Knowledge Base Unternehmensberatung Bickmann & Collegen
Dokument-Info:
Autor: Roland Bickmann
Quelle: Vortrag, Jahrestagung
Deutsche Public Relations-
Gesellschaft (DPRG),
3./4.11.1995, Heidelberg
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Multimedia ist mehr als Technik

Die Konsequenzen für Gesellschaft, Staat und Unternehmen

"Wir arbeiten in Strukturen von gestern, mit Methoden von heute, an Strategien von morgen - vorwiegend mit Menschen, die in den Kulturen von vorgestern die Strukturen von gestern gebaut haben und das Übermorgen innerhalb des Unternehmens nicht mehr erleben werden."

(Zitat nach Kurt Bleicher)

Ich habe Ihnen das Zitat nach Knut Bleicher aufgelegt, um zu verdeutlichen, welche weiteren Aspekte noch zu diskutieren wären. Vorweg eine Definition: Ich glaube das, über was wir reden, muss heißen: Multimedia + Data Highway = das Schlagwort der Informationsgesellschaft.

Wenn es aber um die Spannung einer gesellschaftlichen Veränderung geht, dann muss das Wort richtigerweise Kommunikationsgesellschaft heißen. lnformationsgesellschaft impliziert Passivität, in Wirklichkeit geht es aber um eine neue Qualität zwischenmenschlicher Kommunikation!

Stellen Sie sich vor, es ist Multimedia oder die Zeit der Informationsgesellschaft und keiner nutzt sie. Mein Eindruck ist, dass das Thema unglaublich heiß ist, wenn ich mir aber anschaue, was die herstellende Industrie uns heute an Werkzeugen liefert, welche Ergonomie diese haben, dann kann man bis dato nur von einer Zumutung sprechen. Wenn ich dies übersetze auf das Auto und die Ergonomie des Autofahrens, so wüsste ich morgens nie, ob mein Auto anspringt.

Die "Ist-Situation" - wenn man die Ergonomie dieser "ach so heißen Industrie" betrachtet, und sie ist ohne Frage heiß - ist dergestalt, dass die Anbieter noch eine ganze Menge dazulernen müssen, bis sie diejenige Akzeptanz erreichen, die nötig ist, um von einer Informationsgesellschaft zu sprechen. Ich denke hierbei auch an notwendige Standardisierungsprozesse oder an die Interoperabilität unterschiedlicher Komponenten.

Daher nochmals ein Hintergrund zu den multimedialen Industrien:

Ich möchte auf ein Problem hinweisen, weil wir so salopp von der unmittelbar bevorstehenden Informationsgesellschaft sprechen. Es sind nicht weniger als fünf Industrien, die sich unter dem neuen Schlagwort zusammenfinden müssen, um die Technologie der Informationsgesellschaft zu entwickeln.

Die Frage ist zu stellen, ob diese unternehmen, von ihrem eigenen Tun her gesehen, überhaupt fähig sind, diese Integration zu leisten. Es klingt ja sehr einfach, wenn z.B. die Deutsche Telekom mit Microsoft einen Vertrag abschließen und eine strategische Allianz begründen will.

Dass dabei ein interkulturelles Arbeiten notwendig wird, Unternehmenskultur-Synchronisation erforderlich ist und neue Identitäten gestaltet werden müssen, gerät außer Optik. Es sei die Frage gestattet: Ist das vollmundige Ankündigen der neuen Vision der Informationsgesellschaft und ihre Umsetzung von der Industrie überhaupt zu leisten?

Ich hatte in verschiedenen Gremien das Vergnügen, Firmenvertreter zu erleben, die ihre Sicht der Dinge entwickelten. Mein Fragezeichen wird immer größer, ob die Unternehmen inhaltlich und innerlich wirklich die Fähigkeit haben, die Informationsgesellschaft mit integrierten Produkten zu gestalten.

Die MedienstationIch möchte, wenn ich den gesellschaftlichen Fokus habe, uns das Leben ein bisschen einfacher machen. Ich darf das Wort der "Vision" aufgreifen und habe Ihnen die "voll integrierte Maschine" mitgebracht. Es ist hilfreich, sich ein solches System vorzustellen, wenn man über die Auswirkung der Kommunikationsgesellschaft nachdenkt. Dazu brauchen wir ein wenig Phantasie: Diese Maschine ist hochintegriert, es ist alles drin. Da ist die Stereo-Anlage, da ist das High-Definition-Fernsehen, ein Rechner, CD-Technologie und die Anlage ist natürlich angeschlossen an die Netzwerke dieser Welt.

Ein ganz bemerkenswertes Gerät ist zudem vorhanden, ein Fingerabdruck-Identifikationsgerät, eine persönliche "ID", die natürlich, wenn ich an politische Prozesse oder Kaufentscheidungen denke, eine hohe Bedeutung haben kann. Einige Probleme habe ich ignoriert, die heute noch nicht gelöst sind. Denken Sie an Video-Data-Compression oder an das Bildtelefon. Beide Features seien integriert.

Ich komme an den Anfang zurück. Ich bitte Sie, sich dieses Gerät als eine "Voice Driven Machine" vorzustellen. Sie ist sprachgesteuert. Mit der Sprachsteuerung und dem Bildtelefon ist ein entscheidender ergonomischer Sprung möglich.

Hochkomplexe Systeme wie mein Modell sind in einer breiten Anwendung nur dann denkbar, wenn sie von Anfang an ergonomisch gestaltet sind. Die Mensch-Maschine-Schnittstelle ist das entscheidende Nadelöhr für eine flächendeckende Anwendung interaktiver Systeme. Kein Mensch wird den Ausbau einer Technologie mit Geräten wie unseren Fembedienungen akzeptieren.

Bitte nehmen Sie dieses Gerät in Ihren Hinterkopf, stellen Sie sich vor, es sei etwas völlig Normales, wie der Fernseher es heute ist. National und International. Solche Geräte gibt es in den Schubladen der Hersteller, sie sind also nicht ganz so wirklichkeitsfern, wie es im ersten Augenblick scheint. An solchen Entwicklungen wird gearbeitet. Mit dieser Medienstation als Szenario schauen wir einmal in die Branchen, so wie sie sich heute darstellen. Es wird sehr schnell klar, was der Geschichte angehört und was Zukunft hat.

Wenn wir heute beispielsweise über 500 Fernsehkanäle reden, reden wir nicht von 500 ZDF's oder ARD's, sondern wir reden von hochspezialisierten Kanälen, und das Problem wird sich auf die Nachfrageseite verschieben: Wie wähle ich aus der Masse von Informationen aus! Da wird es einen persönlichen Piloten geben müssen, der dem Nutzer die Arbeit erleichtern wird.

Nehmen Sie den Bereich der Ausbildung: Schon heute ist es an den Universitäten so, dass bei realistischer Betrachtung ein Promovent heute mit den Informationen, die er an der Universität bekommt alleine nicht mehr in der Lage ist, eine zeitlich aktuelle Promotion zu schreiben. Die Quelle seiner Informationen kann nicht mehr allein der Ort der Ausbildung sein. Er oder sie muss, wenn es denn aktuell sein soll, auf Online-Dienste und Informationssysteme zurückgreifen - nur so ist eine ausreichende Qualität noch sicherzustellen.

Wenn es einfacher ist, Englisch zu lernen, indem sich ein junger Mensch über CompuServe oder Internet mit einem englischen Freund unterhält und auf diese Weise lernt. dann müssen wir die Frage stellen, wie unsere Ausbildungssysteme zu verändern sind, um die neuen Möglichkeiten zu integrieren. Denken Sie an die Größe der Aufgabe, wenn Sie das duale Ausbildungssystem oder gar die universitäre Ausbildung verändern wollen - verändern in ihrer grundsätzlichen Struktur.

Nur wenn die infrastrukturelle Veränderung erfolgt, sind die Voraussetzungen gegeben, die neuen Technologien wirtschaftlich zum Einsatz zu bringen. Aufgrund der Kürze meiner Vortragszeit kann ich - leider - nur andeutungsweise Veränderungslinien aufweisen. Details sind einer tieferen Diskussion vorbehalten.

Wer den Blick zurück wagt, ist den Blick nach vorne schuldig. Auch hier nur beispielhaft: Natürlich wird sich der "Point of Sale" verlagern. Er wird sich verlagern in die heimische Umgebung. Es gibt heute schon z.B. von Daimler Benz ein Pilotsystem, mit dessen Hilfe man interaktiv im virtuellen Raum ein Fahrzeug definieren kann. Im Dialog wird die Farbe blau oder grün ausgewählt, die Ausstattungsmerkmale können verändert werden. Vor meinem Auge entsteht das Cockpit des Fahrzeuges. Ich begebe mich auf Probefahrt. So spielerisch das wirkt und so spielerisch das heute ist, wenn Sie sich die Medienstation als Infrastruktur erneut vorstellen, dann bedeutet dies z.B., daß die Frage nach dem Point of Sale von Autos, und wir reden jetzt über Tausende von Autohändlern, grundsätzlich neu gestellt werden kann.

Ein weiteres Beispiel: Natürlich wird, wenn der Versandhausbereich durch "Home Shopping" zunehmen wird, dieser nicht im luftleeren Raum zunehmen, sondern andere Vertriebswege werden sich verändern. Angesichts der großen Investitionen ist es sinnvoll, sich schon heute über diese Entwicklung Gedanken zu machen.

Ein weiterer Punkt: Home Banking. Angenommen, signifikante Teile des Bankgeschäftes werden nicht mehr von den Filialen betreut. Bei dem Kostenvorteil des Online-Bankings ist dies wohl auch zu erwarten. Stellen Sie sich aber bitte einmal vor, dass die Banken, und Herr Endres, Vorstand der Deutschen Bank, hat in einer bemerkenswerten Rede gesagt, Banking sei ,"a Technology Driven Business", im Sinne der Bank 24 ihr Geschäft verändern.

Wenn dies die Zukunft ist, dann fallen die Banken als Investoren in den Innenstädten flach. Erhebliche Folgen für die Architektur und die Erhaltung von Baudenkmälern sind abzusehen. Es sind die Banken, die bevorzugt in die sogenannten besten Lagen gehen oder besser: gegangen sind.

Im Dienste der Zeit nur diese beiden Beispiele, um deutlich zu machen, was das Spannende an dieser Informationsgesellschaft ist, dass nämlich durch eine neue technische Infrastruktur der Kommunikation gewissermaßen über Nacht völlig neu, und zwar strukturell neu gedacht werden kann. Das hat positive, aber auch negative Seiten. Ich gehöre nicht zu den Hauptbedenkern der Informationsgesellschaft. Ich versuche nur zu verdeutlichen, dass es doch erheblicher Anstrengungen bedarf, um den Veränderungsprozess zu initiieren, der nötig ist, um die Realität der Informationsgesellschaft ohne harte Brüche zu erleben, und ich bin getragen von der Sorge, ob wir die Mentalität haben, diesen Veränderungsprozess zu gestalten. Zu oft hört man den Hinweis, dass es die nächste Generation sei, die die Informationsgesellschaft gestalten wird, und man selbst nicht davon betroffen ist.

Darum ein Blick, wiederum exemplarisch, in das, was wir in Deutschland erleben. Wir schauen alle mit Spannung nach Amerika, da ist alles "hip", schnell und "easy going".

Natürlich hat die Mentalität der Amerikaner Vorteile, wenn ich über Informationsgesellschaft nachdenke, weil sie einerseits den Technologien mental näher sind, aber was viel wichtiger ist: Sie sind bereit, ein "weniger" an Ergonomie zu akzeptieren. Wir, speziell in Deutschland, wollen es etwas ausgereifter haben, uns fehlt der spielerische Umgang, auch deswegen laufen wir der Entwicklung hinterher. Ich finde, durchaus mit einigem Recht - denken Sie an die Akzeptanzthematik - so hoch wie heute darf die Akzeptanz-Barriere nicht liegen.

Trotzdem sind wir natürlich das Volk der Dichter und Denker und natürlich auch diejenigen Leute, die sich eher schleppend auf Veränderungen einstellen. Dieses Verhalten können wir uns in diesem Falle nicht leisten. Denn Informations- oder Kommunikationsgesellschaft heißt: eine neue Weise der Kommunikation. Die Entwicklung wird oft verglichen mit der Einführung des Telefons - dann heißt dies, dass ein gesamtgesellschaftlicher Prozess stattfindet.

Stellen wir uns ein deutsches Unternehmen vor, dass z.B. Modelling von Autokarosserien betreibt. um 16.00 Uhr wird per Datenleitung das Datenmodell des Autos in die USA geschickt, nach acht Stunden Arbeit dort wird das Modell weiter nach Japan verschickt, um dort weiter bearbeitet zu werden. Am nächsten Tag kommt es zurück nach Deutschland. 24 Stunden Arbeit in 24 Stunden und nicht in drei mal 8 Stunden - also 3 Arbeitstagen. Für diesen Speed-Gewinn musste sich niemand schneller bewegen.

Die Möglichkeit dieses Speed-Gewinns hat kulturelles Lernen zur Voraussetzung, die Benutzung einer speziellen Technologie und die Fähigkeit interkulturellen Arbeitens zwischen Japanern, Amerikanern und Deutschen.

So locker das klingt, so schwierig ist das. Wer international Erfahrungen hat, weiß das. Die Amerikaner haben dieses Thema formuliert. Es ist die Vision von Bill Clinton und dem Vizepräsidenten AI Gore. Alle Aktivitäten sind im Grunde schon Folgen dieser Vision. Die Amerikaner haben damit ihren Weg in die Zukunft aufgezeigt. Es liegt an uns als Gesamtgesellschaft, diese Visionen aufzugreifen, sie zu unserer eigenen Vision zu machen oder uns mit einer ,,Follower-Rolle" abzufinden. Betrachten wir daher einige gesellschaftliche Werte:

Flexibilität Heute ist die Flexibilisierung von Prozessen eines der großen Themen in den Unternehmen. Der organisatorische Trend ist erkennbar: Kleinere Einheiten sind das Gebot der Stunde! Dies kann aber nicht nur für eine Unternehmensgruppe ABB gelten, dies muß als Organisationsprinzip aller Unternehmen verstanden werden. Nur so werden offensichtlich flexible kleine Einheiten erreichbar, die dann über Zusammenschlüsse und Kooperation bewältigt werden können.

Stabilität von Strukturen: Die Flexibilität kann nicht nur bei einzelnen Organisationen verharren, sie muß sich auf gesamte gesellschaftliche Strukturen erstrecken. Informationsgesellschaft heißt, dass wir allenfalls Richtungsstabilität im dynamischen Raum erreichen können. Das Paradigma einer stabilen Gesellschaft ist obsolet.

Ich halte es für gefährlich, einen so hoch verankerten gesellschaftlichen Wert wie das Paradigma der Stabilität einfach "laufen zu lassen". Wir brauchen eine Diskussion über die Frage, wie eine flexible Gesellschaft aussieht und welche Werte sie beinhaltet. Nur wenn wir das schaffen, haben wir eine Chance, die Informationsgesellschaft durch gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen.

Ich möchte nochmals den Fokus auf die Menschen richten. Kulturen und Gesellschaften sind am Ende nichts anderes als die Summe derjenigen Menschen, die davon betroffen sind. Nehmen Sie sich den Bereich der fachlichen Spezialisierung: Auf der Folie steht: ,,fachlich spezialisiert, zudem sozial kompetent". Wir leben in einem Land, wo immer noch die fachliche Qualität das Primat der Stunde ist. Menschen schotten sich ab und ruhen sich auf ihrer fachlichen Kompetenz aus.

Integration von Basistechnologiefeldern heißt auch Integration von Wissen. Wissen in den Köpfen der Menschen. Eine Fachlichkeit, die ohne die soziale Kompetenz des Miteinanders ausgestattet ist, verhindert die nötige Integration. Lassen Sie es mich anders ausdrücken: Wer multimediale Systeme will, muss es schaffen, dass AV-Spezialisten mit Telekom- und Computerspezialisten an einem Tisch sitzen, um über Integration zu sprechen und zu entscheiden.

Hinter jedem steht jedoch die Tradition einer ganzen Industrie, konkrete Geschäftspolitik, strategische Ziele - was immer. Ich möchte auf diese Probleme hinweisen, denn wir werden nur dann integrierte Systeme erleben, wenn es den Industrien gelingt, wirksam die unternehmenskulturelle Integration zu leisten. Dieser neue Sozialisiationsprozess verlangt neue Fähigkeiten:

· Phantasie,

· den Willen, mit sehr viel mehr Menschen eine Wertebasis zu suchen,

· die innere Fähigkeit, sich nicht auf ein formales, sondern ein soziales Netz zu stützen.

Sprechen wir über den Verlust gesellschaftlicher Normen: Wir haben groß und breit darüber diskutiert, was eigentlich Gesellschaft ist. Wenn Sie heute die Realität von "Networkern" betrachte und ich hoffe, Sie kennen Menschen. die schon heute netzwerkorientiert arbeiten, dann stellen Sie fest, dass diese anders sozialisiert sind.

Das heißt, die Sozialstation geht unter dem Blickwinkel der lnformationsgesellschaft neue Wege. Nicht mehr die regionale Anbindung eines Individuums ist allein ausschlaggehend, sondern das, was in den Köpfen der Menschen stattfindet. Die Imagination bildet soziale Strukturen. Und das in einem weltweiten Zusammenhang.

Erste Beispiele sind bereits heute erkennbar: Siemens entwickelt in Indien Software. Dies wird oft als leuchtendes Beispiel angeführt. Nehmen Sie es als Ausgangsüberlegung. Wenn wir ein weltweites Netz haben und die Möglichkeit, es gerade für mittelständische Unternehmen zu nutzen, dann bedeutet dies neue Marktchancen durch vereinfachten Zugang. Das heißt aber auch, dass der indische Softwareanbieter problemlos auf dem deutschen Markt anbieten kann. Die internationale Arbeitsteilung wird sehr rasch ein

neues Gesicht bekommen. Sie steht vor neuen Fragen. Dies jenseits staatlicher Zugriffe, weil im Netzwerk, im virtuellen Raum, diese Veränderung einfach stattfindet. Daher mein Fokus auf die Kultur der Unternehmen der Zukunft als einen Aspekt von Gesellschaft. Nehmen Sie es als Problemaufriss.

Heimarbeit, das wurde bereits angesprochen, weist einen weiteren Weg. Ich denke dabei nicht an das deutsche Beispiel IBM. Diese Firma hat 350 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen die Möglichkeit gegeben, auch von zu Hause aus zu arbeiten, und dafür einen Innovationspreis erhalten. Spannend wird Heimarbeit dann, wenn wir über Telekooperation nachdenken. Was ist nun eine Telekooperation?

In einer Telekooperation finden sich individuell arbeitende Menschen vorübergehend zu einem gemeinsamen Geschäftsgegenstand, zu einem temporären Unternehmen zusammen. Nach meiner Einschätzung ist ein Erfolg nur dann möglich, wenn diese Kooperation von einem gemeinsamen Werteprofil unterlegt wird. Die Realität eines virtuellen Unternehmens ist also eine Wertegemeinschaft in einem wirtschaftlichen Umfeld.

Sie als PR-Branche arbeiten ständig mit sogenannten Freien, Festen usw. Insofern sind Ihre eigenen Unternehmen schon heute "teilvirtuelle Unternehmen". Sie haben keine so feste Organisation, erreichen damit ein Höchstmaß an Flexibilität und können interessante Mitarbeiter (Free Lancer) für sich arbeiten lassen. Eine solche Organisation konsequent umgesetzt. ist m.E. das Konzept von virtuellen Unternehmen.

Sie haben keine feste Organisation, sie finden zusammen über Freiwilligkeit, Vertraglichkeit und den gemeinsamen Erfolg. Ihre Basis sind gemeinsame Werte. Damit kann man den Organisationsbegriff anders fassen. Diese neuen, virtuellen Organisationen sind für mich mit folgenden Worten zu beschreiben: hierarchiearm, werkvertraglich verbunden, hoch kommunikativ.

Gestatten Sie mir mir eine ironische Würdigung der heutigen Situation: Die Großunternehmen, so wie sie sich heute darstellen, haben eine Beispielfunktion. Seit Jahren herrscht hier der Trend unter der Überschrift: "Small is beautiful". Was bedeutet diese Strategie?

Diese Strategie ist ein Bekenntnis zu kleineren, überschaubaren Einheiten. ABB als leuchtendes Beispiel! Identifikation - Voraussetzung für individuelle Motivation - ist eben nur in kleineren, überschaubaren Organisationseinheiten möglich. Nichts anderes findet durch die Virtualisierung von Unternehmen statt. Größe, ein Paradigma der Vergangenheit, wird möglich durch temporäre Zusammenschlüsse dieser kleinen Unternehmen. So können sich diese zu einer beachtlichen Größe entwickeln. Wir unterstellen immer, Größe sei das Ergebnis von Erfolg und ergo sei Größe wünschenswert und richtig, auch dieses Vorurteil ist im Lichte der Informationsgesellschaft obsolet.

Interessant ist in Zukunft soziale Kompetenz, Geschwindigkeit, Organisationsfähigkeit, interkulturelles Lernen. Schlaglichtartig darum noch einmal, diesmal bezogen auf gesellschaftliche Phänomene: Wenn also die Informationsgesellschaft die Chance bietet zu einer neuen Dimension der Subsidiarität, der Dezentralität, dann heißt dies auch, dass jeder ein Stück weit mehr Verkäufer sein wird, dass exzellente Einzelkämpfer sich in Kooperation zusammenschließen, das heißt Einbringung in zeitweise bestehende Kulturen. Das ist eine Fähigkeit, die Originalität verlangt und damit Organisationen schafft, die Persönlichkeit, Kompetenz und Ausstrahlung haben.

Unternehmerische Prozesse laufen nicht isoliert von gesellschaftlichen Prozessen ab. Es muss daher in diesem Land eine Aufbruchstimmung erzeugt werden, die das Ende von Exkulpationen, allgemeiner Wehleidigkeit und Besitzstandsdenken bedeutet. Es ist eine Herausforderung, Selbstständigkeit als attraktiv zu betrachten und mit der Individualisierung aufzuhören, um die neuen Formen des Miteinanders zu suchen.

Ich möchte nochmals den Satz ,,Small is beautiful" betonen. Die Entwicklung zur Informationsgesellschaft ist die Entwicklung hin zu kleineren und kleinsten Lebens- und Arbeitseinheiten. Diese werden als Einzelkämpfer oder in Form kleinerer Unternehmen in Prozesse national und international eingebunden.

Wenn dies das Primat der Zukunft ist. dann müssen wir aufhören, das zu betrachten und zu analysieren, was eine Firma Siemens tut oder lässt. Diese großen Unternehmen sind nicht länger allein beispielgebend. Es ist sehr viel interessanter, was eine Firma ABB oder eine Firma Gore tut, nämlich die Zerschlagung eines Konzerns, was nichts anderes ist als ein klares Bekenntnis zu Philosophie "small is beautiful".

Mein vorletztes Bild macht noch einmal deutlich, wie viel Zeit wir haben. Eine Aussage von Bill Gates, eine sehr aktuelle Aussage, sie ist ungefähr vier Wochen alt: ,,Da Zeit zum Wettbewerbsfaktor Nr.1 geworden ist, muss man das Gras wachsen hören, um an der Spitze zu bleiben. Wer auf gesicherte Erkenntnis wartet, kann allenfalls noch mit anderen Zauderern um die Krümel streiten." Ein klares Bekenntnis zur Schnelligkeit der Entwicklung. Hier meint er sicher nicht die Frage, wann dem 486er ein 586er oder 686er folgen wird.

Hier geht es einmal mehr um das Phänomen kulturellen Lernens, des Lernens einer ganzen Volkswirtschaft, mit dieser Technologie umzugehen. Denn wenn wir es nicht lernen, was passiert dann? Ich habe Ihnen ein Beispiel gebracht von dem Softwareentwick1er, der weltweit arbeitet. Wenn wir es nicht lernen, dann werden diejenigen Volkswirtschaften das Rennen machen, die es eben gelernt haben, weil sie Geschwindigkeitsvorteile haben. Was passiert mit Geschwindigkeitsgewinn, was sind Geschwindigkeitsgewinne am Ende? Es sind Preisvorteile.

So haben wir zwei Möglichkeiten:

1. Die eine Möglichkeit ist, uns darüber Gedanken zu machen, ob wir mitmachen wollen oder nicht. Dann werden wir uns in fünf bis sieben Jahren über die unglaubliche Blüte der amerikanischen Volkswirtschaft unterhalten mit der Frage, was wir dagegen tun können. Oder wir entscheiden uns,

2. diesen Prozess mitzugestalten, mit dabei zu sein. Man kommt sich vor wie bei der Kirmes, weil man die Notwendigkeit der Veränderung wie Sauerbier anbieten muss.

Daher abschließend meine Folie. Unsere Gesellschaft und ihre großen Säulen: Politik, Wirtschaft, unsere kulturelle Identität, unsere soziale Sicherheit. Vielleicht eine Randbemerkung dazu: Wir haben heute in der Bundesrepublik Deutschland etwa 3 Millionen Selbständige. Auf diesen 3 Millionen Selbständigen und entsprechend Nichtselbständigen basiert das soziale System. Stellen Sie sich vor, dass statt 3 nur 6 Millionen hier selbständig arbeiten. Diese haben eine private Altersversorgung, eine eigene Krankenversicherung!

Und darum auch meine außerirdischen Geschosse: Data Highway, Multimedia, Informationsgesellschaft, Global Village. Ich habe den Eindruck, dass wir in Deutschland eher in die Sonne schauen und nicht merken, welche außerirdischen Geschosse uns hier erreichen.

Ich glaube, dass es nicht an der Technologie liegt. Sie wird kommen, und ich hoffe, dass sie hinsichtlich dessen, was ich sagte - Ergonomie als Voraussetzung von Akzeptanz - noch erheblich und substantiell zulegen wird. Aber die entscheidende Barrieren, wenn wir über Kommunikationsgesellschaft reden, ist der Faktor "gesellschaftliche Entwicklung".

Das heißt, sind wir bereit, von den Paradigmen der Vergangenheit wie Größe, Inflexibilität, Stabilität, alles was ich nannte, Abschied zu nehmen im Sinne von Originalität, Beweglichkeit und interkulturellem Arbeiten? Können wir das? Wollen wir das? Sind wir dazu noch fähig? Oder verlieren wir auf diese Weise durch fehlendes kulturelles Lernen den Anschluss an eine Entwicklung, die nach meiner Einschätzung nicht aufzuhalten ist?

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.


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