Knowledge Base Unternehmensberatung Bickmann & Collegen
Dokument-Info:
Autoren: R. Bickmann, M. Schad
Quelle: Roland Bickmann, marcus Schad: Integratives ManagementR. Bickmann,
M. Schad:
Integratives Management,
C.H. Beck 1995, S. 1-4
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Integratives Management: Einleitung

Tausendmal erlebt...

Fehler wider die Menschen im Unternehmen und die Folgen für Motivation und innere Einstellung zum Unternehmen finden nicht plakativ und für jedermann sichtbar statt. Trotzdem entfalten sie ihre Wirkung über die informellen Wege im Unternehmen oder verhindern die "Akklimatisation" an das Unternehmen vor allem bei neuen Mitarbeitern. Nachfolgend wollen wir viele kleine Begebenheiten vorstellen: Jede für sich nicht weiter auffallend, aber mit destruktiver Wirkung. So wie ein Bild mehr als 1000 Worte sagt, so ist Verhalten aufschlußreicher als Worte. Die lange Liste der nachfolgenden negativen Verhaltens-Beispiele (und sie ist aufgrund unserer praktischen Erfahrungen leider noch seitenweise zu verlängern) soll deren Spannbreite aufzeigen.

Wir wollen Sie nicht langweilen, aber seien Sie ehrlich, lieber Leser, und überprüfen Sie, ob Ihnen nicht auch die eine oder andere Begebenheit bekannt vorkommt, vielleicht aus eigener Erfahrung oder aus Erzählungen Dritter.

  • Ein neuer Mitarbeiter kommt an seinem ersten Arbeitstag ins Unternehmen. Bedauerlicherweise ist der Chef gerade an diesem Tag auf Geschäftsreise und niemand weiß mit dem Neuen etwas anzufangen.
  • In seiner Vorstellungsrede hat der neue Vorstandsvorsitzende erklärt, daß er eine Politik der offenen Tür verfolge, jedermann könne zu ihm kommen. Leider umgibt er sich mit zwei Sekretärinnen und läßt sich im Unternehmen überhaupt nicht sehen. Termine frühestens in drei Wochen.
  • Eine hierarchiearme Organisation soll das Unternehmen haben, es bleibt jedoch bei ein paar Eckpunkten: Der Vorstand residiert weiterhin im obersten Stockwerk, seine Parkplätze bleiben reserviert und das Topmodell der Car-policy bleibt dem Vorstand vorbehalten.
  • Frauen sollen in Zukunft eine wichtigere Rolle übernehmen. Auf die letzte Stellenausschreibung "Leiter Rechungswesen" haben sich zwei Frauen aus dem Unternehmen beworben. Den Vorzug erhielt ein Mann von einem anderen Unternehmen, bei gleicher Qualifikation und Erfahrung.
  • Die Mitarbeiterzeitung hat eine geringere Auflage als die Anzahl der Mitarbeiter.
  • Neulich war eine Beratungsgesellschaft im Hause. Es wurde eine umfangreiche Analyse und Strategiebewertung vorgenommen. Hiernach stimmte der Betriebsrat der Entlassung von 15% der Belegschaft zu. Sonst hat sich wenig geändert.
  • Der Neuanfänger im Unternehmen erhält neben dem Imageprospekt auch das Leitbild und die Führungsgrundsätze. All dies wird er in der Zukunft nie wieder brauchen.
  • Die Bearbeitung eines Verbesserungsvorschlags dauert mindestens sechs Monate, manchmal auch bis zu zwölf Monaten.
  • In der Werbeabteilung kursiert ein Witz: "Wir haben eine tolle Imagebroschüre. Sie hat nur nichts mit unserem Unternehmen zu tun."
  • Im Zuge von Einsparungsmaßnahmen hat die Geschäftsleitung beschlossen, alle Kostenbudgets linear um 10% zu kürzen.
  • Die Zertifizierung nach der ISO 9000 wurde im Unternehmen mit erheblichem Aufwand erreicht. Die Kosten für Reklamationsbearbeitungen sind leider nicht gesunken. Qualität wird verwaltet.
  • Die Vertriebsmannschaft meldete mehrfach, daß das Produkt der Konkurrenz günstiger und besser sei. Daraufhin entschloß sich die Vertriebsleitung zu einem Seminarprogramm mit den Themen Rhetorik und Verkäuferschulung.
  • Beim letzten Betriebsfest waren erstaunlich viele Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Gründen verhindert.
  • Die Telefonzentrale ist und bleibt ein Problem: Bei Testanrufen wurde festgestellt, daß, wenn überhaupt, erst nach zwölf- oder dreizehnmaligem Klingeln das Gespräch entgegengenommen wurde.
  • Die Zertifizierung nach der Norm ISO 9000 wurde von der Geschäftsleitung eines marktführenden Unternehmens gegenüber der Belegschaft mit den Worten "Von heute an werden wir Qualität produzieren" kommentiert.
  • Der Unternehmensrundgang verläuft wie immer: Manager und Geschäftspartner durchschreiten die Produktionshalle, ohne ein Wort oder einen Blick - der Anerkennung - für die Mitarbeiter.
  • Die Verbesserungsvorschläge eines neuen Mitarbeiters werden ohne Überprüfung mit den Worten "Das haben wir aber schon immer so gemacht" abgetan.
  • Für die Anliegen der Kunden fühlt sich niemand verantwortlich. Weiterverbunden zu werden ist die Regel. Reklamationsbeschwerden werden als Böswilligkeit betrachtet.

Das Thomas-Prinzip

Tausendmal erlebt und leider immer noch aktuell: Wir stellten uns die Frage nach den Ursachen dieser Situationen und analysierten das Verhalten der Führungsverantwortlichen. Die genannten Beispiele haben eines gemeinsam: Immer geht es um das informelle, das sogenannte weiche Unternehmen. Warum gerade hier solche Probleme auftreten, liegt auf der Hand: Trotz einer nicht enden wollenden Diskussion um die soziale Kompetenz des Managements, ist es heute immer noch nicht qualifiziert, um die genannten Phänomene zu verhindern. Die Forderung nach sozialer Kompetenz scheint weiter ein Wunschbild zu bleiben. Wen wundert es, wenn auch diejenigen, die die sozial Kompetenten auswählen, wohl selbst nicht nach diesem Kriterium ausgewählt worden sind. Soziale Kompetenz als Glücksfall des Managerprofils?

Der Mangel an sozialer Kompetenz führt auch dazu, daß sich viele Unternehmen gegenüber Außenwelt und Mitarbeitern auf eine sehr formelle Weise präsentieren und auch entsprechend geführt werden.

Aus einer Vielzahl von Gesprächen mit Klienten ergab sich nun immer wieder die Erkenntnis, daß ein wesentlicher Grund des Übels in der Zahlengläubigkeit liegt. Die Führungsebene orientiert sich bei der Entscheidungsfindung fast nur an Zahlen. Ob Bilanz, Umsatz oder Deckungsbeitrag: Zahlen sind DIE allgemeingültige Orientierungsgrundlage für die Unternehmensführung, für jeden Entscheidungsinhalt, Zahlen bilden das Credo schlechthin.

Nicht anders verhält es sich bei der Beurteilung von Mitarbeitern. Ein gutes Zahlenergebnis bedeutet einen guten Mitarbeiter. "Bringt er die Zahlen", dann sitzt er auf einem sicheren Stuhl. Er hat sich legitimiert, und das unabhängig von seinen Verhaltensweisen. Es ist egal, ob er Sekretärinnen belästigt oder als Großmaul verschrien ist. Kurzum, der Zahlenstatus gibt diesem Mitarbeiter Sicherheit, auch wenn er das Betriebsklima empfindlich stört.

Diese Situation stellt ein Konfliktpotential für das ganze Unternehmen dar.

Häufig ist das Verhältnis zwischen Vertrieb und Innendienst davon geprägt. Der Vertrieb ist in seinem Erfolg transparent und meint daher, sich benehmen zu können, wie er will. Der Erfolg des Innendienstes ist mit diesem Zahlenmaß nicht zu messen. Ebenso niedrig ist die Akzeptanz von Mitarbeitern, deren Abteilung gerade im Umbruch bzw. im Aufbau ist. Sie werden eher argwöhnisch beobachtet.

Wir bezeichnen dieses zahlenorientierte Führungsverhalten einfach und prägnant als Führung nach dem "Thomas-Prinzip".


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© 1995 C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München

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