Knowledge Base Unternehmensberatung Bickmann & Collegen
Dokument-Info:
Autorin: Dr. Annette Kleinfeld
Quelle: Vortrag 10.02.1999,
6. Treffen d. deutschen EFQM-Mitglieder bei Fa. HARTING, Espelkamp
 
Themenverwandtes:
Das ethisch integrierte Managementsystem
Persona Oeconomica
Die Rolle der Corporate Ethics
Unternehmensethik und Globalisierung
CI-Gestaltung und Managementsysteme
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EFQM und das wertorientierte Unternehmen

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  • Werte - Versuch einer Definition
  • Werte und soziale Systeme
  • Ethische Werte
  • Warum brauchen Unternehmen Ethik?
  • Qualität als Wertorientierung
  • Business Excellence durch ethische Orientierung

 

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Manuskript

Einleitung

Warum lässt man auf einer Tagung für EFQM eine Philosophin sprechen, die sich auf Fragen ethischer Unternehmensführung spezialisiert hat? Und warum lässt man sie über "das wertorientierte Unternehmen" sprechen? Gibt es denn jenseits des vielzitierten "shareholder value" noch irgendwelche anderen Werte, am Ende gar ethische Werte, die unter heutigen Bedingungen einen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten können – einen Beitrag zur Business Excellence, wie sie im Rahmen des EFQM-Modells angestrebt wird? Was haben Wertorientierungen im allgemeinen, Ethik im besonderen mit Total Quality Management zu tun?

Bevor ich auf diese Fragen im einzelnen eingehe, möchte ich Ihnen meine Antwort zunächst anhand eines Bildes veranschaulichen.

Nehmen wir mal an, jemand würde von Hannover nach Frankfurt fahren wollen und befindet sich plötzlich – warum, sei einstweilen mal dahingestellt – auf der A 7 Richtung Hamburg. Anstatt aber an der nächsten Ausfahrt rauszufahren und umzudrehen, fährt er einfach weiter, vielleicht, weil er es gar nicht merkt, vielleicht, weil er es nicht wahrhaben will, weil er sich so darüber freut, dass es auf dieser Strecke keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt, kaum Baustellen, keinen Stau und er endlich mal sein neues Auto ausfahren kann. Als er merkt, dass etwas nicht stimmt, erhöht er die Geschwindigkeit. Um aber auf Nummer sicher zu gehen, dass mit seinem neuen Auto auch alles in Ordnung ist, hält er an jeder Raststätte, tankt, prüft den Reifendruck, kontrolliert den Ölstand und das Frostschutzmittel im Scheibenwischwasser.

Ein ziemlich absurdes Verhalten würde man vermutlich dazu sagen. Wer tut so was?

Ich finde, es ist ein ziemlich treffender Vergleich für das Verhalten mancher Menschen, aber auch mancher Institutionen oder Systeme, denen ihre übergeordnete Orientierung verloren gegangen ist und die diesen Verlust entweder nicht erkennen können oder nicht einsehen wollen.

Ethik beschäftigt sich von jeher mit eben diesen übergeordneten Orientierungen, mit der Frage, an welchen Prinzipien, Normen und Werten der Mensch sich ausrichten soll, um lebenspraktisch vernünftig zu handeln und zu interagieren, aber auch mit der Frage nach den höchsten Werten und letzten Zielen, nach dem "Umwillen" menschlicher Existenz wie es Aristoteles formuliert hat, d.h. nach dem, worum es uns bei all unseren Aktivitäten letztlich geht und um dessentwillen wir alles andere tun. Sinnvoll und lebenspraktisch vernünftig wird menschliches Handeln durch die Rückbindung an eben diese übergeordnete Orientierung, ethisch gerechtfertigt ist es dann, wenn es dieses Kriterium erfüllt.

Analog dazu befasst sich Wirtschafts- und Unternehmensethik mit den entsprechenden Fragen in einem ökonomischen, unternehmerischen Kontext.

Denn mit steigender Komplexität der äußeren Verhältnisse im Verlauf dieses zu Ende gehenden Jahrhunderts, insbesondere im Übergang von der nationalen Industrie- zur globalen Informationsgesellschaft scheinen die wichtigsten Akteure und Gestalter menschlicher Realität nicht mehr primär handelnde Individuen zu sein, sondern sekundär handelnde Institutionen und Organisationen, allem voran Unternehmen und ihre Repräsentanten. Zusätzlich zur Frage nach der persönlichen Verantwortung jedes einzelnen – wohlgemerkt zusätzlich und nicht stattdessen – ist damit sowohl in der wissenschaftlichen Diskussion als auch im öffentlichen Bewusstsein die Frage nach der Verantwortung von Unternehmen ins Blickfeld gerückt und damit zugleich Fragen, die klassischerweise Gegenstand einer philosophischen Ethik sind: die Frage nach ihren leitenden Werten und Handlungsorientierungen.

Das "wertorientierte Unternehmen" - so lässt sich an dieser Stelle bereits festhalten – hat insofern eine ethische Dimension als es sich diesen Fragen explizit stellt, darüber reflektiert und sich zu bestimmten Werten bekennt – im Idealfall auch danach lebt.

Gegenstand ethischer Reflexion ist aber darüber hinaus auch die Frage, nach welchen Werten der einzelne bzw. ein Unternehmen sich ausrichten sollte. Und da wird es dann erst so richtig ethisch, weil normativ. Normative Fragen wurden aber über eine lange Zeit hinweg von der ökonomischen Theorie und Praxis explizit vernachlässigt, im ersteren Fall, weil man insbesondere während der Neoklassik dem positivistischen Wissenschaftsideal einer wertfreien Wissenschaft zu entsprechen versuchte, im letzteren Fall, weil man – Adam Smith verkürzend – davon ausging, dass es der Markt schon richten wird, sprich egoistische Nutzenmaximierung in gemeinwohlförderliche Aktivitäten transformieren. Die Fülle an Fällen von Marktversagen während der letzten Jahrzehnte – angefangen bei Umweltschäden über psycho-soziale Kosten bei den Akteuren selbst bis hin zu volks- und betriebswirtschaftlichen Kosten durch Wirtschaftskriminalität aller Art - dürfte uns in dieser Hinsicht eigentlich inzwischen eines Besseren belehrt haben.

Betrachtet man allerdings die Praxis, dann zeichnet sich während der letzten paar Jahre – tatsächlich bedingt oder nur entschuldigt – durch neue ökonomische Sachzwänge im Zuge der Globalisierung und Internationalisierung der Märkte eher eine gegenteilige Tendenz ab. Wertorientierung ja – aber ist es diejenige, die mit den oben erwähnten übergeordneten Orientierungen menschlicher Existenz und damit mit ethischen Werten im eigentlichen Sinn kompatibel ist? Genügt sie dem Kriterium lebenspraktisch vernünftigen Handelns? Oder unterstützt sie nicht gerade die Tendenz zum kompensatorischen Geschwindigkeitsrausch anstelle der eigentlich gebotenen selbstkritischen Frage: Wohin fahren wir eigentlich?

Ich möchte im Folgenden zu zeigen versuchen, warum ethische Reflexion und die Orientierung an einer entsprechenden Kategorie von Werten für soziale Systeme allgemein, für Unternehmen im besonderen unverzichtbar ist. Ich versuche darüber hinaus zu zeigen, dass die entsprechenden Orientierungen auch oder besser gesagt gerade unter den aktuellen Bedingungen Voraussetzung für nachhaltigen unternehmerischen Erfolg sind und damit die notwendige Grundlage dessen, was das EFQM-Modell eigentlich intendiert: Business Excellence und Qualität in einem umfassenden, ganzheitlichen Sinn.

1. Werte – Versuch einer Definition

Um die Frage nach der adäquaten Wertorientierung von Unternehmen beantworten zu können, müssen wir uns zunächst der Frage widmen, was Werte überhaupt sind.

Folie 1:

Ein Wert ist die Vorstellung von etwas, das

  1. begehrt, erstrebt, respektiert, bewundert oder verehrt wird;
  2. innerhalb eines sozialen Systems (Familie, Gesellschaft, Nation, Kulturkreis) allgemeine Anerkennung erlangt hat.

Im Unterschied etwa zu einer Einstellung, die aus mehreren Überzeugungen besteht und auf spezifische Objekte oder Situationen bezogen ist, stellt eine Wert eine Überzeugung dar, die Handlungen und Urteile über eine konkrete Situation hinaus beeinflusst. Werte sind somit jenseits von unmittelbaren Zielen im Hinblick auf die eigentlichen Endziele menschlicher Existenz relevant.

Diese Definition gilt jedoch nicht für alle Werte gleichermaßen. Es gibt verschiedene Typen und Kategorien von Werten mit unterschiedlichen Eigenschaften.

Ein wesentliches Differenzierungskriterium basiert auf der Frage, ob der betreffende Wert lediglich als Qualitätsmerkmal von einem Ding oder einer Handlung existiert, oder ob bestimmte Dinge und Handlungen in sich selbst Werte sind, d.h. einen mehr oder weniger relativen oder absoluten Status haben. Vor diesem Hintergrund lassen sich Werte folgendermaßen unterscheiden:

Folie 2

Materielle Werte

  • besitzen einen bloß relativen Wert im Hinblick auf höhere Werte oder als Mittel zur Erreichung übergeordneter Ziele / Befriedigung menschlicher Bedürfnisse
  • ihre Wertqualität leitet sich aus ihrem Bezug auf höhere Werte ab

Beispiele: Besitz, Reichtum,

schöne Autos, architektonisch gelungene Gebäude

Die beiden letzteren wären etwa Beispiele für materielle Güter, die zusätzlich zu ihrem Gebrauchswert über einen Wert verfügen, der sich aus ihrem Beitrag zu kulturellen Werten wie Ästhetik, Schönheit, Kunst ergibt.

Folie 3:

Ideelle Werte

  • sind Werte an sich mit einer eigenen intrinsischen Wertqualität
  • sie können sowohl um ihrer selbst willen erstrebt oder respektiert werden als auch der Erreichung anderer Ziele oder höherer Güter dienen

Beispiele: Wissen, Kunst, Religion, Freundschaft, Schönheit, Tugenden

Der Unterschied zwischen diesen beiden Kategorien lässt sich folgendermaßen verdeutlichen: Geld oder Besitz können z.B. als Werte betrachtet werden, weil sie einen Beitrag zu dem übergeordneten Ziel menschlicher Selbstverwirklichung leisten.

Das Gleiche gilt beispielsweise auch für Kunst, Wissenschaft oder Liebe. Während jedoch erstere bloße Mittel dafür sind, stellen letztere selbst Formen menschlicher Selbstverwirklichung dar. Als solche sind sie zugleich Werte an sich.

Neben kulturellen, religiösen, ästhetischen, geistigen oder moralischen Werten gibt es noch eine weitere Kategorie ideeller Werte, die jedoch über einen besonderen Status verfügen: die sogenannten "Güterwerte".

Folie 4:

Güterwerte

  • beschreiben höchste Güter oder letzte Ziele menschlicher Existenz, auf die der Mensch von Natur aus ausgerichtet ist bzw. die er anstrebt
  • dienen als Maßstab zur Begründung ethischer Werte, Normen und Prinzipien und zur Bewertung bestehender Wertorientierungen und Handlungen als ethisch, d.h. moralisch gerechtfertigt, oder nicht

Höchste Güter: Freiheit, menschliche Würde, Liebe, Gerechtigkeit; Letzte Ziele: z.B. Glück, Wohlstand, Weisheit, erfülltes Leben, Selbstentfaltung

 

2. Werte und soziale Systeme

Werte sind ein integraler Bestandteil sozialer Systeme aller Art, sofern diese von Menschen konstituiert werden. Warum?

 

Folie 5: Die menschliche Person ist ein genuin werthaftes, wertbezogenes Wesen in dreifacher Hinsicht:

  1. aufgrund ihres spezifischen Vermögens der Vernunft und der damit verbundenen Freiheit zur Selbstbestimmung und moralischen Reflexion (Autonomie) ist sie selbst Träger des höchsten Wertes, des Wertes aller Werte: der menschlichen Würde;
  2. aufgrund ihres existenziellen Verlangens nach Werten, die ihr Orientierung, Halt und Sinnerleben vermitteln;
  3. als Schöpferin von Werten respektive einer wertorientierten Wirklichkeit:
  • indem sie wertvolle Güter (materielle Werte) herstellt oder kreiert;
  • indem sie ideelle Werte und Güterwerte als übergeordnete Orientierungen anerkennt und ihr Handeln und Entscheiden daran ausrichtet, d.h. aufgrund ihrer Fähigkeit, wertbewusst und wertorientiert zu leben.

Werte existieren und gestalten Wirklichkeit vermittelt durch das Handeln menschlicher Personen. Nur indem Personen sich an ihnen orientieren, können Werte in sozialen Systemen zur Geltung kommen. So gesehen haben alle Werte einen bloß relativen Status. Trotzdem gibt es höchste Werte mit einem absoluten, unbedingten Geltungsanspruch.

Worin diese letzten, übergeordneten Wertorientierungen bestehen und wie sie sich begründen lassen, darüber haben sich Dichter, Denker und Philosophen zu allen Zeiten immer wieder Gedanken gemacht. Die antike und die mittelalterliche Philosophie hat darauf noch sehr klare, konkrete Antworten gegeben. In der Neuzeit, vor allem im Historismus des 19. Jhd. wuchs die Skepsis, darüber allgemeinverbindliche, überzeitlich gültige Aussagen machen zu können. Spätestens heute, angesichts des Aufeinanderprallens verschiedener Kulturen und Religionen mit jeweils unterschiedlichen Welt- und Menschenbildern, scheint die Möglichkeit einer wahren, universal gültigen Bestimmung verschwunden zu sein.

Woran wir im abendländisch geprägten Westen jedoch seit der Aufklärung festhalten, ist die Einsicht, dass jedes einzelne menschliche Individuum aufgrund seiner Autonomie dazu befähigt ist, sich selbst eine solche Orientierung zu geben. Und was sich seit Platon nicht geändert hat, ist die Tatsache, dass der Mensch ein natürliches Bedürfnis nach Sinnerleben hat, dass er sein Handeln an einem höchsten Wert und einer wie auch immer bestimmten Idee des Guten implizit oder explizit ausrichtet. Durch die Erkenntnisse der modernen Kulturwissenschaften wissen wir darüber hinaus, dass es eben diese Wertorientierungen sind, die soziale Systeme konstituieren und menschliche Gemeinschaften als solche auszeichnen.

Geteilte Werthaltungen, gemeinsame Antworten auf die Frage nach dem Guten, nach dem letzten Ziel menschlicher Existenz, bilden die Schnittstellen zwischen dem einzelnen und der Familie, der Gesellschaft, einer Nation, aber auch zwischen dem einzelnen und dem Unternehmen, dem er angehört.

Gemeinsame Werte sind somit nicht nur die Grundlage, auf der sich menschliche Lebensgemeinschaften und Kulturkreise, sondern auch menschliche Arbeitsgemeinschaften und Unternehmenskulturen herausbilden, ihren Zusammenhalt und ihre kollektiv handlungsleitenden Orientierungen gewinnen.

Folie 6:

Werte haben also für soziale Systeme eine dreifache Bedeutung:

  1. eine normative Funktion für das Handeln und Verhalten ihrer Mitglieder;
  2. eine konstitutive Funktion für die Herausbildung einer eigenen kulturellen Identität;
  3. eine integrative, gemeinschaftsstiftende Funktion.

Die Frage ist nun, ob alle der o.g. verschiedenen Wertarten gleichermaßen dazu geeignet sind, diese Funktionen zu erfüllen.

 

3. Die Wertehierarchie Max Schelers

Der philosophische Anthropologe und Ethiker Max Scheler entwickelte ihm Rahmen seiner sog. Materiale Wertethik zu Beginn dieses Jhd. eine Wertehierarchie.

Darin unterschiedet er vier verschiedene Kategorien von Wertqualitäten oder Wertrangstufen, u.a. nach ihrer jeweiligen gemeinschaftsstiftenden Kraft.

Folie  7: "Wertehierarchie"

Vor dem Hintergrund dieses Modells lässt sich folgendes festhalten: Zusätzlich zu der o.g. Unterscheidung lassen sich Werte auch nach ihrem Grad an Objektivität, an allgemeiner Akzeptanz und Teilbarkeit unterscheiden, d.h. danach, ob sie eher individueller, privater Art oder mehr oder weniger öffentliche Güter sind.

Zusammengehörigkeitsgefühl, Loyalität, Solidarität und Sinnerleben werden nur von Werten der letzteren Art, d.h. von Werten der 3. und 4. Wertrangstufe gestiftet, oder von Wertorientierungen, die an Werte dieser Stufe rückgebunden sind. Werte von der Wertart des Angenehmen und Nützlichen (Stufe 1 und 2) hingegen verfügen – wie die o.g. materiellen Werte – über einen bloß relativen und eher subjektiven Wert. Als solche können sie keine allgemeinverbindlichen Orientierungen vorgeben.

Auch ideelle Werte der 3. Wertrangstufe können jedoch einen bloß relativen Status haben, sofern sie nur in bestimmten kulturellen, religiösen oder spezifischen Gruppenkontexten akzeptiert werden.

Die größte integrative Kraft haben daher jene Werte, die einen berechtigten, d.h. begründeten Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben oder Normen und Prinzipien, die auf deren Verwirklichung zielen. Bei begründeten Orientierungen dieser Art handelt es sich um ethische Werte und Prinzipien im eigentlichen Sinn.

 

4. Der besondere Status ethischer Werte - Folie 8:

Ethische Werte verfügen über die stärkste integrative Kraft innerhalb sozialer Systeme:

  • weil sie aus Güterwerten abgeleitet werden
  • weil sie universale Gültigkeit beanspruchen
  • weil sie damit den höchsten Grad an Objektivität besitzen

Vorstellungen über das Gute und moralisch Richtige können von Kulturkreis zu Kulturkreis bzw. von Sub-Kultur zu Sub-Kultur deutlich differieren.

Die zentrale Aufgabe von Ethik besteht daher darin, Prinzipien, Normen und Regeln mit einem berechtigten Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit aufzustellen, die als solche von allen Menschen respektiert werden können, aber auch respektiert werden sollen. Dazu gilt es, konsensfähige Argumente und gute Gründe für ihre Einhaltung zu finden, üblicherweise indem man auf das rekurriert, was alle Menschen miteinander verbindet: ihr Mensch-Sein, ihre Personalität und die damit verbundenen bzw. daraus ableitbaren höchsten Werte wie Freiheit und Würde. In einem zweiten Schritt werden diese Werte in konkrete Normen und handlungsleitende Prinzipien oder aber in untergeordnete Wertorientierungen übersetzt, die zusammen das ausmachen, was man als ethische Standards bezeichnet. Ethische Reflexion beinhaltet aber auch, herrschende Wertvorstellungen und Verhaltensstandards innerhalb sozialer Systeme zu identifizieren und auf ihre Kompatibilität mit diesen begründeten moralischen Werten und Normen zu überprüfen.

Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen:

Eines der wichtigsten und zugleich elementarsten ethischen Prinzipien, das sich aus dem höchsten Wert menschlicher Würde ableiten lässt, ist die Forderung wechselseitiger Anerkennung und Respektierung der Person – ein Prinzip übrigens, das nicht nur die bekannteste Version des kategorischen Imperativ Kants darstellt, sondern das – als Goldene Regel etwa – auch in vielen Weltreligionen (z.B. im Christentum, Buddhismus, Konfuzianismus) verwurzelt ist. Somit erweist es sich sowohl als ethisches wie auch als kulturelles und religiöses Universalprinzip.

Im täglichen Handeln umgesetzt und zur Geltung gebracht wird dieses Prinzip wiederum durch die Einhaltung bzw. Orientierung an bestimmten Verhaltensstandards und Werten, die als solche selbst ethischer Art sind und einen berechtigten Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit erheben, z.B.: Fairness, Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Höflichkeit, Partnerschaftlichkeit, Toleranz, Vertrauen.

Es liegt auf der Hand, dass im Kontext der Globalisierung dieser berechtigte Anspruch auf Allgemeingültigkeit handlungsleitender Orientierungen an Bedeutung gewinnt:

denn Allgemeingültigkeit impliziert globale Gültigkeit. Vor allem für Firmen, die transnational tätig sind oder mit multikulturellen Teams arbeiten, wird das Bemühen um eine gemeinsame Wertebasis immer wichtiger, gleichzeitig aber auch immer schwieriger. Ethischen Wertorientierungen kommt somit u.a. eine Schlüsselrolle für ein gelingendes interkulturelles Management zu.

Ethische Werte und ethisch reflektiertes Handeln kommen aber nur dann und nur dort zur Geltung, wo man sie auch zur Geltung kommen lässt, d.h. wo die entsprechenden Rahmenbedingungen gegeben sind.

Denn einerseits werden Werte von Menschen gesetzt, prägen soziale Systeme und konstituieren deren Kulturen. Andererseits prägen aber soziale Systeme und ihre Kulturen auch die Menschen, die in ihnen leben. Kinder bekommen bestimmte Werthaltungen durch den sozialen Kontext vermittelt, in dem sie aufwachsen: durch Familie, Kindergarten, Schule und Freunde. Und diese Prägungen sind zunächst, in manchen Fällen auch für immer die entscheidenden.

Die Fähigkeit zur Autonomie und ethischen Selbstbestimmung – das Vermögen positiver Freiheit wie Kant sagt – braucht Raum und Unterstützung, um sich entfalten zu können. Wo soziale Systeme starre Strukturen aufweisen, die es ihren Mitgliedern nicht erlauben, ihre Autonomie zu entfalten, entwickeln sie eine Eigendynamik, die dazu führt, dass nicht mehr der Mensch Herr des Systems ist, sondern umgekehrt das System den Menschen dominiert. Das System Wirtschaft und seine Subsysteme – die Unternehmen – sind Kandidaten für dominante Strukturen dieser Art. Das Ergebnis: Kolonialisierung der Lebenswelten durch das ökonomische Denken – wie es Habermas in den 70-iger Jahren formuliert hat -, Rückkehr zur (vermeintlich) unverschuldeten Unmündigkeit auf der einen Seite, Rückzug auf ökonomische Sachzwangargumente auf der anderen: "die Verhältnisse sind eben so". Fatal wird das Ganze dann, wenn eben diese Verhältnisse es erforderlich machen, dass sich die starren Strukturen ändern, wenn plötzlich die Subsysteme "Unternehmen" im Dienste des Systems "Weltwirtschaft" zur Anpassung und Veränderung genötigt sind.

Und mit einem Mal besinnt man sich wieder auf den Faktor, der letztendlich entscheidend ist für jede Art von Veränderung – auch für die Veränderung dominanter Systemstrukturen: auf den Menschen und sein Vermögen der Freiheit. Change-Management – darin sind sich heute alle einig – kann nicht an denen vorbei delegiert und diktiert werden, von denen Unternehmen konstituiert werden: an ihren Mitarbeitern und Führungskräften.

 

5. Warum brauchen Unternehmen ethische Wertorientierungen?

Die Frage, warum Unternehmen ethische Werte brauchen lässt sich vor diesem Hintergrund folgendermaßen beantworten bzw. zusammenfassen:

Folie 9:

  • weil sie soziale Systeme sind, d.h. von Menschen konstituiert werden;
  • weil der Mensch und seine spezifischen Potentiale in wachsendem Maße zum unternehmerischen Erfolgs- und Wettbewerbsfaktor wird;
  • weil der Mensch ein wertbezogenes, werthaftes Wesen ist und als solches sowohl Subjekt als auch Gegenüber moralischen Handelns;
  • weil die Orientierung an materiellen Werten nicht ausreicht, um Zusammenhalt, team-spirit, Sinnerleben und Vertrauen zu schaffen;
  • weil Unternehmen nicht in einem wertneutralen Raum existieren, sondern von anderen sozialen Systemen umgeben sind, die für sie zum Gegenüber ethischer Verpflichtungen und sozialer Mit-Verantwortung werden;

Der Nutzen von Ethik für ein Unternehmen lässt sich nur schwer in Zahlen ausdrücken. Die Kosten, die ein Mangel an entsprechenden Orientierungen verursacht, schon eher. Aber der eigentliche Gewinn, der über diese Kostenreduktion hinausgeht lässt sich durch den Code einer rein betriebswirtschaftlich-kalkulatorischen Vernunft nicht adäquat erfassen.

Denn Ethik hat 2 Dimensionen: einen gesellschaftlich-funktionalen und einen anthropologisch-intrinsischen Wert für den Menschen als solchen.

Solange Unternehmen nicht zu 100% computergesteuerte, sondern soziale Systeme sind, ist Ethik somit auch aufgrund dieser letzteren Dimension für sie relevant: als notwendige Bedingung zur Erhaltung und Optimierung ihrer Vitalität. Das Bemühen um die Verwirklichung ethischer Orientierungen in einem Unternehmen ließe sich also als eine Art Gesundheitsvorsorge interpretieren. (Wäre ich Feministin, dann würde ich jetzt sagen, dass Ethik wohl erst dann eine Chance in Unternehmen hat, wenn diese zu 100% von Frauen geleitet werden, da Männer bekanntlich erst dann zur "Vorsorge" gehen, wenn sie ernsthaft krank sind. Aber ich bin weder Feministin noch glaube ich, dass das Gros deutscher Topmanager und Vorstände ihr Sprach- und Denkvermögen auf den Code von Kennzahlen reduziert haben. Würde ich davon ausgehen, stünde ich heute nicht hier.)

Folie 10:

  • Unternehmen brauchen Ethik, weil gerade unter globalen, multikulturellen Bedingungen bestimmte moralische Verhaltensstandards nicht mehr als allgemeinverbindlich vorausgesetzt werden können.

Mir geht es um die Einsicht, dass wir alle, nicht nur jeder einzelne Bürger, sondern auch Unternehmen und ihre Repräsentanten proaktiv und aktiv in dieses gesundheitsrelevante Gut "Ethik" investieren müssen. Denn während es auf der einen Seite aus den o.g. Gründen in wachsendem Maße unternehmerisch relevant wird, kann es auf der anderen Seite gerade unter multikulturellen Bedingungen, verstärkt durch den vielzitierten Wertewandel auf gesellschaftlicher Ebene nicht mehr einfach stillschweigend vorausgesetzt werden.

Folgt man den Analysen der wirtschafts- und unternehmensethischen Diskussion der letzten Jahre, dann sind für die vielerorts diagnostizierte Erosion der Individualmoral, und tradierter moralischer Wertestandards in den westlichen Industriegesellschaften, nicht nur Individualisierung, Säkularisation, materieller Wohlstand und kultureller Pluralismus verantwortlich, sondern auch die erwähnte Kolonialisierung der Lebenswelten durch eine von aller ethischen Reflexion gereinigte, wertfreie ökonomische Vernunft. Deren reduktionistische Konzeption ist somit in doppelter Hinsicht problematisch: zum einen, weil der Mensch, wie wir gesehen hatten, von den herrschenden Wertvorstellungen seines täglichen Umfelds mehr oder weniger stark geprägt wird, zum anderen, weil viele Manager vor diesem Hintergrund meinen, ethische Überlegungen aus ihrem Firmenalltag nicht nur ausklammern zu können, sondern sogar ausklammern zu müssen.

Und wo die Bestimmung der sozialen Verantwortung des Unternehmens – im Rahmen des shareholder value-Konzepts neuerdings wieder öfter denn je – unter Bezug auf Milton Friedman darauf reduziert wird, Profit zu maximieren, ist das ja auch nur die logische Konsequenz. Dabei wird jedoch zweierlei übersehen:

  1. Die Wertsteigerung von Unternehmen als sozialen Systemen in einem ganzheitlichen Sinn umfasst mehr als kurzfristige Renditeerhöhungen;
  2. Auch rein monetäre Gewinnmaximierung ist an bestimmte Rahmenbedingungen und Voraussetzungen gebunden.

Für ein effizientes und produktives Funktionieren von sozialen Systemen sind Faktoren notwendig, die über eine rein kalkulatorische Vernunft hinausgehen, kann auf die normative Logik der Zwischenmenschlichkeit - auf praktische Vernunft im philosophischen Sinn - nicht verzichtet werden.

Und wer sich zur Untermauerung der Friedmannschen Position oder der Haltung, dass Moral in ökonomischen Kontexten nichts zu suchen habe, auf Adam Smith und die berühmte unsichtbare Hand des Marktes beruft, vergisst, dass der Ur-Vater der modernen Marktwirtschaft von Haus aus Moralphilosoph war. Bevor er sein bahnbrechendes Werk "An Inquiry into the Wealth of Nations" schrieb, verfasste er eine Ethik: "A Theory of Moral Sentiments". Und diese Prioritätensetzung in seinem Schaffen wird letztlich auch von seiner Theorie wiedergespiegelt. Smith hat nämlich sehr deutlich hervorgehoben, dass das Wunder des Marktmechanismus nur auf der Basis einer intakten Gesellschaftsordnung funktioniert: in einem "natürlichen System der menschlichen Freiheit", das auf den Säulen Staat, Gesetz und einem ethischen Grundkonsens der Gesellschaft ruht.

Wo diese Rahmenbedingungen gegeben sind – aber eben nur dann – sind die Akteure am Markt davon entlastet und können sich ganz auf die Verfolgung individueller wirtschaftlicher Interessen konzentrieren. Was Adam Smith vor über 2 Jhd. nicht voraussehen konnte, ist das Phänomen, dass die wachsende Dominanz des Wirtschaftssystems umgekehrt zu einer Ökonomisierung des gesellschaftlichen und politischen Bereichs führen würde und dass die Wirtschaftsakteure am Ende des 20. Jhd. auf einem globalen Markt ohne Recht und Rahmenordnung im Weltmaßstab geschweige denn ohne einen international verbindlichen ethischen Kodex agieren würden.

Angesichts dieser gegenwärtigen Situation gewinnt die Forderung, wirtschaftliches Handeln ethisch zu orientieren, somit eine zusätzliche Legitimation und Dringlichkeit.

5. Qualität und Wertorientierung

Was haben nun Qualität und Wertorientierung bzw. ethische Werte miteinander zu tun?

Folie 11

Der Begriff Qualität – von lat. qualitas – steht zunächst nur für die Beschaffenheit von etwas und sagt per se nichts darüber aus, ob diese Beschaffenheit gut oder schlecht ist. Auch schlechte Qualität kann gemanagt werden – vielleicht besteht darin sogar die anspruchsvollere Managementaufgabe. Zu einer positiven Wertorientierung, wie wir sie heute im Zusammenhang mit TQM oder dem EFQM-Modell verwenden, wird Qualität erst durch die Bezugnahme auf den übergeordneten Wert des Guten. Im Begriff "Güte" wird dieser Zusammenhang noch unmittelbar einsichtig.

Qualitätsorientierung, die auf "best practices" und "business excellence" abzielt, muss also zunächst eine wie auch immer bestimmte Vorstellung des Guten zugrunde liegen und das heißt letztlich eine normative Orientierung, auf die alle Handlungsweisen und Strategien hingeordnet sind. Die Ausrichtung auf Superlative allein bringt uns nicht weiter, wenn wir keine präzise und adäquate Idee dessen haben, wovon wir diesen Superlativ bilden wollen. Und diese Vorstellung des Guten im Sinne von sachlich angemessen und fachlich richtig, benötigen wir später als Kriterium, um überhaupt etwas als "excellent" bewerten zu können.

Für bestimmte abgegrenzte Gebiete und konkrete Handlungsfelder lassen sich solche Kriterien auch mehr oder weniger leicht definieren. Wo es aber um Qualität in einem ganzheitlichen Sinne gehen soll, wie im Falle von TQM, ist die Aufstellung von Benchmarks für einzelne Teilbereiche nicht ausreichend. Um vor diesem Hintergrund zu bestimmen, was in einem spezifischen managementrelevanten Bereich das Beste ist, muss man zum einen die übergeordneten Zusammenhänge und Wechselwirkungen der verschiedenen Bereiche intern im Blick haben, zum anderen aber auch der o.g. Tatsache Rechung tragen, dass Unternehmen soziale Systeme inmitten anderer soziale Systeme sind und somit nicht in einem ethischen Vakuum, d.h. in einem wertneutralen Raum existieren und operieren.

Folie 12

Der Frage nach dem Besten in diesem oder jenem Bereich hat dann notwendig die Frage vorauszugehen: das Beste im Hinblick worauf? Worin besteht das übergeordnete Ziel, dem unsere Strategien, unsere Aktivitäten, unsere practices, unsere Business Performance insgesamt dienen soll.

Und damit ist man dann bei den o.g. Fragen nach der übergeordneten Wertorientierung, nach den Leitzielen, nach der Vision eines Unternehmens.

In der abendländischen Philosophie gibt es vor allem einen Denker, dessen ganzes Philosophieren um die Frage nach dem Guten kreiste: Platon. Für Platon hatte die Idee des Guten in erster Linie eine formale Bedeutung: die Funktion einer Art Kompass oder Polarstern, an dem sich der Mensch bei all seinem Handeln und Entscheiden immer wieder ausrichten sollte.

Das Spannende an der platonischen Konzeption für unseren Zusammenhang ist dabei, dass Platon darunter sowohl das sachlich Richtige und Angemessene wie auch das moralisch Richtige und menschlich Gebotene verstand. Nach Platon haben alle Dinge einen bestimmten intrinsischen Wert, ihr jeweiliges spezifisches Gutes, das es zur Entfaltung zu bringen gilt. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass man sich mit diesem spezifischen Wert und Wesen von etwas zuvor auseinandergesetzt hat. Ausrichtung an der Idee des Guten versteht Platon folglich in einem mehrdimensionalen Sinn:

zum einen als Ausrichtung an dem Guten, das allen Dingen, allen Wesen – allem voran dem Menschen – immanent ist und das es immer wieder neu aufzuspüren gilt, zum anderen als Orientierung an einem übergeordneten, letzten Ziel menschlicher Existenz, das sein Schüler Aristoteles später durch den erwähnten Begriff des "Worum willen" ausdrückte.

Qualitätsbewusstsein im Sinne Platons würde also folgendes umfassen: Eine Orientierung an dem spezifischen Guten und intrinsischen Wert, das wirtschaftlichem Handeln im allgemeinen, unternehmerischem Tun im besonderen zugrunde liegt und dessen Sinn ausmacht. Dafür entscheidend ist wiederum zweierlei:

  1. Eine Rückbindung dieses Handelns und der unternehmerischen Leitwerte, der Unternehmens-Vision, an das Umwillen menschlicher Existenz, d.h. an letzte Ziele und höchste Werte im o.g. Sinn;
  2. Eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Wesen unternehmerischen Handelns respektive mit den Charakteristika von Unternehmen selbst, allem voran mit der Einsicht, dass sie soziale Systeme sind.

 

6. Business Excellence durch ethische Orientierung

Folie 13

Wenn wir im Zusammenhang mit EFQM von Qualität sprechen meinen wir, das Bestmögliche zur Entfaltung zu bringen. Wenn man dieses Ziel aber nicht nur auf Produkte, Verfahren und Abläufe beschränken will, sondern auf das soziale System Unternehmen als solches und als ganzes ausdehnt, dann muss man die zugrundeliegende Idee des Guten, d.h. die normative Grundlage von Qualität, auch in einem entsprechend umfassenden Sinn begreifen: als das fachlich wie menschlich Richtige und Angemessene. Qualität dieser Ausrichtung bezieht sich also auch auf die moralische Qualität menschlichen Handelns und menschlicher Interaktion, auf die Güte von Kommunikationsprozessen und –strukturen und nicht zuletzt auf den Menschen selbst.

Auch Mensch-Sein ist zunächst nur eine wertneutrale Qualität, mit dem Unterschied, dass deren Träger es selbst in der Hand haben, dessen positiven Wert, nämlich menschliche Güte zur Entfaltung zu bringen.

In eben diesem Potential der Freiheit zur Selbstbestimmung gründet die besagte Würde des Menschen. Ob sich jedoch das einzelne Mitglied der Gattung Mensch dieser seiner Würde als würdig erweist, hängt davon ab, ob er sich an dem ausrichtet, was moralisch gerechtfertigt und wünschenswert ist.

Der Begriff der menschlichen Güte ist heute ziemlich aus der Mode gekommen. Stattdessen benutzen wir neu-deutsche Begriffe wie "wellness" oder "wellbeing". Um Synonyme handelt es sich dabei jedoch keineswegs. Denn Begriffe dieser Art beziehen sich lediglich auf die subjektive Befindlichkeit des einzelnen. Ob dieses individuelle Wohlbefinden dazu beiträgt, dass sich auch die anderen in seiner nächsten Umgebung wohlfühlen wird damit weder thematisiert noch scheint es für die "wellness" des einzelnen irgendwie relevant zu sein.

Die Qualität komplexer sozialer Systeme wie Unternehmen hängt jedoch zu einem entscheidenden Anteil genau davon ab: ob ihre Mitglieder ihr Handeln und Verhalten an jenen moralischen Standards und Werten ausrichten, die für ein menschengerechtes, menschenwürdiges Zusammenleben und damit zugleich für ein reibungsloses, weil konfliktfreies Funktionieren von Abläufen und Prozessen in Organisationen unverzichtbar sind: wechselseitige personale Anerkennung, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Integrität, Solidarität, Hilfsbereitschaft, Vertrauen, Loyalität, um nur einige zu nennen.

Wünschen wir uns manchmal nicht gerade, dass es in Unternehmen weniger menschlich zugeht – menschlich im Sinne von unberechenbar, komplex, allzumenschlich? Solange Unternehmen aber von Menschen getragen werden, müssen wir mit diesem Faktor Mensch wohl oder übel rechnen – und so, wie sich die Dinge gegenwärtig entwickeln, künftig wohl stärker denn je. Ob Change-Management, Wissensmanagement, Aufbau von intellectual capital, interkulturelles Management, Teamarbeit, leadership-Qualitäten – in allen zukunftsrelevanten Managementbereichen hängt der unternehmerische Erfolg von einem gelingenden Zugriff auf spezifisch menschliche Potentiale wie Innovationskraft, Engagement, Kreativität, Eigenständigkeit, Flexibilität, soziale, persönliche Kompetenz und damit von diesem Faktor Mensch ab. Wir müssen also mit ihm adäquat umgehen lernen. Aber das heißt gerade nicht, ihn als eine Ressource mit einem kalkulierbaren Wert wahrzunehmen, den es zu gewinnen gilt. Es heißt gerade nicht, ihn seiner spezifisch menschlichen Dimension und der damit verbundenen Komplexität mit all ihren Nachteilen zu berauben, sondern ihn genau umgekehrt als das wahrzunehmen, anzuerkennen und zu fördern, was er seinem Wesen, der "Sache" nach eigentlich ist: eine Person mit einer unverrechenbaren Würde und potentiellen Güte. Humankapital lässt sich nicht horten oder auf strategisch-unmittelbare Weise gewinnen wie materielle Ressourcen. Spezifisch menschliche Potentiale gilt es immer wieder neu zu erschließen durch einen persongerechten Umgang mit ihren Trägern: den Menschen. Allem voran gehören dazu Maßnahmen, die darauf abzielen, ihm bei der Entfaltung seines Gut-Seins, seiner spezifisch menschlichen Qualität aktiv zu unterstützen.

Ethische Werte gehören genauso wie alle anderen spezifisch menschlichen Potentiale zu jener Art von Ressourcen, die die Logik betriebswirtschaftlich-kalkulatorischer Vernunft sprengen, obwohl sie in unternehmerischen Kontexten durchaus relevant sind. Liebe z.B., von der der Ökonom D. H. Robertson in den 50-iger Jahren schrieb, dass es sich dabei um eine knappe Ressource handele, die man überall dort eliminieren müsse, wo sie irrelevant sei, um sie für den privaten Bereich zu sparen. Offensichtlich hat er nie verstanden, was Liebe ist: ein Gut, dessen Knappheit genau dadurch vergrößert wird, dass man sparsam mit ihr umgeht und deren Knappheit sich dadurch verringert, dass man sie braucht, sprich lebt. Eben dieses Paradox gilt für all jene Werte der 3. und 4. Stufe im Sinne der Schelerschen Wertehierarchie, für alle zwischenmenschlich relevanten Orientierungen. Wer sie auf dem Firmenparkplatz zurücklässt, da sie innen angeblich nicht gebraucht werden, weil dort nur Profit zählt, läuft Gefahr, sie auf dem Heimweg dort zu vergessen, weil ihm zwischenzeitlich die Einsicht in ihre Bedeutung abhanden gekommen ist.

Aufgrund der Eigendynamik sozialer Systeme und des prägenden Einflusses, den ihre spezifischen Wertsysteme auf ihre Mitglieder ausüben, ist somit ein weiterer entscheidende Faktor für Business Excellence:

Ob und inwieweit die Strukturen, die Anreiz- und Sanktionssysteme und die herrschende Kultur innerhalb eines Unternehmens die Entfaltung menschlicher Potentialität zum Guten unterstützen oder ethisch reflektiertes Handeln bestrafen, ob sie dazu beitragen, dass der Ehrliche der Dumme ist.

Qualitätsorientierung, die dem Faktor Mensch Rechnung tragen will, muss auch diesen Aspekt beinhalten. Entscheidend dafür sind klare Aussagen der Unternehmensleitung, die - z.B. in Form von Verhaltensrichtlinien für den Umgang mit konkreten ethisch relevanten Fragen wie Bestechung oder Mobbing - für alle Unternehmensmitglieder verbindlich gemacht werden; vor allem aber: ein klares commitment des Unternehmens in Leitlinien und seiner Firmenphilosophie zu ethischen Grundorientierungen, Werten und Verhaltensstandards, die es dann im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses umzusetzen und lebbar zu machen gilt.

Soll-Ist-Abgleiche in diesem Bereich sind – wie bei allen "soft factors" – der Komplexität ihres Gegenstandes entsprechend schwieriger als in anderen Bereichen.

Weder die Aufstellung von Regeln oder Richtlinien noch die Kontrolle ihrer Einhaltung allein reichen aus, um die moralische Integrität einer Organisation, d.h. gelebte menschliche Güte auf individueller wie institutioneller Ebene zu unterstützen und zu ermutigen. Wo die spezifische Kultur eines Unternehmens insgesamt nicht von entsprechenden Wertestandards getragen und geprägt ist, wo Integrität nicht vorgelebt wird, kann man von Mitarbeitern nicht erwarten, dass sie sich als "moral heroes" aufspielen und moralische Bedenken oder ethische Konfliktpotentiale von sich aus zur Sprache bringen.

Auf dem Weg zur moralisch sensiblen, integeren Organisation, die die Verwirklichung spezifisch menschlicher Qualität und Humanpotentiale ermöglicht, gilt es auch ein entsprechendes Klima, eine Atmosphäre des Vertrauens, der Offenheit, der Transparenz und eine entsprechende Verständigungskultur zu entwickeln.

 

Schluss - Zusammenfassung

Qualitätsorientierung in dem hier angesprochenen umfassenden Sinn hat zwei Aspekte:

1. Sie setzt eine bewusste Ausrichtung an dem voraus, was sowohl fachlich wie menschlich richtig und angemessen ist, d.h. was zugleich moralisch gerechtfertigt, menschlich erstrebens- und wünschenswert ist. Nicht zuletzt gehört dazu eine Besinnung auf das spezifische Gute, d.h. auf das Wesen und auf das Umwillen unternehmerischen Handelns, auf dessen eigentlichen Sinn, nämlich: durch nützliche Produkte und sinnvolle Dienstleistungen selbst Werte zu schaffen, im Dienst des Menschen zu stehen und einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten.

Qualitätsbewusstsein impliziert aber aus meiner Sicht noch etwas anderes - und auch dafür ist ethische Reflexion unverzichtbar:

2. die Sicherung der Grundlagen wirtschaftlichen und unternehmerischen Handelns

  • intern: durch die Erhaltung der Unternehmensvitalität, indem dem Faktor Mensch Rechnung getragen wird;
  • extern: durch Wahrung des sozialen Friedens, indem man den legitimen Ansprüchen aller stake-holder - Gesellschaft, Umwelt, Mitarbeitern, Kunden, Aktionären - gleichermaßen Rechnung trägt.

Wo einer dieser beiden grundlegenden Aspekte aus dem Blick gerät, wo die übergeordnete Orientierung nicht mehr stimmt oder sich ein System soweit verselbständigt, dass es sich seine eigenen Existenzgrundlagen zu entziehen droht, wird alles andere, wird alle Ausrichtung auf Superlative, aber auch alle Präzision und Kontrolle im Detail genauso überflüssig und absurd wie das Verhalten des Autofahrers in dem eingangs genannten Beispiel.

Unter postindustriellen, globalen Bedingungen ist das ehemals Selbstverständliche wie eben diese unternehmerische Grundausrichtung, wie bestimmte ethische Standards, wie eine allgemeinverbindliche ordnungspolitische Rahmenordnung nicht mehr selbstverständlich. Folglich gilt es die entsprechenden Werte und Orientierungen proaktiv in Akten freiwilliger Selbstverpflichtung zum festen Bestandteil des unternehmerischen Leitbilds zu machen, das dann als Kompass auf dem Weg durch die verschiedenen Managementprozesse fungieren kann. Ein Kompass nützt jedoch nur dann etwas, wenn man ihn auch benutzt oder soweit verinnerlicht hat, dass man nicht mehr anders kann, als das eigene Handeln auch tatsächlich danach auszurichten.

Wo man Fehlorientierungen zwar wahrnimmt, aber nicht adäquat darauf reagiert, wächst sich Absurdität zur echten Gefahr für alle Beteiligten aus. Kompensatorischer Aktivismus kann auch mit Totalschaden enden. Mut zur Umkehr, Mut zum Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit ist das einzige, was eben diese spezifisch menschliche Fehlbarkeit wahrhaft kompensieren kann und den Menschen sich seiner selbst als würdig erweisen lässt. Das gilt für den privaten Bereich genauso wie für Business-Kontexte.

Wir sprechen heute viel von Leadership-Qualitäten. Für mich gehört die Fähigkeit, Fehlorientierungen rechtzeitig zu erkennen, sie sich und anderen einzugestehen, um gemeinsam über die richtigen Konsequenzen nachdenken zu können, zu den Schlüsselqualifikationen verantwortungsbewusster Führungskräfte und damit zu den Grundvoraussetzungen von Business Excellence im eigentlichen Sinn.

Jedes Modell oder Instrument von Qualitätsmanagement, aber ganz besonders ein Modell, das auf Business Excellence und best practices abzielt, muss sich m.E. daran messen lassen, ob ihm eine Qualitätsvorstellung in dem hier dargestellten umfassenden Sinn zugrunde liegt und ob es zu deren Verwirklichung auch tatsächlich beiträgt, ob es – allem voran – dem Kriterium der Bewahrung bzw. Optimierung menschlicher Lebensqualität genügt.

Wie es sich in dieser Hinsicht mit dem EFQM-Modell in seiner aktuellen Form verhält, sollten Sie selbst entscheiden. Sie sind die Experten dafür. Ich wollte Ihnen an dieser Stelle lediglich ein paar zusätzliche Perspektiven vermitteln und damit vielleicht auch den Anstoß geben, bei seiner Implementierung über etwaige firmenspezifische oder grundsätzliche Modifikationen nachzudenken.

Vielen Dank!


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