der Angebots- zur Nachfrageorientierung
- Migration der Wertschöpfungskette zum Wertschöpfungsnetzwerk
- Die industrielle Konvergenz
- Herausforderung Komplexität: Der Wandel von Unternehmenskultur und
Unternehmensidentität auf dem Weg in die Zukunft
- Die Bedeutung der Unternehmenskultur
- Das Management von Unternehmenskultur und Unternehmensidentität als
Komplexitätsmanagement
- Die Vision als
Instrument des Identitätsmanagement
- Unternehmen in der
Kommunikationsgesellschaft: Welche Kultur? Welche Identität?
4. Das
Neue beginnt im Kopf – "Wissen", der Treibstoff der
Kommunikationsgesellschaft
- Das Individuum in der Kommunikationsgesellschaft: Wissen und
lebenslanges Lernen
- Das Unternehmen in der Kommunikationgesellschaft: Lernende
Organisationen
- Das Neue entsteht: Wie das Alte sich weiterentwickeln kann.
5. Resümee und Ausblick
Vorwort
Alle sind sich einig: Kommunikationsgesellschaft ist der
Schlüsselbegriff, wenn man über die Zukunft nachdenkt. Was ist mit dem
Begriff eigentlich gemeint? – und: Wer bestimmt, wie diese offenbar neue
Gesellschaft aussehen wird? Die Antwort auf die zweite Frage erscheint uns
klar: Der Mensch wird der zentrale Faktor in der
Kommunikationsgesellschaft! Gesellschaft? Dieser Begriff meint immer
"alle", das heißt diese neue Gesellschaft wird so aussehen, wie
wir alle es wollen. Auf die erste Frage will unser Buch eine Antwort
geben. Soviel vorweg: Die Kommunikationsgesellschaft wird um einiges
komplexer sein, als die Industriegesellschaft. Oder andersherum, gewisse
Verbiegungen, Reduktionen und andere Deformationen können geheilt werden.
Damit wird klar: Wir reden von Chancen und in erster Linie von den neuen
Chancen der Wirtschaft.
In der Kommunikationsgesellschaft wird eine andere Art von Innovationen
möglich, durch eine Methode, die nicht im klassischen Sinn den
Erfinder zum Leitbild hat. Innovation wird vor allem durch einen
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel möglich, der die
Aufstellung der Ökonomie im Kern verändern wird.
Ein wichtiger Anlaß dieses Buch zu schreiben war, daß der Begriff
Kommunikationsgesellschaft in aller Munde ist und auch viel darüber zu
lesen ist. Man kann kaum eine Zeitung aufschlagen, in der der Begriff
nicht an irgendeiner Stelle auftaucht. Nur: Aus unserer Sicht ist von
diesen vermeintlichen Umwälzungen noch wenig zu spüren. Nicht in der
Wirtschaft, auch nicht in der Gesellschaft allgemein. Wo erleben wir denn
das so viel beschworene Neue? Reicht es, einem Teilsystem der Wirtschaft,
das die neuen technischen Möglichkeiten nutzt, das Etikett "New
Economy" anzuheften? Wo sind die Errosionen, wo die Zerstörungen,
damit, ganz im Schumpeter`schen Sinne, "Neues" entsteht?
Sicher, in der Bankenwelt ist der Teufel los, auch die
Fluggesellschaften und damit die Reiseindustrie sind erkennbar betroffen
– und dies sind nur zwei Beispiele von Branchen, die grundlegenden
Veränderungsprozessen unterworfen sind. Aber, wir meinen dennoch: Da ist
noch nicht allzu viel; wir sehen und hören viel Rhetorik, aber wenig
wirklich Neues, mehr "Business as usual", aber wenig wirklich
Innovatives und noch viel weniger grundlegendes neues Denken.
Wenn aber das Neue, das die Kommunikationsgesellschaft verspricht, noch
gar nicht vorhanden ist, wie kann es entstehen? Mit dieser Frage
beschäftigt sich unser Buch. Unsere Antwort erscheint zunächst allzu
einfach: "Das Neue beginnt im Kopf". Wer unser Buch liest, wird
merken, daß das vermeintlich Triviale so einfach doch nicht ist, wenn man
beginnt, es konsequent zu durchdenken und wenn man es auf die etablierte
Wirtschaft in ihrem Innen- und Außenleben bezieht.
Also: Wir starten mit einem einfachen Gedanken. Im Verlauf des Buches
wird jedoch deutlich werden, welche Wirkungskraft dieser Gedanke haben
kann – auf das Individuum, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Ein
weiteres Buch also zur "neuen Wirtschaft"? Nein, dies ist ein
Buch für alle, die über den Tag hinaus denken wollen oder müssen. Es
ist ein Werkzeugkasten für den, der die Chancen für ein neues Denken
aufzeigen möchte. Schließlich ist es eine Beweisführung, daß wir
keineswegs in einer Gesellschaft leben, die am Ende einer Entwicklung
steht, sondern am Anfang stehen von Lebensentwürfen, die es Menschen
erlauben werden, wieder ihre eigenen Ziele und Wünsche zu definieren und
diese auf ihrem selbstgewählten Weg zu erreichen.
Es ist zu danken: an erster Stelle Steffen Wagner, ohne ihn gäbe es
dieses Buch nicht, daher auch der "Rang" der Mitarbeit. Manuel
Rehkopf legte wichtige Grundlagen, arbeitete insbesondere an der Thematik
des "intelligenten" Hauses. Sonja Epple verdanken wir die
Schaubilder. Und schließlich bedanken wir uns bei unserem Lektor Dr.
Stefan Bollmann, der die Ruhe hatte, – wie so oft sicherlich – die
"hektische Betriebsamkeit" am Ende einer so großen Arbeit
großmütig zu ertragen.
Hamburg, München, im Februar 2001
Roland Bickmann
Dr. Jürgen Wilder
0. Einleitung
"Das Neue beginnt im Kopf" – der Titel unseres Buches liest
sich für manche Leserinnen und Leser vielleicht wie ein Slogan der
allgegenwärtigen Werbeindustrie. Wir meinen damit jedoch etwas Anderes:
"Das Neue beginnt im Kopf" verweist konsequent auf den Menschen,
also denjenigen, der als einziger dazu in der Lage ist, intellektuelle und
kreative Leistungen zu vollbringen und so Neues zu schaffen. Sich dieser
einfachen Tatsache zu erinnern, halten wir gerade in einer Zeit für
angebracht, in der die sich immer mehr beschleunigende technologische
Entwicklung scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet. Wir begrüßen
die Chancen, die der technologische Fortschritt bietet – wenn diese mit
Mut, Kreativität und Weitsicht genutzt werden, können Mitarbeiter,
Unternehmen und Gesellschaft davon profitieren. Doch der Titel soll auch
daran erinnern, daß der Mensch bei aller Technikbegeisterung nicht hinter
der Technik verschwinden darf.
Der technologische Fortschritt stellt vor allem die Wirtschaft vor neue
Herausforderungen. Die entscheidende Frage ist: Wie gehen die "Player"
in der so abstrakt anmutenden "Wirtschaft" mit diesen
Herausforderungen um? Nehmen sie die Herausforderungen an, be- und
ergreifen sie die Chancen, die die neuen technischen Möglichkeiten für
einen grundlegenden Wandel bieten, oder betreiben sie weiterhin
"Business as usual", ohne das Neue, das entsteht, wirklich zu
nutzen, zu entwickeln und zu adaptieren? Das Neue, das in seinen Anfängen
bereits vorhanden ist, ist für uns das Leitbild einer Gesellschaft, die
wir die Kommunikationsgesellschaft nennen. Über das Internet, E-Mail und
andere elektronische Medien, kann jeder mit jedem jederzeit und überall
kommunizieren. Wissen, einst "zementiert" in den Köpfen, wird
zu einem allgemeinen Gut, für jeden zu haben, in jedem Umfang und
wiederum: überall. In dieser neuen Gesellschaft ist der Mensch selbst der
zentrale Akteur. Institutionen treten in die zweite Reihe. Wer verfolgt
hat, wie die Deutsche Bank vor ein paar Jahren in den USA durch den
Fortgang von nur circa zehn Mitarbeitern in echte "Nöte"
geriet, folgt gerne der Binsenweisheit: Auch das Wirtschaften muß den
Menschen (wieder?) in den Mittelpunkt stellen. Selbst Nick Leeson und sein
Einfluß auf die Geschichte der Barings Bank werfen ein – allerdings
eher zynisches – Schlaglicht auf die Tatsache, daß wissensbasierte
Unternehmen gut daran tut, Menschen mit ihren positiven und auch negativen
Potentialen als Zentrum des Handelns zu begreifen. Nur Unternehmen, die
dies verstanden haben (oder besser: die Menschen, die in ihnen arbeiten,
die sie "verkörpern"), können Visionen entwickeln und den
Prozeß des wirtschaftlichen Wandels aktiv gestalten. Anders gesagt: Der
Mensch ist mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten der eigentliche
Treiber der Wirtschaft. Wie wäre es sonst zu erklären, daß nahezu alle
etablierten Top-Player ohne zu murren die Zumutung akzeptiert haben, daß
die Protagonisten der "New Economy" in ihren Köpfen "die
Zukunft" ausbrüten. Welch eine bereitwillige Unterwürfigkeit
gegenüber dem Zeitgeist, welch ein "Outing" bezogen auf die
eigenen (offensichtlich nicht vorhandenen) Handlungsmöglichkeiten und
welch eine Ohnmachtserklärung hinsichtlich der eigenen Kreativität!
Wir verwenden in diesem Buch bewußt den Begriff der
"Kommunikationsgesellschaft". Er ist für uns kein Synonym des
noch häufig gebrauchten Begriffes "Informationsgesellschaft".
Der Begriff der Information wird unserer Meinung nach den heutigen
Realitäten nicht mehr gerecht. Er suggeriert ein fertiges
"Informationsprodukt", dessen Inhalt vom Sender bestimmt und vom
Empfänger gleichsam passiv konsumiert wird; er unterstellt zudem eine
"one-way-Kommunikation". Kommunikation meint jedoch etwas ganz
anderes: Hier haben Sender und Empfänger den gleichen Einfluß auf die
Inhalte. Erst dieser Prozeß, der durch den Fortschritt der
Kommunikationstechnologie immer stärker beschleunigt wird, bewirkt die
grundlegenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die wir in
unserem Buch thematisieren.
Der Untertitel des Buches "Innovation durch Kombination"
formuliert ein Leitbild, an dem sich unserer Meinung nach Unternehmen
ausrichten müssen, die in der Kommunikationsgesellschaft erfolgreich sein
wollen. Innovation durch Kombination ist in der Zukunft die Strategie, mit
der Unternehmen den immer komplexeren Anforderungen ihrer Kunden gerecht
werden können. Die Entscheider in den Chefetagen müssen erkennen, daß
ihre Unternehmen im 21. Jahrhundert allein mit der Bewältigung
neuer Aufgaben überfordert sind. Zukünftig werden die Kunden viel
stärker als heute bestimmen, wie die Produkte und Dienstleistungen
aussehen sollen, für die sie schließlich ihr Geld ausgeben. Diese
Kundenorientierung können Unternehmen nur leisten, wenn sie willens und
in der Lage sind, zu neuen Formen der Zusammenarbeit zu finden.
Innovation durch Kombination beschreibt plakativ die moderne
Ausprägung des wirtschaftlichen Prozesses in der
Kommunikationsgesellschaft. Noch hat die große Mehrzahl der Unternehmen
eine veraltete Vorstellung von Innovationen. Diese orientiert sich vor
allem an Produkten, allenfalls noch an sogenannten
"Erfinderpersönlichkeiten". In der Zukunft werden die
Verbraucher jedoch immer stärker nach Lösungen verlangen, die die
unterschiedlichsten Produkte systemisch integrieren. Diese
Entwicklungsleistung können Unternehmen nur gemeinsam, eben durch die
Kombination ihrer Kompetenzen erbringen. Die Innovation ist dann nicht
mehr (nur) im eigenen Unternehmen zu suchen, sondern alle Innovationen
zusammen bekommen die Qualität eines "Werkzeugkastens". Diese
neue Form des wirtschaftlichen Prozesses in der
Kommunikationsgesellschaft, sich gleichsam wie aus einem Baukasten die
notwendigen Komponenten zusammenzustellen, weitgehend ungeachtet der
Frage, ob das nun um im eigenen Kopf entstandene Teillösungen handelt
oder um "fremde", ist die leitende Idee des von uns so genannten
Wertschöpfungsnetzwerkes.
Wenn unser Buch eine Zukunftsvision für die wirtschaftliche
Entwicklung in der Kommunikationsgesellschaft formuliert, so hat des wenig
mit Spekulation oder Spinnerei zu tun. Unsere These lautet: Die
technologische Entwicklung ist bereits soweit fortgeschritten, daß die
Verwirklichung der Vision keine Zukunftsmusik bleiben muß, wenn, ja wenn
Unternehmen bereit sind, von Grund auf neu über ihre Rolle und ihr
Verhalten im ökonomischen Prozeß nachzudenken.
Wie gehen wir vor? Wir wollen unsere Leserinnen und Leser natürlich
nicht lediglich mit abstrakten Ideen und Konzepten konfrontieren. Was wir
mit unserer Forderung "Innovation durch Kombination" meinen,
läßt sich am besten am konkreten Beispiel erläutern. In Kapitel 1 geben
wir deshalb mit dem Entwicklungsstand des Hauses von heute ein plastisches
Beispiel dafür, wie wenig wir bislang noch aus den bereits zur Verfügung
stehenden technischen Möglichkeiten machen. Unser Fazit: Das Haus oder
die Wohnung von heute sind eigentlich eine Zumutung für jeden Bewohner,
wenn man Maßstäbe wie Benutzerfreundlichkeit und systemische Integration
anlegt. Vor diesem Hintergrund ist die Genügsamkeit, die Besitzer und
Mieter an den Tag legen, mehr als verwunderlich.
Wir zeigen dann, wie Systemorientierung zu einem echten
Innovationstreiber in der Kommunikationsgesellschaft werden kann. Auf der
Grundlage vorhandener technischer Möglichkeiten entwerfen wir das
intelligente Haus von morgen, das durch integrierte Lösungen eine neue
Lebens- und Arbeitswelt bietet. Seine Bewohner könnten davon auf
vielfältige Weise profitieren. Ein intelligentes Haus führt die
zahlreichen in ihm enthaltenen Produkte zu einer integrierten
Gesamtlösung zusammen (auch hier greift wieder der Leitgedanke der
Kombinatorik). Auf diese Weise entsteht etwas qualitativ Neues: Ein
intelligentes Haus setzt nicht nur neue Maßstäbe hinsichtlich der
Bedienerfreundlichkeit und Ergonomie, sondern bietet seinen Bewohnern auch
neue Funktionen und richtet sich an ihren individuellen Lebensgewohnheiten
und Bedürfnissen aus. Dabei entstehen einerseits Nutzengewinn und Komfort
und andererseits – attraktiv für Mensch und Umwelt – eine verbesserte
Wirtschaftlichkeit. Gleichzeitig ergeben sich neue Chancen, das Haus oder
die Wohnung nicht nur zum Leben sondern auch zum Arbeiten zu nutzen –
ein Gesichtspunkt der gerade in der Kommunikationsgesellschaft mit ihren
neuen Formen des Teamworks und der Telearbeit eine immer größere
Bedeutung erlangen wird.
Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden, dennoch läßt sich die
in Kapitel 1 beschriebene Lösung nicht ohne weiteres realisieren. Der
Umsetzung stehen die immer noch dem alten ökonomischen Prozeß
verhafteten Unternehmen im Weg. In Ansätzen hat der Wandel der Wirtschaft
bereits eingesetzt, vonnöten ist aber eine wesentliche Beschleunigung der
Veränderungen. Folgerichtig beschäftigen wir uns in Kapitel 2 mit dem
Wandel ökonomischer Prozesse in der Kommunikationsgesellschaft.
Zunächst ist ein Abschied der Unternehmen von der eigenen
Selbstzentrierung gefordert. Wenn es in der Zukunft um die Generierung
individueller, an Konsumentenwünschen ausgerichteten Lösungen geht, ist
dies nur durch eine neue Qualität der Kundenorientierung möglich. Die
immer noch vorherrschende Angebotsorientierung muß von einer konsequenten
Nachfrageorientierung abgelöst werden. Die Unternehmen müssen mit einer
neuen "Spezies Kunde" rechnen. In einer Zeit, in der Unternehmen
zunehmend nicht mehr die Alleinherrschaft über Produktinformationen
besitzen, werden sie sich auf Kunden einstellen müssen, die ihre Wünsche
sehr viel spezifischer als bisher formulieren können. Unternehmen, die
nicht in der Lage sind, diese zu befriedigen, werden in der
Kommunikationsgesellschaft schnell zu den Verlierern gehören und von
ihren Konkurrenten überholt werden. Wir werden aufzeigen, daß diese neue
Qualität des "Matchmakings", also des Verbindens von Angebot
und Nachfrage, das herkömmliche Verständnis von Anbieter und Kunde in
der Tat auf den Kopf stellt.
Unser Paradigma für den neuen ökonomischen Prozeß ist das
Wertschöpfungsnetzwerk, in dem verschiedene Unternehmen, Expertenpools
oder Individuen ("Freelancer") zusammenarbeiten, um nach den
spezifischen Wünschen des Kunden eine Lösung für ein Problem zu
erzielen. Diese Netzwerke werden, so unsere Prognose, herkömmliche
Wertschöpfungsketten ablösen, in denen Unternehmen vor allem
produktorientiert wirtschaften. Netzwerkeffekte, die sich nur in
Wertschöpfungsnetzwerken realisieren lassen, machen
Wertschöpfungsketten schlichtweg unrentabel. Die technischen
Möglichkeiten der Kommunikationsgesellschaft sind die Basis für diese
neue Qualität von Kostenvorteilen. Die Multimediatechnologie läßt die
Kosten, die bei der Kommunikation im Netzwerk entstehen, rapide sinken.
Das ermöglicht völlig neue Arbeitszusammenhänge. Das einfache Denken in
Kategorien wie "innen" und "außen",
"Hersteller" und "Kunde", "die da" und
"wir hier" ist nicht mehr zeitgemäß. Diese Differenzierungen
machen in Netzwerken keinen Sinn. Der Vorteil des networking approach
liegt gerade in der Aufweichung dieser Grenzen und in der Chance der
Verknüpfung.
Ein Wertschöpfungsnetzwerk stellt selbstverständlich auch neue
Anforderungen an die Kooperations- und Koordinationsfähigkeit der
Netzwerkpartner. Um diese Fähigkeiten jedoch überhaupt ausbilden zu
können, müssen sich die Unternehmen – und dabei sind vor allem die
"Big Player" gefordert – von lange eingeübten Methoden und
Strategien verabschieden. Wie eröffnet man sich neue Märkte und wie
sichert man dann seine Marktposition? Dieses alte Spiel verläuft im neuen
ökonomischen Prozeß nach anderen Regeln. Wertschöpfungsnetzwerke sind
eher temporärer Natur, sie entstehen, um ein bestimmtes Projekt zu
bearbeiten und eine Lösung zu erstellen. In diesen Netzwerken, deren
Aufgabe darin besteht, die Arbeit im Netzwerk zu koordinieren, werden neue
Player eine zentrale Position einnehmen.
Die Kooperation in Wertschöpfungsnetzwerken beschleunigt auch die
Entwicklung hin zur (inzwischen schon legendären) industriellen
Konvergenz, mit dem wir uns zum Abschluß des Kapitel 2 beschäftigen. Die
industrielle Konvergenz verändert den ökonomischen Prozeß über
Branchengrenzen hinweg. Im intelligenten Haus müssen alle Geräte
netzwerkfähig sein, um miteinander kommunizieren zu können und in
Abhängigkeit voneinander steuerbar zu sein. Das zwingt beispielsweise den
Heizungsbauer mit dem Softwareentwickler und der Telekommunikationsfirma
zusammenzuarbeiten. Gemeinsam müssen sie eine Lösung erstellen, die dem
Kunden eine Steuerung seiner Heizung über das Handy ermöglicht. Und, so
unsere Prognose: Nur wenn diese und ähnliche Kooperationen gelingen, wird
das Umsetzen vorhandener technischer Möglichkeiten in marktfähige
Lösungen möglich sein.
Die besondere Herausforderung für jede Unternehmensführung unter den
Bedingungen der industriellen Konvergenz ist es, zwei oberflächlich
betrachtet gegensätzliche Dinge miteinander zu vereinbaren: Im
Wertschöpfungsnetzwerk müssen die Akteure einerseits zur
vertrauensvollen Zusammenarbeit mit anderen bereit sein und andererseits
dennoch klar definierbare Kernkompetenzen bewahren. Dabei geht es vor
allem um das Management von Komplexität. Das Unternehmen sieht sich mit
neuen Anforderungen seiner Umwelt konfrontiert. Diese werden sowohl von
seinen Kunden als auch von den Netzwerkpartnern formuliert. Besonders von
großen Unternehmen, die über Jahrzehnte das Arbeiten in
Wertschöpfungsketten mit großer Fertigungstiefe gewohnt waren, verlangt
dies ein komplettes Umdenken. Dieser Lernprozeß kann nur dann erfolgreich
verlaufen, wenn die Unternehmen ein neues Selbstverständnis entwickeln,
sich selbst und ihre Rolle im ökonomischen Prozeß neu definieren. Damit
revitalisieren wir nicht die ausreichend diskutierte Frage nach der
erforderlichen Fertigungstiefe. Das wäre alter Wein in neuen Schläuchen.
Vielmehr geht es um ein im Grundsatz alternatives Denken über die Frage,
wie Fertigungs- und Dienstleistungsprozesse zu initiieren sind, damit sie
den Kunden erreichen.
Gerade die Frage nach einem neuen Selbstverständnis betrifft jedes
Unternehmen in seinem Kern. In der Kommunikationsgesellschaft müssen sich
Unternehmenskultur und damit die Unternehmensidentität wandeln. Mit
diesem Prozeß setzen wir uns in Kapitel 3 auseinander. Der Wandel von
Kultur und Identität eines Unternehmens muß in der Chefetage initiiert
werden, dann aber das gesamte Unternehmen erfassen. Für uns nehmen
unternehmenskulturelle Aspekte eine zentrale Stellung ein. Die
Herausforderung ist, sich fit zu machen für die Kooperation im
Wertschöpfungsnetzwerk. Zu dieser neuen Form der Zusammenarbeit gibt es
unserer Meinung nach schon mittelfristig keine Alternative. Von den
Unternehmen ist ein neues Selbstbild mit neuem Profil, bestehend aus klar
konturierten Kernkompetenzen in Kombination mit Kommunikations- und
Netzwerkfähigkeit gefordert. Die Umgestaltung der Unternehmensidentität
ist eine Managementaufgabe, der sich jedes Unternehmen stellen muß, wenn
es in den ökonomischen Prozessen der Kommunikationsgesellschaft
erfolgreich sein will. Zukunftsfähigkeit wird man nur dann erreichen,
wenn man sich aktiv mit der Kultur und Identität seines Unternehmens
befaßt.
Wir betonen: Ein Wandel im Unternehmen wird in jedem Fall stattfinden.
Die Frage ist, ob die Unternehmen ihn aktiv und zielgerichtet gestalten
oder durch Druck von außen lediglich zum Objekt des Wandels werden. Wer
sich treiben läßt, läuft Gefahr, die eigene Steuerungsfähigkeit zu
verlieren und von seinen Konkurrenten überholt zu werden. Aus eigenem
Antrieb eine Vision, eine Strategie zu entwickeln und auf der Basis des
bisher Erreichten neue Ziele zu definieren, ist sicherlich das Vorgehen,
das mehr Erfolg verspricht.
In Kapitel 3 gehen wir deshalb ausführlich auf die Probleme des
Kultur- und Identitätsmanagement ein. Wir beschäftigen uns mit den
Wirkungen der Unternehmensidentität nach innen und außen. Anschließend
kontrastieren wir dann die Rolle von Unternehmenskultur und
Unternehmensidentität in der Industriegesellschaft mit der neuen
Bedeutung dieser Faktoren in der Kommunikationsgesellschaft.
Welcher Faktor ist für die neue Dynamik in der
Kommunikationsgesellschaft verantwortlich? Diese Frage beantworten wir in
Kapitel 4. Unser Buchtitel "Das Neue beginnt im Kopf" ist in
diesem Zusammenhang durchaus wörtlich zu nehmen – Wissen wird
unseres Erachtens in der Zukunft zum entscheidenden Produktionsfaktor. In
einer Ökonomie in der weniger Produkte als vielmehr Lösungen gefragt
sind, rücken der Mensch und seine Fähigkeiten und Kompetenzen in den
Mittelpunkt. In Wertschöpfungsnetzwerken können selbst Einzelpersonen
wie zum Beispiel Wissenschaftler und andere Experten eine wichtige Rolle
übernehmen. So ist eine "neue Selbständigkeit" zu erwarten,
die sehr viel tiefer greift und andere Voraussetzungen hat als jene
Konzeption, die bisher den Unterschied zwischen "Kapital und
Arbeit" prägte.
Neue Möglichkeiten bedeuten für das Individuum jedoch auch neue
Herausforderungen. Die Konkurrenz unter den Wissensarbeitern wird groß
sein. Wissen in der Kommunikationsgesellschaft veraltet schnell. Das
heißt auch, daß über den Erwerb von Wissen zukünftig neu nachgedacht
werden muß. Voraussetzung dafür, mit neuen Entwicklungen Schritt zu
halten, ist die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen. Dabei ist zunächst
die Eigenverantwortung jedes einzelnen gefordert. Aber auch die
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen der neuen Situation angepaßt
werden. Es ist ein neues Verständnis von Aus- und Fortbildung notwendig.
Die Grundlagen dafür müssen bereits in der Schule gelegt werden. Das
Lernen zu lernen sollte in einer zukunftsorientierten Gesellschaft zum
Leitgedanken für das Bildungssystem werden. Im Berufsleben wird sich der
lebenslange Lernprozeß fortsetzen. Politik und Wirtschaft stehen dabei
gemeinsam in der Pflicht, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen.
Das Wissen wird nicht nur ständig aufgefrischt werden müssen. Es geht
nicht lediglich darum, sein Faktenwissen auf dem neuesten Stand zu halten.
Von entscheidender Bedeutung ist es vor allem, auch seine Persönlichkeit
weiterzubilden. Fachkenntnisse sind die Basis, um an ökonomischen
Prozessen überhaupt teilnehmen zu können. Wenn in
branchenübergreifenden Wertschöpfungsnetzwerken Menschen mit einem ganz
unterschiedlichen beruflichen Hintergrund, aus verschiedenen Ländern und
sogar Kulturkreisen erfolgsorientiert zusammenarbeiten wollen, erfordert
das nicht nur Fachkenntnisse, sondern ein umfassendes Wissen das soziale
Kompetenzen mit einschließt. Nur wer über diese sozialen Kompetenzen
verfügt, wird in der Lage sein, seinen Beitrag in einem
Wertschöpfungsnetzwerk zu leisten. Schließlich geht es darum, gemeinsam
mit anderen an Lösungen zu arbeiten. Soll dabei Innovatives entstehen,
muß die Bereitschaft vorhanden sein, das eigene Wissen mit anderen zu
teilen und das Wissen der Netzwerkpartner für das gemeinsame Projekt
nutzbar zu machen.
Wissen wird jedoch nicht nur für das Individuum zum Erfolgsfaktor
Nummer eins. Wissen, Wissensgenerierung und Wissensmanagement müssen auch
für Unternehmen zu einem zentralen Thema werden. Damit beschäftigen wir
uns im zweiten Abschnitt von Kapitel 4. Wie ihre Mitarbeiter müssen auch
Unternehmen als Organisationen in ihrer Gesamtheit lernen. Das ist in
einer Zeit, in der sich die Erwartungen und Anforderungen der Kunden an
die Unternehmen ständig ändern, zwingend notwendig, um dauerhaft (wertschöpfungs-)netzwerkfähig
zu sein. Wissen wird zum wichtigsten Kapital des Unternehmens in der
Kommunikationsgesellschaft. Diese Erkenntnis müssen Unternehmen zunächst
intern umsetzen, um die eigene Wissensbasis kontinuierlich zu erweitern.
Dies zu fordern ist nichts Neues. Aber die Realität in den Unternehmen
zeigt, daß heute oftmals rein kosmetisch an den großen Herausforderungen
gearbeitet wird. Zu vertraut und damit verführerisch sind die alten
Erfolgsindikatoren, zu wenig bedrohlich erscheint das, was erkennbar
"vor der Tür" steht. Und: Ein Unternehmen langfristig und
unternehmeskulturell richtig aufzustellen, stößt an das alte
Dilemma in den Führungsetagen gerade der börsennotierten Gesellschaften
– hier zählt nach wie vor nicht die "innere
Zukunftsfähigkeit", sondern das "quarterly result".
Wer das Stichwort Netzwerkfähigkeit ernst nimmt, darf jedoch nicht
beim eigenen Unternehmen stehen bleiben. Auf welche Weise man Wissen
"seinem" Wertschöpfungsnetzwerk zu Verfügung stellt, wird zur
entscheidenden Frage für eine erfolgreiche kundenorientierte Kooperation.
Schließlich stehen zahlreiche Wertschöpfungsnetzwerke in Konkurrenz
miteinander. Durchsetzen werden sich diejenigen Netzwerke, die den Ansatz
der Kombinatorik am effektivsten umsetzen.
Ausgehend von unserer Forderung nach "Innovation durch
Kombination" beschreibt unser Buch einen weiten Bogen: Wir beginnen
beim Kunden und seinem Wunsch nach einer individuelleren Lebens- und
Arbeitsumwelt am Beispiel des "intelligenten Hauses", gehen
weiter zum dadurch initiierten notwendigen Wandel ökonomischer Prozesse
und den notwendigen unternehmenskulturellen Veränderungen und landen
schließlich bei den gesellschaftlichen Herausforderungen, die die
steigende Bedeutung des Produktionsfaktors "Wissen" nach sich
zieht. Dementsprechend hoffen wir auf die Bereitschaft unserer Leser, eine
"große" Tour d`Horizon mit uns zu unternehmen. Denn nur wer
diese Gesamtschau vollzogen hat, dem wird vollständig klar werden, wie
groß der Handlungsbedarf ist, der heute besteht, um Unternehmen und
andere gesellschaftliche Institutionen zukunftsweisend auszurichten. Noch,
so scheint es, will niemand die Positionen der "frontrunner"
besetzen; die Voraussetzungen, die dafür zu erfüllen sind, sind nämlich
gänzlich andere, als jene, die bisher gelehrt und gelernt werden.
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