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Autorin: Dr. Annette Kleinfeld
Quelle: Dr. Annette Kleinfeld: Persona OeconomicaDr. Annette Kleinfeld
Persona Oeconomica,
Physica 1998, S. 1-13
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Persona Oeconomica: Einleitung

Wo es um menschliches Handeln und Entscheiden geht und wo andere Menschen oder Lebewesen von diesem Handeln betroffen sind, entstehen moralisch relevante Fragestellungen. "Wertneutral" kann Wissenschaft nur dann sein, wenn sie die Wirklichkeit menschlichen Handelns und den Menschen als Subjekt und Objekt von Werthaltungen aus ihrem Gegenstandsbereich ausklammert. Zum Beispiel dadurch, dass sie eine Kunstfigur wie den homo oeconomicus an seine Stelle setzt. In dieser "abstrakten" Erscheinungsform ist der Mensch nicht Subjekt, sondern ausführender Agent einer von aller ethischen Reflexion gereinigten ökonomischen Rationalität, die er unhinterfragt umzusetzen hat.

Was aber theoretisch als zu trennend propagiert wurde, hat in der Praxis immer zusammengehört: spezifisch menschliches Handeln in zwei seiner wichtigsten Ausprägungen als Wirtschaften und als Sittlichkeit. Aus der Praxis stammt auch die Einsicht in die Notwendigkeit, die jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen - Wirtschaftswissenschaften und Ethik - wieder zusammenzudenken. Mitte der achtziger Jahre waren es primär negative äußere Erfahrungen wie die Umweltproblematik, die Energiedebatte, Finanz- und Wirtschaftsskandale, die in Europa - dem Vorbild der amerikanischen Business-Ethics-Bewegung folgend - zu dem Bemühen führten, die Ethik in die Ökonomie zu reintegrieren: Wirtschafts- und Unternehmensethik wurde als eigenständige Disziplin ins Leben gerufen.

Inzwischen bestätigen positive Ergebnisse und die jüngsten ökonomischen Entwicklungen die Relevanz dieser Bemühungen. Die tiefgreifenden strukturellen Wandlungsprozesse, verstärkt durch den steigenden internationalen Wettbewerbsdruck im Zuge der ökonomischen Globalisierung fördern eine Tendenz, die sich im Übergang zur Informations- und Dienstleistungsgesellschaft während der letzten Jahre zunehmend abgezeichnet hat: die " "Wiederentdeckung des Menschen"[1]. Erfolgreiche Anpassungsprozesse an die veränderten Wettbewerbsbedingungen - darüber sind sich Wirtschaftstheoretiker wie -praktiker heute einig - können nur gelingen, wenn der "Ressource Mensch" als dem entscheidenden Erfolgspotential der Zukunft die gebührende Beachtung geschenkt wird. Für diese notwendige Erschließung neuer "Humanpotentiale", so haben in jüngster Zeit empirische Studien gezeigt, ist die Pflege sogenannter "weicher Faktoren" im Rahmen einer entsprechenden Unternehmenskultur unabdingbar[2]. Zu diesen "soft factors" zählen beispielsweise ein partnerschaftlicher Umgangs- und Führungsstil, wechselseitige Akzeptanz, Kooperation statt Konfrontation, Vertrauen durch eine gelingende Verständigungskultur und Transparenz. Bei Mitarbeitern wie Führungskräften verlagert sich der Schwerpunkt im Anforderungsprofil von der Methoden- und Fachkompetenz zur kommunikativen und Sozialkompetenz, zu der neben Teamfähigkeit künftig auch interkulturelle Lernfähigkeit gehören wird.

Insbesondere die Betriebswirtschafts- und Managementlehre kann sich dank ihres unmittelbaren Praxisbezugs somit der Einsicht in ihren auch humanwissenschaftlichen Charakter nicht entziehen[3]. Der Mensch gehört nicht nur als letzter Bezugspunkt ökonomischer Aktivitäten zu ihrer "Sache", sondern zugleich als Ausgangspunkt betriebswirtschaftlicher Rationalität und wichtigstes Medium ihrer praktischen Umsetzung. Ebenso wenig wie ein Sachbereich, bei dem der Mensch im Zentrum steht, auf ein ethisches Fundament verzichten kann, kommt Ethik selbst ohne Rekurs auf anthropologische Überlegungen aus. Die Frage nach dem, was wir tun sollen, mündet bekanntlich in die Frage wer wir sind (Kant).

Um so erstaunlicher ist es, dass die wenigsten der ausgearbeiteten unternehmensethischen Konzepte im deutschsprachigen Raum deskriptive oder kritisch-normative Überlegungen anthropologischer Art einbeziehen[4].

Auch das Verhältnis der beiden Disziplinen Ökonomie und Ethik wurde in der wirtschaftsethischen Literatur meist nur aus historischer Perspektive beleuchtet. Die Perspektive, die beides nicht nur praktisch verbindet, sondern auch als Vermittlungsinstanz für eine gemeinsame theoretische Basis fungieren könnte, bleibt mehr oder weniger unberücksichtigt: die Perspektive wirtschaftsanthropologischer bzw. philosophisch anthropologischer Reflexion. Während die klassische Wirtschaftstheorie nur vor dem Hintergrund eines bestimmten Welt- und Menschenbilds entwickelt werden konnte, setzt Ethik ein bestimmtes Selbstverständnis des Menschen als Ermöglichungsbedingung voraus.

Es stellt sich also die Frage, welche Deutung des Menschen eine angemessene theoretische Grundlage sowohl ökonomischen als auch ethischen Handelns darstellen würde. Anders formuliert: Um welche Aspekte des Menschseins müssen die anthropologischen Annahmen, die dem homo oeconomicus zugrunde liegen, erweitert werden, damit dieser den menschlichen Wirtschaftsakteur zugleich als moralisches Subjekt erfassen und so als adäquater Begriff wirtschafts- und unternehmensethischen Handelns fungieren kann?

Vor allem drei Defizite lassen den homo oeconomicus als wirtschaftsethischen Handlungsbegriff untauglich erscheinen:

1. die Ausblendung einer zeitlichen Dimension, die es dem Menschen einerseits erlaubt, im Hinblick auf längerfristige Ziele zu handeln und ihm andererseits das Bewusstsein seiner Endlichkeit und Kontingenz verleiht;

2. die Ausblendung der sozialen, relationalen Dimension des Menschen im Sinne eines apriorischen Bezogen- und Verwiesenseins auf andere[5];

3. die Ausblendung des Vermögens der Freiheit, die den Menschen befähigt, sich zu seiner jeweiligen handlungsleitenden Rationalität ins Verhältnis zu setzen und gegebenenfalls zugunsten anderer Zwecke auf der Basis eines alternativen Rationalitätstypus zu transzendieren.

Ersteres lässt den Wirtschaftsakteur seine Ziele und Interessen als bloß kurzfristig relevanten Nutzen bestimmen, dem in quantitativer Hinsicht keine Grenzen, qualitativer Hinsicht kein Maßstab gesetzt sind. Das zweite Defizit schneidet ihn darüber hinaus von allen Sozialbezügen ab und macht ihn zum zwangsläufig egozentrisch handelnden Solipsisten. Erst vor diesem Hintergrund wird das ihm unterstellte Motiv der Eigennutzmaximierung zu einem moralisch problematischen Handlungsantrieb. Das gilt um so mehr, als ihn darüber hinaus das dritte Defizit daran hindert, etwas anderes zur handlungsleitenden Maxime werden zu lassen.

Die beiden ersten Defizite teilt der homo oeconomicus mit dem modernen Subjekt-Begriff, der beispielsweise von Wolfhart Pannenberg als reduktionistisch kritisiert wird[6]. Pannenberg stellt dieser spezifisch modernen Deutung des menschlichen Individuums den Personbegriff gegenüber. Indem der Begriff der Person auch den oben genannten Aspekten Rechnung trägt, erfasst er nach Pannenberg das menschliche Individuum in einem adäquateren Sinn als der Subjekt-Begriff, der den modernen Einzelwissenschaften zugrunde liegt.

In vorliegender Arbeit wird analog dazu die These vertreten, dass nur eine personale Erweiterung der anthropologischen Annahmen ökonomischer Theorie den homo oeconomicus als Handlungsbegriff moralisch verantwortungsvollen Wirtschaftens und damit als angemessene Grundlage einer ethisch erweiterten ökonomischen Theorie "retten" kann. Dazu gilt es, den methodologischen Individualismus durch einen "methodologischen Personalismus" auf der Basis eines entsprechenden Person-Begriffs zu ersetzen.

Konsequenzen ergeben sich daraus zunächst für das ökonomische Prinzip der Nutzenmaximierung: Sofern menschliches Eigeninteresse nicht als kurzfristiger Vorteil bestimmt wird, sondern im Hinblick auf ein letztes, eigentliches Ziel menschlicher Existenz - die personale Selbstwerdung - wird der zentrale Handlungsantrieb des homo oeconomicus mit moralischen Motiven auch im Sinne einer deontologischen Ethik kompatibel.

Die Annahme, dass die - nicht nur ethisch relevanten - Defizite des ökonomischen Handlungsbegriffs durch eine personale Erweiterung seiner anthropologischen Grundlage korrigiert werden können, wird darüber hinaus für eine Wirtschaftsethik der Meso-Ebene geltend gemacht. Durch die Entfaltung eines unternehmensethischen Ansatzes, der vom einzelnen Akteur als Person ausgeht, soll ein Beitrag zum Ausgleich der entsprechenden Defizite innerhalb der unternehmensethischen Diskussion sowie zu einer ihrer zentralen Fragestellungen geleistet werden: zur Frage der Zuschreibung moralischer Verantwortung an Unternehmen an sich.

Diese Frage war bereits Anfang der achtziger Jahre zentrales Thema der amerikanischen Business-Ethics-Debatte. In Europa dagegen wird darüber erst in den letzten Jahren diskutiert. Im deutschen Sprachraum verstand man Unternehmensethik zunächst überwiegend als Tugendethik des einzelnen Akteurs, vor allem des Managers und der Führungskräfte. Die Beschäftigung mit einer Ethik der Organisation selbst wurde demgegenüber lange Zeit als Defizit beklagt. In dem Maße allerdings, in dem in der allgemeinen wirtschaftsethischen Diskussion der "Ruf nach Verantwortung"[7] lauter wurde, rückte auch die Frage nach der moralischen Verantwortlichkeit von Korporationen ins Blickfeld. Parallel dazu wurde nach Institutionen gerufen, die den einzelnen von einer Verantwortung entlasten sollen, die er unter den gegebenen arbeitsteiligen und technologisch geprägten Bedingungen als Einzelperson nicht mehr übernehmen kann[8]. Inzwischen wird Wirtschafts- und Unternehmensethik primär als institutionelle und organisationale Struktur- und Prozessethik verstanden[9]. Dabei besteht nun umgekehrt die Gefahr, den Menschen in seiner Personalität als das eigentlich handelnde Subjekt aus dem Blick zu verlieren. Auch die auf Systeme und Organisationen bezogene institutionelle Ethik setzt aber ein moralisches Subjekt voraus, das nur der Mensch als Person sein kann.

Die Reziprozität von Individuum und Institution kommt gerade auf der Unternehmensebene zum Tragen. Das gilt um so mehr, seitdem im Rahmen neuerer Management- und Führungsmodelle einzelnen Mitarbeitern vermehrt eigene Handlungs- und Verantwortungsfreiräume zugestanden werden. Damit gewinnt gerade die individualethische Komponente an neuer Bedeutung und Aktualität. Im Zusammenwirken einzelner Wirtschaftssubjekte ergeben sich darüber hinaus innerbetrieblich moralisch relevante Probleme, die der Sache nach Gegenstand einer reinen Individualethik sind.

Unternehmensethik verstehe ich folglich als notwendiges Zusammenspiel von personal-individueller und institutioneller Ethik. Unter den gegebenen Bedingungen in modernen Unternehmen können bestimmte Verpflichtungen und Forderungen von den einzelnen Akteuren nur noch unterstützt von institutionellen Maßnahmen adäquat erfüllt werden. Auf der anderen Seite setzen institutionelle Vorgaben und organisationale Zielsetzungen für ihre Umsetzung das eigenverantwortliche Handeln der sie ausführenden Individuen voraus.

Auch die Beleuchtung dieses Wechselspiels von individueller und institutioneller Ethik stellt ein Defizit der gegenwärtigen wirtschafts- und unternehmensethischen Diskussion dar.[10] Gerade dieses Verhältnis spielt aber für die Frage moralischer Verantwortungswahrnehmung von Unternehmen eine zentrale Rolle. In der Unternehmensethik scheint eine mechanistische Deutung des Unternehmens dafür eine Ursache zu sein. Die Unternehmung wird dabei im Sinne der neoklassischen Theorie als ein ausschließlich durch Wettbewerbsprinzip und Marktmechanismus gesteuertes Subsystem aufgefasst, in dem Handlungen, die von etwas anderem als gewinnorientierten Kalkulationen geleitet sind, keinen Platz haben können. Die Mitglieder eines Unternehmens werden für die Verfolgung der ausschließlich ökonomisch definierten Ziele funktionalisiert, damit zugleich objektiviert und entmündigt[11]. Um das Zusammenspiel von institutionellen Maßnahmen und individuellem Handeln zu berücksichtigen, ist eine Unternehmensauffassung Voraussetzung, die von eigenständigen, moralisch handlungsfähigen Organisationsmitgliedern ausgeht. Denn nur diese sind in der Lage, ethische Regeln, Normen oder andere institutionelle Vorgaben situationsangemessen für die jeweilige unternehmerische Realität zu vermitteln.

Die Diskussion um die moralische Verantwortung von Unternehmen impliziert vor allem zwei philosophische Fragestellungen:

1. Welchen moralischen Status haben Organisationen?

2. Ob und wie lässt sich Organisationen Handlungsfähigkeit zuschreiben?

Sofern dabei die These diskutiert wird, ob Korporationen wie Unternehmen als moralische Personen deutbar sind, schließt insbesondere die erstere Frage an die Diskussion um den moralischen Person-Begriff innerhalb der praktischen Philosophie an. Diese Diskussion wurde in jüngerer Zeit von zwei anderen Debatten aus dem angelsächsischen Raum ausgelöst: von der Diskussion um Peter Singers "Praktische Ethik" und von der sogenannten "Kommunitarismus-Debatte". In allen drei Fällen spielen unterschiedliche Begriffe der "Person" die zentrale Rolle für die jeweilige Fragestellung.

Den Person-Begriff als anthropologische Grundlage einer Unternehmensethik zu vermitteln, ist jedoch nicht nur in einem meta-ethischen Sinne von Bedeutung, sondern hat gleichzeitig normativ-ethische Konsequenzen. Der Mensch als Person ist nicht nur Subjekt, er ist auch Gegenüber moralischer Verpflichtungen. Aus dieser normativen Dimension menschlicher Personalität wird hier das Prinzip der Persongerechtigkeit als ethische Wertorientierung abgeleitet. Die damit verbundenen ethischen Forderungen sind wiederum vor dem Hintergrund der Charakteristika des Menschen als Person zu formulieren.

Indem der Mensch als Person im Wirtschaftsprozess eine zentrale Rolle spielt, wie ich im einzelnen zeigen werde, wurzelt der Verpflichtungsgrund, diesem ethischen Prinzip der Persongerechtigkeit zu folgen, in der ökonomischen Sachlogik selbst. Eine personale Deutung des menschlichen Wirtschaftsakteurs bildet damit zugleich die Grundlage für die Entwicklung eines ökonomie-immanenten Moralkriteriums, das als unbedingter Maßstab allen ökonomischen Entscheidungs- und Abwägungsprozessen zugrunde liegen muß[12]. Das Prinzip der Persongerechtigkeit als spezifisch unternehmensethisches Prinzip konkretisiert dabei die allgemeine wirtschaftsethische Orientierung ökonomischer Sachgerechtigkeit im Hinblick auf die wichtigste Ressource der Unternehmung.

Teil I. dieser Arbeit gibt einen exemplarischen Überblick über den wissenschaftlichen Forschungsstand auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Unternehmensethik, wobei ich die oben beschriebenen Defizite herausstelle. Auf dieser Grundlage entwickle ich in Teil II. die eigentliche These.

Im Rahmen der Diskussion wird die Zuschreibung moralischer Verantwortung an Korporationen unmittelbar aus deren korporativer Handlungsfähigkeit abgeleitet. Als Kriterium der Handlungsfähigkeit gilt in der Regel eine spezifisch organisationale Zielsetzung, also eine eigene korporative Intentionalität. Meiner These zufolge ist dieses Kriterium eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung, um korporative Handlungsfähigkeit bzw. moralische Verantwortung zuschreiben zu können.

Eigentliches Kriterium von Sittlichkeit und der Fähigkeit moralischer Verantwortungswahrnehmung ist meiner These nach das Vermögen der Transzendenz dieser Intentionalität. Von Handlungen im eigentlichen Sinn spricht man nur in Bezug auf das Tun von Wesen, die über dieses Vermögen verfügen, d.h. die moralfähig sind (Kapitel II.1.2.1). Daraus ergibt sich als Konsequenz: Moralische Verantwortungsfähigkeit ist nicht von der Handlungsfähigkeit abhängig, im Gegenteil, erst moralisches Vermögen begründet die Handlungsfähigkeit. Darüber verfügt jedoch nur das menschliche Individuum als Person. Somit können sowohl Handlungsfähigkeit als auch moralische Verantwortungsfähigkeit einer Organisation nur dann zugeschrieben werden, wenn es sich bei ihren Mitgliedern um menschliche Individuen handelt.

Ich zeige daher zunächst, dass Organisationen nur aufgrund des Person-Seins und der personalen Verwirklichung ihrer Mitglieder überhaupt handlungsfähig sind (Kapitel II.1.2). In Anlehnung an Patricia Werhane wird diese personal vermittelte organisationale Handlungsfähigkeit als "sekundäre" Handlungsfähigkeit bezeichnet. Ausgehend von der Annahme, dass Handlungsfähigkeit zu den systemerhaltenden Faktoren einer Organisation gehört, würde die Existenz eines Unternehmens folglich einerseits von der Konstituierung durch menschliche Individuen, andererseits von deren personaler Realisierung abhängen. Diese These werde ich im Anschluss an die phänomenologischen Betrachtungen zum Handeln von Organisationen (Kapitel II.1.) vor dem Hintergrund einer eingehenderen Betrachtung des Menschen als Person (Kapitel II.2) belegen.

Der hier entfaltete Person-Begriff, auf den sich alle weiteren Überlegungen stützen, lehnt sich an die Ausführungen Robert Spaemanns an, die er im Rahmen verschiedener Lehrveranstaltungen an der Universität München vorgetragen und inzwischen veröffentlicht hat[13]. Spaemann grenzt sich damit einerseits gegen die Trennung von Person und Mensch ab, die Singer in seiner ,,Praktischen Ethik" vornimmt, andererseits gegen einen rein formalen, kantisch geprägten Person-Begriff, der in der Kommunitarismus-Debatte etwa von seiten der "liberals" vertreten wird. Vor diesem Hintergrund wird Person hier als spezifisch menschliche Seinsweise verstanden, die durch drei Aspekte charakterisiert ist:

1. Individualität;

2. Relationalität;

3. Potentialität.

In welchem Maße menschliches Person-Sein nicht nur die notwendige ontologische Grundlage organisationaler Handlungsfähigkeit bildet, sondern auch in unternehmerischen Handlungsprozessen bei der Umsetzung aktueller Management- und Führungsmodelle unmittelbar zum Tragen kommt, ist Gegenstand von Kapitel II.3.

Teil I. macht auf die Defizite der anthropologischen Grundannahmen der neo-klassisch geprägten ökonomischen Theorie aufmerksam, woraus der Verdacht resultiert, dass der homo oeconomicus traditioneller Deutung als wirtschafts- und unternehmensethischer Handlungsbegriff untauglich ist. In Teil II. werden die ökonomischen Deutungen des Wirtschaftsakteurs bzw. der Unternehmensmitglieder auf die Erfassung der personalen Aspekte des Menschen hin untersucht. Neben dem homo oeconomicus und seinen "Nachfolgern" wie dem REMM (Kapite1 II.1.3), werden dabei auch die von betriebswirtschaftlicher Seite entwickelten Deutungen empirisch-sozialwissenschaftlicher und psychologischer Prägung betrachtet (Kapitel II.3.2.2). Ihnen allen gemeinsam ist die mangelnde Berücksichtigung spezifisch menschlicher Freiheit als personaler Souveränität und Potentialität, die den Menschen als moralisches Subjekt konstituieren.

Aus diesem Phänomen ergeben sich betriebswirtschaftlich und unternehmerisch relevante Konsequenzen: In theoretischer Hinsicht ist es notwendig, die bisherigen individuellen Handlungsbegriffe zu erweitern und die zugrundeliegenden Deutungen des Wirtschaftssubjekts um seine personalen Aspekte zu ergänzen. Weiterhin ergibt sich ein alternatives, nicht-mechanistisches Unternehmensmodell, dem aufgrund seiner Konstituierung durch personal gedeutete Unternehmensglieder der Status eines "sekundären" moralischen Akteurs zugeschrieben werden kann. Ausgehend von der Frage nach der Möglichkeit personaler Entfaltung unter ökonomischen und organisationalen Rahmenbedingungen zeigt sich, daß ein personales Menschenbild und eine entsprechende Wahrnehmung des einzelnen Wirtschaftsakteurs bestimmte Unternehmensmodelle von vornherein ausschließt, damit aber auch praktische Konsequenzen für die Gestaltung von Unternehmen und deren organisationaler Strukturen mit sich bringt (Kapitel II.3.2).

Mit einer personalen Deutung der Organisationsmitglieder sind in praktischer Hinsicht darüber hinaus unternehmensethisch relevante Konsequenzen verbunden, die wiederum aus dem moralischen Subjekt- und Objekt-Status des Menschen als Person resultieren: Während ersteres Untemehmensorganisationen, sofern sie von menschlichen Individuen konstituiert werden, zu moralisch verantwortungsfähigen Systemen in einem sekundären Sinn werden lässt, bedingt letzteres, dass der einzelne Wirtschaftsakteur selbst zum Grund eines unbedingten moralischen Prinzips und daraus ableitbarer praktischer Forderungen wird. Im Rahmen des hier entwickelten personalen Unternehmensmodells ist die Umsetzung dieses Prinzips jedoch nicht nur aus ethischen, sondern auch aus rein organisationalen Erwägungen heraus erforderlich. Diese konkreten unternehmensethischen Konsequenzen des in Teil II. dargestellten personalen Organisationsmodells sind Gegenstand von Teil III.

Kapitel III.1. stellt jene Charakteristika des personalen Seinsmodus heraus, die den Menschen als moralisches Subjekt allgemein (1.1), als Subjekt moralischer Verantwortung im besonderen (1.2) konstituieren. Dabei wird zu zeigen sein, dass es sich gerade bei der moralischen Verantwortung um eine spezifisch personale Kategorie handelt. Als solche setzt nicht nur ihre Wahrnehmung ein personales Subjekt voraus, sondern stellt umgekehrt moralische Verantwortungswahrnehmung eine essentielle Form der personalen Verwirklichung dar.

Vor diesem Hintergrund werden die bislang diskutierten Organisations- und Zuschreibungsmodelle korporativer moralischer Verantwortung kritisch überprüft und der personale Seinsmodus als notwendige moral-ontologische Bedingung der möglichen Wahrnehmung moralischer Verantwortung durch ein Unternehmen herausgestellt (Kapitel III.2.1. und 2.2). Im Anschluss daran wird die Art und Weise aufgezeigt, wie moralische Verantwortung in dem genannten sekundären Sinn im Rahmen eines personalen Modells wahrgenommen wird: durch ein Ineinandergreifen von individual- und institutionenethischen Komponenten, d.h. durch eine personale Realisierung der einzelnen Korporationsmitglieder als Subjekte unterschiedlicher Rationalitätstypen und spezifisch moralischer Vermögen. Voraussetzung dessen sind entsprechend modifizierte organisationale Strukturen, die es dem einzelnen erlauben, seine berufliche Rollenverantwortung auch in moralischer Hinsicht wahrzunehmen. Grund der Zuschreibbarkeit ebenso wie der Zuschreibung moralischer Verantwortung an eine Unternehmensorganisation selbst ist dabei letztlich ein Moment der Partizipation im doppelten Sinn:

a.) ontologisch als Teilhabe des Unternehmens an einem moralischen Seinsmodus aufgrund des Person-Seins seiner Mitglieder;

b.) moralisch als Teilhabe der Unternehmensmitglieder an der organisationalen Intentionalität aufgrund ihrer beruflichen Rolle.

Die aus Gründen der Systemerhaltung für das Unternehmen selbst unabdingbare Wahrung der personalen Souveränität seiner Glieder ist dabei einerseits Ermöglichungsbedingung, andererseits Verpflichtungsgrund, sich zu den jeweiligen Unternehmensaktivitäten und ihren Auswirkungen kritisch ins Verhältnis zu setzen (Kapitel III.2.3).

Kapitel III.3. entwickelt jene moralischen Forderungen, die sich aus der Würde des Menschen als Person ableiten und zunächst in allgemeiner Form als Prinzip der Persongerechtigkeit formulieren lassen (3.1). Auf der Grundlage dieses Prinzips ergeben sich konkrete moralische Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten des Unternehmens, die es in der dargestellten "sekundären" Form wahrzunehmen hat (3.3).

Die normative Dimension personalen Seins kommt noch in einer weiteren Form unternehmensethisch zur Geltung: In der Personalität des einzelnen gründet zugleich seine Motivation, die genannten Forderungen umzusetzen, d.h. sich im Rahmen seiner beruflichen Rolle auch als moralisches Subjekt zu verwirklichen, die moralischen Verantwortlichkeiten des Unternehmens wahrzunehmen und für die entsprechenden Rahmenbedingungen zu sorgen. Auf der Basis einer personalen Deutung des Wirtschaftsakteurs entsprechen moralisches Handeln und die Wahrnehmung der persönlichen wie rollenspezifischen moralischen Verantwortung am stärksten dem, was im Interesse jedes einzelnen liegt. Sein Eigeninteresse zu verfolgen, erweist sich dann nicht nur als moralverträglich, sondern ist selbst ein adäquater Beweggrund moralischen Handelns (3.2).

Mit der Umsetzung des Prinzips der Persongerechtigkeit im konkreten unternehmerischen Kontext als ethisches Postulat und Maßstab der Unternehmenskultivierung befasst sich abschließend Kapitel III.3.4. Die Aspekte einer persongerechten Unternehmenskultur werden anhand der folgenden Themenkomplexe exemplarisch aufgezeigt: anhand des Umgangs mit den menschlichen und natürlichen Ressourcen (3.4.1.); anhand der Organisationsgestaltung (3.4.2) und des Führungsstils (3.4.3); anhand der Instrumentalisierung unternehmerischer Kulturbildung (3.4.4) und anhand der Frage von Beschäftigung und Gewinnverteilung (3.4.5).

Anmerkungen

[1] Vgl. dazu P. KOSLOWSKI: "Über die Notwendigkeit von ethischen und zugleich ökonomischen Urteilen", in: Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik 33 (1987), S.7-13. Zur Verweisstelle

[2] Vgl. dazu die Ergebnisse des Forschungsprojekts der Bertelsmann und Hanns Böckler-Stiftung: H. BEYER, U. FEHR, H. G. NUTZINGER: Unternehmenskultur zwischen Partnerschaft und Mitbestimmung. Gütersloh (Bertelsmann Stiftung) 1997. Zur Verweisstelle

[3] Vgl. dazu F. FURGER: "Es geht nicht ohne ein ethisches Fundament", in: Herder Korrespondenz 12, (1991) 45. Jg., S.568-572. Zur Verweisstelle

[4] Bislang existieren nur entsprechende Forderungen, insbesondere von theologischer Seite. So kritisiert neben Furger auch Lothar Roos, daß die bisherigen unternehmensethischen Konzepte im "anthropologisch unverbindlichen" Raum bleiben. Vgl. L. ROOS: "Grundlagen eines modernen christlichen Arbeitsethos", in: D. BALKHAUSEN/K.D. SCHMIDT (Hrsg.): Auf dem Weg zu einer neuen Arbeitskultur. Trier (Paulinus) 1990, S.11-38, hier S.15, 37f.; vgl. dazu auch W. THEN: "Evolution im System Arbeit", ebda., S.41-62. bes. S.48f. Auch für Peter Ulrich gilt es, im Rahmen einer kritischen Reflexion der impliziten normativen Grundannahmen ökonomischer Theorie deren Menschenbild zu thematisieren. Vgl. dazu P. ULRICH: "Wirtschaftsethik als Kritik der ,reinen' ökonomischen Vernunft", in: C. MATTHIESSEN (Hrsg.): Ökonomie und Ethik. Moral des Marktes oder Kritik der reinen ökonomischen Vernunft, Freiburg (Hochschul-Verlag) 1990, S.111-138, hier S.136. Die Relevanz der anthropologischen Fragestellung für die Grundlegung einer Wirtschafts- und Unternehmensethik wird auch von folgender Aufsatzsammlung aufgezeigt: B. BIERVERT/M. HELD (Hrsg.): Das Menschenbild der ökonomischen Theorie. Frankfurt a.M. (Campus) 1990; ebenso von R. KÖTTER: Artikel "Wirtschaft", in: G. ENDERLE u.a: Lexikon der Wirtschaftsethik, Freiburg, Basel, Wien (Herder) 1993, Sp.12&4f. und E.HERMS: Artikel "Mensch, Menschenbild", ebda., Sp. 676-687. Zur Verweisstelle

[5] Dass es als Grundlegung von Wirtschaftsethik in ökonomische Analysen eine soziale und eine zeitliche Dimension wieder einzubeziehen gilt, konstatieren auch K. HOMANN/ F. BLOME-DREES: Wirtschafts- und Unternehmensethik. Göttingen (Vandenhoeck und Ruprecht) 1992, S.101. Zur Verweisstelle

[6] Vgl. dazu W. PANNENBERG: "Person und Subjekt", in: O. MARQUARD, K. STIERLE (Hrsg.): Identität. München (Fink) 1979, S.407-423. Zur Verweisstelle

[7] So der Titel eines zu dieser Thematik veröffentlichten Bandes von Franz Xaver KAUFMANN. Vgl. F.X. KAUFMANN: Der Ruf nach Verantwortung. Freiburg, Basel, Wien (Herder Spektrum) 1993. Zur Verweisstelle

[8] Vgl. dazu R. SPAEMANN: ,,Christliche Verantwortungsethik", in: J.GRÜNDEL (Hrsg.): Leben aus christlicher Verantwortung. Ein Grundkurs der Moral, Düsseldorf (Patmos) 2. Aufl. 1993, S.113-134, hier S.127ff. Zur Verweisstelle

[9] Vgl. dazu F. HENGBSBACH: Wirtschaftsethik. Aufbruch, Konflikte, Perspektiven, Freiburg, Basel, Wien (Herder Spektrum) 1991. Zur Verweisstelle

[10] Kaufmann sieht darin ein Defizit nicht nur der wirtschaftsethischen Debatte, sondern der modernen Gesellschaftstheorie in Anschluss an Luhmann überhaupt. Welche Bedeutung den Individuen unter den Bedingungen hoher organisatorischer und gesellschaftlicher Komplexität zukommt, ist für Kaufmann eine außerhalb der Luhmannschen Gesellschaftstheorie liegende, offene Frage. Vgl. dazu F.X. KAUFMANN: Der Ruf nach Verantwortung, a.a.O., S.64f. Zur Verweisstelle

[11] Vgl. dazu H. STEINMANN / A. LÖHR: Grundlagen der Unternehmensethik. Stuttgart (Poeschel) 1991, S.167ff. Zur Verweisstelle

[12] Jede umfassende Güterabwägung, so Koslowski, erfordert, dass es ein unbedingtes Gut geben muss, das selbst nicht in den Abwägungsprozess eingeht. Furger betont, dass der Mensch als Person diesen Maßstab auch in theoretischer Hinsicht darstellt. Die menschliche Person in ihrer Würde müsse der Analyse wirtschaftlicher Prozesse auf ihre optimale Funktionalität als Kriterium vorausliegen. Vgl. dazu P. KOSLOWSKI: Prinzipien der Ethischen Ökonomie. Grundlegung der Wirtschaftsethik und der auf die Ökonomie bezogenen Ethik, Tübingen (J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)) 1988, S.136, 169; vgl. dazu F. FURGER: ,,Es geht nicht ohne ein ethisches Fundament", a.a.O. Zur Verweisstelle

[13] Vg1. dazu R. SPAEMANN: Personen. Versuche über den Unterschied zwischen "etwas" und "jemand", Stuttgart (Klett-Cotta) 1996. Zur Verweisstelle


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